Zulassung zum Medizinstudium – Wer durchschlägt endlich den gordischen Knoten?

Von Rainer Hoppe | 15. Februar 2019

Neuigkeiten gibt es für künftige Medizinstudierende gegenwärtig zuhauf – gute und weniger gute. Beginnen wir mit den guten. Die Universitäten Augsburg und Bayreuth,  beide bisher „medizinlos“, werden ab dem Wintersemester 2019/20 auch Studienplätze für Humanmedizin anbieten. Die Bayreuther Studienanfänger müssen allerdings die ersten vier Semester in Erlangen absolvieren. Erst nach dem Physikum geht es dann mit dem klinischen Studienabschnitt in Bayreuth weiter. Die niedersächsische Landesregierung hat die Zahl der Studienplätze für Medizin an der Uni Oldenburg verdoppelt. Hier dürfen nun 80 statt wie bisher 40 Studierende ihr Studium beginnen. Rheinland-Pfalz will insgesamt 400 neue Studienplätze für Medizin schaffen, was immerhin 65 neue Studienplätze pro Jahr bedeuten würde. Nordrhein-Westfalen baut die Universität Bielefeld für Medizin aus. 2021 soll es losgehen. Die private Universität Witten-Herdecke, die für das Studium Studiengebühren erhebt, verdoppelt bereits in diesem Jahr dank eines großzügigen Zuschusses der nordrhein-westfälischen Landesregierung die Zahl der Medizinstudienplätze. Informationen über Aktivitäten für neue Studienangebote gibt es auch von anderen Universitäten, die in den meisten Fällen, wie zum Beispiel in Osnabrück und Braunschweig, in irgendeiner Form Kooperationen mit bereits etablierten Hochschulen eingehen wollen.

Damit zur zweiten guten Nachricht. Nachdem das Bundesverfassungsgericht Ende des Jahres 2017 in einem vielbeachteten Urteil die über viele Jahrzehnte geübte Zulassungspraxis zum Medizinstudium als nicht verfassungskonform rügte, hat die Kultusministerkonferenz (KMK) am 6. Dezember des vergangenen Jahres das Zulassungsverfahren neu gefasst und bis zur abschließenden Ratifizierung eines neuen Staatsvertrages eine Übergangsregelung beschlossen. Zwar lässt sich in diesem Beschluss eine wirkliche Problemlösung noch immer nicht erkennen und sind es kaum mehr als kosmetische Änderungen, zu der sich die KMK durchzuringen vermochte. Gleichwohl gelang es nicht mehr, den Unmut unter Bewerbern wie Hochschulen einfach vom Tisch zu wischen. Und wie lange sich die KMK weiter gegen die neue Zeit stemmen und die aktuellen Entwicklungen ignorieren kann, wird spannend zu beobachten sein. Ein mutiger Schritt nach vorne wäre freilich besser als die in der Politik übliche Schadensbegrenzung. Die Details werden wir in diesem Bericht vorstellen und erläutern.

Die Suche nach dem guten Arzt

Der Studiendekan Medizin, Professor Dr. Jürgen Westermann, leitet die Auswahlkommission für das Medizinstudium der Universität Lübeck (Foto: privat)

Noch eine gute Nachricht für Medizininteressierte. Einige Universitäten sind der KMK in Sachen Studienzulassung inzwischen weit voraus. Bestes Beispiel hierfür ist die Universität Lübeck, ein Leuchtturm für die Verantwortlichen der KMK. Bei einem Besuch vor Ort haben mir Josefin Wagner, zuständig für Qualitätsentwicklung im Medizinstudium, und Professor  Dr. Jürgen Westermann, Studiendekan Medizin sowie Leiter der Auswahlkommission für das Medizinstudium, das Auswahlverfahren ihrer Hochschule vorgestellt. Der Studienbeginn ist nur zum Wintersemester möglich.190 Studienanfänger lässt die Universität jedes Jahr zu. Die Zahl aller Medizinstudierenden beträgt 1.500. Das Profil der Universität Lübeck ist freilich ein besonderes. Sie zählt nur knapp 4.000 Studierende. Nahezu alle Studiengänge zeichnen sich durch eine Verbindung zur Medizin aus. Seien es die ergänzenden Studiengänge für Fachkräfte in der Pflege, für Ergotherapeuten, Hebammen, Logopäden und Physiotherapeuten, seien es die grundständigen Studienangebote Medizinische Informatik,  Mathematik in Medizin und Lebenswissenschaften, die Medizinische Ernährungswissenschaft, Molecular Life Science, Medizinische Ingenieurwissenschaft oder die klinisch orientierte Psychologie.

