Von Niederlagen und vom Wiederaufstehen – Scheitern macht klüger

Von Hans-Martin Barthold | 15. April 2021

Die Fuck Up-Nights machen das, was sonst nur selten geschieht. Es wird öffentlich über das Scheitern gesprochen. Leider fliegen sie noch viel zu oft unter dem Radar des modernen Personalmanagements. Dabei wissen es alle: Eltern, Lehrer, Führungskräfte, Berufsanfänger, Berufserfahrene, Personalberater, Coaches. Das Scheitern gehört zum (Berufs-)Leben wie Blitz und Donner zum Gewitter. Und die Botschaft ist so einfach wie überzeugend: Am nachhaltigsten lernt man aus Fehlern, den eigenen wie denen der anderen. Henry Ford, Gründer der gleichnamigen Motor Company, brachte es treffend auf den Punkt. Nicht larmoyant, sondern mit positivem Vorzeichen. „Scheitern“, sagte er ohne Scham, „ist die Möglichkeit, es noch einmal besser machen zu können.“ Bei der Einführung der Fließbandfertigung in seinen Detroiter Montagehallen hatte der begnadete Unternehmer Ford dazu viele Anlässe. Aber am Ende war der Erfolg auf seiner Seite. Manche sagen sogar, nur weil er so oft scheiterte, hätte er so erfolgreich werden können! Und auch heute wird viel öfter gescheitert, als von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Anders als Henry Ford bekennen sich allerdings nur die wenigsten dazu. Stattdessen heißt es dann im Managersprech beschönigend, man suche eine neue Herausforderung.

Zwischen Siegen und Scheitern liegen oft nur wenige Zentimeter (Foto: Wikimedia/SpeedyGonsales)

Wer schon möchte sich gegen die allgegenwärtige Null-Fehler-Kultur stellen. Denn wer scheitert, ist ein Loser. Miriam S., die ihren vollen Namen an dieser Stelle nicht veröffentlicht sehen möchte, ist dafür eindrückliches Beispiel. Zu lange ignorierte sie die immer weiter sinkenden Umsatzzahlen ihrer einst hoffnungsvoll gestarteten Modeboutique. Überschuldet und zahlungsunfähig blieb am Ende nur noch der Gang zum Insolvenzgericht. Ihr Konzept, das auf professionelle Beratung und hochwertige Materialien setzte, ging nicht auf. Die Kundenfrequenz war trotz bester Innenstadtlage zu gering, die Betriebskosten zu hoch. Die Konkurrenz des Online-Handels mit Billigprodukten aus Fernost erwies sich schlicht als übermächtig. Mirjam S. hat lange darüber nachgedacht, ihre Fehler analysiert und ein neues Geschäftsmodell entwickelt, in dem sie den Präsenz- mit dem Online-Handel und beide Male fachkundiger Beratung verbinden möchte. Doch zu einem Neustart ist es bislang nicht gekommen. Wegen ihres Schufa-Eintrages verweigern die Banken die erforderlichen Kredite. Einmal gescheitert, für immer gescheitert?

Ermutigung zum Wagnis statt fehlerfixiertes Feedback

Seit der Geburtsstunde der Ford Motor Company sind mehr als hundert Jahre vergangen. An den Gründer Henry Ford erinnert sich heute kaum noch einer. Und auch seine Erfolgsformel scheint dem Vergessen anheimgefallen. Menschen, die scheitern, werden als Versager stigmatisiert. Mit dem Ergebnis, dass sich in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik die meisten am Althergebrachten orientieren. Da kann man schließlich nichts falsch machen. Innovationen entstehen so freilich nicht. Kein Wunder, dass deutsche Namen unter den Nobelpreisträgern zur seltenen Ausnahme und auch die Zahl der Patente hierzulande inzwischen zu einem dünnen Rinnsal geworden sind. Die Kritiker überrascht das nicht. Sie verorten die Wurzel des Übels bereits im Schulsystem, das darauf ausgelegt sei, auf das Feedback eines Scheiterns zu verzichten. Deshalb keine Noten, kein Wiederholen, Beurteilungen wie bei Arbeitszeugnissen nur mit positiven Attributen. Doch bleiben die notenlosen Neuerer dem alten Denken mehr verhaftet, als sie sich selbst zugestehen möchten.

