Walther Ch. Zimmerli – Wie Begegnungen einen Lebensweg prägen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2020

Im Gespräch – So kennt man Walther Ch. Zimmerli (Foto: BTU)

Der geborene Schweizer und, wie er selbst sagt, gelernte Deutsche Walther Ch. Zimmerli ist Philosoph. Er lehrte als Professor an zahlreichen in- und ausländischen Universitäten. Den ersten Ruf auf eine Professur erhält er bereits im jugendlichen Alter von 32 Jahren. Er gilt schnell als einer, der etwas zu sagen hat. Zum Lautsprecher, der mit flotten, aber ebenso platten wie seichten Sprüchen von einer Talkshow zur nächsten tingelt, wird er freilich nicht. Zwar kennt er die Spielregeln medialer Kommunikation und weiß sie zu nutzen. Allerdings nicht zum Preis intellektueller Selbstbeschränkung. Er ist überzeugt, es nicht trotzdem, sondern gerade deswegen bis in den obersten Führungszirkel eines der weltgrößten Automobilbauer geschafft zu haben, zum Präsidenten zunächst der privaten Universität Witten/Herdecke, später der Technischen Universität Cottbus gewählt sowie in viele Kommissionen, Ausschüsse und Beratungsgremien berufen worden zu sein.

Mit seinem Anspruch an sich selbst und seine Arbeit als Philosoph steht er in der Tradition vieler Großer seines Faches: Herausfinden, wie die Welt funktioniert, um es anschließend den Menschen zu erklären. Wie gut ihm das gelingt, bleibt nicht lange verborgen. Der Kalte Krieg ist noch nicht beendet, als die Reaktorkatastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl unweit der heute zur Ukraine gehörenden Stadt Prypjat weltweit für Angst und Entsetzen sorgt. Von plumpen Schuldzuweisungen abgesehen, verstummen Wissenschaftler und Politiker für kurze Zeit. Ratlos blicken sie auf die Bilder des lichterloh brennenden Reaktorblocks. Wenig später klingelt bei Walther Ch. Zimmerli das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldet sich die Redaktion des „Spiegel“. Ob er einen Essay über das Thema Technik und Sicherheit schreiben wolle. Zimmerli lässt sich seine Überraschung nicht anmerken.

Die Welt entschlüsseln

Walther Ch. Zimmerli füllte stets jeden Hörsaal bis über den letzten Platz hinaus (Foto: BTU)

Zwar hat er zu dieser Zeit bereits ein Buch mit dem Titel „Kernenergie – Wozu?“ herausgegeben. Doch ist er weder Physiker noch Ingenieur, sondern Philosoph. Er weiß freilich um die (Meinungs-)Macht des „Spiegel“ in jenen Tagen, seine Auflage und Reichweite. Hier zu einem solchen Thema einen großen Essay veröffentlichen zu dürfen, kommt deshalb einem medialen Ritterschlag gleich. Den philosophischen hatte er zuvor schon in Gestalt einer handschriftlichen Postkarte des großen Martin Heidegger erhalten, der ihm zu dem Projekt der von ihm gemeinsam mit den Philosophen Helmut Holzhey und Hans Saner herausgegebenen Taschenbuchreihe „Philosophie aktuell“ gratuliert. Sich als Philosoph in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, gehört für Walther Ch. Zimmerli zur angewandten Philosophie wie Blitz und Donner zum Gewitter. „Einmischungen“ wird denn auch ein Buch heißen, in dem er diese Stellungnahmen zusammenfassend veröffentlicht. „Ein Philosoph für alle Fälle“ sei er, titelt später die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Auch bei der Anfrage des „Spiegel“ stellt Zimmerli alle persönlichen Bedenken hintan und quält sich nicht lange mit der Frage, ob die Redaktion ihn eventuell nur als Platzhalter für jemand anderen benutzt, der sich in so einer unübersichtlichen Situation der eigenen Reputation wegen lieber nicht aus der Deckung wagen möchte. Er sieht die Möglichkeiten und entschließt sich, die daraus erwachsende Chance beim Schopfe zu ergreifen. Statt sich in den Untiefen der Details von Technik und Sicherheit zu verlieren, schreibt er einen Essay über den „Ausstieg aus der Ethik“. Das ist sein Thema und das viel spannendere dazu. Die Rechnung geht auf. Der „Spiegel“ druckt den Text. Das Echo ist gewaltig, wenn auch keineswegs nur positiv. Darauf ist er vorbereitet, fällt sein Fazit doch eher kritisch aus.

