Volkswirtschaftler – Profis für die Analyse von Ursachen und Wirkungen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2019

Gute Adresse für künftige Volkswirte – Das House of Finance der Goethe Universität Frankfurt am Main (Foto: Wikimedia/Goethe-Uni)

Die Zeiten sind wirtschaftlich kompliziert. Und es stellen sich deshalb viele Fragen. Zu den finanzpolitischen Achterbahnfahrten, zur zunehmenden Verschuldung von Privathaushalten, Unternehmen und ganzer Staaten, zu Bankenzusammenbrüchen, zu Null- und negativen Zinsen, zur Kreditschwemme, zum dennoch geringen Wirtschaftswachstum, zu Handelskonflikten, zu Reallohnverlusten, zu Währungsspekulationen, zur Energiewende, zum drohenden Verkehrskollaps, zur demografischen Entwicklung, zur weltweiten Migration. Sich für das Studium der Volkswirtschaftslehre zu begeistern, gäbe es für neugierige junge Abiturienten darüber hinaus noch viele andere Themen und Motive. Immerhin sind die Absolventen dieses Studienfaches Ökonomen, die sich nicht damit zufrieden geben, nur den tagesaktuellen Preis eines Produktes berechnen zu können, sondern die auch hochkomplexe Sachverhalte wie Konjunkturdaten zu analysieren wissen. Dennoch sind volle Hörsäle in der Volkswirtschaftslehre landauf landab eine eher seltene Erscheinung geworden.

Stattdessen besitzt die Szene auch in den facheinschlägigen Hotspots an den Universitäten in Mannheim, Bonn, Frankfurt, Köln, Freiburg, München, Berlin, Konstanz, Kiel oder Hamburg inzwischen familiären Charakter. Das verwundert umso mehr, als Volkswirte im Gegensatz zu ihren betriebswirtschaftlichen Vettern ökonomische Erklärungen mit sozialwissenschaftlichen Aspekten und politischen Prozessen zu verknüpfen vermögen und damit, in moderner Diktion, das ganzheitliche Denken praktizieren. Doch erfordert die Nationalökonomie, wie das Fach früher hieß, eine hohe analytische Geradlinigkeit und ist deshalb nichts für emotionsgeleitete Spontis. „Die Volkswirtschaftslehre“, formuliert es Gerald Müller, Examen an der Uni Konstanz, anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und Promotion, jetzt im Chief Investment Office (CIO) der Commerzbank, „ist eine deduktive Wissenschaft und keine Meinungsveranstaltung.“

Generalisieren und abstrahieren

Gerald Müller arbeitet im Chief Investment Office der Commerzbank (Foto: privat)

Das klingt ziemlich abstrakt und ist es auch. Selbst der Versuch, es auf eine verständliche Alltagssprache herunter zu brechen, klingt noch immer sehr abstrakt. Es gehe um die Erstellung von Modellen, heißt es da. Was nichts anderes bedeutet, als unter der Annahme bestimmter Voraussetzungen und sich davon ableitender logischer Konsequenzen rationale Schlussfolgerungen zu ermöglichen. „Volkswirte“, beschreibt es Gerald Müller noch einen Zacken einfacher, „versuchen das Verhalten von Menschen in der Gesellschaft zu beschreiben.“ Das Verhalten von Gruppen von Menschen und das von einzelnen Wirtschaftssubjekten. Eine Hilfsvariable in der Modellierung ist der sogenannte Homo oeconomicus. Die Vogelperspektive nennen die Fachleute Makroökonomie, die Analyse des ökonomischen Verhaltens von Einzelnen Mikroökonomie. Wer an dieser Stelle die Lust zum Weiterlesen verliert, dem sei bereitwillig Absolution erteilt. Vielen Erstsemestern geht es ähnlich. Nicht wenige werfen bereits nach wenigen Wochen und der unerquicklichen Interpretation einiger Indifferenzkurven entnervt das Handtuch, weil ihnen die Relevanz für reale Probleme verschlossen bleibt.

