Thomas Junker – Der weitgereiste Geschichtenerzähler

Von Hans-Martin Barthold | 14. April 2022

Mit Rudolf aus dem Nordosten Sibiriens verbindet Thomas Junker (li.) eine ganz besondere Freundschaft (Foto: Thomas Junker)

Ihn selbst sieht man nur selten in seinen Länderreportagen. Das ist gewollt. „Es geht ja nicht um mich. Es geht um die Menschen dort, die sich mir anvertrauen und mir einen Blick in ihr Leben gewähren“, erklärt er. Aber doch ist Thomas Junker eines der bekanntesten Gesichter des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Aus gutem Grund präsentiert der Sender die von ihm produzierten Filme noch immer zur Prime Time. Schließlich erreichen seine Zuschauerquoten seit dreißig Jahren regelmäßig Spitzenwerte. In über 100 Länder hat er seine Zuschauer inzwischen schon entführt. Als Globetrotter wie der jüngst verstorbene Hardy Krüger senior versteht er sich dennoch nicht. Denn anders als es der ehemalige Filmstar nach Ende seiner Karriere machte, besucht er nicht die Reichen, Schönen und Mächtigen dieser Welt. Nein, er fährt zu den einfachen Menschen. Früher mit dem Motorrad, heute auf vier Rädern mit einem Toyota Hilux. Über Hochgebirgspässe, durch Wüsten, entlang reißender Flüsse, vorbei an großen Metropolen wie an einsamen Blockhütten, über asphaltierte Highways oder staubige Schotterpisten, bei Hitze und Kälte.

Das ist nicht selten gefährlich und regelmäßig mit viel persönlichem Einsatz verbunden. Denn Thomas Junker reist stets nur im kleinsten möglichen Team, nämlich zu zweit, und nicht mit großem Tross. „Das erleichtert uns den Zugang zu den Menschen“, ist er überzeugt. Darüber hinaus vermittelt diese Art der Fortbewegung eine im wahren Wortsinn authentische Er-Fahrung von Land und Leuten, sorgt für die erforderliche Demut. Bis jetzt ist zwar noch immer alles gut gegangen. Aber einige Male stand es doch schon Spitze auf Knopf. So als seinem langjährigen Begleiter auf einer Fahrt im dünn besiedelten tibetischen Hochland der Zwölffingerdarm platzt und es bis zum nächsten Operationssaal fast 300 Kilometer auf unbefestigten Straßen sind. Da erwiesen sich der ihnen ungebeten zur Seite gestellte staatliche Aufpasser und dessen Auto als Segen. Allein mit ihren schwer beladenen Motorrädern hätte es keine Rettung gegeben. Warum nimmt einer wie er das auf sich? „Ich bin neugierig auf Menschen und wie sie leben“, lautet die kurze Begründung des gelernten Journalisten (Siehe dazu: Journalist – Ermittler, Analyst und Welterklärer; https://www.berufsreport.com/journalist-ermittler-analyst-und-welterklaerer/) Junker. Er versteht sich als Berichterstatter und Dokumentar, aber nicht als Voyeur und auch nicht als Besserwisser! Seine Freiheit endet für ihn dort, wo sie die des Gegenüber einschränken oder gar verletzen könnte.

Dokumentarfilmer, kein Reisejournalist

Fast schon Familienmitglied: Thomas Junker (2. v. r.) zum Abendbrot bei Galina und Rudolf (Foto: Thomas Junker)

Er sei Dokumentarfilmer, kein Reisejournalist, macht er in unserem Gespräch ebenso schnell wie nachdrücklich klar. Keiner also, der zusammen mit zwei Dutzend Kollegen auf Einladung und Kosten der nationalen Reiseverkehrsämter per Jumbojet einfliegt und sich anschließend im klimatisierten Bus mit abgedunkelten Scheiben zu den Naturschönheiten eines Landes und den dortigen Fünf-Sterne-Hotels kutschieren lässt. Um dann als Dankeschön dafür das Wetter, die immerwährende Freundlichkeit der Menschen, die Coolness der Nobeldiscos sowie den Zimmerservice und das Essen à la carte in den allerhöchsten Tönen zu lobpreisen. Damit der Leser bitteschön genau dieses Ressort im nächsten Urlaub bucht. So jedenfalls das stillschweigende Agreement im Reisejournalismus. Bei Thomas Junker ist das anders. Er ist stellvertretend für seine Zuschauer unterwegs. Seine Fragen sind deren Fragen, seine respektvolle Distanz die ihre. „Nur wenn du glaubwürdig bleibst, schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich einschalten und dir zuhören“, ist er überzeugt.

