Reiner Knizia – Vom Mathematiker über den Banker zum Spieleentwickler

Von Hans-Martin Barthold

„Der Herr der Ringe“ wurde 2001 ein Riesenerfolg (Foto: KOSMOS Verlag)

„Der Herr der Ringe“, für einige ein Fantasy-Roman, für andere ein Kunstmärchen, führte manche Menschen in Buchhandlungen, an denen sie bis dahin achtlos vorbeigegangen waren. Und brachte sie, die bis dahin mit Literatur nur wenig anfangen konnten, dazu, 1.300 eng bedruckte Buchseiten des Autors John R. R. Tolkien zu lesen. Noch größer der Hype, den die gleichnamige und vom neuseeländischen Regisseur Peter Jackson geschaffene Filmtrilogie auslöste. Die Kinosäle platzten wochenlang aus allen Nähten. Oft genug genossen Großeltern, Kinder und Enkel gemeinsam den Zauber der Geschichte und die Anmut der Bilder. Und wer auch danach noch immer nicht davon lassen konnte, ging ins Spielwarengeschäft, um die Faszination mit dem Brettspiel „Der Herr der Ringe“ ein drittes Mal zu erleben. Den Namen dessen Entwicklers, Reiner Knizia, kennen, anders als bei den Schöpfern von Buch und Film, freilich nur die Insider. Dabei erhielt Knizia beim Spiel des Jahres dafür einen Sonderpreis und vom International Gamers Award immerhin eine Nominierung.

Depressionen hat dieses Dasein außerhalb des Lichtkegels öffentlicher Wahrnehmung freilich zu keiner Zeit ausgelöst. Knizia weiß schließlich, was er kann. Knapp 800 Spiele hat er bisher bis zur Marktreife entwickelt. Die Zahl der verkauften Exemplare liegt inzwischen jenseits der 10-Millionen-Grenze. Daneben hat er noch fünf Sachbücher geschrieben. Damit gehört er hierzulande zu den ganz großen seiner Community. Doch spielt man die von ihm entwickelten Spiele nicht nur in München, wo er lebt, in Hamburg, Berlin, Dresden, Koblenz oder Schwerin. Er ist auch in zahlreichen anderen Ländern ein vielfach ausgezeichneter Star. „Das Spiel muss überzeugen“, sagt er in britischem Understatement, „denn nur dann verkauft es sich.“ Der Name des Entwicklers interessiere die meisten Käufer dabei eher selten. Stimmt. Viel wichtiger ist für Reiner Knizia, dass die Lektoren der Spielzeugverlage, die Händler und die Multiplikatoren in den (Sozialen) Medien mit seinem Namen etwas anfangen können. Und bei denen steht der hoch im Kurs. Er steht für Logik, Präzision und Erlebnisfreude, in einem Wort für Qualität. Eine Vielzahl von Preisen und Auszeichnungen sind der Lohn dafür.

Den Berufswechsel lange vorbereitet

Very British – Reiner Knizia lebte lange Jahre in Windsor nahe London (Foto: Karen Easteal)

Bis dahin war es indessen ein langer Weg. Zwar haben Reiner Knizia, der vor seiner Rückkehr nach München übrigens viele Jahre in Windsor nahe London wohnte, Spiele schon immer begleitet, wie er es formuliert. Knizia wuchs in der schwäbischen Kleinstadt Illertissen auf, in seinen Kindertagen 12.000 Einwohner groß. „Einen Spieleladen gab es da nicht“, erinnert er sich. „Einige wenige Exemplare konnte man beim Friseur kaufen.“ Deshalb blieb nur, selbst kreativ zu werden. Und so entwickelte der Grundschüler Knizia im zarten Alter von acht Jahren sein erstes Spiel. Von kommerziellen Ambitionen war er in jenen Tagen allerdings noch so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Das änderte sich freilich mit den Jahren. Den Schritt zum professionellen Spieleautor wagte er nach langer Überlegung dennoch erst nach seinem 40. Geburtstag. Dann allerdings straight ahead und ohne Rückkehrticket. „Mir war bewusst, dass das nicht nur eine Entscheidung für ein oder zwei Jahre sein würde“, blickt Knizia zurück, „sondern eine grundlegende berufliche Neuausrichtung. Im Übrigen war ich zu diesem Zeitpunkt als Spieleerfinder bereits gut etabliert.“ Schon im ersten Jahr schrieb er schwarze Zahlen, was nur wenigen gelingt.