Worüber Studierende stöhnen und die Stammtische hämisch witzeln, sind in diesem Zusammenhang vor allem zwei Dinge. „Man kann nie alle Variablen erfassen“, versucht Kai Wohlfarth, der derzeit sein Geld bei einem Bankenverband in Berlin verdient, das Erste zu erklären. „Ich muss also für die Modellierung vereinfachen.“ In der Folge können auch die Modellergebnisse die komplexe Wirklichkeit nie detailgenau wiedergeben. Spitze Zungen behaupten denn auch gehässig, die Volkswirtschaftslehre sei etwas zwischen Philosophie und Wahrsagerei. Gerald Müller weiß um diese Sprüche. Bestätigen mag er die dahinter versteckten Vorbehalte nicht. Gleichwohl gibt er freimütig zu: „In meinem Berufsalltag ist ein klares Weltverständnis oft viel wichtiger als die Modellierungskompetenz.“ Etwa wenn es darum gehe, Kapitalmarktdaten, Konjunkturprognosen oder Wechselkursrisiken zutreffend einschätzen zu können. Und ja, seine Zeit in der volkswirtschaftlichen Abteilung seines derzeitigen Arbeitgebers sei für ihn wie ein Aufenthalt im Elfenbeinturm gewesen.

Ursachen und Wirkungen analysieren

Die Zentrale der Commerzbank in Frankfurt (Foto: Wikiemedia/Commerzbank AG)

Das hat sich geändert. Im Chief Investment Office trägt Müller eine sichtbar gegenständliche Verantwortung. Er hat dafür Sorge zu tragen, dass seine Abteilung den Kundenberatern alle erforderlichen Finanzmarktinformationen in bester Qualität und leicht handhabbar bereitstellt. Warum er sein Volkwirtschaftslehrestudium aller Theorielastigkeit zum Trotz dennoch für eine hervorragende Berufsvorbereitung hält? „Ich habe gelernt, über den Tellerrand zu schauen, und kann deshalb die besseren Fragen stellen!“ In einer globalisierten Welt, in der nicht nur viele Unternehmen, sondern auch sehr unterschiedliche Volkswirtschaften miteinander interagieren, erweist sich diese Fähigkeit als wichtige Schlüsselkompetenz. Damit zum zweiten Punkt, der den Studierenden das Leben schwer macht und die Kritiker der volkswirtschaftlichen Community zu abschätzigen Handbewegungen verleitet. Es ist die Figur des Homo oeconomicus als eines ebenso eindimensionalen Eigennutzmaximierers wie einer gefühlslosen Rechenmaschine.

Dabei wissen alle Volkswirte, dass die Kunstfigur des Homo oeconomicus nicht mehr als ein Dummy ist, Menschen aus Fleisch und Blut aber anders als dieser oft widersprüchliche und unlogische Entscheidungen treffen. Weshalb Volkswirte allerorten das machen, was sich vor einem solchen Hintergrund als notwendig erweist. Sie überprüfen die Modelle empirisch und korrigieren sie anschließend. Auch weil sie wissen, dass sich aus dem rückblickenden Verständnis ökonomischer Prozesse die Zukunft nicht sicher vorhersagen lässt. Denn anders als Naturwissenschaftler vermögen sie die exogenen Variablen nicht zu beeinflussen. Was es darüber hinaus festzuhalten gilt, Volkswirte kümmern sich absichtsvoll nicht um das Wohl und Wehe eines einzelnen Unternehmens, sondern um die ökonomischen Prozesse des wirtschaftlichen Gesamtsystems eines Landes. Hier sind ihre Kompetenzen zur Analyse von Ursache und Wirkung in ganz besonderer Weise gefragt.

Zweigeteilter Arbeitsmarkt

Schweizer Nationalbank in Zürich – Hier arbeitet Patrick Lengg (Foto: Wikimedia/Myriam Thyes)

Etwa, wenn es um die Abschätzung der Auswirkungen von Lohnerhöhungen für eine Branche geht. Dass dadurch nicht nur die Kaufkraft wächst und die Binnenmarktnachfrage stimuliert wird. Sondern dass Lohnsteigerungen auch die Produktionskosten der Unternehmen erhöhen, ihre Gewinne schmälern, Investoren drohen abzuwandern und deshalb die Verlagerung ganzer Werke in Billiglohnländer für die Vorstände zur Verlockung werden lässt. Eine dadurch steigende Arbeitslosigkeit würde die Sozialsysteme durch Leistungsansprüche wie Beitragsausfälle doppelt belasten. Dass eine solche Produktionsverlagerung indessen nicht allein unter Kostengesichtspunkten zu entscheiden ist. Es geht immerhin auch um das Arbeitskräftepotential und dessen Qualifikation hier wie dort. Es geht genauso um Qualitätssicherheit, die Transportinfrastruktur, das Maß an Rechtssicherheit für Investoren und nicht zuletzt um politische Stabilität. Und natürlich geht es auch um Einflussmöglichkeiten zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund müssen Volkswirte in vielen Sätteln sitzen und strategisch denken können. Das ist intellektuell ebenso anspruchs- wie mühevoll.