Gewiss, auch Thomas Junkers Filme zeigen Landschaften. Liebliche, schroffe, erhabene, triste, von der Sonne ausgetrocknete Steppen, vom Regen in saftiges Grün verwandelte Almen, Schnee bedeckte Gebirge. Doch bilden sie für seine Berichte nur den Rahmen. Einen Rahmen, der helfen soll, das Leben der hier wohnenden Menschen besser zu verstehen. Wie sie arbeiten, was sie denken, wie ihre Kultur aussieht, an wen und was sie glauben, mit welchen Problemen sie sich herumschlagen, wovon sie träumen, worauf sie hoffen, wie ihre Wünsche für Kinder und Enkel aussehen, was sie täglich wieder neu antreibt. Dafür bereitet Thomas Junker jede seiner Expeditionen über viele Monate lang, gar nicht selten auch über Jahre, akribisch vor. Die meiste Zeit sitzt er deshalb auch nicht hinter dem Steuer seines Toyota Hilux, sondern ist mit den vorbereitenden Planungen beschäftigt. Er sichtet alle verfügbaren Informationsquellen, „frisst“ Stapel von Büchern, wie er es formuliert, telefoniert mit Hinz und Kunz. Allein auf Wikipedia verzichtet er.

Berichten, nicht richten

Letzter Feinschliff: Thomas Junker zusammen mit Cutter Torsten Zürn (r.) und Filmmusiker Peter Eichstädt (Mitte) im Schneideraum (Foto: Thomas Junker)

Eine hohe Bedeutung misst Thomas Junker bei diesen Recherchen den (Ansprech)Partnern vor Ort zu. Darüber hinaus gilt es, sich die Dienste von heimischen Übersetzern zu sichern. Die Routenführung muss geplant und in einigen Ländern auch zur staatlichen Genehmigung eingereicht werden. Weiter sind Hotels, Fährpassagen und Flugverbindungen zu buchen, Visa zu beantragen, die Dreherlaubnis einzuholen und viele andere erforderliche Unterlagen zusammenzustellen. Thomas Junkers Reisen dauern in der Regel neunzig Tage, in seltenen Fällen auch einmal vier bis fünf Monate. Nach der Heimkehr beginnt der letzte, aber nicht weniger zeitaufwändige Teil der Arbeit. Die Aufnahmen sichten, mit dem Cutter die Schnitte festlegen, die Texte schreiben, die Tonspur besprechen. „Zwischen der ersten Idee und der Ausstrahlung“, lässt Thomas Junker einen Blick in seine Arbeit zu, „liegen nur selten weniger als zwei Jahre.“ Für seine Fahrt quer durch Tibet waren es infolge der schwierigen politischen Bedingungen sogar deren sieben.

Über vierzig solche Filme hat er inzwischen gedreht. Die Maxime, von der sich Junker bei allen Projekten leiten lässt, hat er auf seiner Website in dicke fette Lettern gegossen: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Nicht in öffentliche Betroffenheit versinken. Im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Thomas Junker versteht sich als jemand, der Geschichten sammelt, diese (dokumentar)filmisch aufbereitet und anschließend seinen Zuschauern erzählt. Junker will berichten, ohne zu werten. Schon gar nicht möchte er richten. Die Schlussfolgerungen überlässt er seinen Zuschauern. Für manche atmet das journalistische Patina. Doch Junker bekennt sich dazu. Wie er auch sonst zu seinen Überzeugungen steht. Die Länge seiner Filmszenen lässt er sich nicht von modernen Medienberatern diktieren. Er möchte Menschen Zeit und Raum geben. Seinen Protagonisten ebenso wie seinen Zuschauern.

Den Menschen Raum und Zeit lassen

Thomas Junker (Mitte) bei Filmaufnahmen in Zentralasien (Foto: Thomas Junker)