Was sagt das alles über den Menschen Reiner Knizia und seinen beruflichen Erfolg aus? Dass er einer ist, der etwas ganz und mit vollem Engagement macht oder es bleiben lässt. Fünf verschiedene Dinge gleichzeitig zu beginnen und dann jedes nur halb zu tun, ist seine Sache nicht. Dass er lange schaut, ob die eine Sache, für die er sich am Ende entscheiden wird, auch wirklich die richtige ist und tragfähig genug. Dass er den Wechsel gut vorbereitet. Dass er kein Freund spontaner Weichenstellungen ist, sondern stattdessen graduelle Veränderungen bevorzugt, einen Schritt nach dem anderen tut. Dass er keine Wege wählt, die einer Einbahnstraße gleich nur in eine Richtung begehbar sind und die keinen Notausgang besitzen. Dass er sich möglichst viele Türen und damit genau so viele Optionen offen hält. „In einer so schnelllebigen Zeit wie der heutigen“, ist er überzeugt, „wird das immer wichtiger.“ Man kann es natürlich auch anders formulieren. Reiner Knizia möchte Herr seiner Entscheidungen bleiben. Gleichwohl ist er lebenserfahren genug, um die Bedeutung von Zufällen zu kennen. Aber er weiß eben auch, am Ende hat nur der Tüchtige das Glück auf seiner Seite.

Erfolg ist das Ergebnis von Anstrengung und Disziplin

Die Fans stehen Schlange nach seinen Autogrammen (Foto: Blue Moon)

Kaum etwas charakterisiert den Spieleentwickler besser als das. Knizia ist ehrgeizig, weil wissbegierig, doch nicht mit der Attitüde des autistischen Klassenprimus. Vor allem aber beginnt ihm das Lernen irgendwann große Freude zu machen. Die Anforderungen in der Grundschule bewältigte er noch ohne viel Aufwand nebenbei. Die meiste Zeit genießt er mit Gleichaltrigen die unbeschwerte Freiheit auf den Spielplätzen, den Wiesen und an den Ufern der Iller. „Dass Begabung am Gymnasium alleine allerdings nicht mehr für ein auskömmliches Zeugnis reicht“, erinnert sich Knizia, „war ein nachhaltiger Lernprozess.“ Im ersten Halbjahreszeugnis gewährt ihm der Englischlehrer nur ein „mangelhaft“. Ebenso wie seine Eltern weiß der Elfjährige, eine zweite Fünf in einem weiteren Fach würde die Wiederholung der Jahrgangsstufe bedeuten. Nicht nur für ihn ein Albtraum. Die Eltern organisieren Nachhilfe. Knizia erreicht das Klassenziel. Viel mehr noch aber verinnerlicht er die Erkenntnis, Erfolg ist stets das Ergebnis von Anstrengung und Disziplin.

Auf dem Weg zum Abitur, das er als Schulbester (!) abschließt, macht Reiner Knizia Erfahrungen, die ihn prägen bis heute. Gute und schlechte. Sein Herz schlägt für die Naturwissenschaften, allen voran die Physik und Mathematik. Er trifft auf einen Lehrer, der das bemerkt, dem das imponiert und der das fördert. Der ihm für die Zeit nach dem Unterricht einen Schlüssel zum Experimentierraum anvertraut und die Neugier des Jungen mit Anregungen und der Analyse seiner Ergebnisse begleitet. Knizia genießt diese unverhoffte neue Lernmöglichkeit in vollen Zügen und er weiß um die damit verbundene Verantwortung. Bis ihn eines Tages der Schulleiter dort trifft. Dessen barschem „Was machen Sie denn hier?“ folgt das Ende auf dem Fuß. Der Schlüssel verschwindet in den Tiefen der Jackentasche des Direktors. Ab sofort ist der Experimentierraum für ihn wieder Terra incognita. Seitdem weiß Reiner Knizia: Nicht alle Lehrer sind Pädagogen, sondern (zu) viele auch Bürokraten. Für die die Begeisterung und Freude am Lernen ihrer Schüler nicht selten mehr Zumutung als Ansporn ist.

