Tierärztinnen – Traumjob ohne Zeit zum Träumen

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2019

In Bayern, wo noch heute die meisten Tierärzte arbeiten, heißt er in landestypischer Mundart weithin nur der „Viechdoktor“. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern dient einzig der klaren Abgrenzung gegenüber den Kollegen der Humanmedizin, die als Hausärzte auf die oft abgelegenen Höfe kommen und anstelle der Rinder und Schweine die Menschen behandeln. An dieser Konstellation und auch an der bajuwarisch eingefärbten Begrifflichkeit hat sich bis jetzt kaum etwas geändert. Bis auf  Eines. Der Viechdoktor ist immer seltener ein Tierarzt als zunehmend öfter eine Tierärztin. Schon jetzt sind zwei von drei berufstätigen Veterinärmedizinern Frauen. Tendenz steigend. Immerhin dominieren Frauen die tiermedizinische Studentenschaft bereits seit Jahren wie in kaum einem anderen Fachbereich. 90 Prozent aller jährlichen Studienanfänger an den fünf deutschen Hochschulen, das sind ungefähr 1.100 junge Menschen, waren zuletzt weiblich!

Dr. Elisabeth Brandebusemeyer ist 2. Beisitzerin im Bund angestellter Tierärzte (Foto: privat)

Schlimm ist daran nichts. Und eine Qualitätseinbuße bedeutet es schon gar nicht. Auswirkungen auf den Berufsstand und dessen Arbeit hat es freilich dennoch. Dazu gleich mehr. Wie in ähnlich gelagerten Fällen auch verwenden wir ob dieses Tatbestandes im Folgenden die weibliche Berufsbezeichnung. Stellt sich als allererstes die Frage, weshalb entscheidet sich jemand zum Studium der Tiermedizin? Schließlich hätten diese jungen Frauen auch in jedem anderen Studienfach zu jeder Zeit sofort einen Studienplatz erhalten. Immerhin konnten in der Tiermedizin zuletzt nur Bewerber auf eine sofortige Zulassung hoffen, deren Abiturnotendurchschnitt nicht schlechter als 1,3 war. In Sachsen und Thüringen wäre sogar eine 1,0 erforderlich gewesen. Die Begründung von Elisabeth Brandebusemeyer, die vor Jahren nach zwei Semestern Medien- und Kommunikationswissenschaft zur Tiermedizin wechselte, ist durchaus typisch. „Ich suchte etwas für Hirn und Hände“, sagt sie.

Modernste Medizintechnik verlangt Interesse und Geschick

Nach zwanzig Jahren Berufstätigkeit in einer Gemischtpraxis, in der sie als bestandsbetreuende Tierärztin für mehrere Schweinezucht- und Schweinemastbetriebe verantwortlich war, arbeitet sie heute in einer Kleintierpraxis. Nebenbei engagiert sie sich berufspolitisch im Bund angestellter Tierärzte (BaT). Während die Zahl der Großtierpraxen und der darin tätigen Tiermediziner stagniert, gibt es bei den Kleintierpraxen und Tierkliniken nach wie vor Zuwächse. Doch haben sich nicht allein die Gewichte zwischen Nutz- und Kleintieren, vorwiegend Hunden, Katzen, Vögeln und anderen Heimtieren, verschoben. „Die Tiermedizin insgesamt hat fachlich eine enorme Entwicklung genommen“, weist Dirk Remien mit der Erfahrung von 25 Berufsjahren auf einen wichtigen Punkt hin. Remien ist Inhaber einer Tierklinik in Lüneburg und wie die meisten seiner 30.000 berufstätigen Kolleginnen und Kollegen mit Leib und Seele Tierarzt. Schon im Studium wurde er für außergewöhnliche Studienleistungen mit dem W.-Schaumann-Gedächtnispreis ausgezeichnet.

