Sozialarbeiterinnen – Menschenversteher, Motivationskünstler, Brückenbauer

Von Hans-Martin Barthold | 15. April 2021

Gabriele Stark-Angermeier (Foto: DBSH)

Sozialarbeiter, von denen drei Viertel Sozialarbeiterinnen sind, weswegen wir im Folgenden auch die weibliche Berufsbezeichnung verwenden, besitzen derzeit gute, in einigen Arbeitsbereichen sogar sehr gute Beschäftigungschancen. Die Annahme, wohlhabende und hoch entwickelte Gesellschaften bedürften ihrer Kompetenzen zunehmend weniger, erweist sich gerade in diesen Tagen als unzutreffend. Die Corona-Pandemie ist dafür gutes Beispiel. „Die Armut und die Zahl der Armen steigt sichtbar“, beobachtet Gabriele Stark-Angermeier. Und das wohl nicht allein wegen Corona und nicht etwa nur im ökonomisch siechen Ruhrgebiet, sondern genauso in der wirtschaftlich prosperierenden bayerischen Landeshauptstadt. Dort leitet Stark-Angermeier beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising das Ressort Altenhilfe, Soziale Dienste und Personal. Als bis vor kurzem 2. Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit e.V. weiß sie freilich, dass diese Entwicklung keine regionale, sondern eine bundesweite ist. Davon betroffen auch und vor allem Kinder – deutschlandweit 2,8 Millionen, allein im vermögenden Hamburg 60.000.

Das Ziel aller Sozialarbeit und damit das Tun aller Sozialarbeiterinnen lassen sich einfach beschreiben. „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es den Menschen gut geht“, formuliert es Stark-Angermeier. Im Umkehrschluss heißt das, Sozialarbeiterinnen haben es mehrheitlich mit Menschen zu tun, die sich durch Defizite, Unzulänglichkeiten oder andersartige soziale, bildungsmäßige sowie physische Einschränkungen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen fühlen. „Probleme sind unser täglich Brot“, drückt es Tim Schultz aus dem Geschäftsbereich Soziales der Stadt Wolfsburg und dort im Kinder- und Jugendteam zuständig für die Eingliederungshilfe aus. Dafür ist Bodenständigkeit erforderlich. Denn es geht nicht um die Rettung der Welt, wie es Daniela Rieken formuliert. Es geht um Menschen aus Fleisch und Blut. Die gebürtige Ostfriesin verantwortet in der Stadtjugendpflege Wolfenbüttel den Jugendkulturbereich. Was Sozialarbeiterinnen von Politikern unterscheidet, beschreibt Jonas Kirsch, Stadtjugendpfleger und Leiter der Jugendförderung der Stadt Gifhorn. „Wir wollen Menschen helfen, ihren Weg zu einem glücklichen Leben zu finden.“

Keine Bestimmer, sondern Teil des Prozesses

Stadtjugendpfleger Jonas Kirsch leitet die Jugendförderung der niedersächsischen Stadt Gifhorn (Foto: Michael Uhmeyer /Stadtverwaltung Gifhorn)

Daraus ergibt sich an alle Sozialarbeiterinnen eine besondere Anforderung. „Wir arbeiten dafür, dass unsere Hilfe überflüssig wird“, erklärt sie Gabriele Stark-Angermeier. „Wie ein guter Skilehrer, dessen Ziel es ist, dass seine Schüler den Berg ganz ohne seine Hilfe und ohne Sturz hinunterfahren können.“ Nichtsdestotrotz ist der Weg zu diesem Ziel gar nicht selten ein langer, steiniger und einer mit manchmal vielen Rückschlägen. Hin und wieder endet er sogar im Misserfolg. „Wir können nur die Tür aufhalten“, weist Jonas Kirsch auf einen wichtigen Punkt sozialarbeiterischer Tätigkeit, an der Definition deren Ziele die Klienten stets zu beteiligen sind. „Durch die Tür gehen müssen unsere Klienten allerdings aus eigenem Entschluss.“ Weswegen Sozialarbeiterinnen über viel Geduld und Empathie verfügen sollten. Schließlich begleiten sie die ihnen anvertrauten Menschen oft genug über viele Jahre hinweg. Und haben dabei doch stets eine respektvolle Distanz zu wahren. „Ich bin professionelle Begleiterin, aber nie persönliche Freundin“, formuliert Daniela Rieken die Ambivalenz ihrer Rolle als Sozialarbeiterin.