Logik statt Pathos

Walther Ch. Zimmerli (r.) bei den 6. Bamberger Hegelwochen zusammen mit dem Göttinger Philosophen Günther Patzig (3.v.l.) und der Urenkelin des großen deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Susanne Hegel (Foto: Universitätsarchiv Bamberg, Bestand XIV [TNP 000533-007])

Und er legt nach. Zusammen mit Hansjörg Sinn, dem damaligen Hamburger Wissenschaftssenator und Vorsitzenden des Berufspolitischen Beirats des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), verfasst er, der damals den Bereich “Mensch und Technik” beim VDI leitet, eine halboffizielle VDI-Stellungnahme. Es geht um die Frage, ob die friedliche Nutzung der Kernenergie verantwortbar sei. Sinns und Zimmerlis Fazit: Unter den gegebenen Bedingungen nicht. Denn der Mensch, so Zimmerli, der heute als einer der renommiertesten Vertreter der angewandten Philosophie und Ethik gilt, beherrsche die Kerntechnik und insbesondere die Frage der Entsorgung nicht, jedenfalls nicht sicher genug. Das kommt bei den Befürwortern dieser Technologie in Wirtschaft und Politik erwartungsgemäß weniger gut an. Immerhin wurden viele Milliarden Euro investiert.

Die stehen seit dem Reaktorunfall im Atomkraftwerk Three Mile Island von Harrisburg, zu der sich Zimmerli in den schweizerischen Medien sehr engagiert geäußert hatte, und noch mehr nach der Katastrophe von Tschernobyl im Feuer. Doch seinen wie auf einer Perlenkette aufgereihten Argumenten ist schwer beizukommen. Das müssen auch seine Kritiker anerkennen. Für Logik, das ist die Lehre von der Folgerichtigkeit, interessiert sich bereits der Pennäler Zimmerli während seiner Gymnasialzeit im beschaulichen Göttingen. Soweit es der Stundenplan zulässt, setzt er sich an der Universität in die Vorlesungen des soeben aus Hamburg zurückgekehrten Philosophen Günther Patzig. Dieser zeigt, wie Philosophie angewendet werden kann. Das beeindruckt Walther Ch. Zimmerli und wird berufslebenslang seine Überzeugung bestimmen, dass die aus den USA importierte Unterscheidung von „kontinentaler“ und „analytischer“ Philosophie Unsinn ist.

Über den Dialog zu neuen Erkenntnissen

Walther Ch. Zimmerli hat sich das Kind im Mann bewahrt und ist noch immer für jeden Scherz zu haben (Foto: BTU)

Nach Göttingen kommt Zimmerli 1951. Er wird gerade sechs Jahre alt. Sein Vater, ein bekannter evangelischer Theologe, hatte die ihm von der dortigen Georg-August-Universität angebotene Professur für Altes Testament angenommen. Die Familie tauscht Zürich gegen Göttingen, die vom unmittelbaren Krieg verschonte Schweiz gegen das Deutschland der Nachkriegszeit. Walther Christoph ist jüngstes von sechs Kindern. Die weltbekannte Universitätsstadt ist voller Flüchtlinge, der Wohnraum knapp. Die Zimmerlis teilen sich eine 7-Zimmer-Wohnung zunächst mit einer fünfköpfigen Arztfamilie. Zimmerli erinnert es dennoch als wunderschöne Zeit. Zum Spielen findet sich immer jemand. Und wer alles zu Besuch kam! Die Heisenbergs, die von Weizsäckers (Carl Friedrich), die Iwands, die Käsemanns; und Otto Hahn konnte man auf der Straße begegnen. Es herrscht eine intellektuelle Atmosphäre, wie sie sich nur selten ergibt. Und mittendrin, ganz natürlich und ungezwungen, der kleine Walther Christoph.

Sein Vater, der als überzeugter Antifaschist 1933 seine akademische Karriere in Göttingen unterbricht und ein Pfarramt in der Schweiz übernimmmt, setzt sich nach 1945 tatkräftig für den Wiederaufbau in Deutschland ein und leitet später als Rektor der Universität Göttingen auch die Europäische Rektorenkonferenz. Ihn, dessen Vornamen er trägt, beschreibt Walther Ch. Zimmerli trotz aller Gelehrsamkeit als einen bodenständigen Mann. „Er machte von dem, was er in- und außerhalb der Universität leistete, kein großes Aufheben.“ Von einem Briefwechsel mit dem nachmaligen Bundeskanzler Willy Brandt etwa erhält der Sohn erst Kenntnis bei der Sichtung des väterlichen Nachlasses. Alles in allem hat dieses Umfeld die Wirkung einer „autoritären Schutzimpfung“, wie es Walther Ch. Zimmerli im Rückblick bezeichnet. Anstatt in Ehrfurcht zur Salzsäule zu erstarren, stimulieren ihn große Namen vielmehr zum Dialog auf Augenhöhe, zum sportlichen Wettstreit um das beste Argument und dadurch zu immer neuen Erkenntnissen. Dieses „Training“ zahlt sich aus. Mit 26 Jahren ist er promoviert, mit 33 habilitiert. Das gelingt in der Philosophie nur wenigen.

