SAGE-Berufe – Trotz Systemrelevanz wenig Anerkennung und Wertschätzung

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2020

In der letzten Ausgabe des „Berufsreport“ berichteten wir an dieser Stelle über die Sorgen der Verantwortlichen in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Und ihrem Bemühen, dem Fachkräftemangel in diesen Berufen durch eine Erhöhung des Frauenanteils entgegenzuwirken. Politik, Wirtschaft und Forschung gewähren dabei seit mehr als zehn Jahren großzügige Unterstützung. Es gehe, sagen ihre Vertreter, schließlich um nicht weniger als um Standortsicherung, Innovations- und Wirtschaftskraft sowie die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in der Globalisierung. Diese Begründung ist ein gelungenes Beispiel für das, was heute Framing heißt und was früher als Deutungshoheit bezeichnet wurde. Die propagierte Lösung, hinter der sich alle Akteure mit ansonsten recht unterschiedlichen Interessen versammeln, ist einfach und eingängig. Wir brauchen mehr Frauen! Wenige Schüler und Schülerinnen, die davon nicht schon einmal gehört hätten.

Ebenfalls in diese Zeit fällt der Versuch, eine weitere Dachmarke zu etablieren. Sie nennt sich SAGE und ist das Label für Berufe in der Sozialen Arbeit, in Gesundheit und Pflege sowie in Erziehung und Bildung. Als ihr Konstrukteur gilt Ulrich Mergner. Mergner ist Professor für Soziologie und Wissenschaft der Sozialen Arbeit am Kompetenzzentrum Soziale Innovation durch Inklusion (SIDI) der Technischen Hochschule Köln. Für den Professor aus der Domstadt ist es der Versuch, den Berufen, deren Markenkern personenbezogene soziale Dienstleistungen sind, die bislang nicht erreichte, manchmal allerdings wohl auch bewusst vorenthaltene, gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung zu verschaffen. Zu großen Erfolgen hat es leider noch nicht gereicht. Der Bekanntheitsgrad des Labels SAGE reicht auch zehn Jahre nach seiner Einführung kaum über die Grenzen der Fachzirkel hinaus. In der Öffentlichkeit ist es schlicht unbekannt.

Keine Sprüche – Nur Taten zählen

Über die Gründe lässt sich dabei trefflich rätseln. An der fehlenden Systemrelevanz der SAGE-Berufe dürfte es kaum liegen. Die ist zwar anders, aber nicht weniger groß als bei MINT. Doch die Rückendeckung der Gesundheits- und Bildungspolitik, der Gesundheitswirtschaft und des Bildungswesens sowie der Gesundheits- und Bildungsforschung geht über vollmundige Ankündigungen nur selten hinaus. Die Corona-Krise zeigte es zum wiederholten Mal in all ihrer Erbärmlichkeit. Die Pflegekräfte zu Helden der Nation hoch zu loben, war jedes Mikrofon und jede Kamera recht. Man wolle ihr Engagement mit einem Einmal-Bonus von 1.500 Euro würdigen, hieß es. Doch als es ans Bezahlen ging, fiel die Großherzigkeit schnell in sich zusammen. Geblieben ist bis heute die Auszahlung von 1.000 Euro an die Fachkräfte in der Altenpflege durch den Bund. Die Länder hätten noch einmal 500 Euro oben drauf packen können. Nur wenige taten es. Die Fachkräfte in der Akutkrankenpflege warten sogar noch immer und bis heute vergebens.

Von einer dauerhaften Anhebung der Löhne im Pflegebereich und bei den Gesundheitsberufen wie zum Beispiel den Physio- und Ergotherapeuten zur Attraktivitätssteigerung dieser Berufe ist trotz eines unübersehbaren Fachkräftemangels weiterhin keine Rede. Zudem wird erstaunlicherweise noch immer keine Männerquote gefordert. In dieser oder anderer Form gilt das auch für die übrigen SAGE-Berufe. Von einem frommen „Vergelts euch Gott“ kann heute freilich niemand mehr leben. Gleichwohl glauben Arbeitgeber und die Politik offenkundig noch immer, das Fachkräfteproblem mit der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte lösen zu können, in Sachsen-Anhalt jüngst auch bei Lehrkräften. Doch das Konzept erweist sich zunehmend als stumpfes Schwert. Die Konzertierte Aktion Pflege (KAP), mit der Gesundheitsminister Jens Spahn versprach, examinierte Pflegefachkräfte vor allem aus Mexiko, den Philippinen und Kosovo anzuwerben, erwies sich bis jetzt jedenfalls als Flop. Die Zahl der Gekommenen lohnt die Erwähnung nicht. Schlimmer aber, solche von den Medien hoch gejazzten Aktionen schrecken potentielle heimische Bewerber und Bewerberinnen zusätzlich ab.

