Regisseure – Geschichten zum Leben erwecken

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2020

Klappe, die erste – aber keine Kamera, kein Licht, kein Maskenbildner, keine Schauspieler, kein Regisseur, die Studios menschenleer. Die Filmbranche erlebt dank Corona gerade ihren Worst Case. Spruchreife Projekte werden abgesagt, den Produzenten gehen die Geldgeber von der Leine, neue Drehtermine stehen in den Sternen. Die von den Dachverbänden der Filwirtschaft Anfang Mai gemeinsam verabschiedeten “Richtlinien für sicheres Drehen” (https://kinematografie.org/service/initiative_wir_wollen_sicher_drehen_06052020.pdf) werden nicht allein den zeitlichen und finanziellen Aufwand erhöhen, sondern auch die inszenatorische Qualität wie die künstlerische Freiheit in hohem Maße beeinflussen. Und manche Projekte werden sich unter diesen Vorgaben gar nicht realisieren lassen. Ähnlich die Situation an den Theatern. Alle Aufführungen sind gestrichen, die Planungen für die neue Spielzeit unsicher, statt Kostümen nähen viele Theaterschneidereien nun Atemschutzmasken. Für die in ihrer Mehrheit da wie dort freiberuflich tätigen Regisseure kommt das einer Katastrophe gleich. Kurzarbeitergeld erhalten schließlich nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Honorare gibt es allein für getane Arbeit. So halten sich derzeit Hoffen und Bangen die Waage. Doch rückt die Coronapandemie nur in helles Licht, was Regisseure auch in guten Zeiten begleitet: die Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheit freier Berufe. Filmregisseure sind gemäß der Definition des Bundesverbandes Regie (BVR) von der Vorbereitung bis zum fertigen Werk die treibende künstlerisch-gestaltende Kraft.

Filmregisseur Thorsten M. Schmidt (Foto: privat)

Einfacher formuliert: Regisseure erwecken ein Stück, ein literarisches Werk, ein Drehbuch oder einfach eine Idee zum bildlichen und akustischen Leben. Was ihnen nicht nur die künstlerische Ehre, sondern auch das Urheberrecht und die damit verbundenen finanziellen Lizenzen beschert. Besonders unter Drehbuchautoren ist das nicht unumstritten (siehe dazu: „Drebuchautoren – Die Geschichtenerfinder“   https://www.berufsreport.com/drehbuchautoren-die-geschichtenerfinder/). Richtig ist freilich, dass Regisseure, sobald ihnen beim Film die Produzenten und im Theater die Intendanten den Staffelstab überlassen, fast alle künstlerischen Freiheiten dafür besitzen. Was viele ein Berufsleben lang mit großer Freude an dieser Arbeit festhalten lässt. Doch unterscheidet sich die Arbeit der Regisseure im Film, beim Fernsehen und am Theater in vielen Bereichen. Dazu gleich mehr. „Als Filmregisseur stimme ich das Filmteam auf meine Vision der Umsetzung des Stoffes ein und füge dann die kreativen Einzelleistungen der Abteilungen zu einem Ganzen zusammen“, gibt Thorsten M. Schmidt einen Einblick in sein tägliches Tun. „Welche Einzelleistung ich auswähle und wie ich sie zusammenfüge“, ergänzt er, „entscheide ganz allein ich.“