Nicht nur lernen, was Spaß macht, sondern was wichtig ist

Welche Spieleentwickler haben schon ein eigenes Spiele-Museum? (Foto: Knizia)

Es hält Reiner Knizia nicht auf. Und seiner Begeisterung für die Physik und Mathematik tut es ebenfalls keinen Abbruch. Nicht Spieleentwickler heißt sein Berufsziel in jenen Tagen. Noch nicht. Stattdessen entscheidet er sich für ein Physikstudium. Und er denkt groß. Sein Ziel ist die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Weshalb die LMU? Weil dort der berühmte Werner Heisenberg lehrt. Doch während seiner Abiturprüfungen stirbt Heisenberg. Darüber hinaus wird Knizia zum Bundeswehrgrunddienst eingezogen. Die LMU München ohne Heisenberg verliert ihre Strahlkraft. Knizia denkt nicht nur groß, sondern stets auch pragmatisch. Er bleibt daraufhin in heimischen Gefilden und schreibt sich an der benachbarten Universität Ulm ein. Er pendelt. Von Illertissen nach Ulm sind es nur 25 Kilometer, ein Katzensprung. Der Schritt vom gymnasialen Lernen zum Studieren an einer Universität gelingt ihm ohne Bruch. Vor allem, weil er akzeptiert, was er später einmal so formulieren wird: „Man muss begreifen, nicht nur das zu lernen, was Spaß macht, sondern auch das, was wichtig ist.“

Mit Enttäuschungen umgehen zu lernen, bleibt ihm indessen nicht erspart. Aber auch hier ist Reiner Knizia Pragmatiker. Anstatt im Selbstmitleid über die Ungerechtigkeit der Welt zu zerfließen, schaut er nach dem positiven Impetus. Und versucht, das jeweils Beste aus der Situation zu machen. Im Studium gelangt er schon bald an diesen Punkt. Es geht wieder um die Relativitätstheorie. Und wieder um ein Detail, das ihm schon sein Physiklehrer am Gymnasium nicht zufriedenstellend erklären konnte. Also fragt er wieder. Tutor und Assistent müssen nach kurzen Versuchen ebenfalls passen. Der Lehrstuhlinhaber wird zur letzten Hoffnung. Dreißig Minuten dauert das Bemühen, doch am Ende gibt auch der Professor auf. Knizia ist ernüchtert. Er hatte den Physikern mehr zugetraut. Aber nun das. Knizia wechselt das Fach und schreibt sich in der Mathematik ein. Doch nicht aus einer Laune und dem Bauch heraus, sondern erst nach reiflicher Überlegung, probeweiser Teilnahme an Lehrveranstaltungen und langen Gesprächen mit einem Freund, der Mathematik studiert.

Wichtig ist das enge Umfeld

Reiner Knizia mit seinem meistverkauften Spiel „Wer war’s?“ (Foto: Karen Easteal)

In der Gedankenwelt der Mathematiker fühlt sich Reiner Knizia sichtlich wohl. Während viele Kommilitonen unter der hohen Theorielastigkeit ächzen, lässt genau sie Knizia aufblühen. Zur Analyse der unterschiedlichen Quellen verbringt er viel Zeit in der Bibliothek. Seit Gymnasialtagen ist Knizia ein Lesefreak. Eine zwei- bis dreistündige Lektüre schon vor Unterrichtsbeginn gehört zu seinem üblichen Tagesablauf. „Ich stand deshalb bereits regelmäßig um 2:30 Uhr in der Früh auf“, erzählt er. Da kamen viele gerade von der Disco zurück. Heute sei er nicht mehr so verrückt, beschwichtigt Knizia den Zuhörer. Sein Arbeitstag  jetzt beginne „erst“ um 4:00 Uhr. Wieder zum Studium. Als Anwendungsschwerpunkt wählt er die Wirtschaftsmathematik. Besondere Freude bereitet ihm die Modellbildung. Sie ist vergleichbar dem Höhentraining für Leichtathleten aus der Diamond League. Auch wenn das seit seinem Wechsel in die Spieleentwicklung nicht mehr im Zentrum des täglichen Handelns steht, Knizia zehrt auch als Spieleautor noch immer davon.