Doch nicht allein deswegen, ist Rieken überzeugt, avanciert Transparenz in der Arbeit von Sozialarbeiterinnen zu einem der wichtigsten Aspekte. „Die Jugendlichen, die zu mir kommen“, erklärt sie, „müssen nachvollziehen können, warum manche Dinge nicht möglich sind oder eine längere Bearbeitungszeit brauchen. Wir erarbeiten einen gemeinsamen Weg zu dem ich gerne Vorschläge und Empfehlungen äußere.“ Aber natürlich haben sie die Freiheit, die Empfehlung auszuschlagen. Damit müssen Sozialarbeiterinnen umgehen lernen. „Gleichwohl erkennen Jugendliche die Konsequenzen ihrer Entscheidung oft nicht“, betont Jonas Kirsch. „Unsere Aufgabe ist es, sie sichtbar zu machen.“ Gabriele Stark-Angermeier weist noch auf einen anderen Punkt. „Auch wenn wir unsere Klienten stets in die Entscheidung einbinden, dürfen wir uns unsere fachliche Kompetenz nicht von ihnen abhandeln lassen.“ Soziale Arbeit ist somit ein immerwährender Prozess. Weshalb Sozialarbeiterinnen risikobereit sein müssen, denn der Ausgang ist in jedem einzelnen Fall ein offener. In dem Sozialarbeiterinnen im Übrigen nie defizitorientiert handeln, sondern immer zielorientiert an vorhandenen Fähigkeiten ansetzen und diese (ver)stärken. Das Mittel dazu ist eine wertschätzende Kommunikation, verbunden mit einer kontinuierlichen Selbstreflektion.

Zwischen Klient und Staat vermitteln

Daniela Rieken – So kennen sie die Jugendlichen in Wolfenbüttel: Hinschauen, zuhören und dann erst reden (Foto: privat)

Mit Menschen arbeiten zu dürfen, ist ein allgegenwärtiges Berufswahlmotiv unter Sozialarbeiterinnen. Es sorgt beruflich für eine tiefe Befriedigung ebenso wie es in der täglichen Arbeit ein ständiges Spannungsfeld markiert. Warum? „Weil Sozialarbeiterinnen ein Doppelmandat besitzen“, wie es Daniela Rieken formuliert, „ein Mandat für die hilfesuchenden Menschen, deren Anwalt wir sind, und eines gegenüber dem Staat, dessen Ressourcen wir verwalten.“ Tim Schultz macht diesen Spagat konkret. „In der Inklusionsarbeit wird von mir als Sozialarbeiter verlangt, die persönlichen Wünsche des Klienten mit seinen Begabungen und den finanziellen Möglichkeiten des Staates in Einklang zu bringen.“ Das verlangt neben emotionaler Leidenschaft gleichzeitig betriebswirtschaftliche Sachlichkeit, Nähe wie Distanz und natürlich Kompromissbereitschaft. Neben der Liebe zu den Menschen bedarf es darüber hinaus freilich auch einer detaillierten Kenntnis deren persönlicher Lebensumstände. Im Übrigen müssen Sozialarbeiterinnen stets ein Zweifaches gleichzeitig beherrschen: vorausschauend planen und flexibel auf spontane Bedürfnisse ihrer Klienten eingehen.

