Veronika Fischer – Auf den Flügeln von Talent, Leidenschaft und Mut bis ganz nach oben

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2020

Ein Blick in ihr Gesicht ist ein Blick in ihre Seele – Veronika Fischer 1991 (Foto: Ute Mahler)

Wir wohnen nur 50 ICE-Minuten auseinander. Doch statt eines Treffens haben wir uns telefonisch verabredet. Corona fordert seinen Tribut. „Fischer“, meldet sich nach dem dritten Klingeln eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Ein Wort nur. Aber doch das Klangbild wie von einem Symphonieorchester. Eine Stimme mit vielen Facetten. Eine Stimme mit fünfzig Jahren Bühnenerfahrung. Eine Stimme wie eine gemalte Biografie. Die Stimme von Veronika Fischer. Großvolumig, dynamisch, melodisch, sachlich. Bestimmt und zurückhaltend, nah und distanziert, begeistert und enttäuscht, liebevoll und kämpferisch, warmherzig und durchsetzungsfähig, manchmal auch rau und müde, gleichwohl stets unverwechselbar und professionell. Und selbst mit 68 Lebensjahren spiegelt diese Stimme noch immer kindliche Neugier genauso wie ein freundschaftlich augenzwinkerndes ‚Komm mit‘. „Singen ist mein Beruf“, wird sie später sagen, „und meine Stimme ist dafür das Handwerkszeug.“

Das sie souverän beherrscht. Doch erklärt das ihre großen Erfolge nicht vollständig. Viel mehr bildet ihre Stimme die Brücke, auf der sie nicht nur die Töne der Musik und die Worte der Liedtexte, sondern vor allem ihre Gefühle zu den Herzen der Fans bringt. Der Applaus als Gratmesser des Gelingens begleitet ihre Konzerte seit nunmehr fünf Jahrzehnten und reicht von respektvoll bis ohrenbetäubend. 13 Konzerte hat sie auch in diesem Jahr schon gegeben. Weitere waren geplant, sind aber zunächst den Corona geschuldeten Restriktionen zum Opfer gefallen. Das Kontaktverbot trifft Künstler hart. Denn eine Sängerin ohne Publikum ist wie ein Badestrand ohne Sand und Wasser. Veronika Fischer nimmt es gefasst. Traurig ist sie allerdings für die Besucher, die sich auf sie und ihre Lieder gefreut hatten. Um Nachholtermine wird ihr Management verhandeln, sobald öffentliche Veranstaltungen wieder erlaubt sind. Bis dahin heißt es warten.

Musik bietet Freiheit und Geborgenheit

Die 14jährige Veronika Fischer bei einem Talentwettbewerb 1965 (Foto: Fischer)

Zeit also für einen Blick zurück, für den Blick auf einen langen Weg. Einen Weg mit vielen Höhen aber auch einigen Tiefen. Es begann in einem knapp 2.000 Einwohner kleinen Ort nahe der thüringischen Stadt Gotha. Dort wuchs Veronika Fischer zusammen mit drei Schwestern in großer Freiheit auf. Hinter der elterlichen Tischlerei begannen die weiten Wiesen, in einiger Entfernung abgelöst von den Bäumen und sanften Hügeln des Thüringer Waldes. Die Erinnerungen daran und an das ungezwungene kindliche Spiel ohne fremdbestimmte Grenzen begleiten sie bis heute. Und wer genau hinhört, findet die Sehnsucht nach Freiheit in vielen ihrer Lieder wieder. Auch die zahlreichen Auftritte in den Metropolen von Ost und West haben die Bilder hitzeflirrender Sommer und damals noch frostklirrender Wintertage nicht zu verschütten vermocht. Mehr noch als dies aber nahmen die Eltern Einfluss auf ihre Karriere als Sängerin, wenngleich nicht gezielt, vielmehr unbewusst und indirekt.