Xenia F. (Anmerkung: Name auf Wunsch der Gesprächspartnerin durch die Redaktion geändert), eine Studentin aus dem vorklinischen Studienabschnitt, lobt diese enge Verzahnung. „Schon vom ersten Semester an präppen (Anm. d. A: praktisches Arbeiten im Präparationskurs) die Physiotherapeuten zusammen mit den Medizinstudenten“, berichtet Xenia F. Im 2. Semester kommen dann die Studierenden der Hebammenwissenschaften dazu und wir lernen zusammen alles über die inneren Organe. Ob diese frühe Zusammenführung … später eine Zusammenarbeit im Arbeitsalltag stärken wird, wird sich erst noch zeigen, aber den Gedanken dahinter finde ich lobenswert.“ Die Universität Lübeck ist übersichtlich, wirkt im Zentrum gewachsen und sehr strukturiert. Es ist einfach, sich auf dem Campus zurechtzufinden. Das zentral gelegene und nur dreigeschossige Universitätsklinikum erinnert nicht an eine Medizinfabrik wie viele Universitätskliniken andernorts.

Xenia F. betont: „Ich empfinde die Lübecker Universität nicht als Lernfabrik, sondern ganz umfassend als Mittelpunkt meines gegenwärtigen sozialen Lebens.“ Ebenso durchdacht und transparent ist das AdH-Verfahren, über das die Lü-becker 120 Studienanfänger auswählen. Dafür müssen die Bewerber Lübeck als 1. Ortspräferenz angeben. Insgesamt werden für die Auswahlgespräche 240 Bewerber ausgewählt. Hierfür vergibt die Uni Lübeck zahlreiche Boni: Wer zur besseren Hälfte der TMS-Teilnehmer gehört (ab 51 %), bekommt einen Abzug von 0,4 auf den Abiturnotendurchschnitt. Ebenfalls einen Abzug von 0,4 auf die Abi-Note gibt es für eine abgeschlossene einschlägige Berufsausbildung. Weitere Boni in der Höhe von maximal 0,2 gibt es für ein abgeleistetes Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen anderen Freiwilligendienst sowie für erfolgreiche Teilnahmen an Schülerwettbewerben wie etwa der Chemieolympiade, genauso aber auch für die Sieger von Schülermusikwettbewerben. Diese Boni können bis zu einer Höchstgrenze von 1,0 kumuliert und von der Abi-Note abgezogen werden.

In Lübeck werden die Bewerber ernst genommen

So sieht es während der Facharztausbildung nicht nur in der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf aus (Foto: Wikimedia/UKE)

Entsprechend der Ergebnisse werden die Bewerber in eine Rangliste gebracht. Anschließend werden die 240 besten Bewerber zu Auswahlgesprächen eingeladen. Es wird deutlich, dass der Abiturnotendurchschnitt auch für die AdH-Quote in Lübeck eine zentrale Bedeutung besitzt. Je besser die Abi-Note, umso wahrscheinlicher eine Einladung zum Auswahlgespräch. Ohne Bonuspunkte wären im Wintersemester 2018/2019 nicht einmal alle Bewerber mit einer Abi-Note von 1,0 zum Auswahlgespräch eingeladen worden. Aufgrund der Bonusregelung und der damit verbundenen Möglichkeiten zur „Verbesserung“ des Abiturnotendurchschnitts in der AdH-Quote besaß der 240. zum Auswahlgespräch eingeladene Bewerber aber einen tatsächlichen Abiturnotendurchschnitt von 1,9. Es lohnt also, noch einmal einen Blick auf die oben vorgestellten Gelegenheiten zum Lifting der Abi-Note zu werfen und sie entsprechend zu nutzen.

