VfL Wolfsburg e.V. – Ein Verein denkt Sport ganzheitlich

Von Hans-Martin Barthold | 15. Feruar 2020

Präsident Peter Haase führt den VfL Wolfsburg e.V. bereits seit vielen Jahren (Foto: VfL Wolfsburg e.V.)

Mit nahezu 5.000 Mitgliedern, 29 Sportabteilungen und etwa 250 Übungsleitern ist der VfL Wolfsburg e.V. nicht nur ein großer, sondern auch ein sehr breit aufgestellter Sportverein. Die Palette der Angebote reicht von Aikido über Badminton, Gewichtheben, Leichtathletik, Triathlon, Gesundheits-, Tanz- und Motorsport bis zum Wasserspringen. Alle Fäden laufen bei Stephan Ehlers zusammen. Seine Tage sind ausgefüllt. Neben dem Einsatz seiner 15 Mitarbeiter in der Geschäftsstelle vis-à-vis des Volkswagen Werkes trägt der Geschäftsführer des VfL Wolfsburg e.V., nicht zu verwechseln mit der ausgegliederten VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, Verantwortung für das gesamte operative Geschäft des Vereins. Da geht es etwa um die Nutzungszeiten der Plätze, die Anmietung von Hallen, die Abwicklung des Zahlungsverkehrs, die Mitgliederverwaltung, die Eröffnung oder Schließung von Abteilungen, die Verpflichtung von Übungsleitern, um Liegenschaften und Bauprojekte, um die Kontakte zum Steuerberater, mithin um all das, was notwendig ist, um einen Sportverein am Laufen zu halten.

Über Stephan Ehlers steht das ehrenamtliche Präsidium mit dem Präsidenten Prof. Dr. Peter Haase an der Spitze. Der ist zuständig für die strategischen Entscheidungen, die Pflege der Kontakte zu Politik und Wirtschaft sowie die Überwachung der korrekten Abwicklung des Tagesgeschäftes. Als promovierter Betriebswirtschaftler mit langjähriger Führungserfahrung eines Bereichsleiters im VW-Konzern besitzt er dafür beste Voraussetzungen. Wie sein Präsident verfügt auch Stephan Ehlers beruflich über einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Er gehört zu den ersten Absolventen des Studiengangs Sportmanagement der Ostfalia Hochschule am Standort Salzgitter. Mit dem Sport verbindet beide Männer eine enge Beziehung. Kann der Präsident auf eine erfolgreiche Karriere als Leichtathlet und Tennisspieler verweisen, war der Geschäftsführer als Fußball- und Tennisspieler aktiv. „Für die Hauptamtlichen in den sportbetrieblichen Kernfunktionen ist das eine unerlässliche Voraussetzung“, ist Stephan Ehlers überzeugt.

Sportmanager sind Dienstleister

„Schließlich“, weist er auf einen wichtigen Punkt, „ müssen wir im Kontakt mit unseren Mitgliedern sowie den nebenamtlichen Übungsleitern und den ehrenamtlichen Abteilungsleitern unbedingt deren Sprache sprechen (können).“ Für die hauptamtlichen Mitarbeiter in der Buchführung, im Rechnungswesen oder im Zahlungsverkehr ist die Affinität zum Sport kein Nachteil. Die Tätigkeit dort unterscheide sich schließlich nicht von der in jedem anderen Unternehmen auch. Was den Job des Geschäftsführers und seinen Mitarbeitern so spannend macht und weshalb ihn so mancher beneidet, sind die vielfältigen Kontakte zu ganz unterschiedlichen Menschen. Zu den eigenen Mitgliedern, ehrenamtlichen Funktionsträgern, Sponsoren, Handwerkern, politischen Mandatsträgern, Beamten der Stadtverwaltung, Lehrern und Sozialarbeitern. Das muss man mögen, wenn man im Management eines Sportvereins Erfolg haben will. „Denn“, schärft Ehlers seiner Mannschaft immer wieder ein, „wir sind für unsere ehrenamtlichen Kräfte und Vereinsmitglieder Dienstleister.“

“Fearless“ – Die Jazz- und Modern Dancer des VfL Wolfsburg e.V. (Foto: VfL Wolfsburg e.V.)