Alle diese Anforderungen gelten, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung, für die beiden großen Arbeitsfelder von Sozialarbeiterinnen in gleicher Weise. Das eine ist die öffentliche Fürsorge, die für Städte und Gemeinden eine gesetzliche Pflichtaufgabe ist und ein Leben ermöglichen soll, das der Würde des Menschen entspricht. Hierunter fällt insbesondere die Alten-, Behinderten-, Gesundheits- und Sozialhilfe. Manche Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe, wie etwa die Jugendfreizeitzentren, sind demgegenüber eine freiwillige Aufgabe der Kommunen. Sie sollen jungen Menschen helfen, sich erfolgreich in die Gesellschaft integrieren zu können. Das Bundesteilhabegesetz hat die Eingliederungshilfe inzwischen aus dem Fürsorgesystem herausgelöst und in ein modernes Leistungsrecht überführt. „Die Arbeit nach dem Bundesteilhabegesetz besitzt wie die Arbeit in der öffentlichen Fürsorge einen starken rechtlichen Bezug“, benennt Tim Schultz als Mitarbeiter der Eingliederungshilfe ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur Tätigkeit in einem Jugendfreizeitzentrum oder in der Schulsozialarbeit, wo Sozialarbeiterinnen vorrangig (sozial)pädagogisch gefordert sind. Gleichwohl nehmen die Schnittmengen zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik beständig zu, ebenso wie es umgekehrt der Fall ist.

Generalisierte Spezialisten

Auch ein Arbeitsfeld für Sozialarbeiter: Mobiles Drogenhilfeangebot der Stadt Köln (Foto: Wikimedia/Raimond Spekki)

Im Windschatten dieser Entwicklung gibt es nur noch wenige Hochschulen, die separate Studiengänge Sozialarbeit beziehungsweise Sozialpädagogik anbieten. Die allermeisten Hochschulen haben heute auf ein Einheitsstudium Sozialwesen/Sozialarbeit umgestellt. Sozialarbeiter, die hoheitliche staatliche Aufgaben wahrnehmen, also Tätigkeiten, die in einem Verwaltungsakt wie der Gewährung einer finanziellen Förderung münden, müssen zusätzlich zum Studienabschluss Bachelor über die staatliche Anerkennung verfügen. Die Verantwortung dafür liegt bei den Ländern und setzt den Nachweis berufspraktischer Zeiten voraus. Einige Bundesländer haben diese in Form von Praxissemestern ins Studium integriert, andere setzen auf ein sogenanntes Anerkennungsjahr nach Ende des Studiums. In Arbeitsbereichen, wo diese staatliche Anerkennung nicht erforderlich ist, konkurrieren Sozialarbeiterinnen inzwischen oft mit Erziehungs- und Sozialwissenschaftlern um die Arbeitsplätze. Jonas Kirsch etwa studierte an der Universität Magdeburg Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Sozial- und Politikwissenschaft. Heute leitet er die Jugendförderung der Stadt Gifhorn.

„Was alle Sozialarbeiterinnen auszeichnet, ist ein generalisiertes Spezialwissen“, formuliert es Daniela Rieken. Das eröffnet ihnen vielfältige Berufsmöglichkeiten. Zugleich aber verlangt es ihnen die Bereitschaft ab, sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen und sich in neue Wissensgebiete einarbeiten zu wollen. „In unserem Beruf endet die Lehrzeit erst mit dem Rentenbeginn“, bringt es Tim Schultz humorvoll auf den Punkt. Wohl wahr. Schließlich müssen Sozialarbeiterinnen stets dem gesellschaftlichen Wandel folgen. Gleichwohl unterscheiden sich Arbeitsinhalte und Rahmenbedingungen der einzelnen Arbeitsfelder, auch wenn in allen die gleiche und im Sozialgesetzbuch definierte Zielstellung gilt. Um die Unterschiede sollte wissen, wer seine berufliche Zukunft in der Sozialarbeit sieht. Gibt es in der Fürsorge ein klares Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sozialarbeiterin und Klient, entscheiden die Teilnehmenden eines Jugendfreizeitzentrums, wie sie Daniela Rieken deshalb auch bezeichnet, völlig frei, ob sie sich an diesem oder jenem Projekt beteiligen und wie lange sie sich engagieren.