Annäherung auf leisen Sohlen

Das Fundament seines Erfolges – Walther Ch. Zimmerli lehrte stets argumentativ (Foto: BTU)

Obwohl klug genug, die Schule verkürzen und schon früher abschließen zu können, legt Zimmerli das Abitur zwar als Jüngster seiner Klasse, aber wie alle anderen seiner Mitschüler nach dreizehn Schuljahren ab. „Meine Eltern waren mit Blick auf die soziale Entwicklung ihrer Kinder strikt gegen das Überspringen irgendwelcher Klassen“, bestätigt er im Rückblick die Richtigkeit von deren Entscheidung. Tatsächlich verbinden ihn mit einigen seiner Klassenkameraden bis heute enge freundschaftliche Beziehungen. Allerdings darf er noch vor den Abiturprüfungen für ein halbes Jahr als Student in Special Standing am US-amerikanischen Elitecollege Yale studieren. Wenig später hält er das Zeugnis der Hochschulreife in Händen. Aber nein, Philosophie zu studieren, hat er zu dieser Zeit (noch) nicht vor. Die Schauspielerei reizt ihn viel mehr. Der Einfluss des großen Heinz Hilpert ist überaus wirkmächtig. Hilpert hatte das neben seinem Gymnasium gelegene Deutsche Theater Göttingen zu einer der ersten Bühnen im deutschsprachigen Raum gemacht. Zimmerli spricht bei Otto Graf an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin vor, die kurz darauf in die Hochschule, heute Universität, der Künste integriert wird, erhält eine aufmunternde Reaktion – und beginnt dann doch nicht.

Der Vater verfügt über ausreichende Lebenserfahrung, seinem Jüngsten den Weg zu Theater und Film nicht rundweg ausreden zu wollen. Doch gibt er ihm die Realität ebenso wie die emotionalen Achterbahnfahrten einer schauspielerischen Karriere zu bedenken. Walther Ch. Zimmerli versteht schnell, dass die Rollen der jugendlichen Liebhaber nur selten mit ergrauten Sechzigjährigen besetzt werden. Vor diesem Hintergrund und auf Anraten des Vaters schreibt er sich erst einmal an der Universität Göttingen in Germanistik, Philosophie und Anglistik ein. Denn damit könnte man ja alternativ immer noch in die Dramaturgie wechseln. So der Kompromiss zwischen dem älteren und dem jüngeren Walther. Die geheimen Wünsche des Vaters erfüllen sich. Sein Sohn findet, nicht zuletzt durch die Begegnung mit dem Germanisten Peter Szondi, Gefallen an diesen Fächern. Die „Bretter, die die Welt bedeuten“, verlieren peu à peu an Anziehungskraft. „Es war wie bei einer Kinderkrankheit“, erzählt Walther Ch. Zimmerli, „irgendwann ist sie verschwunden, ohne dass man groß darüber nachdenkt. Aber sie hinterlässt einen gewissen Grad an Immunität.“ Im Übrigen haben Mimen und Philosophen eines gemeinsam. Die einen wie die anderen wollen beim Gegenüber eine Reaktion auslösen.

Mit dem Blick eines Grenzgängers

Der berühmte Philosoph Robert Spaemann trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Bamberg ein – Walter Ch. Zimmerli (l.) (Foto: Universitätsarchiv Bamberg, Bestand XIV [TNN 000419-006])

Nach der Grundausbildung („Rekrutenschule“) im Schweizer Militär und zwei Semestern Studium wechselt Zimmerli von der Uni in Göttingen an die Uni in Zürich. Hier herrscht in der Germanistik ein eher hierarchisches Klima. „In Göttingen testierten Professoren wie Walther Killy und Albrecht Schöne noch selbst und gaben uns persönliche Ratschläge mit auf den Weg“, formuliert er den Unterschied. In Zürich dagegen erledigen das die Assistenten mit dem Unterschriftenstempel des Ordinarius wort- und grußlos. Mit ungläubigem Staunen beobachtet Zimmerli die kindliche Ehrfurcht, mit der die Kommilitonen dem Star der Zürcher Germanistik, Emil Staiger, huldigen. Dessen berühmte mittwöchliche 11-Uhr-Vorlesung avanciert zur „Mittwochsmesse“. Aber nur ein Jahr später beginnt der Thron des unnahbaren Staiger im Züricher Literaturstreit mit Max Frisch, dem Zimmerli im bekannten Zürcher Kaffeehaus Odeon persönlich begegnet, zu wanken.