Dr. Dirk Remien ist in Lüneburg Chef von über 70 Angestellten (Foto: privat)

Mit über siebzig Angestellten, davon sind 22 Tierärztinnen und Tierärzte, gehört die Lüneburger Klinik zu den Namhaften der Branche. Mehr als 130 Kleintierpraxen überweisen zu ihr. Remien selbst hat sich auf das Fachgebiet Kardiologie spezialisiert. Die diagnostischen Verfahren in der Tiermedizin entsprechen inzwischen weitgehend denen in der Humanmedizin. Computertomographische und magnetresonanztomographische Untersuchungen etwa gehören lange schon zum Praxisalltag. Thorax-, Wirbelsäulen und Lungenlappenoperationen ebenso. Das Einsetzen künstlicher Hüftgelenke oder einer neuen Linse beim grauen Star sind in der Kleintiermedizin mittlerweile Routineeingriffe. Der einzige Unterschied gegenüber Ärzten an städtischen Krankenhäusern: statt weißer tragen sie grüne Kittel und für Nutztiere ist das OP-Besteck etwas großvolumiger. Ohne Verständnis für die moderne Medizintechnik kommt keine Tierärztin mehr aus. Einen gewichtigen Unterschied gibt es dennoch. Die Patienten der Tierärzte können nicht reden. Umso genauer gilt es also hinzuschauen und die Beobachtungen in einer zutreffenden Diagnose zusammenzuführen.

Tierschutz ist ein hoch emotionales Geschehen

Wie die Kollegen der humanmedizinischen Fraktion bedürfen auch Tierärztinnen ausgewiesener kommunikativer Fähigkeiten. Denn Hunde und Katzen sind heute zu Familienmitgliedern mit wichtigen Sozialfunktionen geworden. Gar nicht selten fungieren sie als Partner- oder Kinderersatz. Entsprechend engagiert fällt die Fürsorge ihrer Besitzer aus. „Deshalb müssen wir das andere Ende der Leine stets mit behandeln“, formuliert es Dirk Remien humorvoll. Was für alle Tierärztinnen keine geringe Herausforderung bedeutet. „Die Liebe zu ihren Tieren lässt die Besitzer manchmal die biologischen Gesetzmäßigkeiten vergessen“, beobachtet Remien zunehmend öfter. Angesichts des Leids ihrer Tiere verlieren da auch schon mal gestandene Männer die emotionale Balance. Elisabeth Brandebusemeyer berichtet von ähnlichen Erfahrungen, dann wenn Tiere das Ende ihrer Lebensspanne erreichen. „Als Tierärzte sind wir zu allererst dem Tierwohl verpflichtet“, erklärt sie. „Weshalb die Euthanasie, also das schmerzfreie Einschläfern, von unheilbar kranken Tieren zu unseren beruflichen Aufgaben zählt.“

Schweine in Intensivhaltung (Foto: Wikimedia/USGS)

Die Gespräche darüber seien freilich ebenso intensiv wie der ethische Spagat in jedem Einzelfall überzeugend begründet sein will. Eine psychisch stabile Persönlichkeit ohne ideologische Scheuklappen scheint dafür unbedingte Voraussetzung. In den Nutztierpraxen, wo bislang noch die männliche Kollegenschaft die Mehrheit stellt, sieht es zwar anders aus. Weniger schwierig ist die Situation gleichwohl nicht. Neben der in Artikel 20a des Grundgesetztes festgeschriebenen Unversehrtheit des einzelnen Tieres besitzt hier allerdings die Bestandssicherung der gesamten Herde eine gleichwertige Bedeutung. Das verlangt den bestandsbetreuenden Tierärztinnen gar nicht selten alles ab. Denn am Ende muss sich jede tiermedizinische Intervention für den Halter stets auch wirtschaftlich lohnen. Darüber hinaus werden die Auflagen an die Diagnostik, die Therapie sowie die Dokumentation von beidem immer umfangreicher.

