Restauratoren – Das kulturelle Erbe bewahren

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2019

Gisela Gulbins, Jan Raue, Susanne Danter, Sven Taubert, Birgit Mühler und Klaus Martius haben für die Öffentlichkeit eher selten ein Gesicht. Dabei sind sie für die ganz Großen der Branche tätig. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, die Klassik Stiftung Weimar, die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, die Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen GmbH oder die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen besitzen in der Community immerhin einen exzellenten Ruf. Dennoch arbeiten die sechs Restauratoren in aller Regel im Verborgenen. Umso mehr Aufmerksamkeit erregen die Ergebnisse ihres Tuns. Restauratoren bewahren schließlich hunderte Jahre alte unwiederbringliche Originale vor dem Verfall und damit der endgültigen Auslöschung. Doch sichern sie nicht nur den Bestand unseres materiellen kulturellen Erbes. Mit der Bewahrung dieser Preziosen stiften sie in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt kulturelle Identität.

Zwei Restauratorinnen scannen im Rijksmuseum Amsterdam Rembrandts „Nachtwache“ (Foto: Rijksmuseum Amsterdam)

Dass es durchaus auch anders und vor aller Augen, sogar per Live-stream (https://www.rijksmuseum.nl/en/nightwatch), geht, zeigt seit wenigen Monaten das Amsterdamer Rijksmuseum. Dort wird derzeit eines der berühmtesten Bilder der Welt restauriert. Rembrandts siebzehn Quadratmeter große „Nachtwache“ steht mitten im Museum in einem gläsernen Raum auf einer eigens angefertigten Staffelei. Die Besucher können jeden Handgriff der Restauratoren bei der Schadensanalyse sowie der anschließend eigentlichen Schadensbehebung beobachten. Die „Operation“ ist hoch kompliziert. Schließlich wurde das Bild bereits einige Male beschädigt und schon mehrfach restauriert. Auch der natürliche Alterungsprozess ist inzwischen unübersehbar. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur machte Gregor Weber, der Leiter der Abteilung Bildende Kunst des Rijksmuseums, jüngst die Dimension dieses Auftrages deutlich. Mindestens ein Jahr werde das Projekt in Anspruch nehmen und wohl mindestens drei Millionen Euro kosten.

Trotz Anonymität Spannung pur

Dennoch, so spektakulär die Restaurierung der Rembrandtschen „Nachtwache“ auch ist, die Namen der beteiligten Restauratoren sind nach wie vor kein Gegenstand des öffentlichen Interesses. In der Berichterstattung der Medien jedenfalls sucht man sie vergebens. Für Susanne Danter, die an der Technischen Hochschule Köln Restaurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut mit dem Schwerpunkt Gemälde/Skulptur studierte und heute bei der Hessischen Schlösserverwaltung in Bad Homburg arbeitet, ist das ganz normal und Wesensbestandteil ihres Berufs. „Wir stehen stets hinter den Kunstwerken“, beschreibt sie bescheiden ihre und ihrer Kollegen Funktion. Doch gilt auch das Umgekehrte. Gleich, ob vor den neugierigen Blicken der Besucher im Rijksmuseum in Amsterdam oder in den Werkstätten abseits der Ausstellungsräume und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ob ein Bild, ein Musikinstrument oder die Fassade eines historischen Bauwerkes vor dem Verfall zu retten ist, ob die Kosten dafür 3.000 oder 3 Millionen Euro betragen, der Prozess bleibt für Restauratoren immer gleich spannend.