Dass Veronika Fischer nur zwei Jahrzehnte später bereits der Star der DDR-Rockszene sein würde, ließ sich damals noch nicht erahnen. Sie hatte zu jener Zeit einfach Freude an der Hausmusik mit Eltern und Schwestern, am Singen und an Auftritten bei verschiedenen Wettbewerben. Der Vater, Tischlermeister mit eigenem Betrieb, spielte Geige, die Mutter, gebürtig aus dem schwäbischen Tübingen, Mundharmonika. Gewiss, Bach und Beethoven gehörten nicht zum Repertoire. Und Ziel war auch nicht das perfekte Spiel des Instruments. Wie hätte das ein Vater, der tagsüber mit seinen Händen hart zupacken musste, und eine Mutter, die in einem Taubstummenhaushalt aufgewachsen war und erst mit drei Jahren im Kindergarten sprechen lernte, erfüllen sollen? Aber die Liebe zu den Tönen, Harmonien und Klängen, die pflanzten sie ihren Kindern tief ins Herz. Ob sie wohl daran dachten, dass ihre dritte Tochter, dass Veronika deshalb nie mehr von der Musik loskommen würde? Dass sie damit die höchsten Gipfel erstürmte ebenso wie sie in die tiefsten Täler stürzte? Und gar nicht selten beides zugleich.

Lehrjahre bei den Besten der Besten

Hier studierte Veronika Fischer von 1968 bis 1973 – Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden (Foto: HfM Dresden, Archiv)

Zunächst aber bewirbt sich Veronika Fischer in Weimar um Aufnahme in eine an der dortigen Hochschule für Musik „Franz Liszt“ angegliederte Spezialklasse, die neben dem Abitur zusätzlich auf ein Musikstudium vorbereitet. Wegen fehlender Klavierkenntnisse geben ihr die Goethestädter allerdings ziemlich rüde einen Korb, ohne dass sie sie auch nur ein einziges Lied vorsingen lassen. Aus der Gesangskarriere wird erst einmal nichts. Wie groß der Ärger der Weimarer zehn Jahre später gewesen sein mag, als sich ihre Platten in der kleinen DDR über eine Million Mal verkauften, ließ sich leider nie in Erfahrung bringen. Zwei Jahre später ein weiterer Anlauf, dieses Mal in Dresden an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. Die bietet ihr nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung einen Studienplatz an. Es ist das Jahr 1968 und Veronika Fischer gerade 17 Jahre alt. Am Anfang steht eine klassische Gesangsausbildung bei der bekannten aber auch strengen Konzert- und Oratoriensängerin Herta-Maria Collum. Die empfiehlt ihr wegen ihrer seltenen Alt-Stimme eine Karriere im klassischen Fach. Das bedeutet für die junge blonde Frau aus Thüringen eine hohe Anerkennung.

Dennoch bleibt sie bei ihrem Plan und wählt nach erfolgreichem Abschluss des zweijährigen Grundstudiums im anschließenden auf eine Solokarriere ausgerichteten dreijährigen Fachstudium den Schwerpunkt Lied, Chanson und Musical. Die Begründung ist ebenso einfach wie einleuchtend. Viele junge Menschen jener Jahre, und Veronika Fischer macht da keine Ausnahme, erleben die Zeit wie ein Drachenflieger den Aufwind im Gebirge. Immer höher, alles ist möglich. Mehr noch aber braucht die Musik, die sie anstrebt, ein Publikum, das nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen hört. Deshalb die Entscheidung für das Leben im Hier und Jetzt und gegen die Etikette der klassischen Kunst. Ihre Vorbilder sind die Beatles, Aritha Franklin und Janis Joplin. 1973 stellt sie sich der Staatsexamensprüfung – mit Erfolg. Über die Qualität der Dresdener Musikhochschule ist Veronika Fischer noch heute des Lobes voll. Neben den grundlegenden Elementen jedes hochschulischen Musikstudiums wie Musiktheorie, Musikgeschichte und –pädagogik, Gehörbildung, Sprecherziehung und Korrepetition lernt sie das richtige Atmen, vom (Noten-)Blatt zu singen, wie man sich auf der Bühne bewegt, wie man sich eine Komposition und einen Text erarbeitet, wie man die gewünschten Töne formt.