Konsens statt Mehrheitsentscheid

Azize Kasberg arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon Hochschule Berlin (Foto: privat)

Warum aber mag den Protagonisten der SAGE-Berufe nicht gelingen, was den MINT-Akteuren so locker von der Hand geht? Azize Kasberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon Hochschule Berlin und seit längerem mit dem SAGE-Thema befasst, weist auf einen wichtigen Punkt. „Während die MINT-Berufe mehrheitsdemokratisch und hierarchisch organisiert sind“, lautet ihre Erklärung, „sind es die Fachkräfte in den SAGE-Berufen gewohnt, konsensorientiert zu arbeiten. Wir arbeiten oft partizipativ, das heißt, wir beteiligen die unterschiedlichsten Menschen in ihren vielfältigen Lebenswelten an den sie betreffenden Entscheidungen.“ Allerdings mit jeweils spezifischen Perspektiven und Zielen, in der Pflege anders als in der Ergotherapie, der Sozialen Arbeit anders als in der Lehre. „Diese große Diversifikation der SAGE-Berufe macht eine übergeordnete Strategie für alle gemeinsam schwierig“, so Kasbergs Erfahrungen. Es kommt gleichwohl noch etwas anderes hinzu. Das Problem der SAGE-Berufe ist kein nur vorrangig quantitatives, sondern stets auch ein qualitatives, wie im Folgenden verdeutlicht wird. Ein so eingängiger Slogan wie bei MINT, dem alle Berufe zustimmen mögen, hat sich deshalb bislang nicht finden lassen.

SAGE-Wissenschaftler fordern nicht nur Bildung, sondern eine gerecht gestaltete Bildung für alle. Es geht nicht nur um Pflege, sondern um eine ganzheitliche Pflege, die niemanden zurücklässt. Und in den Gesundheitsberufen geht es im SAGE-Verständnis um die gleichberechtigte, volle wirksame Teilhabe der Nutzenden, um (Verhältnis-)Prävention oder auch gemeinwesenorientierte Arbeit. Bundeswehroffiziere würden angesichts einer solchen Situation von einer Mehrfrontenoperation sprechen. Da haben es die MINT-Protagonisten einfacher. Sie einigten und konzentrieren sich auf nur eines. Nämlich: Wir brauchen mehr Frauen! Doch die SAGE-Vertreter haben noch mit anderen Problemen zu kämpfen. „Die Akademisierung unseres Berufsbereiches ist noch lange nicht abgeschlossen“, berichtet Azize Kasberg. „Zahlreiche Studienangebote befinden sich noch im Modellstatus und eine disziplinäre Dissertation ist kaum möglich“, ergänzt sie. „Am meisten aber macht uns die Zersplitterung und Entsolidarisierung durch die von der Politik präferierte Teilakademisierung zu schaffen.“ Damit meint sie das parallele Angebot sowohl akademischer als auch nichtakademischer Ausbildungsmöglichkeiten in vielen SAGE-Berufen, das für Fachkräfte erster und zweiter Klasse sorgen wird.

Selbstausbeutung löst keine Strukturprobleme

Die Organisationsstrukturen der Dachmarke SAGE, so noch einmal Azize Kasberg, seien vor diesem Hintergrund verständlicherweise sehr labil. Dazu kommt das historische Erbe der schlecht bezahlten, altruistischen sogenannten Frauenberufe. Fachkräfte in SAGE-Berufen motivieren sich vor allem intrinsisch, soll heißen im Gesundheitswesen durch die Arbeit unmittelbar mit den Patienten, in der Sozialarbeit unmittelbar mit den Klienten, in Erziehung und Bildung unmittelbar mit den Vorschulkindern und Schülern. Nicht auf die Uhr zu schauen, Pausen auf den Feierabend zu verschieben, auch wenn es über die eigenen Kräfte und die Vereinbarungen des Arbeitsvertrages hinaus geht, trotz Erkrankung zur Arbeit gehen, ist mit Blick auf Patienten und Klienten Ehrensache. Eine Kultur, eigene Interessen, die am Ende auch die der Patienten sind, wenn es sein muss, auch mit einer Arbeitsniederlegung Nachdruck zu verleihen, ist deshalb in den SAGE-Berufen unterentwickelt. Doch Selbstausbeutung löst auf Dauer keine strukturellen Probleme.