Doch betont er: „Spiele zu entwickeln, ist ein künstlerischer Schaffensprozess und unterscheidet sich grundlegend von naturwissenschaftlichem Arbeiten.“ An der Analyse der großen weltpolitischen Szenarien beteiligt er sich seit je eher selten. Das überlässt Knizia lieber den Profis. Er ist überzeugt, die persönlichkeitsentscheidenden Prägungen erfolgen im engsten Umfeld. Für ihn verbindet sich dieser Prozess mit drei Menschen. Seinem Physiklehrer, seinem Doktorvater und dem Vorstand einer deutschen Großbank. „Solche Begegnungen sind Geschenke, die man allerdings erkennen und wahrnehmen muss“, beschreibt er das. Sein späterer Doktorvater nimmt ihn nach der erfolgreichen Diplomvorprüfung für ein Studienjahr mit in die USA an die Syracuse University, wo er einen Lehrauftrag besitzt. Trotz eines dort erworbenen Masters bleibt der wissenschaftliche Mehrwert dieser Semester überschaubar. „Doch als Person habe ich einen Riesenschritt gemacht. Internationale Erfahrungen lassen sich durch nichts ersetzen.“

Karriere in Sieben-Meilen-Stiefeln

Reiner Knizia – Ein Mann mit positiver Weltsicht (Foto: Karen Easteal)

Zurück in Ulm taucht Reiner Knizia wieder ganz ins universitäre Jetzt ein. Er schreibt seine Diplomarbeit und folgt der Empfehlung seines Betreuers, das Diplom durch eine Promotion zu ergänzen. Die Zeiten muten heutigen Studierenden wie aus einer anderen Welt an. Sein Doktorvater betreut nur zwei Doktoranden. Einer davon ist Knizia. Das ermöglicht einen fachlichen Austausch wie sonst nur von Oxford und Cambridge bekannt: zeitnah, persönlich, intensiv. Über das berufliche Nachher denkt Knizia nur sporadisch nach. Wahrscheinlich eine akademische Karriere, irgend so etwas in der Art … Dann aber erneut so ein Moment. Knizia belegt die Vorlesung eines externen Dozenten. Es geht um Unternehmensführung und Managementmethoden. Der Dozent kommt von einer deutschen Großbank. „Dieses Thema hatte ich bis dahin überhaupt nicht im Blick“, erzählt er. „Aber es fesselte mich.“ Vielleicht, weil die wirtschaftswissenschaftlichen Theorien und Modelle im Vergleich zur Mathematik anwendungsorientierter daherkamen. Sie schlossen, wenngleich nicht selten noch sehr ungenügend, den Faktor Mensch mit ein.

Nun war die Richtung klar und der Mathematiker Reiner Knizia schrieb Bewerbungen. Auf Rückmeldungen musste der frisch gekürte Dr. rer. nat. nicht lange warten. IBM, McKinsey und eine angesehene deutsche Großbank waren nur die namhaftesten, die mit einem Stellenangebot antworteten. Knizia entschied sich für die Bank in der bayerischen Landeshauptstadt, auch weil die ihm für den Einstieg ein Traineeprogramm  anbot. „Das war für mich als Theoretiker eine gute Brücke in die Arbeitswelt eines Unternehmens“, begründet er seine Wahl. Nach Stationen in der Softwareentwicklung und Informationstechnologie mündet er schließlich in der Unternehmensplanung ein. Hier macht er eine Karriere in Sieben-Meilen-Stiefeln. Bald schon ist er Abteilungsdirektor. Doch was für Außenstehende nach großer Machtfülle klingt, erweist sich aus der Binnenperspektive Knizias als eher stumpfes Schwert. Was ihn zu dieser kritischen Erkenntnis bringt? Entwicklungen, die in der Wirtschaft Alltag sind.