Walther Ch. Zimmerli hatte seine Prioritäten freilich schon zuvor verändert. Er machte die Philosophie zu seinem Hauptfach. Die Germanistik und Anglistik rücken ins zweite Glied. Allerdings betrachtet Zimmerli es noch heute als Privileg, dass er als Student nicht nur bei den als Gastprofessoren in Zürich lehrenden deutschen Emeriti Karl Löwith und Helmut Plessner hören , sondern auch als Assistent des Philosophiehistorikers Rudolf Meyer mit dem besagten Emil Staiger ein Seminar zu Schelling leiten durfte. In der Philosophie wird zunächst Hegel zu seinem „Säulenheiligen“, wie er es mit einem schelmischen Lächeln formuliert. Bis heute fasziniert ihn dessen philosophischer Denkansatz, die Wirklichkeit zusammenhängend, systematisch und definitiv aus der Erfahrung des Bewusstseins zu erklären. Und vielleicht ist es auch diese Art zu denken, die ihm die Verständigung mit Ingenieuren und Naturwissenschaftlern von Anbeginn an leicht macht. Vielleicht ist es allerdings auch die von ihm genutzte Nähe zwischen Universität und Eidgenössischer Technischer Universität (ETH) in Zürich. So verwundert es auch nur bei oberflächlicher Betrachtung, dass ihn seine erste Berufung, die noch vor Abschluss seines Habilitationsverfahrens erfolgt, an eine Technische Universität, die TU Braunschweig, führt.

Auf dem Boden der Realität(en)

1. Bamberger Hegelwochen: Walther Ch. Zimmerli (m.) diskutiert mit den Professoren Ulrich Beck (l.) und Hans Jonas (r.) (Foto: Universitätsarchiv Bamberg, Bestand XIV [TNN 000155-002])

Die Ordinarien aus den klassischen Ingenieurdisziplinen wie dem Maschinenbau, der Elektrotechnik und dem Bauingenieurwesen empfinden ihn, den Philosophen, nicht als Außenseiter oder gar bunten Exoten, sondern als seriöse gewinnbringende Ergänzung ihrer eigenen Disziplin. Die Folgen der Technik abzuschätzen, wird in  dieser Zeit zu einem seiner wichtigsten Themen. Studierende aller Fachrichtungen besuchen seine Vorlesungen und sind des Lobes voll. Als Walther Ch. Zimmerli 1988 nach Bayern wechselt, verabschieden sie ihn mit einem Fackelzug. So viel Ehre wird Hochschullehrern eher selten zuteil. Aus der Braunschweiger Zeit resultiert auch seine ungezwungene Art, mit den Vertretern der Wirtschaft umzugehen: Karl-Heinz Briam und Carl Hahn gehören ebenso zu seinen Gesprächspartnern wie Daniel Gouedevert oder später der langjährige Krupp-Chef Berthold Beitz. Aber auch mit den Größen seines Faches kommt es in dieser Zeit zu nachhaltig wirkenden persönlichen Begegnungen, mit dem Kritischen Rationalisten Karl Popper ebenso wie mit dem Kritischen Theoretiker Jürgen Habermas, mit dem Verantwortungsethiker Hans Jonas oder schließlich mit dem Nestor der deutschen Philosophie Hans-Georg Gadamer. Dieser ernannte Zimmerli, der nie bei ihm studiert hatte, sogar nachträglich zu seinem „Schüler ehrenhalber“.

Die Verantwortung, die Walther Ch. Zimmerli in der Debatte um die Technikfolgen von allen Seiten einfordert, hat er stets auch privat gelebt. Er heiratet mit 21 Jahren seine große Liebe. Mit 22 wird er zum ersten Mal Vater. Vier Kinder wird das Ehepaar Zimmerli groß ziehen. Da gilt es, sich beruflich zu konzentrieren und keine Zeit zu verlieren. Die Studentenbewegung der 68er ist auch in Zürich aktiv. Rudi Dutschke spricht hier, es kommt zu den „Globuskrawallen“ und es wird die „Autonome Republik Bunker“ ausgerufen. Mit den theoretischen Grundlagen der 68er, insbesondere der kritischen Exegese der Werke von Karl Marx, ist Zimmerli als Hegelkenner bestens vertraut. Für zeitaufwendige politische Aktionen aber fehlt ihm nicht allein die Zeit, sondern vor allem auch das Verständnis. Wichtiger noch, die Aufarbeitung faschistischer Elemente im Denken und Handeln vor, während und nach der Herrschaft der Nazis, hat er in zahllosen Göttinger Diskussionen bereits hinter sich. Ohne ideologische Überhöhung beteiligen er und seine Frau sich an der Gründung einer freien Kita.