Sogar die sechs Platzwarte haben das verinnerlicht. Einer von ihnen legt auf meine Frage, wo ich wohl den Geschäftsführer fände, die Schaufel ohne Murren zur Seite und begleitet mich freundlich bis zur Eingangstür des Bürotraktes. Wer Platzwarte und ihre Kommunikationsgewohnheiten aus eigenen aktiven Zeiten kennt, weiß, wie außergewöhnlich das ist. Stephan Ehlers stellt seinen Ehrgeiz um ein ebenso professionelles wie effizientes Vereinsmanagement allerdings in einen größeren Zusammenhang. Und weiß sich darin mit seinem Präsidenten einig. „Nur wenn sich die Mitglieder bei uns wohl fühlen und sich die Ehrenamtlichen in ihrer Arbeit wertgeschätzt sehen, bleiben sie bei uns“, lautet seine Analyse. Was zwischen den Zeilen nichts weniger heißt, als dass neben den fachlichen Anforderungen auch die an die sozialen Kompetenzen der hauptamtlichen Mitarbeiter stark zugenommen haben. Gleichwohl irrten sich die Gründerväter der Studiengänge Sportmanagement wie auch des Lehrberufs Sport- und Fitnesskaufmann in Einem gründlich.

Den Ehrenamtlichen den Rücken frei halten

Zu der vorausgesagten umfänglichen Professionalisierung der Vereinsstrukturen im Breitensport ist es vorhersehbar nicht gekommen, auch beim VfL Wolfsburg e.V. nicht. Was keineswegs an fehlenden Fachkräften liegt. Die gibt es derzeit im Überfluss. Mehr als dreißig Hochschulen bieten inzwischen Sportmanagement-Studiengänge an. Nein, was den Sportvereinen aktuell und weiter wohl auf absehbare Zeit fehlt, ist das Geld. Die ehrenamtlich Tätigen werden angesichts dessen weiterhin die Lebensversicherung der Vereine sein. Die es deshalb zu hegen und zu pflegen gilt. So lebt es der VfL. Es ist seine wichtigste Handlungsmaxime. Die verlangt dem Geschäftsführer und seinem Team allerhöchste fachliche wie soziale Kompetenzen ab. „Unser Job ist es, den Ehrenamtlichen den Rücken frei zu halten und für ihre Arbeit die erforderliche Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.“

Mika Noodt ist eines der größten Talente in der Triathlonsparte des VfL Wolfsburg e.V. (Foto: VfL Wolfsburg e.V.)

Das Team in der Geschäftsstelle setzt sich zusammen aus einem Sportwissenschaftler, Sport- und Fitnesskaufleuten, die der VfL bei Bedarf auch selbst ausbildet, sowie Fachleuten für Großsportveranstaltungen. „Großveranstaltungen wie der Hexad Wolfsburg Marathon mit mehr als 4.000 Startern oder der jeweils an den Ufern des Allersees beginnende Volkstriathlon mit bis zu 1.000 Teilnehmern verlangen uns organisatorisch alles ab“, erzählt er. Und sind mit Blick auf die Finanzen des Vereins doch (überlebens)wichtig. Denn allein von den Mitgliedsbeiträgen und der öffentlichen Sportförderung kann schon lange kein Sportverein mehr existieren. Die Mäzene früherer Jahre sterben aus. Der Volkswagenkonzern, der diese Rolle für den VfL Wolfsburg e.V. bis zur Jahrtausendwende zum großen Teil ausfüllte, konzentriert seine Sponsoringaktivitäten seitdem vorrangig auf die VfL Wolfsburg Fußball GmbH als Werbeplattform zur Absatzförderung seiner Produkte. Zwar profitieren alle Abteilungen des VfL Wolfsburg e.V. vom Erfolgsimage der Profifußballer und –fußballerinnen. Finanziell aber ist jeder für sich selbst verantwortlich. Im Schatten der Bundesligafußballer erweist sich die Sponsorensuche meist als unergiebig.

In engen Rahmenbedingungen kreativ gestalten

Freilich erschöpfen sich die Aufgaben der Vereinsmanager wie Stephan Ehlers nicht allein darin, einen störungsfreien Alltagsbetrieb zu gewährleisten. Obschon auch das anspruchsvoll genug ist. Vielmehr gilt es darüber hinaus, die Strukturen zukunftsfest zu machen. Die sportlichen Aktivitäten sind heute ungleich vielfältiger als noch eine Generation zuvor. Doch viele Trendsportarten verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Ihnen die Vereinstür zu öffnen und als neues Angebot zu etablieren, ist deshalb kaum weniger schwierig als die Entscheidung über eine millionenschwere Investition in einem Wirtschaftsunternehmen. Und will mithin gut überlegt sein. „Bevor wir eine neue Sportabteilung eröffnen, müssen wir deren Tragfähigkeit prüfen“, gibt Stephan Ehlers einen Blick in den Maschinenraum des VfL Wolfsburg e.V. frei. So dürfen sich die Verantwortlichen des Vereins nicht von eigenen Vorlieben leiten lassen. Vielmehr müssen sie ihr Ohr stets am Puls der Mitglieder und derjenigen haben, die es werden könnten.