Extensive gesetzliche Vorschriften

„Wir müssen die Menge der verabreichten Antibiotika erfassen, die gesetzlich vorgeschriebenen Blutuntersuchungen und Impfungen termingerecht durchführen und auch begründen, weshalb eventuell diese oder jene Röntgenaufnahme notwendig wird“, beschreibt Stephan Schlawinsky die Fülle der von ihm zu leistenden Aufgaben. Schlawinsky betreibt in Boitze nahe Uelzen eine veterinärmedizinische Gemischtpraxis für Nutz- und Kleintiere. Viele Fernsehzuschauer kennen ihn aus der ARD-Nachmittagsserie „Die Tierärzte – Retter mit Herz“. Während die Kleintierhalter zu ihm in die Praxis kommen, findet die nutztierorientierte Arbeit stattdessen im Haltungsbetrieb statt. Regelmäßige Bestandsbesuche sind in den artspezifischen Leitlinien festgeschrieben. Neben der Therapie kranker Tiere müssen Tierärztinnen heutzutage auch die Stalleinrichtungen, deren Lüftungssysteme, die Futterqualität, die Wasserversorgung, dazu das Betriebs- und Hygienemanagement begutachten. Allerdings besitzen sie lediglich beratende und empfehlende Funktion. Die letzte Entscheidung liegt beim Tierhalter.

Stephan Schlawinsky führt eine Einzelpraxis (Foto: Antje Dohmann)

Wie die meisten niedergelassenen Tierärzte ächzt Schlawinsky unter der zunehmenden Bürokratie. „Hat ein einzelnes von tausend Tieren eine Bindehautentzündung, muss ich vor der Entscheidung, welche Augentropfen zur Anwendung kommen dürfen, erst einen Resistenztest durchführen“, gibt er ein Beispiel dafür, wie eng sein tierärztlicher Spielraum mittlerweile geworden ist. Und welche Auswirkungen all das nebenbei auf sein Einkommen hat. Schließlich ist das Honorar bei derartigen Bagatellfällen gering, der zeitliche Aufwand gleichwohl hoch. Denn immerhin verlangt ihm der Fall mindestens zwei Anfahrten zum Betrieb ab. Ein Aufwand, der bei den Entfernungen im ländlichen Raum nicht zu unterschätzen ist. Man ahnt, dass unter solchen Umständen der eine oder andere der Versuchung nicht widerstehen kann, Vorschrift Vorschrift sein zu lassen und die Dinge stattdessen pragmatisch zu regeln. Bei den Pferdepraktikern ist der Reiseaufwand im Übrigen noch größer. Lediglich die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringen sie direkt am Tier.

Berufung statt Beruf

Auch die Landwirte müssen inzwischen mit jedem Euro rechnen und sehen sich darin mit den Tierärztinnen im selben Boot. Zwei von drei Tierarztpraxen erzielen nach Aussage von Stephan Schlawinsky einen nicht mehr ausreichenden Unternehmensgewinn. Das erschwert auf Dauer oder nur zum Preis einer entsprechend hohen Verschuldung die Investitionen in die unbedingt notwendige, aber eben auch extrem teure Medizintechnik. Viele Tierärzte wünschen sich deshalb eine bessere Vorbereitung auf die unternehmerischen Aspekte ihres Berufes bereits im Studium durch eine gezielte Vertiefung betriebswirtschaftlicher Lehrinhalte. Doch nicht allein wegen des unternehmerischen Risikos sinkt in den Reihen des Berufsnachwuchses die Bereitschaft, den in früheren Jahren üblichen Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Viel öfter noch gibt der Wunsch nach einem gesicherten Arbeitsverhältnis mit klaren Strukturen den Ausschlag gegen die Übernahme oder Neugründung einer eigenen Praxis. „Praxen wie meine zu verkaufen, ist deshalb inzwischen fast unmöglich“, schaut Stephan Schlawinsky besorgt in die Zukunft. Dabei ist das ein Teil seiner Alterssicherung. Alleinpraxen könnten also schon bald der Vergangenheit angehören.