Veränderungen statt Revolution

Walther Ch. Zimmerli: Philosoph und tech-nikaffin (Foto: BTU)

Zur Promotion wie auch zur anschließenden Habilitation bleibt Zimmerli in Zürich. Die Strukturen des Wissenschaftsbetriebes sieht er nüchtern realistisch. „Ich kenne kaum eine Habilitation, die einen wesentlichen Erkenntnisgewinn geliefert hat“, bringt er seine Meinung in wenigen Worten auf den Punkt. „Obwohl ich mich selber nicht beklagen kann, ist sie die Fortsetzung der Knechtschaft der Doktoranden mit anderen Mitteln.“ Und damit wohl kaum mehr als ein formaler Initiationsritus für die Aufnahme in die Scientific Community. Deren Mechanismen er auch auf anderen Feldern schnell durchschaut. Den Ruf in die niedersächsische Provinz nach Braunschweig nimmt er gerne an. Immerhin erhält er hier die Gelegenheit, sich mit dem Thema Technik, das ihn schon seit längerem interessiert, nun auch hauptberuflich zu befassen. Allerdings weist er es von sich, ein Technikphilosoph zu sein. „Es gibt“, so seine zugespitzte Formulierung, „keine Technikphilosophie. Es gibt nur gute und schlechte Philosophie. Und wenn Hegel mit seiner Bestimmung Recht hat, Philosophie sei es, ihre Zeit in Gedanken zu fassen, dann muss gute Philosophie sich heute auch mit Technik auseinandersetzen.“

Walther Ch. Zimmerli: Mit dem Wissen um Vergangenheit und Gegenwart optimistisch über die Zukunft nachdenken (Foto: TU Braunschweig/Lutz Tantow, Universitätsbibliothek/UABS_J II 9 2)

Außerdem bot ihm in Zürich der kantonale Erziehungsdirektor (Wissenschaftsminister) Alfred Gilgen, mit dem er trotzdem bis zu dessen Tod in Verbindung blieb, lediglich eine Stelle als Oberassistent an, wenn er den Ruf nicht annehme. Und schließlich weiß er um die Gepflogenheiten an deutschen Universitäten. „Wer hierzulande den ersten Ruf auf einen Lehrstuhl ablehnt, erhält in aller Regel nicht so schnell einen zweiten.“ Dagegen auf die Barrikaden zu steigen, verwirft er. Freilich weniger aus Opportunismus als vielmehr pragmatischer Erwägungen wegen. Bestimmte Dinge kann man nur von innen heraus verändern, ist er überzeugt. Und wird später ein engagierter Vorkämpfer für die Juniorprofessur, die eine Berufung ohne Habilitation ermöglicht. Dass diese die Freiheitsgrade der Nachwuchswissenschaftler, wenn überhaupt, nur marginal erweitert, ist seine am Ende gleichwohl ernüchternde Erkenntnis. Nach zehn Jahren verlässt Walther Ch. Zimmerli die Technische Universität Braunschweig und folgt einem Ruf nach Bamberg und Erlangen, obwohl ihm das Land Niedersachsen mit der Aussicht auf ein neu zu gründendes Gauß-Institut für Wissenschaftsforschung ein großzügiges Bleibeangebot macht.

Universitäten zum Gesprächsort machen

1. Philosophischer Meisterkurs in Bamberg: Walther Ch. Zimmerli, der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine, der chilenische Neurobiologe Humberto Maturana und der Rektor der Universität Bamberg Alfred Hierold (v.r.n.l.) (Foto: Universitätsarchiv Bamberg, Bestand XIV [TNP 000532-001])

An zwei Universitäten gleichzeitig berufen zu werden, ist etwas sehr Seltenes. Auch das gründet in einer Begegnung. In diesem Fall mit dem damaligen bayerischen Wissenschaftsminister und Physiker Wolfgang Wild. Zimmerli und Wild lernen sich auf einer Tagung in der Villa Vigoni am Comer See kennen. Wenig später treffen sie sich zufällig auf den Fluren des Ministeriums in München wieder. Der Philosoph hat gerade die Berufungsverhandlungen für seinen Wechsel nach Bamberg geführt. Wild zeigt sich angesichts dieser Nachricht überrascht. Nein doch, man brauche ihn für ein wichtiges Projekt in Erlangen. Im Ergebnis wird Zimmerli mit Teilung des Lehrdeputats an beide Universitäten sowie ins Direktorium eines Instituts des Bundesforschungsministeriums an der Universität Erlangen-Nürnberg berufen, das sich mit der Wissenschaftsentwicklung in den Warschauer Pakt-Staaten, vorwiegend in der DDR, befasst.