Biografien weiterentwickeln

Tim Schultz arbeitet im Geschäftsbereich Soziales der Stadt Wolfsburg (Foto: privat)

Geht es für Sozialarbeiterinnen im Bereich der Fürsorge in erster Linie um die Finanzierung verschiedener Fördermöglichkeiten, steht für Sozialarbeiterinnen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit die Veränderung, besser: die Weiterentwicklung, von Biografien im Vordergrund. Verfügen Sozialarbeiterinnen in der Fürsorge aufgrund klarer gesetzlicher Vorgaben lediglich über geringe Ermessensspielräume, liegt die Entscheidungsgewalt in der offenen Kinder- und Jugendarbeit zwar nicht über die Ziele, so doch über Inhalte und Methoden ganz in ihren Händen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal sind die Arbeitszeiten. Während die in den Geschäftsbereichen Soziales der Kommunalverwaltungen tätigen Sozialarbeiterinnen geregelte Kernarbeitszeiten besitzen, richten sich die Arbeitszeiten in der offenen Jugendarbeit nach den Bedürfnissen der Jugendlichen und liegen deshalb bevorzugt in den Abendstunden und an Wochenenden. Partnern und Kindern verlangt das viel ab.

Dieser Trend könnte sich in der Zukunft noch deutlich verstärken. „Der Freizeitbereich von Kindern und Jugendlichen reduziert sich mit Blick auf den Ganztagsschulbetrieb zunehmend“, beobachtet Stadtjugendpfleger Jonas Kirsch. „Weshalb wir unser bisheriges Konzept der ‚Offenen Häuser‘ neu ausrichten müssen“, schaut er voraus. Das wird ein Doppeltes bedeuten. Mehr Wochenendarbeit und/oder eine noch intensivere Zusammenarbeit mit den Schulen. Ein Drittes kommt hinzu. „Die Jugendarbeit“, so Kirsch noch einmal, „wird sich stark digitalisieren.“ Was das für die Qualifikationsprofile von Sozialarbeiterinnen bedeutet, lässt sich gegenwärtig noch nicht in vollem Umfang abschätzen. Eines aber ist bereits jetzt klar. Kein Sozialarbeiter wird in der Zukunft noch ohne breite Medienkompetenzen auskommen, sind sich Jonas Kirsch, Daniela Rieken, Gabriele Stark-Angermeier und Tim Schultz einig.

Ohne Vertrauen kein Erfolg

Jugend-, Kultur-, und Werkzentrum Grenzallee” in Berlin (Foto: Wikimedia/JuKWZ’s)

Doch damit nicht genug. Immer mehr Klienten in der Fürsorge und immer mehr Teilnehmende in der offenen Jugendarbeit kommen aus anderen Sprach- und Kulturräumen. „Sie zu erreichen, verlangt uns größere Anstrengungen und vielmehr als noch bisher interkulturelle Kompetenzen ab“, weist Daniela Rieken auf neue Anforderungen. Das umso mehr, als der Erfolg in der sozialen Arbeit von tragfähigen Beziehungen zur Bezugsgruppe und dem einzelnen Klienten/Teilnehmenden abhängig ist, wie es Jonas Kirsch formuliert. Andere benutzen dafür den althergebrachten Begriff Vertrauen. Und das will erarbeitet werden. Mit Leidenschaft, mit Empathie und mit einem nüchternen Verstand. „Nur wer selbst überzeugt ist und Leidenschaft besitzt, kann andere überzeugen und motivieren“, sind die Erfahrungen von Tim Schultz. Soziale Arbeit verlangt Persönlichkeit. Und die wiederum ein gerüttelt Maß an Erfahrung. „Erfahrung“, ist Daniela Rieken überzeugt, „ist das Fundament für die Mehrzahl sozialarbeiterischer Kompetenzen.“ Als Anleiterin für Absolventen im Anerkennungspraktikum weiß sie, wovon sie spricht.