Menschenfänger mit Führungsfähigkeiten

Daniel Theuring, Schauspieldramaturg am Nordharzer Städtebundtheater mit gelegentlichen Ausflügen in die Regie, formuliert die gleiche Aussage für das Arbeitsfeld Theater so: „Ich zerlege als Regisseur ein Stück wie ein Chirurg, um es anschließend in neuer Form wieder zusammenzusetzen.“ Beide Aussagen treffen den Kern der Arbeit von Regisseuren und Regisseurinnen – im Film wie am Theater. Tatsächlich ist der Regisseur derjenige, der am Ende die Entscheidungen über einen Film oder eine Aufführung trifft, wie er umgekehrt freilich auch die Verantwortung für das Gelingen trägt, dem Entscheidungen wie am Fließband abgefordert werden, manchmal bis hin zur Farbe der Hosenknöpfe. Doch geht die Zeit der großen Zampanos, die das alles ganz nach eigenem Gutdünken und völlig selbstherrlich regelten, hier wie dort ihrem Ende entgegen. Zwar verbleibt die Entscheidungsmacht auch weiterhin beim Regisseur. Doch wird er am Theater die Dramaturgie, die Schauspieler (siehe dazu: „Schauspieler – Die Traumfabrik verlangt Talent, Disziplin und harte Arbeit“  https://www.berufsreport.com/schauspieler-die-traumfabrik-verlangt-talent-disziplin-und-harte-arbeit/), das Bühnenbild und die Bühnentechnik, das Kostüm, die Maske (siehe dazu: „Maskenbildner – Meister der Illusionen“   https://www.berufsreport.com/maskenbildner-meister-der-illusionen/) sowie Ton und Video, beim Film zusätzlich das Drehbuch, das Szenenbild, die Kamera, die Beleuchtung, die Musik und den Schnitt in die Entscheidungsfindung einbinden, um gemeinsam an der gleichen Vision des Werks zu arbeiten und sich so der Unterstützung aller Beteiligten zu versichern.

Der Hamburger Helge Schmidt arbeitet als freier Theater-Regisseur (Foto: Ivo Mayr/Correctiv)

„Das ist wichtig“, ist Helge Schmidt, Regisseur in der freien Theaterszene, zuletzt am Hamburger LICHTHOF-Theater, überzeugt. „Denn in dem, was wir Regisseure machen, nämlich eine Geschichte visuell und akustisch aufzubereiten, gibt es kein mathematisch konkretes Richtig oder Falsch.“ Umso wichtiger wird eine gemeinsame Zielfindung. Gipfelsiege, sind Thorsten M. Schmidt, Daniel Theuring und Helge Schmidt überzeugt, gelingen nur mit einem Team, in dem jeder aus Überzeugung hinter dem gemeinsamen Projekt steht. Und nicht nur der zum Überleben notwendigen Gage wegen mitmacht. „Deshalb“, ist Stefan Lukschy überzeugt, „müssen Regisseure zu allererst Menschenfänger sein.“ Das Vorstandsmitglied des BVR braucht das nicht umständlich zu beweisen. Lukschy hat dieses Charisma in seiner beeindruckenden Karriere, in der er ein langjähriger Weggefährte Vicco von Bülows (Loriot) wurde und mehrere seiner TV-Projekte als engster Mitarbeiter begleitete, oft genug gezeigt.

Harte Arbeit für die Illusion von der Leichtigkeit des Seins

So sind Regisseure nicht allein nur szenische Gestalter, sondern nehmen parallel und eng damit verwoben auch eine klassische Führungsfunktion wahr. In der gar nicht selten auch unangenehme Entscheidungen zu treffen sind. Immerhin handelt es sich weder bei der Produktion eines Films noch bei den Proben für eine neue Theateraufführung um einen Kuschelkurs. Beidem gehen lange und intensive Diskussionen nicht nur mit den Schauspielern, sondern auch den beteiligten Gewerken voraus. Das ist harte, gar nicht selten sogar mühsame Arbeit. Deren Ziel am Ende auch darin besteht, hinter der Leichtigkeit des Seins auf der Bühne, der Leinwand oder dem Bildschirm unsichtbar zu bleiben. Wie rau es dafür zeitweilig zugeht, bleibt dem Zuschauer allerdings verborgen. Am Theater dauert die Probenarbeit zwischen vier bis sechs Wochen. In denen oft mehr Fetzen fliegen, als die Theaterschneiderei Stoff vorrätig hat.