Eine Karriere wie im Rausch

Es waren die wilden siebziger Jahre – Veronika Fischer als Leadsängerin der Gruppe Panta Rhei (Foto: Fischer)

Nebenbei tritt sie bereits sehr früh mit verschiedenen Bands auf, die wenig später zu den ganz Großen der Rock-, Pop- und Jazzszene zwischen Ostsee und Erzgebirge gehören werden. So wie die Stern-Combo Meißen und die Gruppe Panta Rhei, aus der bald darauf die in Ost und West gleichermaßen bekannte Gruppe Karat hervorgeht. Veronika Fischer, inzwischen mit dem ehemaligen ungarischen Jugendfußballnationalspieler László Kléber verheiratet, füllt die Rolle der Leadsängerin aus, als hätte sie nie etwas anderes getan. Kleber wird fortan ihr Manager. Bereits ein Jahr nach Studienabschluss gründet sie1974 ihre eigene Band. Veronika Fischer & Band werden schnell zum Markenzeichen, bald schon mit Kultstatus. Fischer wird das Gesicht dieses Erfolges. Genauso großen Anteil haben freilich zwei andere Namen im Hintergrund. Ihr Keyboarder Franz Bartzsch wird ihr kongenialer Komponist und Arrangeur, Kurt Demmler ihr Texter. Musik, Text und Stimme werden zu einer Einheit, die es so in der Szene nur ganz selten gibt. Bartzsch gilt als einer der besten Popsongschreiber der DDR, Demmler als genialer Texter, Fischer als die Stimme.

Von jetzt ab geht alles ganz schnell. Veronika Fischer arbeitet mit einer Intensität wie im Rausch. Zehn Singles und vier LPs in nur sechs Jahren. Und immer wieder Konzerte, in manchen Jahren mehr als 250, dazu Tourneen im In- und (sozialistischen) Ausland. Das bedeutet 250 Mal erst nach Mitternacht in den Schlaf kommen, dennoch früh aufstehen, im von ihr oft selbst gesteuerten Barkas B 1000, dem „VW-Bus der DDR“, zum nächsten Ort, Soundcheck, erneuter Auftritt. Sie klagt nicht. Es gehört zu ihrem Job. Sie wird zum Publikumsmagneten, ohne dass ihr freilich groß Zeit bleibt, das in sich aufzunehmen. Reich geworden ist sie damit allerdings nicht. „Rockmusiker wurden in der DDR gebraucht, um die Jugend bei Laune zu halten“, blickt sie zurück, „doch finanziell hielt man uns an der kurzen Leine.“ Anders als heute, wo die Bands das benötigte Equipment von einschlägigen Dienstleistern mieten, müssen es Veronika Fischer und ihr Mann selbst anschaffen. Das kostet hohe Summen. Auch deshalb heißt es aufzutreten, wann immer ein Engagement winkt. Die entsprechenden Honorare sind allerdings pauschaliert. Im westlichen Musikbusiness hätten Sänger mit dem Bekanntheitsgrad Veronika Fischers dafür wohl kaum einen Fuß vor die Tür gesetzt.

Wenn Sängerin und Publikum eins werden

Einfach aber robust – Ein solcher Barkas B1000 diente Veronika Fischer und ihrer Band als „Tourbus“ (Foto: Wikimedia/Torsten Maue)