Das beschert ihm immer mal wieder Diskussionen mit Redakteuren, für die das schon lange Old School und überholt ist. Doch Junker hält wenig von immer schnelleren Bildfolgen, die weder Zeit zur intellektuellen Aufnahme noch individueller Reflektion lassen. Das widerspricht seinem journalistischen Selbstverständnis. „In meinen Filmen“, sagt er, „dürfen die Menschen auch mal eine ganze Minute lang reden.“ Und die Zuschauer danken es ihm. „Anders, als mancher Redakteur vermutet, steigen die Zuschauer an diesen Stellen nicht aus“, fühlt er sich durch die einschlägigen Nutzeranalysen bestätigt. Mehr noch macht es ihn stolz, ohne dass er jedoch seine Bodenhaftung verliert. Mit den Menschen frei reden zu dürfen, ist für ihn eine unverhandelbare Reisebedingung. Länder, die das nicht zulassen, meidet oder verlässt er, falls die Ampel der staatlichen Zensoren erst während der Dreharbeiten auf Rot springt. „Die Inhalte meiner Filme“, benennt er das Verhältnis, „sind zu sechzig Prozent vorrecherchiert. Die restlichen vierzig Prozent lasse ich vor Ort auf mich zukommen.“

Auf Gesprächspartner spontan eingehen und tief in ihre Seele eintauchen zu dürfen, ist für Thomas Junker berufliche Erfüllung, keine Zumutung. Das übte er bereits während der Schulzeit. Schon als Pennäler beginnt Junker, sich journalistisch auszuprobieren. Es begann bei der Schwetzinger Zeitung und setzte sich bei den Ebersberger Neuesten Nachrichten als dem Regionalteil der Süddeutschen Zeitung fort. Mit vierzehn Jahren das erste mediale Highlight. Er setzt sich in einem Casting des Bayerischen Rundfunks durch und wird einer von zwei Reportern für die Sendung „Klickfunk“, die für die Altersgruppe 13- bis 16-jähriger Jugendlicher konzipiert war. „So konnte ich das Handwerk dieses Berufes von der Pike auf erlernen“, blickt Junker dankbar zu seinen Anfängen zurück. „Viel wichtiger aber“, ergänzt er, „ich konnte in aller Ruhe wachsen. Ich musste nie, stattdessen ließ man mir Zeit, mich zu entwickeln.“ In seinen Anfängen sammelt er erst Informationen, anschließend übt er das Nachrichtenschreiben, dann schließlich darf er die Meldungen selbst recherchieren und aufbereiten.

Dem Tagesgeschehen immer ein paar Schritte voraus

Männer-Picknick in der Tundra des nördlichen Ural (Foto: Thomas Junker)

Als seine wichtigsten journalistischen Lehrer nennt er Mercedes Riederer und Klaus Kastan, beide inzwischen im Ruhestand. Die eine zuletzt Chefredakteurin Hörfunk des Bayerischen Rundfunks sowie in Personalunion gleichzeitig Leiterin der Hauptabteilung Politik und Aktuelles. Der andere ebendort zuletzt Leitender Redakteur des trimedialen Programmbereichs Sport und Freizeit. Trimedial: das sind Hörfunk, Fernsehen und Online-Angebote unter einem Redaktions-Dach. Als seine journalistischen Vorbilder nennt er die Namen Gerd Ruge, Dieter Kronzucker, Peter Scholl-Latour und Hans Joachim Friedrichs, allesamt gestandene wie vielfach ausgezeichnete Journalistenpersönlichkeiten. Mit langer Auslandserfahrung. Seine Neugier auf das Leben in fernen Ländern aber speist sich noch aus einer zweiten Quelle. Beide Eltern sind Kartografen. Sie zeigen ihm, wie und was man alles aus Karten zu lesen vermag. Was besonders hilfreich ist, wenn einem Geld und Zeit fehlen, die Landschaften höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen. Und hilfreich auch, wenn sich das Fernweh nicht anders als mit dem Finger auf der Landkarte stillen lässt.

„Seitdem finde ich mich mit einer guten Karte auch in schwierigstem Gelände zurecht“, sagt er eher beiläufig. Aber für die Vorbereitung seiner Filmprojekte noch wichtiger: „Karten helfen mir, mit den Augen zu wandern.“ Schließlich muss Junker die Machbarkeit der Touren und Tagesabschnitte realitätsnah planen. Im Übrigen muss er die groben Umrisse der Geschichten vor Drehbeginn an einem jeden Tag entwerfen. Damit der Cutter, wie schon einmal passiert, beim Schnitt nicht passen muss, nur weil er, Thomas Junker, zwei Einstellungen vergessen hat zu drehen. Das ist ärgerlich, denn mal eben kurz ein zweites Mal nach Sibirien oder zum Kap Horn zu fahren, geht leider nicht. Gedanklich dem Tagesgeschehen immer schon ein paar Schritte voraus zu sein, ist somit ein wesentlicher Teil des Erfolgs von Thomas Junker. Aber ebenso, beim Arbeiten nicht auf die Uhr zu schauen. Nicht bloß unterwegs, sondern auch bei der Büroarbeit oder im Schneideraum und Studio kommt er mit einer 38-Stunden-Woche nicht aus. Doch empfindet er das nicht als Last. Dazu fasziniert ihn sein Beruf noch immer viel zu sehr!