Das Besondere an Lübeck sind freilich die Auswahlgespräche. Seit 2012 bietet sie die Universität Lübeck an. Stolz weisen Josefin Wagner und Professor Dr. Westermann darauf hin, dass seitdem noch kein einziger abgelehnter Bewerber gegen den Bescheid der Universität Lübeck geklagt hat. Der Grund? Die Lübecker nehmen die Bewerber ernst, sie führen die Gespräche in einer respektvollen, freundlichen und harmonischen Atmosphäre. Sie lassen die Bewerber wissen, was auf sie zukommt und was man von ihnen erwartet. Sie werden nicht überrascht, sie müssen keine Schauspieler „behandeln“ und sie brauchen keinen künstlich inszenierten Stress zu fürchten. Aus meiner täglichen Arbeit als akademischer Berufsberater kann ich bestätigen, dass Bewerber von den Auswahlgesprächen in Lübeck oft geradezu euphorisch berichten, selbst dann noch, wenn sie am Ende keinen Studienplatz bekommen haben. Ähnliches höre ich von der Universität in Greifswald. Über die Auswahlgespräche anderer Hochschulen wird vielfach weit weniger Positives berichtet.

Sein Ziel erklären können

Worüber wird in diesen 30-minütigen Gesprächen gesprochen? Als erstes sollen sich die Bewerber mit ihrem Lebenslauf vorstellen. Eindeutig im Vorteil sind diejenigen, die wissen, welche Unterschiede es zwischen einem geschriebenen tabellarischen und einem erzählten, gleichzeitig erklärenden Lebenslauf gibt! Auf ein Motivationsschreiben verzichtet man in Lübeck. Immerhin weiß man in der Hansestadt, dass es hierfür nicht nur zahllose Beispiele im Internet gibt, sondern dass auch professionelle Schreiber damit ihr Geld verdienen. Zentraler Punkt, um den sich in den Auswahlgesprächen fast alles dreht, ist die Motivation. Warum dieses Studium? Warum dieser Studienort? Und warum anschließend gerade in den Arztberuf? Hierauf sollte jeder Bewerber ausführlich Auskunft geben können. Dass dazu auch die Ehrlichkeit gehört zu erklären, dass man sich in Lübeck die größten Chancen auf einen Studienplatz errechnet hat, schadet nicht.

Ebenso wenig schmälern Praxiserfahrungen den Erfolg. Ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus beispielsweise bringt also nicht nur einen Bonus für die Einladung zum Auswahlgespräch, sondern auch genügend Gesprächsstoff für selbiges. Zumindest sollte man aber ein Krankenhaus und dessen Arbeitsprozesse durch ein Praktikum kennengelernt haben. Je länger, umso besser. Auch Auslandserfahrungen, überhaupt Erfahrungen außerhalb der Schule, besonders in sozialen Projekten, werden gerne gesehen. Was indessen nicht abgefragt und nicht zum Gegenstand des Auswahlgespräches gemacht wird, ist Schulwissen. Das setzen die Mitglieder der Prüfungskommissionen bei einem Einser-Abitur voraus. Für ebenso unwichtig erachten sie Anpassungsfähigkeit und Karriereorientierung. Im Gegenteil. Die Lübecker suchen Bewerber, die bewusst ihren Weg gehen, sich durch Probleme nicht vom Ziel abbringen lassen und Ausgleich in anderen Aktivitäten finden.

Erfolg rechtfertigt hohen Aufwand

Josefin Wagner ist die Qualitätsbeauftragte für das Medizinstudium an der Universität Lübeck (Foto: privat)

Damit die richtige Auswahl gelingt, betreibt die Universität Lübeck einen hohen Aufwand. Meine Gesprächspartner beziffern den Arbeitseinsatz auf jährlich 1.700 Stunden. Das entspricht dem Arbeitsvolumen einer ganzen Jahresarbeitskraft. Die Gespräche finden, zumeist im August, an zwei aufeinander folgenden Tagen statt. An jedem der beiden Tage stellen sich 120 Bewerber 12 Auswahlkommissionen vor, von denen also jede zehn Gespräche pro Tag führt. Die Kommissionen sind mit je drei Bewertern besetzt, zwei Professoren und einem Studierenden. Die Studierenden gehören den Kommissionen jeweils nur einen Tag an. Am anderen Tag betreuen sie die Bewerber, nehmen sie in Empfang, führen sie durch die Uni, erläutern den Ablauf und helfen, wo Hilfe benötigt wird. Um bei zwölf Kommissionen gleiche Standards sicherzustellen, werden alle Bewerter jedes Jahr vor den Gesprächen ausführlich geschult. Nicht nur Bewertungsfragen, auch Rhetorik, z.B. das Vermeiden geschlossener Fragen, gehört hier zum Schulungsprogramm.