In dieser Zeit ruft er die bis heute existierenden renommierten Bamberger Hegelwochen, die Siemens-Gespräche und nicht zuletzt den philosophischen Meisterkurs zum Thema „Zeit“ ins Leben. Er arbeitet mit dem damals in Bamberg lehrenden Soziologen Ulrich Beck und dem dortigen Psychologen Dietrich Dörner zusammen. Viele bedeutende Denker wie der Soziologe Richard Sennett, der physikalische Chemiker und Nobelpreisträger Ilya Prigogine, der Neurophilosoph Humberto Maturana, und immer wieder die bereits erwähnten Philosophen Hans Jonas und Hans-Georg Gadamer folgen seinen Einladungen zu großen Vortragsveranstaltungen und intensiven Gesprächen. Bamberg wird damals zu einem „Princeton an der Regnitz“, wie Zimmerli es programmatisch formuliert. Die geplante Gründung eines Kulturwissenschaftlichen Instituts in Bamberg zerschlägt sich jedoch und so folgt Zimmerli 1996 einem Ruf an die Universität Marburg.

Von der Analyse zur Gestaltung

Walther Ch. Zimmerli (l.) und Herrmann Liebel (r.) bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an den bekannten Philosophen Hans-Georg Gadamer (Foto: Universitätsarchiv Bamberg, Bestand XIV [TNN 000532-021])

Einige seiner Vorgänger auf dem Lehrstuhl in Marburg haben berühmte Namen. Etwa Martin Heidegger, der hier von 1923-1928 lehrte. Einen „unvergesslichen Augenblick“ nennt Zimmerli den Moment, als sich bei seiner Marburger Antrittsvorlesung plötzlich die Tür öffnet und der damals 96-jährige Hans-Georg Gadamer die altehrwürdige Universitätsaula betritt, um sogleich das Wort zu ergreifen und den Neubeginn der Philosophie in Marburg zu proklamieren. Das nimmt Zimmerli sehr ernst: Zwar ist er als international gefragter Gastprofessor in der ganzen Welt unterwegs und interpretiert überall die Rolle eines Hochschullehrers auch in der Forschung sehr modern. Dennoch stehen für ihn die Lehre und die Arbeit mit den Studierenden im Vordergrund. Und beides macht ihm Freude. Für das hohe Ansehen, das er bei den Fachkolleginnen und –kollegen genießt, sprechen zwei  Festschriften, die ihm 2010 und 2015  gewidmet werden.

Vor dem Hauptgebäude der Universität Witten/Herdecke – Walther Ch. Zimmerli (mi.) mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau (r.) (Foto: BTU)

Mit jeder neuen Berufung, mit jedem Jahr Lehrerfahrung mehr wächst freilich auch das Begehren, trotz unzureichender Rahmenbedingungen nicht nur gute Arbeit in Forschung und Lehre abzuliefern, sondern das System mit diesen Erfahrungen selbst an entscheidender Stelle optimieren zu können. Mit der Berufung ins Amt des Präsidenten der privaten Universität Witten/Herdecke, die er übrigens auf Anraten Gadamers annimmt, scheinen sich dieser und ein weiterer Wunsch endlich zu erfüllen. Schließlich darf diese Universität selbst über die Aufnahme ihrer Studienanfänger entscheiden. Während die Professoren staatlicher Hochschulen mit den Studierenden vorlieb nehmen müssen, über deren Aufnahme die Gymnasien durch die Vergabe der Abiturnote entscheiden. Zur Festveranstaltung anlässlich seines Amtsantritts erscheint der damalige Bundespräsident Johannes Rau persönlich. Natürlich weiß Walther Ch. Zimmerli um den neuralgischen Punkt privater Hochschulen, das zumeist fehlende Geld. Mark Wössner, Bertelsmann-Chef und in Witten Vorsitzender des „Direktorium“ genannten Aufsichtsrates, versichert ihm freilich, die Finanzierung für die nächsten fünf Jahre sei gesichert.