Die Macherinnen der Mannheimer Fuck Up-Night: Angela Kniesel (l.) und Simone Ruckstuhl (r.) (Foto: FUN Mannheim)

Statt das einseitig fehlerfixierte Feedback weich zu spülen und schön zu färben, bestünde der wirkliche Qualitätssprung wohl darin, das Wagnis und das Bemühen zu belohnen – mit klaren Worten oder Noten, selbst dann, wenn sich der gewählte Weg zunächst als Sackgasse erweist. Die hohen Besucherzahlen der Fuck Up-Nights (FUN) in inzwischen mehreren deutschen Städten, aktuell allerdings durch Corona überall still gelegt, zeigen, wie vielen Menschen dieses Thema und derartige Erfahrungen auf den Nägeln brennen. Mit zweien davon konnte ich sprechen. Angela Kniesel und Simone Ruckstuhl organisieren die Fuck Up-Nights in Mannheim. „Wir wollen dem Scheitern und den Gescheiterten eine Bühne geben“, formuliert Angela Kniesel deren Ziel. Sie stemmt sich damit gegen den Mainstream, in dem nur die Gewinner etwas gelten.

Das Verlierenkönnen lernen

Die ehemalige Spezialistin fürs Vertriebsmarketing und heutige Tiertherapeutin hält es da lieber mit Willy Bogner. Aus eigener Erfahrung als Skirennläufer, Filmemacher und Unternehmer weiß der nur zu gut, was wichtig ist im Leben. „Du musst das Verlierenkönnen lernen“, formuliert er es in seiner Biografie, „siegen kann jeder.“ Und Bogner weiß, wovon er spricht. Im legendären Lauberhornrennen sowie bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley fehlten ihm in der Abfahrt und im Slalom jeweils nur Zehntelsekunden zum Sieg. Wenig später wurde seine Verlobte Barbara Henneberger von einer Lawine verschüttet, sein Adoptivsohn nahm sich mit 17 das Leben. Und auch als Unternehmer der auf hochpreisige Konfektionsbekleidung,  Sportausrüstung, Accessoires, Düfte und Lederwaren ausgerichteten Bogner GmbH & Co. KG erlebte er neben vielen Höhen auch zahlreiche Tiefen. Und ließ sich vom vielfachen Scheitern dennoch nicht unterkriegen, reifte von einer Person zur Persönlichkeit.

Die Moderatorin Rita Böhmer berichtet über ihr Scheitern und Wiederaufstehen (Foto: FUN Mannheim)

Gleichwohl soll das Scheitern nicht romantisiert werden. Dazu gibt es keinen Anlass. Und geil ist es schon lange nicht. Für Gescheiterte ist es eher der Horror. Und es gilt auch das. Wer scheitert, weil er alle zugänglichen Informationen unbeachtet lässt und Ratschläge von Fachleuten mit einschlägigen Erfahrungen übermütig in den Wind schlägt, wer den leichten Weg wählt, weil er sich nicht quälen möchte, handelt fahrlässig und trägt deshalb Mitschuld am Scheitern. Grund, ihn deswegen zu ächten, ist freilich auch das nicht. Denn entscheidend ist allein, was jemand aus seinem Scheitern macht. Analysiert er und sucht nach den Ursachen des Misserfolgs? Lernt er daraus oder versucht er es ein zweites Mal mit den gleichen Mitteln auf die gleiche Weise und hofft, dass es in der Wiederholung gelingt? Freilich wusste schon Albert Einstein, dass eine solche Strategie nur selten zum Ziel führt. Unter denselben Rahmenbedingungen immer wieder das Gleiche tun und dennoch andere Ergebnisse zu erwarten, bliebe das Privileg der Dummen, soll er einmal gespottet haben.

Jeder scheitert anders

Was Angela Kniesel und Simone Ruckstuhl bei den Mannheimer Fuck Up-Nights immer wieder beobachten, ist eine hohe Emotionalität. „Scheitern ist ein Prozess, der eine intensive Reflektion des Geschehens, vor allem aber der eigenen Person einschließt“, ist die Fotografin Simone Ruckstuhl überzeugt. „Es geht um die Fragen: Was sind meine Stärken und was sind meine Schwächen?  Was will ich und was kann ich unter den gegebenen Umständen erreichen? Wofür bin ich fachlich geeignet und wo bin ich persönlich überfordert? Welche Hürden kann ich mit einer Erhöhung meines Einsatzes doch überspringen? Wo und bei wem kann ich mir Hilfe holen?“ Simone Ruckstuhl besitzt über all das eigene Erfahrungen. Am Ende ihrer Ausbildung zur Fotografin herrschte Krisenstimmung in der Branche. Die Digitalisierung führte zum Verlust vieler Studios und noch mehr Arbeitsplätzen. „An dem Gemetzel um die verbleibenden Stellen wollte ich mich nicht beteiligen“, sagt sie rückblickend, nahm eine Auszeit in einer Chocolaterie und arbeitet heute in ihrem eigenen Studio als sehr erfolgreiche Hundefotografin.