Susanne Danter (Foto: privat)

Ihr Ziel ist es, die Kunstobjekte vor dem Verfall zu retten. Selbst im grellen Rampenlicht stehen zu wollen, ist dagegen kein Bestandteil ihres Aufgabenkatalogs. „Wir Restauratoren sind Bewahrer“, formuliert es Susanne Danter. Gisela Gulbins, nach einem Studium der Restaurierung von archäologischen, ethnologischen und kunsthandwerklichen Objekten an der Kunstakademie Stuttgart nun an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen Restauratorin für Kunsthandwerk, bestätigt das. „Zwar müssen wir uns in den Künstler und sein Werk hinein versetzen können, selbst aber sind wir keine Künstler.“ Wer diesen Anspruch habe, solle lieber die Finger vom Beruf des Restaurators lassen. Kunstaffin und kunstsachverständig aber müssen Restauratoren sehr wohl sein. Und kreativ ebenfalls. Freilich nur was die Methodik der Restaurierung betrifft. Uneinheitlich fallen die Antworten auf die Frage aus, ob eine Restaurierung die Handschrift des Restaurators erkennen lassen darf oder ob er auch da so unsichtbar als nur irgend möglich zu bleiben hat.

Die Botschaft des Objektes wieder lesbar machen

Jan Raue machte sich mit der Restaurierung der Klosterkirche Chorin schon früh einen Namen (Foto: privat)

Meine Gesprächspartner sind darüber unterschiedlicher Meinung. Klar ist immerhin so viel, die Handschrift des Restaurators gleicht einer für unbeteiligte Dritte unsichtbaren Geheimschrift. Und wenn sie denn erkennbar wird, dann vor allem darin, wie sehr es dem Restaurator gelungen ist, die Botschaft des Kunstobjektes wieder lesbar werden zu lassen. Und zwar die Botschaft des Künstlers, nicht etwa seine eigene. Die Bereitschaft, sich dem Anspruch des Künstlers unterzuordnen, ist ein Kernpunkt des Restauratorenberufes. Das zu erreichen, verschafft Restauratoren ebenso viel Glück wie eine tiefe Befriedigung. Aber es gibt bei jedem Objekt eine andere Perspektive. Bei Gemälden zählen vielfach Details, bei Architekturoberflächen der Gesamteindruck, bei Musikinstrumenten die instrumentale Originalität. Bei allen aber kommt ein Weiteres hinzu. „Wir müssen die Spuren der Geschichte erlebbar halten“, beschreibt es Jan Raue, Präsident des Verbands der Restauratoren und Professor für Restaurierung von Wandmalerei an der Fachhochschule Potsdam. Zuvor war er 25 Jahre selbständiger Restaurator und machte sich mit der Restaurierung der Klosterkirche Chorin schon früh einen Namen.

Sven Taubert, selbständiger Restaurator aus Dresden, an deren dortiger Hochschule für Bildende Künste er auch sein Diplom erwarb, formuliert den Sachverhalt so: „Restauratoren dürfen durch ihre Arbeit den Urkundenwert des Objektes nicht verfälschen.“ Einfacher formuliert, ein Kunstwerk zu restaurieren bedeutet eines genau nicht, es neu zu machen. Und weiter: „Um das zu erreichen, müssen wir weniger den geistigen umso mehr aber den werktechnischen Prozess der Entstehung des Objektes verstehen ebenso wie die anschließenden Alterungsvorgänge erkennen und analysieren können.“ Für die Restaurierung gäbe es im Übrigen nie nur eine Lösung. Auch bestimme die weitere Nutzung des Objekts die Vorgehensweise des Restaurators. So zum Beispiel, wenn das Objekt eine statische Funktion besitze. „Bei einer Skulptur, die ein Gebälk abstützt“, erzählt der Dresdner, „verbietet sich ein Torso. Da muss ich zerstörte Partien dann eben doch ersetzen.“ Und noch etwas erschwere die Restaurierung zunehmend. „Vorangegangene Restaurierungen machen es schwieriger, zum originalen werktechnischen Prozess vordringen zu können.“

Immer und überall Einzelfalllösungen

Birgit Mühler vor dem von ihr restaurierten Schubert-Denkmal im Leipziger Clara-Zetkin-Park (Foto: privat)