Nicht nur im klimatisierten Filmstudio immer mittendrin – Thorsten M. Schmidt (li.) beim Außendreh für die Siegfried Lenz-Verfilmung „Schweigeminute“ auf dem Kamareaboot vor Bornholm (Foto: ZDF/Hannes Hubach)

Kaum weniger aufwändig die Arbeit am Filmset. Für vier bis fünf Minuten Tatort braucht es einen ganzen Drehtag. Bei einem 90-minütigem Film sind das gut zwanzig volle Arbeitstage am Set. Für den Aufnahmeleiter, die Schauspieler und die Beleuchter ist mit der letzten Klappe die Arbeit beendet. Die Kameraleute fliegen nur noch einmal kurz für die Lichtbestimmung ein. Für den Regisseur, der bereits vor den ersten Aufnahmen Monate auf die Vorbereitung verwendet hat, geht es freilich weiter. Denn jetzt kommt der Schnitt, in dem mit Hilfe des Cutters/Editors aus vielen hunderten Einstellungen der eigentliche Film entsteht. Das ist für jeden Regisseur eine der letzten großen Gestaltungsmöglichkeiten, kann er doch weniger gute Szenen an dieser Stelle noch eliminieren sowie aus mehreren Takes oft die Szenen ganz neu zusammensetzen und kombinieren.

Nach dem Drehbuch und den Dreharbeiten wird im Schnitt der Film zum dritten und entscheidenden Mal erzählt. „Mehr als zwei einzelne (Spiel)Filme im Jahr sind kaum zu schaffen, es sei denn man arbeitet an einer Reihe oder Serie“, sind die Erfahrungen Thorsten M. Schmidts. Schaut man sich die Berufsbeschreibungen des BVR sowie des Deutschen Bühnenvereins an, so sind die Aufgaben der Regisseure und Spielleiter, wie sie am Theater auch noch genannt werden, überaus vielfältig. Sie reichen von der dramaturgischen Konzeptentwicklung, der Personalauswahl, der Erstellung des Regiebuchs, des Shooting Scripts und Story Boards, der Auswahl von Kostümen, Masken und Requisiten bis zur Leitung der Proben, der Dreharbeiten und am Theater der Premiere, an freien Theatern zuvor der Einwerbung von Fördermitteln.

Mädchen für alles

„Als Regisseur muss man nicht alles gut können“, ist Thorsten M. Schmidt überzeugt, „aber man muss von allem etwas verstehen.“ Am meisten freilich vom Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen. Und davon, sie zu einem Team zu formen. Der Filmemacher Schmidt sollte es wissen. Er war mit vielen seiner Projekte sehr erfolgreich. Von der deutschen Kritik besonders gewürdigt wurden seine beiden Siegfried Lenz-Verfilmungen „Arnes Nachlass“ und „Schweigeminute“. Für beide erhielt er eine Nominierung zum Deutschen Regiepreis METROPOLIS. Daneben stehen noch andere Preise zu Buche. Besonders stolz ist er auf den Honorary Foreign Student Award der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Los Angeles für seinen Studienabschlussfilm „Rochade“ von 1998 und den 1. Preis der Jury des internationalen Filmkunstverbandes Paris. „Filme machen“, glaubt Schmidt mit Blick auf den Produktionsprozess, „ist immer ein vielfältiger Kompromiss.“ Wichtig auch: Vielleicht ein Drittel der Arbeit sei Kunst und Talent, alles andere Handwerk und Erfahrung. Letztere helfe, eine „gesunde“ Routine zu bekommen.

Der Regisseur Stefan Lukschy war langjähriger Wegbegleiter Vicco von Bühlows (Foto: privat)

Man kann all das auch, wie es Stefan Lukschy tut, salopper formulieren. „Regisseure“, sagt er, „sind Halbkünstler, daneben Dompteure, Kindermädchen, Seelsorger und Psychotherapeuten.“ Deshalb benötigten sie neben breiten Stücke-, Literatur-, Kunst- und Musikkenntnissen ein dickes Fell wie gleichzeitig allerfeinste Antennen, um auch die kleinsten Schwingungen im Umfeld wahrzunehmen. Darüber hinaus geht es trotz besten Kommunikationstalents nicht ohne eine robuste Durchsetzungsfähigkeit. Abhängig von der Größe des Projekts zählt die Crew am Filmset bis zu 50, bei einem aufwendigen Kinofilm auch bis zu 100, im Theater ebenfalls um die zwanzig Personen. Da muss dann irgendjemand den Sack zubinden, die Richtung vorgeben und vorangehen. Und darauf achten, dass während des Drehs nicht jede Kameraeinstellung zu einer mehrstündigen Grundsatzdiskussion ausufert und es bei den Bühnenproben zu keiner Meuterei kommt.