Übungseinheit der Herzsportabteilung des VfL Wolfsburg e.V. (Foto: VfL Wolfsburg e.V.)

So überraschend es für den Einen oder Anderen klingen mag, sind dafür hin und wieder auch Rechtskenntnisse unabdingbar. Nicht nur versicherungsrechtliche. Im Gesundheits- und Rehabilitierungssport, für den es große Nachfrage mit steigender Tendenz gibt, müssen Sportvereine bei Planung und Umsetzung viele Regelungen aus dem Gesundheitsrecht beachten. Die sich gar nicht selten nur mit einem hohen finanziellen wie personellen Aufwand erfüllen lassen. „Bei sportlichen Angeboten für Herzkranke muss bei jeder Übungseinheit ein Arzt zugegen sein“, erklärt Ehlers das Fehlen solcher Herzsportangebote im Portfolio des VfL Wolfsburg e.V. „Ärzte und ausgebildete Koronarübungsleiter sind Mangelware“, höre ich Ehlers sagen. Auch an anderen Stellen fehlt es am Fachpersonal. „Im Funktionssport möchte ich Physiotherapeuten einstellen“, konstatiert Ehlers, „doch ich finde sie nicht.“

Chancen erkennen

Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Geschäftsführer und seine Mitstreiter suchen zu allererst Fachkräfte mit Berufserfahrung. Die aber tauschen ihre feste Anstellung nur ungerne gegen einen zunächst befristeten Arbeitsvertrag, so sehr sie auch ein Sportverein wie der VfL Wolfsburg e.V. als Arbeitgeber reizen mag. Doch da sind Ehlers die Hände gebunden. Wieder andere Angebote scheitern ganz einfach am zu geringen Hallenangebot oder zu wenigen Schwimmbädern, an Dingen also, auf die das Management des VfL keinen Einfluss hat. Da sind dann eine hohe Frustrationstoleranz und Nehmerqualitäten ebenso gefragt wie Geduld, die Bereitschaft zum Bohren dicker Bretter und natürlich Überzeugungsstärke. Umso mehr, als die Wolfsburger Fachleute für den Breitensport um die soziale Bedeutung des Sports in einer modernen Gesellschaft wissen. Manchmal allerdings ergibt sich fast aus dem Nichts die ungeahnte Möglichkeit, Visionen Realität werden zu lassen.

Phil Grolla aus der Leichtathletikabteilung des VfL Wolfsburg e.V. bei den Welttitelkämpfen der Paralympics in Doha 2019 (Foto: VfL Wolfsburg e.V.)

Mit den Ganztagsschulen kam so eine auf leisen Sohlen. Die stets auf Empfang gestellten Antennen der Geschäftsstelle des VfL Wolfsburg e.V. fingen sie frühzeitig ein. Die Verhandlungen mit dem Geschäftsbereich Schule im Wolfsburger Rathaus als dem Kostenträger führten schon bald zu konkreten Aktivitäten. Der VfL übernahm diese Aufgabe in einer benachbarten Grundschule. Bald folgte eine zweite. Inzwischen haben sie ihre Kompetenzen und Erfahrungen sogar mit großem Erfolg in eine Schule 40 Kilometer von Wolfsburg entfernt in der Gemeinde Vechelde exportiert. Dass er als Sportmanager einmal Sozialassistenten, Erzieher und Sozialpädagogen einstellen würde, hätte Stephan Ehlers sich bei Berufsbeginn kaum vorzustellen gewagt. Doch nun tat er es. In einer eigens für diese Aufgabe gegründete gGmbH stehen mittlerweile 30 einschlägig vorgebildete Fachkräfte unter Vertrag. „Die sportbezogenen Kompetenzen führen wir aus dem Pool unserer Übungsleiter aus dem e.V. zu“, beschreibt Ehlers die natürlichen Verbindungen zu dem von ihm geführten Verein.