Viele Glücksmomente voller Dankbarkeit

Die Spuren des Alltags auf Mayotte, einer Inselgruppe zwischen Mozambique und der Nordspitze Madagaskars (Foto: Thomas Junker)

Dieser Weg und diese Erfolge wurden Thomas Junker freilich nicht an der Wiege gesungen. Stattdessen überwog nach seiner Geburt erst einmal die bange Hoffnung, ob der Bub überhaupt würde laufen können. Die kleinen Füßchen zeigten nicht nach vorne, sondern nach hinten. Der Liebe seiner Eltern zu ihrem Sohn tat das, Gott sei Dank, keinen Abbruch. Sie kämpften um und für ihr Neugeborenes. Über neun Monate hinweg wurde ihm jeden zweiten Tag eine neue Gipsform angelegt. Zwar mit Verzögerung lernte er doch ganz normal zu laufen. Später wurde er sogar ein geschickter Extremkletterer, auch wenn es für eine Profikarriere nicht reichte. Sich ungezwungen und schmerzfrei bewegen zu können, ist für den welterfahrenen Thomas Junker vor diesem Hintergrund gleichwohl pures Glücksempfinden. In Indien sah er auf einer seiner Reisen einen Mann mit der gleichen Symptomatik. „Nur hatte der anders als ich nicht das Privileg, in einem Land geboren worden zu sein, wo die Ärzte den Einsatz ihrer Kompetenz nicht vom Geldbeutel des Patienten abhängig machen. Und der deswegen lebenslang auf Krücken angewiesen bleibt.“

Doch nicht erst seit dieser Begegnung paart sich Junkers Glücksempfinden mit unverstellter Dankbarkeit. Auch sein Blick auf die Welt ist ein ganz eigener. Einer, in dessen Mittelpunkt stets die Menschen stehen, aber nicht der himmelhohe Wolkenkratzer, an dem sie gerade vorbei gehen. Als Geschenk empfindet er auch viele, die er auf seinem Weg traf. Damit sind nicht allein seine bereits erwähnten journalistischen Lehrmeister Mercedes Riederer und Klaus Kastan gemeint. Dazu zählt etwa auch sein Klassenlehrer, der ihm wegen seiner zahlreichen Nebenjobs und nur wenig Zeit zum Lernen als eher mäßigem Schüler half, vor den Abiturprüfungen nicht kampflos aufzugeben.  Dazu zählen seine Reisebegleiter, die zwar nicht kritiklos, gleichwohl in großer Loyalität mit ihm durch dick und dünn fuhren und weiter fahren. Dazu zählen die vielen Menschen, die ihn bewirten, die ihn trotz einfachster Lebensverhältnisse an ihrer natürlichen Freude am Leben teilnehmen lassen. Wo andere in heimischen Breitengraden hadern und jammern, hat Thomas Junker gelernt, gelassen, optimistisch und konzentriert nach Lösungen zu suchen.

Auf Umwegen zur beruflichen Berufung

Färber in einer usbekischen Seidenspinnerei im Ferganatal (Foto: Thomas Junker)

Doch noch einmal zurück. Das Abi ist bestanden und Thomas Junker muss wie jeder an diesem Punkt entscheiden, wie es nun weiter gehen soll. Der Wunsch des Vaters ist der vieler Eltern: Junge, mach was Richtiges, studiere. Junker mit dem Abiturzeugnis in der Hand, auf dem die Tinte noch nicht ganz trocken ist, vertraut der Lebenserfahrung des Vaters. Er bewirbt sich für das Studium der Journalistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und besteht die Zulassungsprüfung. Das vom Fachbereich zwingend vorgeschriebene Volontariat wird ihm vor dem Hintergrund seiner umfangreichen journalistischen Nebentätigkeiten erlassen. Er darf sofort beginnen. Größere Priorität als Vorlesungen und Seminaren misst er allerdings weiter seinen zahlreichen praktischen Jobs zu, nicht ahnend, in welche Konflikte ihn das führen wird. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis lässt sich mit jedem Artikel und jeder Sendung immer weniger schließen. „Die universitäre Gedankenwelt“, so empfindet er es, „war weit weg von der Wirklichkeit.“ Nach zwei Semestern bricht er den Versuch ab.