Die Welt in bewegten Bildern erklären

Ohne Durchsetzungsfähigkeit geht es auch im Dokumentarfilm nicht. Immerhin muss der Regisseur hier über die hohe Kunst der Improvisation verfügen, der sich alle anderen unterzuordnen haben. Denn mit Blick auf das aktuelle Geschehen insbesondere beim investigativen Dokumentarfilm muss er seine Planungen immer wieder spontan den Gegebenheiten anpassen. „Ich arbeite wie ein Publizist“, erklärt Matthias Kessler, „nur nutze ich für meine Botschaft zusätzlich zum Wort auch noch das bewegte Bild.“ So verwundert sein berufliches Herkommen aus dem Nachrichtenjournalismus ebenso wenig wie die Tatsache, dass er parallel zu seiner Tätigkeit als Regisseur auch Autor mehrerer Bücher ist. Tatsächlich müssen News-Journalisten Informationen blitzschnell in prägnante Bilder verpacken können. Bei historischen Dokumentationen schreiben Dokumentarfilmregisseure ihre Drehvorlagen im Übrigen häufig selbst. Man nennt sie deshalb auch Autorenfilmer. Das Besondere der Arbeit von Dokumentarfilmregisseuren sind kleine Teams und ein sehr enges Verhältnis zwischen Regie, Kamera und Schnitt.

Dokumentarfilmregisseur Matthias Kessler (Foto: privat)

Mit der Kamera, weil sie als Auge des Regisseurs aufs Geschehen schaut und bei oft genug widrigen Drehbedingungen technisch bis an die Grenzen des Machbaren gehen muss. Mit dem Schnitt, weil in der Dokumentation anders als beim Spielfilm die szenische Dramaturgie wesentlich erst im Schneideraum entsteht. Matthias Kessler ist Dokumentarfilmer mit Leib und Seele. „Ich will unbedingt wissen, was auf der Welt passiert, auch wenn es schlimm ist“, beschreibt er seine Faszination, „denn ich will die Welt entschlüsseln.“ Den publizistischen Ansprüchen stellt sich freilich je länger je öfter die schnöde Ökonomie in den Weg. Die Honorare, weist er auf einen wunden Punkt seines Berufes, verharrten seit zwanzig Jahren auf dem gleichen Niveau, während seine Kosten beständig steigen. Der Kampf um die Budgets werde immer zäher, die Neugier der Redakteure in den Sendern immer geringer. „Der pragmatische Umgang damit ist Teil meines Berufes“, konstatiert er professionell. Und ergänzt sarkastisch: „Wir leben je länger je mehr von Chancen, die uns zunehmend öfter nicht mehr gegeben werden.“

Ringen um gestalterische Freiheit

Auch wenn die allermeisten Spielfilmregisseure ihren Beruf lieben und trotz mancher Unbill um nichts in der Welt tauschen möchten, berichten auch sie von sich verschlechternden Honorarstrukturen, mehr aber von der Einengung ihrer kreativen beruflichen Spielräume. Da der Kinofilm hierzulande wirtschaftlich seit vielen Jahren als Auftraggeber nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, liegt alle Macht in den Händen der Fernsehsender und ihrer Redakteure. Und die wissen um ihren Einfluss, schließlich markieren sie weltweit den zweitgrößten Fernsehmarkt und sind auch als Exporteure überaus erfolgreich. Selbstbewusst, obschon nicht immer fachkundig, bestimmen die Redaktionen bis tief in die gestalterische Konzeption und Produktion von Filmprojekten hinein. „Unsere Freiheit als kreativer Gestalter eines Filmes wird zunehmend mehr beschnitten“, beschreibt Thorsten M. Schmidt die Situation in der Branche. Viele Kolleginnen und Kollegen seien über die aktuelle Entwicklung besorgt. „Doch zum Glück“, führt Thorsten M. Schmidt weiter aus, „gibt es noch immer Produzenten und Redakteure, die ihrem Regisseur oder ihrer Regisseurin vertrauen und hinter ihnen stehen. Ein Vertrauen, das sich letztendlich für alle auszahlt.“ Freilich muss man diese Produzenten finden. Andernfalls fehlen die Alternativen.