Tiermedizinstudenten bei praktischen Übungen zur Pferdezahnheilkunde (Foto: Wikimedia/Tim1965)

Einen weiteren wichtigen Grund für diese Entwicklung sieht Elisabeth Brandebusemeyer auch im zunehmenden Frauenanteil innerhalb des tierärztlichen Berufsstandes. „Besonders Frauen wünschen Planungssicherheit. Immerhin gilt es, bei Nacht-, Wochenend- und Notdiensten Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen“, ist sie überzeugt. Das gilt freilich in gleicher Weise auch für junge Väter, die die Erziehung nicht nur den Müttern überlassen wollen. Deutlich ist jedenfalls, dass die Balance zwischen Privatem und Beruf besonders bei niedergelassenen Tierärzten wie Stephan Schlawinsky nur schwer zu erreichen ist. „Was mich über den Arbeitstag hinweg erwartet“, erzählt er, „lässt sich nicht einmal frühmorgens bei Arbeitsbeginn absehen.“ Tatsächlich sind die Arbeitsbedingungen eine Herausforderung. Schlawinskys Sprechzeiten umfassen regelmäßig auch den Samstagvormittag. Darüber hinaus schultert der Niedersachse eine 24-Stunden-Notrufbereitschaft – sieben Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr. Mindestens zwei Mal pro Woche klingeln ihn Kunden nachts aus dem Bett. Drei bis vier Einsätze am Wochenende sind keineswegs unüblich. Die Statistik bestätigt Elisabeth Brandebusemeyers Analyse. Sind bei den angestellten Tierärztinnen drei von vier eine Frau, ist es unter den niedergelassenen Tierärztinnen nur jede zweite.

Hohe Anforderungen, geringer Lohn

Zwar lassen sich die Dienste in einer Klinik wie der von Dirk Remien auf mehrere Schultern verteilen und so die Arbeitsbelastung etwas besser planen. Um Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit kommen aber auch angestellte Tierärztinnen nicht herum. „Die Suche nach Bewerbern, die das akzeptieren“, weiß Remien aus leidvoller eigener Erfahrung, „gestaltet sich schwierig.“ Dazu mag auch die Einkommenssituation angestellter Tierärztinnen beitragen. Ein Tarifvertrag existiert bislang nicht. Die Gehälter von Berufsanfängern liegen nach Angaben des Bundes angestellter Tierärzte im Durchschnitt bei kaum mehr als 2.200 Euro brutto. Nach Ende der Einarbeitungszeit kletterten sie auf noch immer magere 2.900 Euro. Und das bei einer wöchentlichen Arbeitsbelastung von zumeist 50 Arbeitsstunden, wie die junge Tierärztin Johanna Kersebohm nach einer Befragung von 2.000 berufstätigen Tiermedizinern im Rahmen ihrer Dissertation jüngst herausfand. Dirk Remien weist freilich darauf hin, dass die Dinge aktuell im Wandel begriffen sind. „Unsere Newcomer beginnen mit 2.800 Euro brutto und die Gesamtwochenstundenzahl steigt nur selten über 45 Stunden“, erzählt er.

Röntgenaufnahme eines Pferdegelenkes (Foto: Wikimedia/Karlyne)

Gleich wie, der Widerspruch, dass die allermeisten Tierärztinnen ihren Beruf über alles lieben, aber, um noch einmal aus der Dissertation von Johanna Kersebohm zu zitieren, jede dritte angestellte und jede vierte niedergelassene Tierärztin diesen Beruf wegen der beschriebenen Arbeitsbedingungen nicht noch einmal wählen würden, überrascht nicht. Für viele liegt die Rettung in der Beschäftigung bei einem öffentlichen oder industriellen Arbeitgeber, vor allem in den örtlichen Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämtern sowie in forschungsorientierten Instituten, dazu in der pharmazeutischen und Futtermittelindustrie. Neben geregelten Arbeitszeiten locken hier auch attraktivere Gehaltsstrukturen. Allerdings hat beides seinen Preis. Auf eine kurative Tätigkeit gilt es dauerhaft zu verzichten. „Unsere Aufgaben“, beschreibt Holger Vogel als Chef des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes Vorpommern-Greifswald seine Tätigkeit, „sind überwachender Art und bei der Verletzung gesetzlich vorgegebener Standards auch die Verhängung entsprechender Sanktionen bis hin zur Untersagung der Haltung von Tieren oder einer Betriebsschließung.“