Stellt sich die Frage, wo dieses spezifische Kompetenzprofil und solche Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden? Nicht in jedem kleinen Steuerberaterbüro und auch nicht im Fitnessstudio um die Ecke, so viel leuchtet auch dem ungeübten Betrachter schnell ein. Es sind vor allem Banken und Versicherungen, Verbände, internationale Organisationen wie die Europäische Union und die OECD, Zentralbanken, Ministerien, Unternehmensberatungen, die volkswirtschaftlichen Abteilungen großer Konzerne, immer natürlich Wirtschaftsforschungsinstitute, wo es ohne Volkswirte nicht geht. Gleichwohl fallen die Stellenangebote nirgends vom Himmel und mündet, von Insidern geschätzt, die Hälfte aller Volkswirte am Ende in Bereichen der Unternehmensführung ein. Dort können sie nur einen Teil ihrer Qualifikation verwenden und müssen sich in der Konkurrenz mit Betriebswirten behaupten (siehe dazu auch: https://www.berufsreport.com/betriebswirtschaftler-job-zwischen-sinn-und-gewinn/). „Beim Wechsel von der Hochschule in den ersten Job haben Volkswirte einen größeren Erklärungsbedarf als andere“, sind denn auch die Erfahrungen von Markus Ressel.

Beruflich vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Max Hanisch verdient sein Geld beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (Foto: DIW Berlin / F.Schuh)

Ressel ist einer von denen, die die volkswirtschaftlichen Gefilde schon gleich nach dem Studium an der Universität Mannheim verlassen haben und in die Industrie gegangen sind. Heute arbeitet er als Vertriebsleiter eines Unternehmens, das Betriebsmittel für Kontrollraumlösungen, das heißt Technische Möbelsysteme, herstellt. Vorbehalten gegen seine Zunft sind Ressel so gut wie nicht begegnet. Im Gegenteil hat er oft folgende Bemerkung gehört. „Oh, Volkswirtschaftslehre haben sie studiert. So viel Mathematik. Mein Respekt!“ Soll also heißen: Volkswirte sind keine Dünnbrettbohrer. Er selbst ist überzeugt, auch in seiner jetzigen betriebswirtschaftlichen Funktion das eine oder andere Problem früher und umfassender in den Blick zu bekommen. Zum Beispiel, in welchem Zusammenhang Preise und Zinsen stehen. Vor allem aber, welche der möglichen Lösungen unter diesen oder jenen Voraussetzungen die erfolgversprechendste ist.

Als fachlich am unproblematischsten erweist sich nach Überzeugung aller Gesprächspartner der Übergang in eines der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute. Die Übereinstimmung zwischen den an der Uni erworbenen Kompetenzen auf der einen Seite und den arbeitsplatzspezifischen Anforderungen auf der anderen ist hier ohne Zweifel am größten. „Denn“, stellt Max Hanisch zutreffend fest, „Modelle und die Arbeit mit ihnen sind in der Forschung weiterhin prägend.“ Hanisch hat in Münster studiert und promoviert. Seitdem arbeitet er am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) in der Abteilung Weltwirtschaft. Seine Arbeitsbereiche sind Deutsche Konjunktur, Finanzmärkte und realwirtschaftliche Entwicklung sowie Internationale Finanzmärkte. Das DIW und auch Hanisch selbst betreiben also keine Grundlagen-, sondern Anwendungsforschung. Daraus ergibt sich eine wichtige Unterscheidung. „Wir arbeiten zwar mit Modellen“, erklärt er, „aber wir entwickeln sie nicht. Sie sind unser Werkzeug und das müssen wir sicher beherrschen.“ Wie Kai Wohlfahrt, Marcus Ressel und Patrick Lengg halten sie als Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb) engen Kontakte zur durchaus heterogen aufgestellten Community und bewahren sich so vor dem von Volkswirtschaftlern gefürchteten Tunnelblick.