Mit Menschen zu arbeiten, bezieht sich freilich nicht allein auf die Klienten und Teilnehmenden. Deren Feedback erwartungsgemäß nicht durchgängig positiv, sondern immer wieder auch ablehnend, in einigen Fällen sogar aggressiv ist. Damit umzugehen, bedarf es einer hohen Professionalität. Nein, Sozialarbeiterinnen stehen beruflich in vielfältigen Kontakten. Zu Eltern, Erziehern, Lehrern, Psychologen und Psychotherapeuten, Ärzten, Ergotherapeuten oder Heilpädagogen aus ganz unterschiedlichen Institutionen und Hierarchiestufen. Da zählen dann fachliche Kompetenz, persönliches Standing sowie eine klar strukturierte Zielorientierung. Die berufliche Wirklichkeit von Sozialarbeiterinnen erweist sich damit völlig anders, als das ihre Kritiker darstellen. Es geht nicht um netten, aber unverbindlichen Smalltalk. Und es wird auch nicht gelabert. Sozialarbeiterinnen müssen lernen, ihre Empathie mit einer ergebnisorientierten Kommunikation zu verbinden. „Wir dürfen die Dinge nicht zerreden“, beschreibt Gabriele Stark-Angermeier diese Anforderungen, „wir müssen auf den Punkt kommen und wir müssen irgendwann auch den Sack zubinden und entscheiden.“

Gute berufliche Entwicklungsmöglichkeiten

Daniela Rieken steht für professionelle Empathie (Foto: privat)

Denken Soziarbeiterinnen auch an Karriere? Gewiss doch. Aber sie definieren sie in aller Regel in einem umfassenderen Sinn als gemeinhin üblich. Karriere besteht für die meisten Sozialarbeiterinnen in allererster Linie darin, das ihnen auferlegte Doppelmandat immer besser ausfüllen zu können. Viele erwerben deshalb in den Bereichen Supervision und Mediation Zusatzqualifikationen. Auch die Selbständigkeit wird als Karriere verstanden. Und ja, natürlich gibt es auch hierarchische Aufstiegsmöglichkeiten, wenngleich entsprechende Stellen eher rar gesät sind. Jonas Kirsch als Stadtjugendpfleger und Leiter der Jugendförderung ist dafür Beispiel. Doch sind seine Aufgaben nun andere, als er noch für eine Verselbständigungsgruppe in einer Wohnanlage Verantwortung trug. Heute kümmert er sich um die Haushaltsplanung, Personalführung und –beurteilung, um den Einsatz von Honorarkräften und die Qualitätssicherung. „Für viele wird das erst in einem späteren Stadium ihrer beruflichen Entwicklung interessant“, glaubt Daniela Rieken.

Manche Eltern raten ihren Töchtern und Söhnen vom Studium des Sozialwesens/Sozialarbeit ab. Ihre Begründung erschöpft sich nicht allein im Hinweis auf bloß durchschnittliche Verdienstmöglichkeiten. Viel stärker wiegt ihr Argument, man laufe in diesem Job wie ein Hamster im Rad. Auf einen gelösten Fall kämen zehn neue. Dazu gäbe es ein permanentes Dilemma. Die finanziellen Quellen sprudelten in guten Zeiten sehr ergiebig. „In schlechten Zeiten aber, wenn wir das Geld umso nötiger brauchen, regiert bei den freiwilligen Leistungen der Rotstift“, bestätigt Gabriele Stark-Angermeier. Immer mal wieder hat das auch Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze. Gesteht man Sozialarbeiterinnen also lediglich die Funktion zu, dafür zu sorgen, dass der Deckel nicht vom Topf kochenden Wassers fliegt, ohne dass sie das Naheliegende tun dürfen, nämlich die Herdplatte auszuschalten, sprich: politische Entscheidungen zu beeinflussen? Ja und Nein. „Zu unseren Aufgaben gehört unbedingt auch, auf die Bedeutung unserer Arbeit für den Zusammenhalt der Gesellschaft hinzuweisen“, ist Gabriele Stark-Angermeier überzeugt.