Begegnung mit der unternehmerischen Wirklichkeit

Herzliche Begrüßung: Walther Ch. Zimmerli und Michail Gorbatschow (Foto: UWH)

Zimmerli muss allerdings schneller, als ihm lieb ist, lernen, dass von Dritten versprochene Gelder noch lange nicht auf dem Konto gutgeschrieben sind. So kostet ihn das Fundraising viel Zeit, zumal er auf diesem Feld kein Experte ist, wie er freimütig einräumt. Außerdem erfolgt im Vorsitz des Aufsichtsrates ein Wechsel. Mark Wössner wird von August Oetker abgelöst. Der Industrielle aus Bielefeld ist der Auffassung, eine Universität könne eine gute Lehre auch ohne Forschung gewährleisten und die Uni Witten/Herdecke so doch noch einen Weg aus der Kostenfalle finden. Zimmerli, der der Universität Witten/Herdecke gerade Sitz und Stimme in der Hochschulrektorenkonferenz verschafft hat, hält indessen genau diese Verknüpfung für unentbehrlich. Die Meinungsunterschiede werden unüberbrückbar, die Wege trennen sich. „Gleichwohl war es eine äußerst intensive und spannende Zeit“, resümiert Zimmerli. Tatsächlich hat sie ihm neben wertvollen Erfahrungen auch viele Begegnungen, so etwa mit Hilmar Kopper, Josef Ackermann und Rolf –Ernst Breuer von der Deutschen Bank, aber auch mit Helmut Kohl und Michail Gorbatschow, eingebracht, der seiner Einladung nach Witten folgte.

Fast zeitgleich mit dem Ende in Witten erhält Zimmerli eine Anfrage von der Volkswagen AG, im Search Committee bei der Suche nach einem Gründungspräsidenten für die AutoUni,  einer sogenannten Corporate University des Konzerns, mitzuwirken. Der Vorstand lädt ihn nach Wolfsburg zur Konstituierung dieses Committees ein. Doch empfangen wird Zimmerli exklusiv allein vom Vorstandsvorsitzenden und dem Personalvorstand. Bernd Pischetsrieder und Peter Hartz lösen die Situation schnell auf. Das Search Committee sei überflüssig geworden. Man habe sich bereits auf ihn als Gründungspräsidenten geeinigt. „Was gilt es da zu tun?“, fragt Zimmerli ebenso überrascht wie freimütig. Die Antwort seiner beiden Gegenüber ist es ebenso. „Wenn wir das wüssten“, hört er sie sagen, „brauchten wir Sie nicht.“ Zimmerli, weiterhin als Professor in Marburg beurlaubt, unterschreibt. Zunächst für zwei Jahre, aus denen dann doch fünf werden. Der Vertrag gibt ihm viele Freiheiten. Anders als in Witten spielen die Finanzen in Wolfsburg – endlich einmal – keine Rolle. Jedenfalls nicht bei Projekten wie dem der AutoUni.

Bildung neu denken

Walter Ch. Zimmerli (3.v.l.) diskutiert mit Tilman Steiner vom Bayerischen Rundfunk (v.l.n.r.), Prof. Hermann Lübbe, Annegret Stopczyk und Willy Heckel vom Fränkischen Tag zum Thema „Philosophie und Öffentlichkeit“ (Foto: Universitätsarchiv Bamberg (AUB), Bestand XIV [TNN 000240-001])

„Geist braucht Raum und Raum braucht Geld“, gibt ihm der Finanzvorstand für die Planungen eines modernen Gebäudes größte Gestaltungsmöglichkeiten. Allein der erste Bauabschnitt des avantgardistischen Projekts, in dem er dem Architekten Gunter Henn begegnet und eng mit ihm zusammenarbeitet, wird am Ende mehr als 50 Millionen Euro kosten. Zeitgleich gewinnt Zimmerli 25 Universitäten als Kooperationspartner. Es sollen sowohl Bachelor- als auch Masterstudiengänge angeboten werden. Man will Ingenieure und Manager ausbilden, die über die Technik und bloße Gewinnmaximierung hinaus denken können. Zusätzlich beginnt Zimmerli, mit Vortrags- und Veranstaltungsreihen in Richtung einer neuen, nachhaltigen Unternehmenskultur in den Konzern hinein zu wirken. Dabei gelingt es, so illustre und kreative Persönlichkeiten wie die Soziologen Ralf Dahrendorf, Ulrich Beck und Gerhard Schulze, den Schriftsteller Adolf Muschg und den Hirnforscher Gerhard Roth in das Projekt eines „Spurwechsels“ einzubinden. Alles scheint auf Kurs zu sein. Es sieht so aus, als entstehe in der Tat ein neues Bildungsmodell. Zimmerli fasst seine Ideen in einem Buch zusammen. Der Titel: „Die Zukunft denkt anders“.