Intensives Quellenstudium und genaues Hinschauen avancieren für Restauratoren deshalb zu entscheidenden beruflichen Voraussetzungen. Und auch wenn die Verwissenschaftlichung des Berufes im Tempo von Siebenmeilenstiefeln voranschreitet, bleibt doch Erfahrung eine durch nichts ersetzbare Qualifikation. „Schließlich“, begründet Birgit Mühler, wie Taubert selbständige Restauratorin, „müssen wir die Lösung abhängig von Herkunft, Geschichte und geplanter Verwendung immer im Einzelfall entwickeln.“ Tatsächlich sollte die in Leipzig ansässige Restauratorin den Wert praktischer Berufserfahrungen beurteilen können. Ihre fünfjährige Tätigkeit in einer Bamberger Steinrestaurierungsfirma vor dem Studium, zuletzt oftmals als Baustellenleiterin, habe ihr in ihrer jetzigen Tätigkeit als Restauratorin für Architekturoberflächen und Skulpturen bei vielem sehr geholfen, ist sie überzeugt. So etwa bei der Wiederaufarbeitung der stark beschädigten Spindeltreppe zu den Fürstengemächern des Rochlitzer Schlosses. Die eigenverantwortliche Auftragserledigung wie auch die Vielfalt an Materialien fasziniert Birgit Mühler, die an der Fachhochschule Potsdam Konservierung und Restaurierung studierte, an ihrem Beruf bis heute.

Eine auch für Restauratoren kaum zu überbietende Bandbreite an Materialien bestimmt die Arbeit von Restauratoren für Musikinstrumente, wie Klaus Martius einer ist, in besonderer Weise. Das Spektrum reicht von Metall und Holz über Leder, Stein, Elfenbein und Naturhaaren bis hin zu Textilien. Der Mann, der zum Schutz seiner wertvollen Instrumente bei der Arbeit meist weiße Handschuhe trägt, ist am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg für etwa 3.000 Inventarnummern, wie die Objekte in einem Museum genannt werden, zuständig. Derart umfangreiche Musikinstrumentensammlungen sind selten, damit auch entsprechende Arbeitsmöglichkeiten. In Deutschland, schätzt Martius, seien es vielleicht vier, weltweit nur wenig mehr. Natürlich müssen auch Restauratoren manchmal „Kilometer machen“, wie es Martius formuliert. Soll heißen, auch in der Restaurierung gibt es Arbeitsprozesse, die eher stumpfer manufakturmäßiger Handarbeit gleichen.

Konservierung vor Restaurierung

Klaus Martius mit einer Viola da gamba vor seiner Werkzeugwand (Foto: GNM/Monika Runge)

Der Kern der Arbeit moderner Restauratoren ist mittlerweile aber immer stärker eine planende und koordinierende, damit also eine hoch kommunikative Tätigkeit. Die Aufgabe von Restauratoren sei in erster Linie eine anwaltliche, sagt Martius. „Im Vordergrund steht immer das Material.“ Als Kunsthistoriker, Kunsthandwerker und Naturwissenschaftler seien Restauratoren eher Dilettanten, ist der Mann aus Nürnberg überzeugt. „Unsere Kompetenz besteht vor allem darin, die Erkenntnisse dieser Fachleute nachvollziehend zu verstehen, sie anschließend in einem ganzheitlichen Konzept zusammenzuführen und am Ende die handwerkliche Ausführung selbst zu übernehmen oder bei der Beauftragung anderer zu überwachen.“ Birgit Mühler spricht in diesem Zusammenhang von den Restauratoren als Chimären, und meint damit multifunktional tätige Fachkräfte. „Die Fehler von Restauratoren“, erklärt Klaus Martius, „liegen zumeist weniger in der handwerklichen Umsetzung als vielmehr in der fehlerhaften Konzeption einer Restaurierung.“