Endlich sieht er nun die Konturen seines (Berufs)Weges klarer. Er will in die Geschehnisse dieser Welt eintauchen und darüber berichten. Er möchte einer werden, der die Fragen der Menschen aufnimmt und sie zu beantworten versucht. Der deshalb genau hinschaut, was passiert. Der mit einem klaren Kopf und fernab aller Klischees, Ideologien und Vorurteile die Zusammenhänge analysiert. Der herausfindet, warum die Entwicklung so und nicht anders verlief. Und welche Folgen das für die davon betroffenen Menschen hat. Vor dem Hintergrund seiner inzwischen umfangreichen journalistischen Erfahrungen ist er überzeugt, dass es dafür weder unbedingt eines akademischen Berufsabschlusses noch der Fähigkeit zur vorherigen Aufstellung eines jeweils mehrseitigen Flussdiagramms bedarf. „Journalismus ist vor allem Handwerk“, weiß er heute nach vier Jahrzehnten in diesem Beruf, „das du nur durch ständiges Tun optimierst.“

Die wichtigsten Voraussetzungen: Neugier und Empathie

Auf dem Markt in Sary Mogul/Kirgistan (Foto: Thomas Junker)

Aber Thomas Junker weiß auch, was man nicht erlernen kann, was man in seiner Persönlichkeit mitbringen muss. Was das ist? Augen, die sehen, Ohren, die hören, und ein weit offenes Herz! Oder anders formuliert: unbedingte Neugier und unverstellte Empathie. Das Erste hat Thomas Junker getan, Tag für Tag und immer wieder, bei jedem Artikel und jedem Kommentar. Das Andere war ihm tief eingepflanzt. Freilich hätte beides nicht ausgereicht, einen solchen Weg gehen zu können, wie er ihn gegangen ist. Erfolg stellt sich schließlich nur dann ein, wenn man das Glück hat, Menschen zu begegnen, die das eigene Potential erkennen und fördern. Für seine Karriere beim MDR ist das allen voran der ehemalige Fernsehdirektor Wolfgang Vietze. Dessen Satz „In diesem Geschäft brauchst du Irre (Anm.: Menschen, die Dinge tun, die anderen in hundert Jahren nicht in den Sinn kommen)“, versteht Junker als Auszeichnung. „Das Vertrauen vieler Menschen im MDR hat meine Erfolge erst möglich gemacht“, blickt er zurück.

Doch entpuppen sich in der Rückschau die Jahre zuvor als wichtige Vorbereitung. Schon bald nach dem Ende seines Studienversuchs schossen private Rundfunkstationen wie Pilze aus dem Boden. „Wegen ihrer dünnen Personaldecke waren sie auf der ständigen Suche nach Zulieferern von News und Informationen“, schildert Junker diese Zeit. Er erkennt die Marktlücke und gründet mit einem Freund die „Münchner Hörfunk Korrespondenz“. Sie beschert ihnen ein gutes Auskommen. Als Höhepunkt jener Tage erinnert er seine Teilnahme als Reporter an den Olympischen Spielen im kanadischen Calgary. Eine ostdeutsch-westdeutsche Liebe führt in wenig später in den Turbulenzen der Wendezeit in die Politik. Nein, Thomas Junker ist kein Anderer geworden. Was ihn zu diesem Schritt bewegt, ist seine unbändige Neugier, die ihn schon all die Jahre bisher antrieb. „Hier passierte gerade Geschichte!“ Seine Erfahrungen sind spannend, aber auch desillusionierend. Nach einer kurzen Pause, in der er sich neu sortiert, geht er zurück zur Nachrichtenredaktion des Bayerischen Rundfunks.

Geschichte in bewegten Bildern

Der Wind ist ständiger Begleiter der Nomaden in der mongolischen Steppe (Foto: Thomas Junker)

Bald schon wird er zum ARD-Beauftragten für Sachsen ernannt. Sein Dienstsitz wird Dresden. Alle Nachrichtenbeiträge aus diesem neuen Bundesland für Tagesschau und Tagesthemen laufen durch seine Hände. Doch Junkers ost-westdeutsche Ehe zerbricht. Er plant seine Rückkehr nach München. Da bittet ihn der Intendant Udo Reiter zum Gespräch. Der möchte ihn nur ungern ziehen lassen und stellt deshalb die hohe Nachfrage, mehr noch die Entwicklungsmöglichkeiten im MDR den auf Jahre hinaus besetzten Stellen im BR gegenüber. Dazu macht er ein Angebot, dem Thomas Junker nicht zu widerstehen vermag. „Ich gebe dir die Chance für Filme“, zieht der Intendant sein letztes Ass aus dem Ärmel. Thomas Junker ist sprachlos und kann sein Glück kaum fassen. Denn er weiß, das ist eine Offerte, die man sonst nur den Platzhirschen am Ende ihrer Karriere macht, um sie damit weiter an den Sender zu binden. Er aber ist gerade erst 27 geworden. Er sagt zu.