Integrieren statt polarisieren

Selbstlos handeln die Verantwortlichen des VfL Wolfsburg e.V. dabei nicht. Doch passt es gut in ihre Zukunftsstrategie. Denn junge Menschen für Sport in Vereinsstrukturen zu begeistern, fällt in Zeiten der Ganztagsschule immer schwerer. Immerhin sind die Schüler kaum vor 16:30 zu Hause. Und dann ziemlich ausgelaugt. Zum Training bleibt da nur noch wenig Zeit und fehlt oft genug die Motivation. „Wenn die jungen Menschen also nicht zu uns kommen“, ist Ehlers Schlussfolgerung, „müssen wir zu ihnen gehen.“ Die Übernahme der nachunterrichtlichen Betreuung bietet dazu beste Gelegenheit und kann, wie der VfL zeigt, unbürokratisch an die Strukturen eines modernen Sportvereins angedockt werden. Guter Wille auf beiden Seiten vorausgesetzt. Das Qualifikations-, Meinungs- und Interessenspektrum derer, die unter dem Dach des Vereins zusammengeführt werden müssen, wird freilich breiter. Unterschiedliche Charaktere auf ein großes Ziel einzuschwören, hat Ehlers gleichwohl in seiner Funktion als Tennistrainer gelernt.

Geschäftsführer Stephan Ehlers (Foto: VfL Wolfsburg e.V.)

Stets ist es ihm und dem Präsidium gelungen, die oft genug unterschiedlichen Sichtweisen der 250 nebenamtlichen Übungsleiter, der drei Dutzend ehrenamtlichen Abteilungsleiter sowie der gut 20 hauptamtlichen fest angestellten und Honorartrainer des VfL Wolfsburg e.V. zu tragfähigen Kompromissen zusammenzuführen. In Sportvereinen Organisierte wissen, wie viel Fingerspitzengefühl aber auch Durchsetzungsstärke gerade dafür notwendig sind. Dagegen erscheint die Integration der Auszubildenden (Sport- und Fitnesskaufmann/-frau) sowie der Bundesfreiwilligendienstler geradezu ein Kinderspiel. Für den Bundesfreiwilligendienst kooperiert der VfL Wolfsburg e.V. mit dem ASC Göttingen. Auch das liegt in Stephan Ehlers Hand. In der Vereinsarbeit stehen dem Gesamtverein drei, in der VfL Wolfsburg-Bildungs gGmbH sogar vier Plätze pro Jahr zur Verfügung. Wer mit dem Sportmanagement liebäugelt, findet hier eine gute Gelegenheit, praxisnah Einblick in dieses Arbeitsfeld nehmen zu können.

Ohne Vision keine Zukunft

Eine Vision des Präsidenten und des Geschäftsführers des VfL Wolfsburg e .V. ist die institutionelle Verbindung von Sport und Bildung.  „Wir glauben“, formuliert es der Präsident, „dass diese Verknüpfung der Persönlichkeitsbildung einen enormen Schub verleiht.“ Doch bis der VfL Wolfsburg e.V. eine Sport-Kindertagesstätte und eine Sport-Grundschule anbieten kann, wird noch viel Wasser die Aller hinunterfließen. Immerhin müsste ein Neubau her. Doch der VfL teilt das Schicksal der meisten Sportvereine. Zwar gehören die Funktionsgebäude ihm. Das Areal am Elsterweg aber, auf dem er residiert, ist kommunales Gelände. Und bis zur staatlichen Anerkennung einer Schule in privater Trägerschaft müssen zwei Jahre ganz alleine finanziert werden. Das wird noch vieler Gespräche bedürfen. Doch wer die Beharrlichkeit der beiden Männer an der Spitze des Vereins kennt, traut ihnen die Realisierung auch dieses Projektes zu. Sport ganzheitlich zu denken, ist kein leichter Weg. Aber einer, der für tiefe Genugtuung sorgt! Stephan Ehlers jedenfalls möchte nirgendwo anders arbeiten.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.12.2019)

Firmengründung: 12. September 1945.

Sitz der Unternehmenszentrale: Elsterweg 5, 38446 Wolfsburg.

Mitarbeiter im VfL Wolfsburg e.V.:

  • Geschäftsstelle (fest angestellte Mitarbeiter): 15

Platzwarte: 6
Trainer: 4. Dazu 15 Honorartrainer.
Nebenamtliche Übungsleiter: ca. 250.
Ehrenamtliche Abteilungs-/Bereichsleiter: ca. 60
Bundesfreiwilligendienstler: 3.

  • VfL Wolfsburg-Bildungs gGmbH: 28 ( insbesondere Sozialassistenten, Erzieher, Sozialpädagogen)

Bundesfreiwilligendienstler: 4.

Ausbildungsmöglichkeiten: Sport- und Fitnesskaufmann/-frau

Duales Studium: Praktika für Studierende des Studiengangs „Sportmanagement“

Schülerpraktika: ja.

Kontaktmöglichkeiten: verwaltung@vfl-wob.de

Internet: www.vfl-wob.de

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com