Ebenso streng sind die Anforderungen an die Professoren der Prüfungskommissionen. Gleich im Anschluss an die Gespräche müssen sie die Bewerber nach vorgegebenen Standards bewerten. Nach Abschluss der zehn Gespräche eines Tages muss jede Kommission zusätzlich eine Rangliste über die an dem Tag erlebten Bewerber abgeben. Einzelbewertungen und Stand auf der Rangliste werden anschließend abgeglichen. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Das ist Stress – nicht für die Bewerber, sondern für die Bewerter! Dennoch hat die Universität Lübeck keine Not, genügend Bewerter zu finden. Obwohl es dafür kein Geld und keine anderweitigen Vergünstigungen gibt, bewerben sich mehr Professoren und Studierende um eine Aufnahme in die Kommissionen, als benötigt werden. Dass sie mit ihren Voten in den allermeisten Fällen richtig liegen, macht ein Blick auf die Abbrecherquoten deutlich. Sie liegen in Lübeck weit unter Bundesdurchschnitt! Xenia F. führt dies vor allem auch auf die intensive und individuelle Betreuung durch alle Professoren zurück. „Die Uni Lübeck“, so ihre Erfahrung, „reagiert sehr flexibel. Kritik wird aufgenommen und Verbesserungsvorschläge werden schnell umgesetzt.“

Scheinlösung fürs Weiter-wie-bisher

Die Gründe für so viel Erfolg liegen wohl ein Stück weit auch in der Geschichte der ehemaligen Medizinischen Hochschule selbst begründet. 1964 als 2. Medizinische Fakultät der Universität Kiel gegründet, seit 1973 eigenständige Medizinische Hochschule, seit 1985 Medizinische Universität, ab 2002 dann Universität, sollte sie nach dem Willen der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung allerdings 2010 geschlossen und wieder der Universität Kiel zugeschlagen werden. Neben den Professoren kämpfte vor allem auch die Studentenschaft geschlossen für den Erhalt der Eigenständigkeit ihrer Universität. Nach nur fünf Monaten, nach großem Engagement der Stadt Lübeck sowie einer Intervention der Bundesregierung zugunsten der Universität Lübeck, zog die Landesregierung ihren Plan zurück. Die Medizin in Lübeck war gerettet. Seitdem gibt es dort ein Wir-Gefühl, eine Identifikation mit der Hochschule, ein Miteinander der Hochschulangehörigen, eine Wertschätzung der Studierenden, wie ich es von kaum einer anderen deutschen Universität kenne.

Lübeck 2010 – Protestbanner der Studenten am Holstentor (Foto: Wikimedia/Kresspahl)

Damit zurück zur bundesweiten Zulassungssituation in der Medizin und dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 6. Dezember letzten Jahres. Der gleicht eher einem Trippelschritt als einem mutigen Sprung nach vorne. Das einzige Erwähnenswerte und durch das Urteil des Bundesverfassungsgericht bereits vorgegeben ist die Abschaffung der Wartezeit. Und auch die eingangs erwähnten Erhöhungen von Studienplätzen an einigen Hochschulen in homöopathischer Dosierung dürften den immer gravierender werdenden Ärztemangel nicht wirklich beheben, schon gar nicht kurzfristig. Daran wird auch die sogenannte Landarztquote wenig ändern. Schließlich ist sie keine zusätzliche Quote on top, sondern speist sich aus dem bestehenden Volumen. Nordrhein-Westfalen (7,6 % der Studienplätze) und Bayern (5 %) werden ab dem kommenden Wintersemester über diese Quote Studienplätze vergeben. In Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein wird die Quote positiv bewertet, ist aber noch nicht beschlossen worden. Andere Bundesländer halten sich bislang bedeckt.