Promotion als zusätzlicher Ausbildungsabschnitt

Schweizer Nationalbank in Zürich – Hier arbeitet der Zentralbanker Patrick Lengg (Foto: Wikimedia/Myriam Thyes)

Wie vielfältig und unterschiedlich die Arbeitsgebiete von Volkswirten sind, zeigt sich am Beispiel von Patrick Lengg. Er ist Angestellter der Schweizerischen Nationalbank in Zürich und kommt in deren Statistikabteilung anders als Max Hanisch, aber ähnlich wie Vertriebsleiter Markus Ressel, weitgehend ohne ökonometrische Modelle aus. In seinem Verantwortungsbereich geht es eher um handfeste Dinge wie etwa die Analyse grenzüberschreitender Kapitalverflechtungen von Unternehmen zur Erstellung der schweizerischen Leistungs- und Kapitalbilanzen. Zuvor studierte Lengg Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. In einem anschließenden Zweitstudium International Affairs vertiefte er seine Kompetenzen in Politik und Recht. „Als Volkswirt muss man selbstverständlich Zahlen mögen“, sagt er, „doch sollte man nicht der Gefahr ihrer Überinterpretation erliegen.“ Sogar in der Statistik sei ein gewisses Bauchgefühl unerlässlich. „Ich muss im Vorfeld immerhin Größenordnungen und Relationen abschätzen können.“

Tatsächlich nimmt die Mathematik im Studium einen großen Raum ein, was mit Blick auf Fachliteratur, Kongresse und Arbeitsgruppen darüber hinaus auch auf solide englische Sprachfertigkeiten zutrifft. „Aber“, bedeutet Max Hanisch, „Mathematik ist nur deshalb wichtig, weil in ihr die ökonomischen Zusammenhänge verpackt sind.“ Hanisch hatte am Gymnasium Mathe nicht als Leistungskurs belegt. „Viel bedeutsamer ist es, ob die Motivation stimmt. Passt die, lassen sich in der Volkswirtschaftslehre alle Hürden meistern.“ Worauf man sich allerdings einlassen müsse, sei die zielorientierte und präzise Methodik. Und an dieser Stelle korreliert die Volkswirtschaftslehre dann doch sehr intensiv mit der Mathematik. Mehr noch mit der strengen Disziplin, die dieses Werkzeug seinen Anwendern abfordert. „Viel mehr Probleme machten mir die betriebswirtschaftlichen Lehrveranstaltungen“, erzählt der DIW-Mann. „Stur auswendig lernen, war nie mein Ding.“ Für wie bedeutsam erachtet er eine Promotion, die viele Volkswirte an das Studium anschließen? „Für mich“, so Hanisch, „ist sie eine zusätzliche Ausbildungsphase, weil das Studium in fünf Jahren nicht alles leisten kann.“

Neugier und Praxiserfahrung

Der Adelsstand der Volkswirte – Die Professoren Peter Bofinger, Volker Wieland, Isabel Schnabel, Christoph M. Schmidt und Lars P. Feld (v.l.n.r.) bilden den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Foto: Sachverständigenrat)

In der Forschung wird die Promotion, mindestens aber die Bereitschaft dazu, stillschweigend vorausgesetzt, für Industrieunternehmen ist sie dagegen von eher geringer Bedeutung. Aber es gibt noch weitere Aspekte, um die sich an der Volkswirtschaftslehre Interessierte Gedanken machen sollten. Ganz zuvorderst die folgenden. Wie viel politisches Herzblut und Sachverstand braucht es für diese Fachdisziplin? Empfehlen sich Auslandssemester? Und wie hoch muss die Frustrationstoleranz für einen Analysten sein, dessen Zuständigkeit mit dem Aggregieren der Daten endet? „Meine Aufgabe ist die Datenerstellung und –interpretation. Für die wissenschaftliche und politische Verwendung sind andere verantwortlich“, beschreibt Patrick Lengg von der Schweizerischen Nationalbank seine Zuständigkeiten. Und ergänzt ebenso nüchtern: „Das akzeptiere ich und bin deshalb auch nicht frustriert.“ Volkswirte, die im weiten Feld der Politikberatung aktiv sind, und das sind mehr, als es auf den ersten Blick scheint, trifft es dagegen öfter. „Wenn“, wie Gerald Müller es beschreibt, „die Ergebnisse intensiver Analysen aus politischem Kalkül nicht umgesetzt werden.“ Doch sind Volkswirte klug genug zu wissen, wie politische Entscheidungsprozesse ablaufen, und lernen schnell, damit professionell umzugehen.