Anders, aber um nichts besser, ist die Situation bei den Tonträgern. Während die Autoren, also die Komponisten und Texter, am Plattenverkauf sowie an den Nutzungsrechten ihrer Lieder beteiligt sind, speist die einzige DDR-Plattenfirma Amiga die Sängerin pro eingesungenem Lied mit einem einmaligen Betrag von 500 DDR-Mark ab. Eine Abrechnung über die Zahl der verkauften Platten erhielt sie deshalb nie, ebenso wenig eine Aufstellung, wie oft ihre Songs in Funk, Fernsehen und bei anderen öffentlichen Anlässen abgespielt wurden. Die Frau ihres langjährigen Texters Kurt Demmler verrät ihr später einmal beiläufig in einem Gespräch zwischen Herd und Spüle, dass ihr Mann mit diesen Tantiemen Millionen verdient habe. Wenn Veronika Fischer indessen auf ihre Kontoauszüge schaut, kann sie jeden Tag sehen, was ihr vorenthalten wurde. Doch so waren die Zeiten. Während sich politisch angepasste Heros in der DDR korrumpieren und kaufen ließen, beantwortet Amiga Fischers kritische Nachfragen abschlägig. 1977 trennen sich ihre und ihrer Bands Wege. Um Thomas Natschinski gruppiert sie eine neue Formation. Und muss lernen, nicht nur als Frontfrau und Sängerin ihre Frau zu stehen, sondern nun auch der unternehmerische Kopf des Projektes Veronika Fischer zu sein.

Mit jedem Konzert und mit jeder neuen Plattenproduktion bewältigt sie auch diese Aufgabe immer besser. Den Kräfteverschleiß in jener Zeit verdrängt sie sehenden Auges. Doch nicht genug damit. Nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann zieht die SED die Zügel auch in der Musikszene an. Aufmüpfige Gruppen wie Renft erhalten Auftrittsverbot oder werden in den Westen abgeschoben. Auch für Veronika Fischer werden die Spielräume enger. Zwar sind ihre Texte nicht vordergründig politisch. Doch wandelt sie mit ihrer sehnsuchtsvollen melancholisch-romantischen Liebeslyrik ebenfalls auf schmalen Grat. Denn die von ihr besungene Intimität und Freiheit einer uneingeschränkt individuellen Liebe anstelle patriotischer Hymnen über die Segnungen des Sozialismus kann bei Bedarf schnell als systemkritisch eingestuft werden. Sie weiß das. Sie verdrängt es ein ums andere Mal. Sie wünscht sich ein Kind. Sie steht noch im achten Monat mit Babybauch auf der Bühne und drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes Benjamin schon wieder. Von nun ab trägt sie nicht mehr nur für sich, ihre Musiker und deren Familien, sondern auch für ihr Kind Verantwortung. Es ist ein spannender Prozess. „Ich würde heute einiges anders machen“, schaut sie zurück.

Das Ende der Illusionen

Veronika Fischer & Band – Plattencover von 1976 (Foto: Fischer)

Musikalisch aber ist es eine kreative Zeit. Neben ihren eigenen Platten leiht sie auch zwei Alben von Reinhard Lakomy ihre Stimme, beide mit Kinderliedern. Das eine davon, „Der Traumzauberbaum“, begleitet in Ost und West mehrere Generationen beim Erwachsenwerden. Von Günther Fischer, einem der Großen der kleinen DDR-Jazz-Community, lässt sie sich zu sechs ursprünglich für Manfred Krug geschriebenen Liedern einer LP mit dem Titel „Lieder einer großen Stadt“ überreden. Denn Krug war im Gefolge von Biermanns Ausbürgerung gerade mit großem Aplomb von Ost- nach Westberlin gegangen und stand nicht mehr zur Verfügung. Auch das wurde ein Erfolg. Restlos glücklich ist sie dennoch nicht. Ein vom westdeutschen Plattenlabel WEA, Tochterunternehmen von Warner Brothers, vorgeschlagenes Projekt einer gemeinsam mit Amiga zu produzierenden LP erhält keine Genehmigung. Einladungen des Goethe Instituts wegen ihrer lyrischen Texte zu internationalen Konzertreisen werden abgelehnt. Das Vorenthalten dieser Chancen zermürbt sie zusehends. Wenig später kommt es, obschon ganz ohne ihr Zutun, noch viel dicker. Franz Bartzsch verliebt sich in eine junge Französin und erhält zur gleichen Zeit vom Management des Schlagerbarden Roland Kaiser ein Angebot, das Keyboard in dessen Begleitband zu übernehmen. 1980 kehrt er von einem Konzert in West-Berlin nicht mehr zurück. Die Überredungskünste und Verlockungen der DDR für eine Rückkehr laufen ins Leere. Bartzsch entscheidet sich für den Klassenfeind, wie das in der Diktion der SED heißt.