So weit aber kommt es nicht. Ein Korruptionsskandal kostet Peter Hartz nur drei Jahre später den Job. Bernd Pischetsrieder bleibt zwar Vorstandsvorsitzender, doch seine Macht schwindet mit jedem Monat. Noch einmal eineinhalb Jahre später verlässt auch er die Konzernleitung. Beider Nachfolger vermögen mit dem Konzept einer AutoUni nur wenig anzufangen. Walther Ch. Zimmerli erfüllt zwar seinen Vertrag. Sein Projekt aber kann er in der von ihm geplanten Form nicht mehr umsetzen. Der Konzern baut es in seine Group Academy ein. Auf Empfehlung Günter Spurs, des Vaters der modernen Produktionstechnik, wählt ihn kurz darauf 2007 der Senat der Brandenburgisch Technischen Universität in Cottbus in einer Kampfabstimmung mit einer Stimme Mehrheit zum Präsidenten. Zimmerli nimmt auch diese Herausforderung an. Er übt das Amt bis 2013 aus und steigert die Studierendenzahlen von unter 5.000 um mehr als fünfzig Prozent auf über 7.500. Die BTU Cottbus bewegt sich in den Rankings nach oben und erhält viele Auszeichnungen.

Plädoyer für Verantwortungselite

Der Künstler Roland Fuhrmann (l.) erklärt Walther Ch. Zimmerli den im Hauptgebäude der BTU hängenden Licht-Orbiter, dessen Oberfläche aus Siliziumkristallen besteht (Foto: BTU)

„Ich wollte zweierlei erreichen“, erklärt Zimmerli im Rückblick. „Dass der Ruf der BTU Cottbus so gut wird, wie sie es verdient, und dass sie selbst immer noch besser wird als ihr Ruf!“ Das gelingt. Nahezu unvermittelt und aus schwer nachvollziehbaren Gründen verfügt die Landesregierung in Potsdam jedoch bald schon über die Köpfe aller Beteiligten hinweg die Fusion der BTU mit der Fachhochschule Senftenberg. Walther Ch. Zimmerli, inzwischen 67 Jahre alt, stellt sich noch einmal zum Kampf. Der Senat unterstützt ihn nun mit einstimmigen Beschlüssen und nicht mehr nur mit einer Stimme Mehrheit. Auch die Stadt Cottbus stellt sich mit einem überwältigenden Bürgerbegehren hinter ihn. Zimmerli ist ein Mann, der nicht nur überzeugen kann, sondern sich auch von guten Argumenten überzeugen lässt. Das schätzen die Cottbuser wie die Kollegen und Kolleginnen. Das jetzige Markenzeichen der BTU Cottbus-Senftenberg, in den Ingenieurstudiengängen vom fachhochschulischen in den universitären Bachelorstudiengang und umgekehrt wechseln zu können, wurde im Bauingenieurwesen schon unter Zimmerlis Federführung initiiert.

Gegen die in seinen Augen unsinnige Fusion von Universität und Fachhochschule geht er sogar zusammen mit den Studierenden auf die Straße. Vergeblich. Die Landesregierung bleibt bei ihrem Beschluss. Wieder einmal siegt die Macht über den Geist. „Heute“, sagt Zimmerli bedauernd, „stagnieren die Studierendenzahlen der beiden fusionierten Hochschulen zusammen auf dem Niveau der zuvor eigenständigen BTU.“ Es sei nichts besser und nichts kostengünstiger geworden. Ihn, für den Bildung, die universitäre allzumal, immer auch den Aspekt der Elite impliziert, schmerzt das. Doch ist für ihn Elite stets untrennbar mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Den Ehrendoktor der südafrikanischen Eliteuniversität Stellenbosch trägt er deshalb mit Stolz. Hier lehrte er nach dem Ende der Apartheid viele Male als Gastprofessor, hier initiierte er das Stellenbosch Institute of Advanced Study (STIAS), hier traf er den Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela. Und beide waren sich einig, dass ein Land ohne eine hoch gebildete Verantwortungselite keine Zukunft hat.

Die Philosophie nimmt kein Ende

Walther Ch. Zimmerli (Foto: privat)

Zur Erreichung dieses Ziels trägt Zimmerli immer noch bei – im nunmehr 75. Lebensjahr! Zunächst als Stiftungs-, dann als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin, als EURIAS Senior Research Fellow des Collegium Helveticum von Universität und ETH Zürich, als Berater und Mitglied verschiedener Aufsichtsräte und Akademien, als gefragter Keynote Speaker. Während unseres Gespräches arbeitet er als Visiting Senior Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien und wird ab Februar 2020 als DSI-Fellow an der Digital Society Initiative der Universität Zürich mitwirken. Nein, es ist dies alles nicht der Versuch, der eigenen Endlichkeit zu entfliehen. Es ist wohl das, was der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera einmal so umschrieb: „Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen.“  Und nicht nachzulassen in dem Bestreben, sich durch zahllose Begegnungen weiterhin in dieses Leben einzumischen.

 


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