Unabhängig davon gilt für alle Restauratoren ein eherner Grundsatz. Immer sollen die Eingriffe in die Originalsubstanz so gering wie irgend möglich sein. Denn Eingriffe in das Objekt, und sind sie noch so minimal, bedeuten stets eine Veränderung. Vorrang haben deshalb immer konservatorische Maßnahmen, die der reinen Erhaltung des Objektes dienen und dessen Zerfall verhindern, mindestens aber verlangsamen sollen. Weshalb als Berufsbezeichnung für Restauratoren im englischen Sprachraum treffenderweise der Begriff „Conservator“, zunehmend auch „Conservation scientist“ verwendet wird. Bei diesen konservatorischen Tätigkeiten unterscheidet man einmal in die konservatorischen Maßnahmen direkt am Objekt. Das sind außer Reinigungsarbeiten vor allem Maßnahmen zur Substanzkonsolidierung.

Naturwissenschaftliche und technische Anforderungen wachsen

Daneben stehen Tätigkeiten der präventiven Konservierung, die etwa Einfluss auf die Umfeldbedingungen des Kunstwerkes in den Depots und an den Ausstellungsorten nehmen. So werden Restauratoren in immer stärkerem Maße Fachleute für die Lagerung, Aufbewahrung und zunehmend auch für die sachgerechte Präsentation von Kunstschätzen. Was die Qualifikation zur Analyse eventueller Schadensursachen einschließt. Da geht es um Temperatur, Luftfeuchte, auch die Lichtverhältnisse und Luftschadstoffe, bei Ausleihen darüber hinaus um das jeweilige Objekt schonende Transportbedingungen. Und das gar nicht selten über unterschiedliche Klimazonen hinweg. Dafür braucht es zwingend solide naturwissenschaftliche Kenntnisse. Wie die Naturwissenschaften im Übrigen auch bei der Restaurierung selbst einen immer breiteren Raum einnehmen.

Blick in einen Werkstattraum des Niedersächsischen Landesmuseums (Foto: Wikimedia/Hajotthu)

Dann etwa, wenn über die Zusammensetzung von Farben, Lacken, Klebern, Mörtel oder anderen Materialien entschieden werden muss. Immerhin dürfen sie nur synchron mit den Materialien des Originals altern, nicht schneller und nicht langsamer, und genauso keine unerwünschten chemischen Reaktionen mit ihnen eingehen. „Restauratoren“, weiß Gisela Gulbins deshalb auch, „sind von Berufs wegen eher konservativ.“ Tatsächlich haben neu entwickelte Materialien bei ihnen nur dann eine Chance, wenn sie ihre Alltagstauglichkeit bereits an anderer Stelle unter Beweis gestellt haben. „Das Erforschen der Herstellungsmethoden wie auch die Dokumentation, also die Objektbeschreibung vor und nach dem Eingriff, rücken deshalb zunehmend in den Fokus“, weist Klaus Martius auf einen weiteren Aspekt restauratorischen Arbeitens. „Restauratoren“, formuliert er selbstbewusst, „haben zu diesen Fragestellungen in aller Regel einen besseren Zugang als Kunsthistoriker.“

Restauratoren brauchen Vielfachwissen

Aber nicht allein die naturwissenschaftlichen Anforderungen wachsen. Auch die Ansprüche an die technischen Fertigkeiten von Restauratoren nehmen zu. Bei der Schadensanalyse ebenso wie der Restaurierung kommen inzwischen immer öfter teures High Tech zum Einsatz. Es geht um berührungsloses Messen, um den Einsatz modernster Scanner für aufwändige Schichtaufnahmen, um hochauflösende Mikroskope, um Röntgenfluoreszensanalysatoren und mobile Infrarotaufnahmesysteme. Wo Sven Taubert früher mühsam mit dem Skalpell arbeitete oder sich mit den Ungenauigkeiten eines Mikrostrahlers abfinden musste, setzt er heute gepulste Lasertechnik ein. „Mit diesen Blitzen im Nanosekundenbereich lässt sich die Energiedichte millimetergenau auf die jeweiligen Anforderungen einstellen“, beschreibt er die neuen technischen Möglichkeiten. Gleichwohl weiß Taubert: „Es geht nie nur um separierte Teillösungen, sondern immer um ein Konzept für das Objekt als Ganzes.“