Auch wenn es keine im Gesetzblatt veröffentlichte Verordnung gibt, werden in Funk und Fernsehen im vorauseilenden Gehorsam ab sofort alle von ihm komponierten Songs gemieden und Veronika Fischer als seine wichtigste Interpretin damit zur Persona non grata. „Damit wurde ich von einem Tag auf den anderen neunzig Prozent meines Repertoires beraubt“, sagt sie und staunt noch immer ungläubig, wie grobschlächtig Menschen mit Kunst umgehen können. Es bedeutet für sie ein allmähliches Auftritts- und Berufsverbot, von dem es freilich kein Entrinnen gibt. Schließlich kann sie die Lieder, die ihr Publikum von ihr hören will und die ihre eigenen sind, nicht mehr singen. Ein anspruchsvolles abendfüllendes Repertoire aus dem Nichts neu aufzubauen aber brauchte es mindestens zwei bis drei Jahre und würde sie künstlerisch weit zurückwerfen. Und wovon in der Zwischenzeit leben? Sie gerät zwischen die Mühlsteine eines Konfliktes, der nicht ihrer, sondern einer der DDR-Staats- und Parteiführung zu Zeiten des Kalten Krieges an der heißen Nahtstelle zwischen Ost und West ist, und in dem auch die DDR-Mächtigen sich den Interessen der sowjetischen Führungsmacht unterzuordnen haben. Der Konflikt heißt: Der Komponist ist weg, aber die Stimme ist noch immer da.

Ein Foto für die Fans – Veronika Fischer & Band 1975 (Foto: Fischer)

Was nun? Ihr Mann, ungarischer Staatsbürger mit einem ungarischen Reisepass, geht mit ihrem gemeinsamen Kind über Ungarn und Österreich nach Westberlin. Veronika Fischer hofft, ihm auf dem Weg einer anschließenden Familienzusammenführung bald folgen zu dürfen. Die Staatsführung ist allerdings uneins, wie mit dem Fall Fischer verfahren werden soll. Plädieren viele Kulturfunktionäre mit Blick auf ihre Musik und auf ihren Bekanntheitsgrad fürs Bleiben, würden zahlreiche andere mit einer Abschiebung in den Westen und dem erhofften künstlerischen Scheitern gerne das schmachvolle Ende einer Abtrünnigen als abschreckendes Beispiel inszenieren wollen. Heraus kommt am Ende ein auf zwei Jahre begrenztes sogenanntes Dauervisum. Sie muss nicht, aber darf in Westberlin leben, unbegrenzt ein- und ausreisen, jedoch nur in der DDR auftreten und arbeiten. Eine Vereinigung mit ihrem arbeitslosen Mann und ihrem Sohn ist so freilich nicht möglich. Schließlich kann sie ihre in DDR-Mark ausgezahlten Gagen nicht in West-Mark umtauschen, allenfalls illegal auf dem Schwarzmarkt. Wovon also Miete, Strom und den Lebensunterhalt bezahlen?

Ein erzwungener Weggang

Dazu ist die Angst ihr ständiger Begleiter. Die Angst, dass sich irgendeines Tages auf der Rückfahrt von einem Konzert nach Westberlin der Schlagbaum nicht mehr hebt und sie nicht mehr zu ihrem Sohn zurückkehren kann. Zumal der Druck auf die Staatsführung steigt. Schließlich wird die Frage unter Künstlern lauter, warum nicht alle so ein Visum bekommen dürfen, wie man es der Fischer zugebilligt hat. Was ihr erst später klar wird, sie ist zum Politikum geworden. Sie sitzt zwischen allen Stühlen. Ihre Nerven sind zum Zerreißen angespannt. Umso mehr, als sie nicht einzuschätzen vermag, was passieren könnte, wenn … Sie kann die offene und verdeckte Verlogenheit um sie herum immer schlechter ertragen. Nach drei Monaten sind alle vor der Aushändigung des Dauervisums vereinbarten Konzerttermine abgespielt. Neue kommen nicht mehr zustande.