Das Wichtigste: die eigene Lebensaufgabe finden

Ab dem 28. April im Verkauf – „Lost Cities Roll and Write“, das neueste Spiel von Reiner Knizia (Foto: KOSMOS Verlag)

Die Bank strebt zur Straffung ihrer Geschäftsabläufe eine Restrukturierung an und bildet dafür eine auf der Vorstandsebene angesiedelte Projektgruppe. Der gehören Vorstände aus dem eigenen Haus sowie von der Unternehmensberatung McKinsey an. Knizia wird gewissermaßen als Stimme von der Basis dazu berufen. „Mein Einfluss war limitiert bis nicht vorhanden“, erinnert er sich. Doch nicht nur seiner. In einem Personalgespräch vertraut ihm sein zuständiger Vorstand an, dass ihm bei vielen Besprechungen der Projektgruppe oft das Messer in der Tasche aufgegangen sei. Doch Knizia hat ihn nicht intervenieren hören und erkennt schlagartig die Grenzen auch der obersten Führungskräfte. Sie gleichen dem Riesen Gulliver, gefesselt an hunderten Seilen. Die Desillusionierung sitzt tief. Er nimmt das Angebot für einen Job im General Management bei einer kriselnden englischen Tochter dieser Bank an. Mit Geschick und bei wieder anziehender Baukonjunktur gelingt ihm deren Stabilisierung.

Die Bank zeigt sich erkenntlich. Reiner Knizia verdient gut. Eine tiefe innere Befriedigung aber mag sich dennoch nicht einstellen. Wenig später verkauft die Bank das Unternehmen an einen neuen Besitzer. Knizia wird nicht gefragt, immerhin jedoch wenigstens übernommen. Aber er ringt mit sich. Denn der Topmanager führt während all dieser Jahre schon ein Doppelleben. Das erste als Bankmanager, das zweite als Spieleentwickler. Letzteres seit 1990 mit wachsendem Erfolg, auch wirtschaftlich. Fast jedes Jahr erreicht er einen Platz auf dem Siegerpodest des Deutschen Spiele Preises. Zwar sagen ihm Verstand und Erfahrung, dass das Finden der eigenen Lebensaufgabe ein fundamental wichtiger beruflicher Erfolgsfaktor ist. Als ob er schon damals den „Berufsreport“ und unsere von Konfuzius entliehene Philosophie gelesen hätte: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst nie mehr arbeiten“.  Gleichwohl ist Knizia noch nicht reif für eine Entscheidung. Die trifft er dann, gut vorbereitet, zwei Jahre später. 1997 tauscht er die Sicherheit eines attraktiv dotierten festen Angestelltenverhältnisses mit der Gestaltungsfreiheit der Selbständigkeit.

Spielen ist Unterhaltung

Reiner Knizia kann auch Electronic Games (Foto: Karen Easteal)

Auch die ist nicht grenzenlos. Knizia weiß das. Er kennt den Markt und die Gepflogenheiten des Geschäfts. Er weiß, Spielen ist Unterhaltung und Spiele zu entwickeln, ist ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Den Großen wie Hasbro, Mattel, Ravensburger oder Kosmos eine vage Idee einzureichen, besitzt wenig Aussicht auf Erfolg. Knizia hat sich dazu nur als Jugendlicher verführen lassen. Dann begriff er, das ist Marketing. Nein, die Spieleverlage wollen ein marktreifes Spiel angeboten bekommen, um es ohne großen eigenen Input sofort produzieren und verkaufen zu können. Dafür muss Knizia die Spieler als seine potentiellen Kunden mit all ihren Wünschen und Vorlieben in den Blick bekommen. Das ist essentiell. Unternehmen anderer Branchen geben dafür teure Marktuntersuchungen in Auftrag. Spieleautoren machen es anders. Sie testen ihre Spiele in jedem Stadium, genauer: Sie lassen testen. Immer wieder und immer wieder. Am Anfang stehen ein Thema, eine Idee, wie man das Thema umsetzen kann, und das Wissen, wo die Spieler abzuholen sind und wie sie sich begeistern lassen.