Hoheitliche Aufgaben in der staatlichen Veterinärverwaltung

Im Einzelnen betrifft das die Tierseuchenvorsorge und –bekämpfung, die Einhaltung des Tierschutzes in den Ställen der Halter, während eventueller Transporte und in den Schlachthöfen sowie die Lebensmittelhygieneüberwachung. Für Holger Vogel ist die Tätigkeit im Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt weder persönlich noch beruflich eine Notlösung. Im Gegenteil. „Die Wurzeln unseres Berufes liegen ja genau hier“, formuliert der Sohn eines Tierarztes seine Begründung. Tatsächlich datieren die Anfänge der modernen Tiermedizin auf das 18. Jahrhundert, als man mit Hilfe größerer Tierbestände die immer wiederkehrenden Hungersnöte einzudämmen hoffte. Um Seuchen wie etwa die Rinderpest in Schach zu halten, brauchte man Fachleute. Für die großen Pferdebestände des königlichen Militärs im Übrigen auch. Die Fachleute, das waren da wie dort die Veterinärmediziner. Nur sie nämlich besaßen und besitzen die entsprechenden epidemiologischen Kenntnisse.

Dr. Holger Vogel leitet das Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt Vorpommern Greifswald und ist gleichzeitig Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte (Foto: privat)

„Mit der Überwachung der Lebensmittelproduktionskette“, weist Holger Vogel auf einen zentralen Punkt, „leisten wir einen ganz wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung.“ Vogel erfüllt diese Aufgabe mit viel Freude, auch wenn sie nicht nur schöne Seiten hat. Schließlich ist es nicht jedermanns und jederfraus Sache, in aller Herrgottsfrühe in den kalten und feuchten Hallen eines Schlachthofes die Einhaltung der Hygienevorschriften zu kontrollieren oder in Tierkörperbeseitigungsanlagen Proben aus Kadavern entnehmen zu müssen. Mehr zu schaffen macht Vogel freilich, gar nicht selten zwischen allen Stühlen zu sitzen. Denn Zielkonflikte gibt es in der Lebensmittelproduktion zahlreiche. Jeder der hieran Beteiligten hat eine unterschiedliche Perspektive: der Gesetzgeber, die Tierhalter, die Schlachthofbetreiber, die Lebensmittelhersteller, der Endverbraucher, die Tierschützer. Da werden neben soliden Fachkenntnissen und einem stabilen ethischen Kompass gute Argumente genauso wie diplomatisches Geschick und Durchsetzungsfähigkeit benötigt.

Mit Praktika dem Praxisschock vorbeugen

Das Studium konzentriert sich vor allem auf die naturwissenschaftlich-medizinischen Fachinhalte. Dass neben der Anatomie, Pathologie, Histologie, Virologie, Parasitologie, Genetik und Embryologie auch Fächer wie Lebensmittelkunde und Fleischhygiene gelehrt werden, mag manche Studienanfängerin, die unseren Bericht noch nicht gelesen hat, überraschen. Zu Frustrationen aber sollte es nicht führen. Immerhin gehören lebensmittelbezogene Kenntnisse zur Kernkompetenz von Tiermedizinern. Dies gilt in gleicher Weise für die Kenntnis der mehrheitlich ungeliebten Rechts- und Verwaltungsvorschriften. Wichtig ist auch die Pharmakologie. Immerhin besitzen Tierärztinnen das sogenannte Dispensierrecht. Auf dessen Grundlage sie anders als Humanmediziner apotheken- und verschreibungspflichtige Arzneimittel selbst abgeben dürfen. Sie sind also Tierärztin und Apothekerin in einer Person.