Im Übrigen aber gilt, eine wissenschaftliche wie berufliche Verbindung mit der Volkswirtschaftslehre ist ohne politische Neugier nicht denkbar. Schließlich kann und will die Volkswirtschaftslehre ihre sozialwissenschaftliche DNA nicht verleugnen. Die Karrieren ihrer Absolventen sind so auch in aller Regel themen- und weniger hierarchieorientiert. Wer irgendwann im Vorstand eines DAX-Konzerns sitzen möchte, sollte deshalb lieber nicht Volkwirtschaftslehre studieren. Der Master in VWL macht eine solche Karriere zwar nicht unmöglich, aber eben auch nicht sehr wahrscheinlich. Genauso gilt, wer die Welt nicht lediglich als Volkswirt erklären, sondern aktiv verändern möchte, besitzt zwar mit seinem Studienabschluss beste fachliche Voraussetzungen, gleichwohl geht dann nichts ohne politisches Mandat. Volkswirte in ihren angestammten Arbeitsbereichen generieren neues Wissen über die Zusammenhänge dieser Welt, nicht jedoch politische Macht. Und natürlich kennt auch die Volkswirtschaftslehre nicht nur einen, sondern viele Erklärungsansätze. Studienanfänger bedürfen deshalb der Toleranz unterschiedlicher Denkschulen.

Ausbildungsqualität zählt

Kai Wohlfarth arbeitet als Lobbyist bei einem Bankenverband (Foto: privat)

Es mag verwundern, und doch ist es so. Erfahrung besitzt auch in einer so wissenschaftsgetriebenen Disziplin wie der Volkswirtschaftslehre eine hohe Relevanz. „Weil die Faktenlage oft nicht eindeutig ist“, wie es Max Hanisch formuliert. „Aber auch“, so Kai Wohlfarth, „weil ich den Anlass, die Methodik und die Zielstellung von Studien hinterfragen können muss.“ Systeme der Künstlichen Intelligenz werden deshalb Volkswirte auf unabsehbare Zeit nicht überflüssig machen können. Aus dem gleichen Grund erweisen sich zielgerichtete Praktika als Türöffner beim Übergang von der Hochschule in den ersten Job, solche bei der Europäischen Zentralbank (EZB), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder dem Internationalen Weltwährungsfonds (IWF) ganz besonders. Sie formen die Fähigkeit, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Denn beim Blick auf die Welt gibt es nie nur eine Wahrheit.

Denselben Effekt bewirken Auslandsstudienaufenthalte. Fachlich zwingend erforderlich sind sie gleichwohl nicht. Immerhin geben die deutschen Universitäten eine gute Einführung in die national wie international gebräuchlichen Standards. Einen viel größeren Einfluss auf den späteren Weg haben die Wahl der Hochschule und des Abschlusses. Seit der Bologna-Reform ist es auch in der Volkswirtschaftslehre möglich, schon nach drei Jahren Studium und dem Bachelor-Abschluss in den Beruf zu wechseln. Doch will das gut überlegt sein. „In den Kerngebieten unseres Faches gewinnt man mit diesem Abschluss keinen Blumentopf“, sind Patrick Lengg, Gerald Müller, Kai Wohlfarth und Max Hanisch überzeugt. Andere sehen dagegen in der Industrie für Bachelor-Absolventen durchaus Verwendungsmöglichkeiten, wenn auch eher in betriebswirtschaftlich ausgerichteten Funktionen auf der Sachbearbeiterebene. Auf diese Lücke zielen übrigens die meisten Fachhochschulen. Ihre Leistungskraft in der Volkswirtschaftslehre müssen sie freilich erst noch unter Beweis stellen.

 


Daten, Fakten & Links
Quelle: Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt (ISA)
(Stand: 15.12.2018)

Berufstätige Volkswirte: 117.000

Altersstruktur berufstätiger Volkswirte:

  • jünger als 30 Jahre: 9 %
  • 30 – 40 Jahre: 22 %
  • 40 – 50 Jahre: 24 %
  • älter als 50 Jahre: 45 %

Arbeitslosenquote von Volkswirten: 3,3 %

Studierende mit der Hauptfachrichtung Volkswirtschaftslehre: ca. 20.500.

Einkommen: abhängig von Branche, Unternehmensgröße, Qualifikation, Berufserfahrung und Funktion. Berufsanfänger starten durchschnittlich in einem Gehaltskorridor von 3.500 – 4.300 Euro.

Studienmöglichkeiten:
https://www.hochschulkompass.de/studium/studiengangsuche/erweiterte-studiengangsuche.html?tx_szhrksearch_pi1%5Bsearch%5D=1&tx_szhrksearch_pi1%5Bstudtyp%5D=3&tx_szhrksearch_pi1%5BQUICK%5D=1&tx_szhrksearch_pi1%5Bfach%5D=Volkswirtschaftslehre

Weiterführende Informationen:
https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index;BERUFENETJSESSIONID=BUWnmGgRSTUfWBVv2gomu9QN1xVMgyUJbUk4QX5UbLcMDw0YTKb5!1506660617?path=null/kurzbeschreibung&dkz=58783

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