Offen, selbstbewusst, kritisch – Veronika Fischer 1989 (Foto: Kristina Jentzsch)

Nun ist das Maß endgültig voll. Nein, es läuft über. Sie entschließt sich für einen Schlussstrich und gibt dem Werben des Plattenlabels WEA nach, mit dem sie ja bereits zu DDR-Zeiten Kontakt hatte. Wohl wissend, dass sie damit die Vereinbarung mit der DDR bricht, unterschreibt sie einen Vertrag mit diesem Unternehmen. Bald darauf erscheint die erste LP. Wenigstens muss sie sich jetzt keine Sorgen mehr um den Lebensunterhalt machen. Den Boden der DDR betritt sie ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Nur wenige Monate später gibt sie ihr Dauervisum zurück. Trotz der neu gewonnenen Freiheit trägt ihr Herz Trauer. Denn der Preis dieser Entscheidung ist hoch. Sie muss ihr Publikum und ihre Begleitband, aus der bald darauf die Band „Pankow“ wird, ebenso zurücklassen wie ihre Eltern, ihre Geschwister und viele Freunde. „Es wurde einer der tiefsten Einschnitte in meiner Karriere und in meinem Leben“, blickt sie auf diese Zeit.

Ein hoffnungsvoller Neubeginn

Der Unmut der DDR-Staatsführung ist groß. Man hat sie weder halten können, noch scheitert sie im Westen künstlerisch. Die Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, Gisela Steineckert, schleudert ihr, lyrisch verpackt, den Bannfluch der (Kultur)Apparatschiks hinterher. „Wenn ich fortginge wie ein Dieb in der Nacht, oder lauthals wegen eines schönen Bildes von der Welt, geh ich niemanden mehr an.“ Sie sollte sich täuschen. Am 9. November 1989, am Tag des Mauerfalls, feierte Fischer mit einem Life-Auftritt in der Dresdener Fernsehgala „Showkolade“ ein rauschendes Comeback. Die Menschen hatten sie nicht vergessen. Doch zurück ins Jahr 1980. Der Neustart im Westen erweist sich erwartungsgemäß als eine Herausforderung. Immerhin ist sie von ihrem alten Publikum durch eine Mauer getrennt und das neue will erst erobert werden. Die Lebensgefühle unterscheiden sich in den beiden Deutschlands stark, die Resonanzböden hier und dort klingen verschieden.

Veronika Fischer zusammen mit der deutsch-britischen Rockband „Lake“ in Hamburg 1982 (Foto: Fischer)

Aber sie lernt schnell. Bereits im ersten halben Jahr produziert sie bei ihrer neuen Produktionsfirma WEA noch einmal gemeinsam mit Franz Bartzsch und zwei Textern aus München, einer davon Michael Kunze, eine LP. Ihr programmatischer Titel: „Staunen“. Dann allerdings verlieren sich ihre gemeinsamen Wege mit Bartzsch. Zwar immer mal wieder, gleichwohl nur gelegentlich, fanden sie für das eine oder andere Projekt zusammen. Sie vermisst die enge Zusammenarbeit. Umso mehr, als sie zu den neuen Textern und Texten nur schwer einen Zugang findet. Doch auf dem Weg zum Schlager mag sie ihrem ehemaligen Weggefährten Bartzsch nicht folgen. Auch wenn Veronika Fischer, gemessen an der öffentlichen Bekanntheit, nicht mehr an ihre Hochzeiten in der DDR anzuknüpfen vermag, muss sie sich in den 1980er Jahren finanziell keine Sorgen machen.