Dann beginnt die eigentliche Arbeit für Reiner Knizia. Jedenfalls bei den Spielen, bei denen er selbst Ideengeber ist. „Wo ich als allererstes herausfinden muss, ob die Idee ein ausreichendes (Spiele)Potential besitzt.“ Das Thema des Spiels ist wichtig. Doch noch wichtiger seien die vom Spieleautor zu entwickelnden Mechanismen, die in logischer Stringenz von einer Spieleebene zur nächsten führen. Ich begreife, an deren Präzision teilt sich die Spreu vom Weizen, unterscheiden sich gute von durchschnittlichen Spieleentwicklern. Daran lässt sich die persönliche Handschrift erkennen, zumindest für Menschen, die nicht bloß gelegentlich spielen. Ich frage ihn nach seiner Handschrift. „Ich möchte mit meinen Spielen Erlebnisräume schaffen“, erhalte ich zur Antwort. „Deshalb arbeite ich mit wenig Regeln, das heißt nur dort, wo sie unbedingt notwendig sind. Die Spieler sollen Handlungsspielräume haben, sich entfalten können und das Thema selbst erleben.“ Diese Freiheitsorientierung korreliert mit seinem Menschenbild und ist nicht lediglich Berufskonzept.

Es geht nicht ums Siegen, sondern um intelligente Lösungen

Sie halten ihm im Backoffice den Rücken frei: Karen Easteal (l.) und Britta Stoeckmann (Foto: Knizia)

Reiner Knizia übernimmt freilich auch Projekte, bei denen Verlage an ihn herantreten. Und wo die Auftraggeber ihm trotz seiner großen Erfahrung und vieler Erfolge klare Vorgaben machen. Die veränderte Tonlage seiner Stimme lässt erahnen, dass diese Einschränkungen keine Begeisterungsstürme auslösen. Doch auch hier ist Knizia Pragmatiker. Er weiß, ohne die Finanzstärke eines großen Verlages wären die damit verbundenen hohen Lizenzgebühren für ihn nicht zu stemmen. Und ein Projekt wie „Der Herr der Ringe“ erleichtert natürlich die folgenden Vertragsverhandlungen. Ob er sich mit seinem beruflichen Wechsel zum Spieleautor wirklich den Regeln entziehen konnte, die in seiner vorherigen Karriere galten, möchte ich noch wissen. Nämlich immer siegen zu müssen. Er lacht und hört diese Frage wohl nicht zum ersten Mal. „Zwar gibt es in jedem Spiel einen Widersacher“, gesteht er zu. „Doch ums Siegen geht es beim Spielen nur vordergründig. Vielmehr geht es ums Finden einer Lösung, die den Widersacher schachmatt setzt.“ Und darin liege der Unterschied zum Management. Denn beim Spielen gelingt das bis auf Ausnahmen nur mit Intelligenz, nicht wie im Management, wo die Macht den Erfolg bestimmt.

Für Spieleentwickler gibt es keine Ausbildung und kein Studium. „Wir sind alle Selfemade-Männer und -Frauen.“ Auch könne nicht jeder Spieleentwickler alle Spielkategorien. „Ich habe meine Grenzen bei Spielen, in denen es eine Story zu entwickeln gilt“, gibt der 63-Jährige freimütig zu. Zwar outet sich Reiner Knizia als Fan von Brettspielen. „Ich mag ihre analoge Haptik und die kreative Handlungsfreiheit, die sie den Spielern bieten.“ Doch gibt es von zahlreichen seiner Spiele auch digitale Versionen. Einige hat er sogar speziell für den „kleinen Bildschirm“ entwickelt. Und sein meistverkauftes Spiel „Wer war’s?“ ist ein kooperatives Hybridspiel. Gegenüber den sehr mechanischen „First-Person-Shooter“-Spielen besitzt er indessen eine große Distanz. Wie schafft Reiner Knizia das alles, auch wenn sein Arbeitstag bereits um 4:00 Uhr in der Früh beginnt? Die Organisation des Geschäftsbetriebes, also die administrativen Aufgaben, und die Betreuung der Lizenzverträge, die alleine 65 Aktenordner füllen, nehmen ihm heute die Mitarbeiterinnen seines Büros ab. „Ich darf mich ganz auf die Entwicklung neuer Spiele konzentrieren. Das kann ich am besten und das mache ich am liebsten.“

 


Weiterführende Informationen
https://www.knizia.de/

 

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