Tierärztin untersucht einen Hundewelpen (Foto: Wikimedia/Army Medicine)

Das Studium endet nach fünf Jahren mit dem Staatsexamen als Voraussetzung für die staatliche Zulassung zur Berufsausübung (Approbation). Ein großer Teil der Absolventen schließt wie alle meine Gesprächspartner noch eine Promotion an. Sechs Monate der Studienzeit entfallen im Übrigen auf je ein landwirtschaftliches und ein kuratives Praktikum. „Ich rate allerdings allen Studieninteressierten, schon vor dem Studium ein Praktikum zu absolvieren“, empfiehlt Dirk Remien. „Man weiß dann besser, was einen im Beruf erwartet.“ Und vielleicht entsteht dann schon eine Idee, in welche Richtung die berufsbegleitende Fachtierarztausbildung gehen soll. Die Gebiete reichen von der Anästhesiologie über Bienen, Milchhygiene, Pferde, Tierzucht und Biotechnologie bis hin zur Virologie. Die Beschäftigungschancen sind gut, regionale Mobilität und Einsatzbereitschaft auch auf dem flachen Land vorausgesetzt. Mit einer Arbeitslosigkeit von 2,5 Prozent gibt die Berufsgruppe keinen Anlass zu Befürchtungen. Grund für kritische Rückfragen bergen da schon eher die Zahlen der berufsfremd tätigen Tierärztinnen und der Tierärztinnen ohne Berufsausübung. Abzüglich der in Elternzeit befindlichen Tierärztinnen sind das immerhin 9 Prozent.

Die Tierärztin der Zukunft eine Angestellte?

Bleibt eine letzte Frage. Wie wird sich die Tiermedizin, besser: der Beruf der Tiermediziner, weiter entwickeln. Fachlich wohl ähnlich dynamisch wie in den letzten Jahren, sind die meisten Tierärztinnen überzeugt. Ohne Lust auf lebenslanges Lernen, so viel lässt sich sicher sagen, landet man zukünftig noch schneller im Abseits als bisher schon. Die körperlichen Beanspruchungen sind dagegen bereits jetzt weniger hoch als noch vor Jahren. Der Beruf verlangt also kein Gardemaß und keine überdurchschnittliche Muskelkraft mehr. Zupacken aber sollte man dennoch können. „Wenn ein Pferd steigt oder eine Kuh aggressiv wird, sollte ich schon entsprechend reagieren können“, gibt Stephan Schlawinsky zu bedenken. Ein anderer Trend ist eher wirtschaftlicher Natur. Finanzinvestoren und Futtermittelhersteller wie MARS und NESTLÉ kaufen zunehmend öfter Tierkliniken auf und besitzen inzwischen ganze Klinikketten.

Dirk Remien hört genau hin, denn auch bei Hunden kommt das Herz manchmal aus dem Tritt (Foto: privat)

Damit erhöhen sich zwar die Chancen auf einen Angestelltenarbeitsplatz. Allerdings haben sich veterinärmedizinische Erwägungen ökonomischen Zielvorgaben unterzuordnen. Doch wie ein auf Rendite programmierter Arbeitgeber den Beruf inhaltlich verändern könnte, wird spannend zu beobachten sein. In der Community gibt es jedenfalls schon jetzt heftige Diskussionen zwischen Befürwortern und Kritikern. Verweisen die einen auf die ökonomischen Vorteile, befürchten die anderen die Zerstörung des tierärztlichen Berufsethos. Ihre bange Frage: Geht es von der Berufung zum fremdgesteuerten Job? Jenseits der deutschen Grenzen, in den USA und Großbritannien, ist man mit Praxisketten bereits noch einen Schritt weiter.