Singen für ein mündiges Publikum

Das Plattenlabel WEA akzeptiert nach anfänglichem Zögern ihren ganz eigenen Stil, in dem Rock, Pop, Chanson und Jazz gekonnt und sehr erfolgreich miteinander verschmelzen. Sechs CD’s wird sie bei WEA produzieren. Das Label lässt ihr kreative Freiheiten. Sie bedankt sich mit dem Erfolg ihrer CD’s. Sie muss in dieser Schaffensphase nicht mehr von einem Konzert zum anderen hetzen und hat endlich mehr Zeit für ihren Sohn. Dafür ist sie dankbar. Was die Musik anlangt, wechseln in dieser Zeit die Namen der Autoren von Projekt zu Projekt. Mit dem Komponisten Achim Oppermann produziert sie mit „Unendlich weit“, Text Christoph Busse, (1983) und „Sehnsucht nach Wärme“, Text Thomas Woitkewitsch, (1984) zwei sehr erfolgreiche Alben. Sie verkaufen sich über 100.000 Mal. Gleichwohl muss Veronika Fischer akzeptieren, dass auch über den Wolken die Freiheit nicht grenzenlos ist.

Ihr Publikum von Anfang an ernst genommen – Veronika Fischer als Leadsängerin von Panta Rhei 1972 (Foto: Fischer)

Ging es bisher um politisches Wohlverhalten, geht es jetzt um Besucher- und Verkaufszahlen, Werbeetats, Veranstalter, Auftritte in Funk und Fernsehen zur besten Sendezeit oder kürzer ausgedrückt: ums Geld. Vornehmlich um das, was andere mit ihr als Sängerin verdienen wollen. Ihre Musik sei zu wenig marktgerecht, bedeutet man ihr. Und im Übrigen sei in Rock und Pop Englisch die Lingua franca, nicht Deutsch. Das versteht sie und signalisiert Bereitschaft. Am Ende aber verharrt die amerikanische Plattenfirma ängstlich bei ihrer Überzeugung, dass deutschsprachigen Interpreten mit englischen Songs noch nie Erfolg beschieden war. Weitergehenden Kompromissen verweigert sich Veronika Fischer standhaft. Klein beizugeben zählt nicht zu ihren Stärken. „Ich wollte die Leute nicht verdummen“, formuliert sie es. Dazu kommt, Veronika Fischer ist zwar begnadete Sängerin. Ausflüge in die Komposition aber unternimmt sie nur selten. Ihr Leitspruch ist: Jeder tut das, was er am besten kann. Bei ihr ist es das Singen.

Erfolg auch beim dritten Neustart

Etwas aber ist anders. Arbeitete sie zu DDR-Zeiten, wie die englischen Bands zu Beginn des Rockzeitalters, sogar über mehrere Jahre mit einer konstant besetzten Band zusammen und die umgekehrt nur mit ihr und probierte man für neue Plattenaufnahmen schon einmal 14 Tage am Stück im Probenraum, ging es jetzt sehr viel geschäftsmäßiger zu. Jeder Studiomusiker spielt seinen Part ein, anschließend mischt der Toningenieur die Spuren zum gewünschten Klangbild ab. Während acht Jahren produziert sie sechs Alben. Nach der Wende wechselt sie zu Polydor. Dort produziert sie ebenfalls sehr erfolgreich, auch ein Musical. Sie erhält Einladungen zu Festivals, wird für den Echo nominiert und ist mehrmals in den Top Ten der Airplaycharts. Dann die neue Zeitrechnung nach dem Fall der Mauer. Zum dritten Mal muss sie nach der Wende zurück auf Los, zum dritten Mal beginnt ihre Karriere neu. Sie nimmt die Herausforderung an und erkämpft sich ihr ehemaliges Publikum in den neuen Bundesländern ebenso schnell wie nachhaltig zurück.

2001 feiert Veronika Fischer ihr 30jähriges Bühnenjubiläum. Dabei Andreas Bicking (3.v.r.) und Fanz Bartzsch (3.v.l.) (Foto: Fischer)