Kein Rezept gegen Ärztemangel

Wie die zukünftigen Landärzte ausgewählt werden sollen, wurde bisher nicht kommuniziert. Diese Verfahren bis zum Wintersemester 2019/2020 rechtskonform zu machen, das heißt vor allem gegen mögliche Klagen von nicht zugelassenen Bewerbern gerichtsfest auszuformulieren, wird ein Kraftakt. Aber selbst wenn es gelingt, kommen frühestens im Jahr 2031 in Nordrhein-Westfalen knapp 150 und in Bayern kaum mehr als 80 Landärzte auf den Markt, die die vielleicht schon heute bestehenden Vakanzen in Grattersdorf, 10 km entfernt von Deggendorf, oder in Velen, nahe Dülmen, füllen können. Vielleicht, denn Bedarf gibt es schon heute mehr als genug. Und ob die über diese Quote zugelassenen Jungmediziner sich in Grattersdorf und Velen oder vielleicht doch lieber wo ganz anders niederlassen werden, wird abzuwarten bleiben. Ob da eine von der Düsseldorfer Landesregierung ins Spiel gebrachte Strafzahlung von 250.000 Euro bei Nichteinhaltung wirkmächtig genug ist? Der einzig positive Aspekt scheint mir die Tatsache, dass hiermit ein weiterer Weg zur Studienzulassung angeboten wird, der nicht den Notendurchschnitt im Abitur ins Zentrum der Auswahl stellt.

Und es fehlen Ärzte ja nicht nur auf dem Land. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer und ehemaliger Vorsitzender des Marburger Bundes, hat pünktlich zu Weihnachten 2018 den Mangel an Krankenhausärzten beklagt. 5.000 Ärztestellen in den Krankenhäusern seien momentan vakant. Montgomery beklagt den ungeheuren Stress für die dort angestellten Ärzte, sieht deutliche Parallelen zum Pflegenotstand und konstatiert hier wie da eine sehr hohe Burnout-Quote. Als einzige Möglichkeit zur Verbesserung in Pflege und in der ärztlichen Versorgung in Krankenhäusern fordert er eine gesetzlich verankerte Ärzte-/Pflege-/Patienten-Quote, die eine Mindestversorgung jedes Patienten und dem Krankenhauspersonal die eigene Gesundheit sichern helfen kann. Mit der Verabschiedung des Pflegestärkungsgesetzes hat der Bundesgesundheitsminister einen ersten Schritt getan.

Viele offene Fragen

Leistungsangebot einer Hausarztpraxis  (Foto: Wikimedia/Mehrlauge)

Was die ärztliche Versorgung anlangt, ist Entsprechendes allerdings noch nicht in Sicht. Seit Jahrzehnten hat jede Bundesregierung bewusst oder ohne es zu merken auf diesen Mangel an Studienplätzen und damit auch in der ärztlichen Versorgung, hingesteuert. Die Lücken werden beständig größer und die Karre steckt mittlerweile völlig im Dreck. Die zögerlichen Veränderungen wirken freilich wie Versuche, die Karre mit Nähgarn als Abschleppseil aus dem Dreck zu ziehen. Seriöse Schätzungen gehen schließlich von einem jährlichen Mehrbedarf von 2.000 zusätzlichen Medizinstudienplätzen aus. Der Beschluss der KMK entpuppt sich da allenfalls als Placebo, aber nicht als eine wirkliche Problemlösung. Zukünftig werden 30 % (bisher: 20 %) der Studienplätze an die sogenannten Abitur-Besten, also die Bewerber mit den besten Abiturnoten, vergeben.

Über 60 % der Studienplätze entscheiden  weiterhin die Hochschulen (AdH-Quote). Hier dürfen die Universitäten Kriterien benennen, für die Bewerber, die diese Kriterien erfüllen, Boni, das heißt Abzüge vom Abi-Schnitt, erhalten. Die Abiturnote muss allerdings das wichtigste Kriterium bei der Auswahl bleiben. Neu eingeführt wird die „Zusätzliche Eignungsquote“, über die 10 % der Studienplätze von Zensuren unabhängig vergeben werden sollen. Über einen Zeitraum von zwei Jahren (2020 und 2021) wird auch Wartezeit, unabhängig davon, wie diese verbracht wurde (nur Studienzeiten werden nicht als Wartezeit angerechnet), bei dieser Quote berücksichtigt. Wie? Keine Ahnung. Ein Zulassungsmodell wurde noch nicht veröffentlicht. Zukünftig, ohne eine Berücksichtigung von Wartezeiten, sollen hier die Motivation, Empathie, Fleiß, bewiesen etwa durch medizinnahe Vorausbildungen, über die Zulassung entscheiden.