Arbeitskampf ist bei der im weitesten Sinne sozialen Arbeit dieser Berufe ein Problem. „Bei einem lebensbedrohlichen Herzstillstand auf der Intensivstation“, nennt Azize Kasberg ein Beispiel, „geht sicher niemand zur Streikdemonstration oder führt erst noch eine halbe Stunde lang Grundsatzdiskussionen. Da muss sofort gehandelt werden.“ Was Arbeitgebern als Vorbild dienen sollte, endlich ihren Teil zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beizutragen. Der Verweis auf die tatsächlich oder vermeintlich leeren Kassen überzeugt jedenfalls immer weniger. Und einige andere Problemlösungen könnten auch von den Jecken in der gerade eben begonnenen Faschingssaison stammen. Als Beispiel sei an dieser Stelle auf den Lehrerarbeitsmarkt verwiesen. Kaum ein Arbeitgeber besitzt personalmäßig eine so große Planungssicherheit wie die Kultusminister. Man kennt die Zahl der beschäftigten Lehrer exakt für jede Schulform und jede einzelne Schule. Man kennt deren Fächer- und Altersstruktur. Man verfügt über die Zahl der künftig zu unterrichtenden Schüler. Doch was macht man daraus?

Der Unmut wächst

Wie in vielen Bundesländern blieben in diesem Schuljahr auch an Nordrhein-Westfalens Schulen zahlreiche Planstellen unbesetzt. Eine Demütigung für die Rektoren, die nun ein weiteres Jahr mit dem Mangel leben müssen. Eine Ohrfeige für die Referendare. Die „Kreativität“ der Düsseldorfer Kultusministerin ist fachlich, organisatorisch wie volkswirtschaftlich ein Offenbarungseid. Die wenigen Stellenausschreibungen, zu denen sich die Kultusbürokratie durchringen konnte, sind allesamt mit einer sogenannten Teilabordnung versehen. Was nichts anderes heißt, als dass etwa Gymnasiallehrer zur Hälfte ihrer Arbeitszeit an Grundschulen abgeordnet werden. Und wer meint, für ein halbes oder ein Jahr sei das unter den gegebenen Umständen jungen Nachwuchskräften zumutbar, irrt gewaltig. Diese Teilabordnungen gelten für den diesjährigen Prüfungsjahrgang bis 2026! Die Leistungsstarken werden nach Alternativen suchen und sich dann aus dem Bildungsbereich verabschieden.

Doch erleben eine solche Verdichtung und Komplexitätssteigerung der Arbeitsaufgaben nicht allein Lehrer. Es ist Berufsalltag aller SAGE-Berufstätigen. Das Ergebnis ist ein immer kürzerer Verbleib im vormals mit hoher Motivation gewählten Beruf. Und es sind regelmäßig die besten, die gehen. Wie lange werden Patienten, Pflegebedürftige, Schüler und Eltern, mehr sogar unsere Gesellschaft als Ganzes diesem Aderlass an beruflicher Erfahrung und Qualifikation noch zusehen? Die Zeit wird knapp. Azize Kasberg jedenfalls hat Hoffnung. Denn sie beobachtet eine wachsende Zahl an SAGE-Beschäftigten, die eine wichtige Erkenntnis machen. „Wer Menschen in ihrer Vielfalt gerecht werden möchte“, formuliert sie diese, „muss überholte Strukturen verändern!“ Sie könnte  damit am Ende doch noch das einigende Band gefunden haben, mit dem sich alle SAGE-Berufe in dieser wichtigen Debatte zu gemeinsamen Aktionen zusammenführen lassen. „Wir müssen lernen und bereit sein, den Strom aufwärts zu schwimmen.“



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