Freilich scheint die Situation mit der in Deutschland nicht vergleichbar. Erreichen Tierkrankenversicherungen im angelsächsischen Raum einen Abdeckungsgrad von nahezu 50 Prozent, was unter Experten als wichtige Voraussetzung für Tierarztketten angesehen wird, zahlen die Halter von Hunden und Katzen hierzulande seit Jahren cash. Deutsche Tierärztinnen versuchen indessen dem steigenden Finanzbedarf durch den Zusammenschluss in Gemeinschaftspraxen zu begegnen. Darüber hinaus versucht die Community, mit dem Verbund Unabhängiger Kleintierkliniken (VUK), also der inhabergeführten Kleintierkliniken, dessen Präsident Dirk Remien ist, und mit der Gemeinschaft Freier Tierärzte (GFT) ihre Interessen zu bündeln und berufspolitisch einzubringen. Die bleiernen Jahre der Vergangenheit scheinen vorbei. Jetzt stehen die Tierärzte auf und stellen sich mit Verve den Anforderungen der neuen Zeit.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 31.12.2017)
Quelle: Bundestierärztekammer

Berufstätige Tierärzte: 30.302 (Frauenanteil: 65%).
Davon arbeiten als:

  • Selbständige (Niedergelassene Tierärzte): 11.976 (Frauenanteil: 51%)

    davon:
Schwerpunkt „Nutztiere“: 1.125 (Frauenanteil: 29%)
Schwerpunkt „Kleintiere“: 6.099 (Frauenanteil: 65%)
Schwerpunkt „Nutz- und Kleintiere“: 4.538 (Frauenanteil: 38%)

  • Angestellte Tierärzte: 14.636 (Frauenanteil: 78%)

    davon beschäftigt:
in tierärztlichen Praxen und Tierkliniken: 8.365 (Frauenanteil: 83%)
bei öffentlichen Arbeitgebern: 4.712 (Frauenanteil: 71%)
in Privatwirtschaft/Industrie: 1.559 (Frauenanteil: 63%)

  • Beamtete Tierärzte: 1.555 (Frauenanteil: 52%)
  • Im Ausland tätige Tierärzte: 448 (Frauenanteil: 73%)
  • Berufsfremd tätige Tierärzte: 1.094 (Frauenanteil: 72%)

Altersstruktur berufstätiger Tierärzte:  

  • jünger als 30 Jahre: 7% (Frauenanteil: 84%)
  • 30 bis 39 Jahre: 21% (Frauenanteil: 85%)
  • 40 bis 49 Jahre: 21% (Frauenanteil: 76%)
  • 50 bis 59 Jahre: 23% (Frauenanteil: 56%)
  • 60 bis 69 Jahre:13% (Frauenanteil: 37%)
  • 70 Jahre und älter: 14% (Frauenanteil: 18%)

Arbeitslose Tierärzte: 735 (Frauenanteil: 80%)

Tierärzte im arbeitsfähigen Alter ohne Berufsausübung: 1.672 (Frauenanteil: 82%); dazu kommen weitere 899 Tierärzte (Frauenanteil: 100%) in Elternzeit.

Studierende der Tiermedizin (Wintersemester 2017/2018):
Gesamtzahl: 6.345 (Frauenanteil: 87%); davon Studienanfänger: 1.072 (Frauenanteil: 90%)

Studienabsolventen (in 2017): 967 (Frauenanteil: 84%)

Einkommen: Über die Einkommen der niedergelassenen Tierärzte sind keine Statistiken verfügbar. Es ist abhängig von Standort, Größe und Schwerpunkt der Praxis.
Für in Tierarztpraxen und Tierkliniken beschäftigte Tierärzte existiert bislang kein Tarifvertrag. Im allgemeinen erzielen Berufsanfänger nach Auskunft des Bundes angestellter Tierärzte (BaT) ein Bruttoeinkommen von ca. 2.200 Euro, das sich nach der Einarbeitung auf ca. 2.860 Euro erhöht.
Für Tierärzte im Öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft/Industrie gelten die dortigen Tarifverträge.

Studienmöglichkeiten: Freie Universität Berlin, Universität Gießen, Tierärztliche Hochschule Hannover, Universität Leipzig, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Weiterführende Informationen: https://www.bundestieraerztekammer.de/tieraerzte/berufsbild/

 

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