Sven Taubert – Modernste Lasertechnik gehört zu seinem Berufsalltag (Foto:
privat)

Die zentrale Frage, die Restauratoren zu beantworten haben, lautet stets gleich: Wie ist mit Verlusten umzugehen? Im Detail gibt es auch Abwandlungen davon. Etwa: Sollen Gebrauchsspuren erhalten oder getilgt werden? Weder auf die eine noch die andere Frage lassen sich allgemeingültige und schon gar keine Antworten mit Ewigkeitswert ausmachen. Restauratoren müssen sie im Kontext jedes Mal neu finden. Bei einer Gitarre von Mick Jagger wird man sich anders als bei einem Gemälde von Giotto aus Gründen der Authentizität für die Beibehaltung entscheiden. Unabhängig davon, aber zugleich in einem unauflösbaren Zusammenhang damit steht ein weiteres fachliches Diktum. Restauratoren sind in ihrer Arbeit immer und überall dem Gebot der Reversibilität verpflichtet. Was nichts anderes heißt, als dass alles, was sie tun, wenn nötig rückführbar sein sollte. Die Begründungen dafür sind so vielfältig wie die Objekte, die zu restaurieren sind.

Eigene Grenzen erkennen

Da können Materialien, anders als bisher bekannt, unvorhergesehen miteinander reagieren. Da können aktuelle Forschungsergebnisse das Werk in neuen Bezügen verorten. Beides bliebe nicht ohne Einfluss auf die Restaurierung. Was muss also jemand mitbringen, der ein guter Restaurator werden will? Es ist ein ganzes Bündel an Begabungen und Fertigkeiten. Die nachfolgende Aufzählung erhebt weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch bedeutet die Reihenfolge der Nennung eine fachliche Priorisierung. Bewerber sollten neugierig, historisch interessiert und deshalb lesefreudig sein. Schließlich steht hinter jedem Objekt eine lebendige Geschichte mit Auswirkungen auf den Werkprozess. Sie sollten gleich gut planen wie handwerklich arbeiten können, denn der Restauratorenberuf ist ein klassischer Hybridberuf. Sie benötigen ein ästhetisch geschultes Auge wie die Fähigkeit zur Improvisation. Die Objekte ihrer Begierde besitzen einen künstlerischen Anspruch und erschließen sich nicht selten erst im Arbeitsprozess.

Susanne Danter reinigt die Oberfläche eines Bildes mit einem trockenem Latexschwamm (Foto: privat)

Zahlreiche Projekte erstrecken sich über viele Monate, manchmal sogar Jahre, weswegen es ohne Geduld und Durchhaltevermögen nicht geht. Gleiches gilt wegen der Komplexität vieler Objekte für eine systematische Arbeitsorganisation und eine gewisse Ordnungsliebe. Darüber hinaus müssen Restauratoren ebenso konflikt- wie kompromissfähig sein. Das restauratorisch Beste für das Objekt steht nicht selten im Widerstreit mit den Vorstellungen oder Möglichkeiten des Besitzers beziehungsweise Auftraggebers. „Auch mit der Bürokratie staatlicher Arbeitgeber sollte man schnell lernen umzugehen“, ergänzt Susanne Danter. „Über allem aber steht die Bereitschaft“, weist Jan Raue auf einen letzten Aspekt der Berufseignung von Restauratoren, „seine eigenen Grenzen erkennen wie anerkennen zu wollen.“ Denn es geht stets zu allererst um das Kulturgut und nicht um den Restaurator. Das merken Berufsanfänger auch auf anderen Feldern. An überwiegend Projekt- und Zeitverträgen, an der regelmäßig viel zu dünnen Personaldecke in den Museen, gemessen am langen Ausbildungsweg an unattraktiven Verdienstchancen für angestellte Restauratoren, an den zahlreichen ökonomischen Zwängen für Selbständige.