Entschlossenes Handeln nicht in Sicht

Aber nicht nur hieran zeigt sich, dass der Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. Dezember wenig mehr ist als eine Willenserklärung. Um Rechtskraft in Form eines neuen Staatsvertrages zu erlangen, muss er zunächst in den 16 Länderparlamenten, dann in der Finanzministerkonferenz und abschließend in der Ministerpräsidentenkonferenz bestätigt werden. Und das kann dauern, zumal mehrere Landtagswahlen in diesem Jahr ländereigene Interessen für den Moment als wichtiger erscheinen lassen dürften. Doch die KMK gibt sich wie gewohnt zuversichtlich. Die angekündigte und schon veröffentlichte Übergangsregelung, geplant für die Jahre 2020 und 2021, soll nach Möglichkeit schon zum Sommersemester 2020 durch die Neuregelungen des zukünftigen Staatsvertrages ersetzt werden. Das scheint mit Blick auf das dafür vorgeschriebene Verfahren allerdings eine sehr mutige Prognose! Und bis dahin? Dürfen die Hochschulen eigene Auswahlverfahren durchführen, wenn sie der Stiftung Hochschulstart bis zum Ende der Bewerbungsfrist am 15. Juli die Ergebnisse ihrer Verfahren mitteilen können. Ob das gelingt?

Und es stellen sich weitere Fragen. Wie viele Bewerber mit oft langen Wartezeiten, die bis 2021 in der neuen Quote nicht berücksichtigt wurden, werden sich für eine Klage entscheiden? Gelingt es, die unterschiedlichen Benotungen im Abitur in den einzelnen Bundesländern soweit anzugleichen, dass die vom Bundesverfassungsgericht geforderte länderübergreifende Vergleichbarkeit sichergestellt ist? Wie wird sich angesichts eines solchen Zulassungschaos die Zahl der Studienplatzbewerber für Medizin entwickeln? In Lübeck denkt man noch ganz Anderes. Im letzten Herbst forderte die Professorin und Herzchirurgin Claudia Schmidtke laut einem Spiegel-Bericht vom 10. Oktober: „Wir brauchen eine Männerquote für Medizinstudenten.“ Schmidtke ist seit vielen Jahren Bewerterin in den Auswahlkommissionen zur Studienzulassung, darüber hinaus CDU-Bundestagsabgeordnete.

An die Zukunft denken

Gewiss, das passt nicht unbedingt in den Zeitgeist und wird wahrscheinlich einigen Gender-Studierenden nicht gut gefallen. Aber ist das wirklich so abwegig? Die Lübecker Professorin stellt zu Recht fest, dass bei den Abiturprüfungen Frauen im Durchschnitt deutlich besser abschneiden als Männer und damit größere Chancen in den bestehenden Auswahlverfahren für Medizin haben. Im Übrigen ist der Arztberuf für Frauen auch deswegen so attraktiv, weil sie sich hier deutlich bessere Chancen für eine Teilzeitbeschäftigung und/oder für eine Rückkehr in den Beruf nach einer Beschäftigungspause versprechen. Das aber führt zu einem noch größeren Ärztebedarf. Meine Erfahrungen bestätigen das Szenario. Im Januar 2019 habe ich eine TMS-Simulation in Vechta durchgeführt. Von 32 angemeldeten Teilnehmern waren acht Männer und 24 Frauen. Ist die Forderung nach einer Männerquote da wirklich so abwegig? Man sollte ihn zumindest denken dürfen.

 


Weiterführende Informationen

Beschluss der KMK vom 06.12.2018: https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/studienplatzvergabe-im-zentralen-vergabeverfahren-kultusministerkonferenz-verabschiedet-entwurf-des.html

Zulassungsverfahren an der Universität Lübeck: https://www.uni-luebeck.de/studium/studiengaenge/humanmedizin/bewerben/auswahlverfahren-adh.html

 

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