Simone Ruckstuhl moderiert die Diskussionsrunde (Foto: FUN Mannheim)

Angela Kniesel und Simone Ruckstuhl haben inzwischen viele Gescheiterte kennengelernt. Und wissen deshalb, dass es fürs Scheitern keine allgemeinverbindlichen Kategorien gibt. „Scheitern“, ist die Fotografin Ruckstuhl überzeugt, „ist ein sehr individuelles Erleben.“ Vor allem eines, das emotional größte Kraftanstrengungen verlangt. Und die Bereitschaft zum Risiko! Künftig unbekannte Wege abseits des Mainstreams zu gehen, erfordert schließlich Mut und Selbstvertrauen. Gleichwohl sind auch das keine neuen Erfahrungen. Der ehemalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber, bekannt für seine klaren und manchmal knorrigen Ansagen, brachte es einmal treffend auf den Punkt. „Wer sein Leben so einrichten möchte, dass er niemals auf die Schnauze fallen kann“, formulierte es der promovierte Chemiker, „dem bleibt nur, auf dem Bauch zu kriechen.“ Zu scheitern ist mithin immer ein Wendepunkt. An dem es nicht lediglich ein neues Berufsziel festzulegen gilt, sonder viel grundlegender zu beantworten ist: Wie will ich leben? Wer will ich sein?

Ohne Scheitern keine Entwicklung

Scheitern als etwas Normales und zum (Berufs-)Leben Dazugehörendes zu akzeptieren, bedeutet vor diesem Hintergrund ein dialektisch Doppeltes. Zuerst heißt es, Abschied zu nehmen von der Illusion, unser Leben unter absoluter Kontrolle haben zu können, wenn wir es nur wirklich wollten. Was das Scheitern einschließt. Zugleich lautet die beinahe gegensätzlich klingende Anforderung aber auch, das Scheitern nicht leichtfertig zu provozieren, sondern alles zu unternehmen, es zu verhindern. Freilich eben stets in der Gewissheit, es trotz gründlichster Vorbereitung nie ganz unterbinden zu können. Und tatsächlich entzieht sich das reale Leben oft genug den intensivsten Bemühungen zum Trotz allen guten Plänen. Eines aber ist unstrittig. In zahlreichen Publikationen verweist das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie darauf, dass die Erfolgsquote derjenigen Gründer, die sich nach einem Scheitern zu einem zweiten Anlauf entscheiden, überdurchschnittlich hoch ist. Scheitern macht also klüger.

Humor hilft beim Wiederaufstehen und kommt auch beim Publikum gut an (Foto: FUN Mannheim)

Ein Problem haben allerdings auch die Fuck Up-Nights noch nicht lösen können. Alle ihre Speaker reiten mittlerweile wieder auf der Erfolgswelle. Von denen, die durch das Scheitern aus allen Bahnen geschleudert worden sind und die noch keinen festen Boden wieder unter die Füße bekommen haben, ist bislang niemand auf den Bühnen zu sehen. Eine neue Fehlerkultur – hier würde sie sich zeigen. Immerhin wäre es interessant zu erfahren, wie diese Menschen, denen es der Umstände oder der eigenen Begrenztheit wegen nicht gelingt, als Phönix aus der Asche zu steigen, mit ihrem Scheitern umgehen. Vielleicht so wie der irische Schriftsteller Samuel Beckett es beinahe schon philosophisch beschrieb? „Ever tried. Ever failed“, verriet der seinen Lesern. „No matter. Try again. Fail again. Fail better!” (“Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern!”) Was bleibt auch sonst. Gegen die Häme der Bauchkriecher hilft schließlich nur der aufrechte Gang – im Beruf und im Leben.

 


Weiterführende Informationen

https://arbeits-abc.de/fuckup-nights/

 

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