Ziel: Professionalisierung des Berufes

Ob die aktuell rückläufigen Studienbewerberzahlen vornehmlich darin gründen, lässt sich nur vermuten. Schließlich waren die Bedingungen in früheren Jahren nicht besser. Bei Gisela Gulbins, Jan Raue, Susanne Danter, Sven Taubert, Birgit Mühler und Klaus Martius überwiegt jedenfalls die Freude am Beruf. Wer, außer den Künstlern selbst, ist der Kunst schon so nahe wie sie. Gleichwohl haben einige Hochschulen ihr Studienangebot erst einmal stark reduziert. Die Technische Universität München hat die Immatrikulation neuer Studienanfänger derzeit ganz ausgesetzt. Vor dem Hintergrund einer hohen fachlichen Spezialisierung der Hochschulen, sind die Auswirkungen erheblich. Es gibt daneben auch noch andere Aspekte, die einer Professionalisierung des Berufes im Wege stehen. Die Berufsbezeichnung Restaurator ist bis auf die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gesetzlich noch immer nicht geschützt. Wer will, nennt sich Restaurator. Eine entsprechende fachliche Qualifikation muss er dazu nicht nachweisen. Für Studienabsolventen erweist sich der Schritt in die Berufstätigkeit meist als großer Satz. Nicht allein, weil vielen mangels Stellenangeboten zunächst nur die Selbständigkeit bleibt, sondern auch, weil sie in einer festen Anstellung oft als fachliche Einzelkämpfer arbeiten.

Gisela Gulbins bei dem, was sie am liebsten tut – Ein restauriertes Objekt kommt zurück in die Ausstellungsvitrine (Foto: rem/Maria Schumann)

Während selbständige Restauratoren Verantwortung für den gesamten Arbeitsprozess tragen, sind ihre angestellten Kollegen häufig nur mit Teilaspekten betraut. „Was der Einzelne bevorzugt“, ist Birgit Mühler überzeugt, „hängt stark von der Persönlichkeit ab.“ Da wie dort verbindet sich die berufliche Karriere für die meisten Restauratoren sowohl mit der Komplexität als auch der Qualität des zu bearbeitenden Objektes, eher selten mit einem hierarchischen Aufstieg. Bleibt für die künftigen akademischen Restauratoren eine letzte Frage. Reicht der Bachelor-Abschluss oder sollte es doch der Master sein. Unabgesprochen sind sich meine Gesprächspartner in der Antwort darauf sehr einig. „Bachelorabsolventen sind in unserem Beruf (noch) nicht in vollem Umfang arbeitsfähig“, formuliert es stellvertretend für alle Verbandspräsident Jan Raue. Auch Gisela Gulbins ist nach vielen Jahren Berufspraxis überzeugt; „Für den Entwurf einer Konzeption braucht es zwingend die Masterqualifikation.“ Mit Blick auf die Ausbildung der akademischen Restauratoren, daneben gibt es noch eine einschlägige Weiterbildung für Fachkräfte aus dem Handwerk (siehe dazu auch: „Europäisches Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege Thiene/Italien – Wo Handwerker zu Restauratoren werden“ – https://www.berufsreport.com/europaeisches-zentrum-fuer-berufe-in-der-denkmalpflegethiene-italien-wo-handwerker-zu-restauratoren-werden/), macht Jan Raue eine weitere Entwicklung große Sorgen.