Zunächst baut er die Redaktion mdr AKTUELL auf und wird Chef vom Dienst für die Nachrichtenredaktion. 1991 dann die erste eher zufällige große Reise, der erste Länderbericht, der erste Film, dem über die Jahre viele Weitere folgen sollen. Aber das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Junker überführt das Motorrad seines Schweizer Freundes Ruedi ins pakistanische Karachi, wo der als Entwicklungshelfer tätig ist. Es bleibt noch Zeit für einen Abstecher auf das Dach der Welt, zu den Achttausendern des Himalayas. Das Echo der Zuschauer und Kollegen ist überwältigend. Das macht Lust auf mehr. 1994 dann ein Trip quer durch Kanada bis hoch in den Norden zu den Inuit. Spätestens auf dieser Fahrt wird Thomas Junker bewusst, dass diese Art des Reisens und Filmens seine Erfüllung ist. Muss er bei den Nachrichtensendungen unter hohem Zeitdruck immer nur auf das tägliche Geschehen reagieren, bleibt ihm hier Zeit, über das Woher und Wohin der Welt nachzudenken.

Freiheit und Karriere

In den Dörfern Kirgistans wird für Gäste ein Hammel geschlachtet (Foto: Thomas Junker)

1995 steht eines der üblichen Personalgespräche mit seinem damaligen Fernsehdirektor Henning Röhl an. Kurz vor Schluss fragt dieser ihn, was er denn gerne als nächstes Filmprojekt machen würde. Junkers Wunsch: „Eine Weltreise.“ Die Reaktion des Chefs? Anders als erwartet. „Okay, unter der Voraussetzung guter Bilder gebe ich dir 88 Tage.“ Am Ende erhält er 99. Die Route wird ihn schließlich auf dem Motorrad von Dresden über Moskau, Sibirien, Wladiwostok, Anchorage, den Alaska Highway, Amerikas mittleren Westen, Florida, Venezuela, den Amazonas Regenwald, Rio de Janeiro, Marokko und Spanien einmal rund um den Erdball führen. Täglich fünf Minuten Sendezeit über jede Tagesetappe. Junker ist angekommen. Spätestens jetzt hat er einen Namen, seine Dokumentarfilme ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal. Er stellt nicht Länder vor. Er stellt die Menschen dieser Länder vor, im neuen Zeitzeugenarchiv inzwischen auch die aus besonderen Regionen Europas. Das Eine wie das Andere unpathetisch zwar, aber doch tiefgründig.

Wie ein Mann wie er seinen Berufsweg, seine Karriere beschreibt, möchte ich noch von Thomas Junker wissen. Immerhin war er nirgendwo fest angestellt, sondern hat von Anbeginn an als zunächst freiberuflicher Journalist und nun seit vielen Jahren als selbständiger Dokumentarfilmer gearbeitet. Seine Antwort ist eine einfache und eine, die vielleicht manchen verwundert. „Die Ideen für meine Filme waren immer meine eigenen und weder vom Intendanten noch irgendjemand anderem vorgegeben. Meine Filme werden in fünf Teilen à 25 Minuten zur besten Sendezeit von 19:50 bis 20:15 gesendet“, sagt er. „Für mich ist das Karriere genug.“ Hat er ein Erfolgsrezept? Er denkt einen Augenblick nach. Dann zitiert er die finnische Designerin Anu Pentik. „Du musst dein Berufsleben lang üben, selbstkritisch sein und immer wieder neu lernen. Fertig bist du erst, wenn du aufhörst zu arbeiten.“ Ist das nicht mühsam, wende ich ein. „So ist das Leben“, lacht er sein befreites Lachen. Und freut sich schon auf die nächsten Projekte …

 


Weitere Informationen

  • https://junkers-filme.de/2014-2
  • Thomas Junker: „30 Jahre Thomas Junker. Geschichten von dieser Welt“, Selbstverlag 2021, zu beziehen über: https://buch.thomasjunker.de/shop/

 

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