Wichtig dafür wohl auch, dass sie 1990 in Andreas Bicking als Leiter ihrer Begleitband, immer stärker auch als Komponist und Arrangeur musikalisch wieder einen festen Bezugspunkt findet. Die Zusammenarbeit währt 18 Jahre. Die Life-Auftritte, fünfzig und mehr pro Jahr, in den neuen Bundesländern mehr als in den alten, gewinnen wieder viel Raum. Stimmlich erreicht sie in diesen Jahren ihren Zenit. Und es entstehen erneut wunderschöne Lieder. Darunter solche wie das mit dem viel zu früh verstorbenen Renft-Texter Gerulf Pannach und dem Komponisten Detlef Petersen entstandene Lied „Weit übers Meer“. Oder den ebenfalls von Petersen komponierten und von Werner Karma getexteten Titel „Träumer wie wir“. Nicht zu vergessen auch „Das Lügenlied vom Glück“, für das Pannach den Text und ihr langjähriger musikalischer Begleiter Franz Bartzsch noch einmal die Komposition lieferte.

„Woher Wohin“

Heute sitzen die Kinder neben ihren Eltern in den Konzerten und erliegen wie diese in ihrer eigenen Jugend dem Zauber ihrer Lieder. Vielleicht auch, weil sie stets sie selber blieb – mit ihrer Musik, ihren Sehnsüchten, ihren Gefühlen. Stark und verletzlich zugleich. In einem Lied ihrer letzten CD heißt es im Lied „Die Mitte“, Text ebenfalls Werner Karma, dennoch ganz Veronika Fischer: „Lass mich nicht los, halt mich nicht fest.“ Die Belohnung einer Sängerin ist ein glückliches Publikum. Daran gemessen ist Veronika Fischer eine vermögende Frau. Inzwischen verlangt die Stimme mit jedem zusätzlichen Lebensjahr einen höheren Trainingsaufwand gegen den Verschleiß. Das ist der Tribut, den der Beruf eines Sängers je länger je mehr einfordert. Es kommt ein weiteres hinzu. „Die Seele liegt auf der Stimme“, formuliert es Veronika Fischer, „im positiven wie im negativen Sinn.“ Private Ereignisse machen es der Sängerin in den Neunzigern nicht leicht. Erst starb ihre Mutter durch einen Arztfehler, wenig später ihr Vater. Dann die Scheidung und eine, wie sie sagt, falsche Liebe. Das zehrt an ihren Kräften. 2011 legt sie mit „Zeitreise“ ihr 21. Album vor. Das 22. und bisher letzte, „Woher Wohin“, für das sie sich im Übrigen mit ausgewählten Musikern wie zu alten Zeiten noch einmal für mehrere Tage ins Studio zurückzieht, wird erst sieben Jahre später folgen.

„Woher Wohin“ ist nicht nur der Titel von Veronika Fischers letzter CD, sondern auch die zentrale Frage ihres Lebens (Foto: Felix Weber)

In der Zeit dazwischen schreibt sie ihre Biografie, die sie 2018 überarbeitet und erweitert. Die Rückkehr an vertraute Wirkungsstätten berührte indessen auch manche alte Verwundungen. Doch hat Veronika Fischer mit den meisten Dingen ihren Frieden gemacht. Nachtragend ist sie nicht. Das gilt sogar für die spitzzüngige Gisela Steineckert, die 2001 ein Buch über sie schrieb. „Sie hat in vielen Dingen ihre Meinung geändert“, ist Veronika Fischer überzeugt. Und ihre jugendliche Ungeduld hat schon lange einer verständnsvollen Demut Platz gemacht. Persönlich steht die Sängerin mit der Liebe eines neuen Lebensgefährten endlich wieder auf sicherem Boden. Wie es sich für sie anfühlt, Lieder zum hundertsten Mal und mehr singen zu müssen, möchte ich zum Schluss noch wissen. „Das hängt vom Lied und vom Konzert ab“, antwortet sie ohne Umschweife. „Viele Lieder und Balladen sind nie aus meinem Herzen verschwunden, bei manchen muss ich mich jedes Mal wieder hineinarbeiten, einige habe ich nicht mehr im Repertoire und andere singe ich aus Dankbarkeit fürs Publikum.“ Das hofft auf noch viele Jahre mit ihr. Und sie? „Solange ich gesund bleibe …“, blickt sie mit ihrer einzigartigen Stimme in die Zukunft und beendet unser Gespräch mit einem unvollendeten Satz.

 


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