Es geht um Wissen und Können

Neben der strukturellen Einordnung in das Bolognasystem mit zwei berufsqualifizierenden Abschlüssen (Bachelor und Master) gibt es in der Ausbildung von wissenschaftlichen Restauratoren eine weitere Baustelle. Es geht um die praktischen Zugangsvoraussetzungen. Wurde Studienbewerbern vor der Bolognareform ein zumeist 32 monatiges einschlägiges Fachpraktikum abverlangt, sind es jetzt allenfalls noch 12 Monate. Die Fachhochschule Potsdam muss Bewerber nach einer Novellierung des Landeshochschulgesetzes inzwischen sogar ganz ohne Praktikum zulassen. „Das erschwert uns die Lehre erheblich“, berichtet Raue, „denn bisher war es unser Selbstverständnis, von Beginn an an Originalobjekten auszubilden. Kommen nun aber Bewerberinnen direkt nach dem Abitur ohne jede praktische Erfahrung zu uns, müssen wir stattdessen zusätzliche Praktika in die Semesterferien packen“ Zum Schluss ein Blick in die Zukunft. Die Digitalisierung ebenso wie Fortschritte in den Materialwissenschaften werden zu einer weiteren Professionalisierung des Berufsbildes führen (müssen). Daneben werden Antworten zu liefern sein, wie Industriedenkmäler aber auch die Performance-Art, also ephemere beziehungsweise Prozesskunst, konserviert und restauriert werden können. Die Vergangenheit folgt der Gegenwart also auf dem Fuß. So bleibt es spannend für Restauratoren!

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01.11.2019)

Berufstätige akademische Restauratoren: ca. 10.000 (nach Schätzungen des Verbandes der Restauratoren). Die Zahl der selbständig tätigen Restauratoren übersteigt die der angestellten Restauratoren. Entsprechend einer Mitgliederumfrage des VDR sind drei von vier Restauratoren Frauen. Auffällig ist dabei, dass der Frauenanteil umso höher ist, je jünger die Restauratoren sind. In der Altersgruppe von 21-30 Jahren liegt der Frauenanteil gemäß VDR-Umfrage bei     93 (!) Prozent.

Altersstruktur berufstätiger Restauratoren (Quelle: Mitgliederbefragung VDR):
jünger als 30 Jahre: 21 %
31 – 40 Jahre: 26 %
41 – 50 Jahre: 20 %
51 – 60 Jahre: 23 %
älter als 60 Jahre: 10 %

Arbeitslose Restauratoren: keine Angaben verfügbar.

Einkommen: In Museen werden Restauratoren je nach Aufgabenbereich und Tätigkeit meist in die Entgeltgruppe E9 (ca. 2.950 €) bis A11 (3.560 €) eingruppiert. Aufstiegsmöglichkeiten gibt es insbesondere in forschende, lehrende und leitende Tätigkeiten bis zur Entgeltgruppe E13 (ca. 4.200 €), mit einer Promotion in Einzelfällen sogar auch in die E15 (ca. 5.550 €). Die Angaben sind brutto. Selbständige Restauratoren erzielen abhängig von Fachrichtung und Standort für ausführende Aufträge im Durchschnitt einen Stundensatz zwischen 40-60 € netto für planerische Aufträge 60-80 €.

Studienmöglichkeiten: https://www.restauratoren.de/beruf/ausbildung/ausbildungsstaetten/

Weiterführende Informationen:
https://www.restauratoren.de/beruf/
und
https://www.romoe.com/de/berufsbild-restaurator/
und
Schwieger, Olaf: „Korrekturbedarf an den Rahmenbedingungen – Auswertung der VDR-Umfrage zur Situation der Restauratoren in Deutschland“, in: FORWARD – Forum Wissenschaftliches Arbeiten in Restaurierung und Denkmalpflege. Eine Bestandsaufnahme zum Europäischen Kulturerbejahr 2018; zu finden unter: https://www.restauratoren.de/wp-content/uploads/2019/04/FORWARD_Layout_20190402_web_II-2.pdf

 

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