Die Zukunft wird spannend

Ohne die Hilfe von Sozialarbeitern geht hier nichts: Quartiersmanagement Reuterplatz im Berliner Stadtteil Neukölln (Foto: Wikimedia/Azdak)

In diesem Sinn ist Sozialarbeit hoch politisch. Jonas Kirsch betont indessen die zeitliche Perspektive von Sozialarbeit. „Über Klienten, denen wir die Integration in die Gesellschaft ermöglicht haben“, so sein Argument, „verändern wir Gesellschaft grundlegend und nachhaltig.“ Doch braucht es dafür einen langen Atem, gleich ob der Arbeitgeber öffentlicher Dienst, freier oder kirchlicher Träger heißt. Bleibt im Blick auf die Zukunft eine letzte Frage: Wie wird sich die Sozialarbeit verändern? „Die Zahl der Hilfskräfte wird steigen“, sieht Gabriele Stark-Angermeier voraus. „Und auch die Zahl der Quereinsteiger.“ Schon heute verfügt mehr als die Hälfte aller Studienanfänger über eine vorherige Berufsausbildung, mehrheitlich als Erzieher. „Unsere Rolle wird zunehmend eine anleitende und koordinierende werden“, ist Stark-Angermeier überzeugt, „und eine, die wissenschaftliche Erkenntnisse in praktisches Handeln umzusetzen hat.“ Im Übrigen würden Gesundheitsfragen und diagnostische Ansätze an Bedeutung gewinnen. Die Zukunft der Sozialarbeit, sie bleibt spannend.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:15.03.2021)
Quelle: Statistisches Bundesamt

Berufstätige Sozialarbeiter: infolge Rundungsdifferenzen ca. 480.000 (Frauenanteil: 79%);
Davon mit folgenden Abschlüssen:

  • Diplom (FH) u. Fachschulabschluss der ehemaligen DDR: 320.000 (Frauenanteil: 80%)
  • Bachelor: 121.000 (Frauenanteil: 78%)
  • Master: 29.000 (Frauenanteil: 79%)

Altersstruktur berufstätiger Sozialarbeiter:

  • unter 30 Jahre: 25%
  • von 30 bis 55 Jahren: 55%
  • über 55 Jahre: 20%

Arbeitslose Sozialarbeiter: ca. 5.000 (Arbeitslosenquote: 1,8%).

Studierende im ersten Studienjahr (Wintersemester 2019/2020):

  • An Fachhochschulen: 27.351 (Frauenanteil: 78%). Davon befinden sich 19.383 Studierende im 1. Hochschulsemester. 7.968 Studierende, das sind 29%, waren Studienfachwechsler und zuvor bereits in einem anderen Studienfach eingeschrieben. 24.196 Studierende waren im Bachelorprogramm eingeschrieben, 3.129 im Masterprogramm.
  • An Universitäten: 2.080 (Frauenanteil: 77%). Davon befinden sich 1.186 Studierende im 1. Hochschulsemester. 894 Studierende, das sind 43%, waren Studienfachwechsler und zuvor bereits in einem anderen Studienfach eingeschrieben. 1.646 Studierende waren im Bachelorprogramm eingeschrieben, 434 im Masterprogramm.

Studienabsolventen (Studienjahr 2019):

  • Mit Bachelorabschluss: 14.098
  • Mit Masterabschluss: 2.391

Einkommen (brutto): ca. 3.250 Euro (Berufsanfänger).

Studienmöglichkeiten: https://studienwahl.de/finder/list?prefill=%7B%22studyfield%22%3A%22800%22%7D&page=1#ffe

Weiterführende Informationen: https://www.uni-due.de/isa/fg_sozial_gesund/sozialwesen/sozialwesen_hs_frm.htm

 

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