Kurze Umbaupause zwischen zwei Einstellungen: Thorsten M. Schmidt (M.) mit Julia Koschitz (li.) und Jonas Nay (re,) während der Dreharbeiten zur Siegfried Lenz-Verfilmung „Schweigeminute“ (Foto: ZDF/Hannes Hubach)

Bei den Fernsehserien als von Beginn an industrialisiertem Produzentenmedium war das schon immer so, waren Regisseure stets dem Serienkonzept unterworfen, waren sie mehr Realisator und Umsetzer denn Künstler. Dafür gibt es gute Gründe. Immerhin erstreckt sich die Lebensdauer publikumsstarker Serien über viele Jahre. Ein vielfach unumgänglicher Wechsel des Regisseurs darf den Zuschauern deshalb nicht auffallen. Ob und in welcher Form die erstarkenden Streamingdienste wie Netflix, Disney+, Apple TV+, Joyn oder Amazon Prime Video die Szene verändern werden, bleibt abzuwarten. Thorsten M. Schmidt hofft auf mehr Mut bei der Wahl der Stoffe, in der Erzählform und der Umsetzung. Andere fürchten, dass das Schubladendenken, unter dem Regisseure bereits heute leiden, die jungen besonders, weiter zunehmen könnte. So wie im Werbefilm. Wo die Spezialisierung von Regisseuren bis hin zu Produktgruppen geht. Einmal Zahnpasta, immer Zahnpasta? Wo die wirtschaftliche Macht des Kunden den Regisseur bis in die letzten Details dominiert, er nur noch für die Umsetzung des von einer Agentur vorgegebenen Konzeptes für einen 30 Sekunden langen Clip verantwortlich ist.

Beruf wie jeder andere

Stefan Lukschy sieht viele Dinge in seinem Beruf vor dem Hintergrund einer inzwischen vier Jahrzehnte dauernden Berufserfahrung mit Gelassenheit. Die regieorientierten Entwicklungsmöglichkeiten seien im Film medienbedingt von jeher begrenzter als am Theater gewesen, ist er überzeugt. Und dann mit einem Anflug sarkastischen Humors, den er keineswegs nur auf seinen Beruf begrenzt wissen will, grundsätzlicher: „Die Hölle ist es, von Leuten abhängig zu sein, die döfer sind als man selbst.“ Da helfe oft nur Humor und manchmal auch eine kleine List. Beides Felder, auf denen Regisseure erfolgreich zu spielen wissen sollten. Konstellationen, in denen eine gleicherweise offene wie vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich sei, würden allerdings infolge des wachsenden finanziellen Drucks immer seltener. So bleibe immer weniger Zeit für Leseproben, wo doch bei Komödien jede Pointe sitzen müsse. „Auch an der Besetzung der Schauspieler als ganz wichtigem Erfolgsaspekt“, so Lukschy, „werden Regisseure zunehmend weniger beteiligt.“

Daniel Theuring, Dramaturg und Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit am Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt, führt daneben auch Regie (Foto: Ray Behringer)

Diese Möglichkeit besitzen Theaterregisseure seit je nur selten und wenn, wie an den freien Theatern, dann durch andere Gegebenheiten eingeschränkt. An den Stadt-, Landes- und Staatstheatern müssen sie die Rollen mit Schauspielern aus den festen Ensembles besetzen. An der Auswahl der Stücke sind sie wie ihre Kollegen vom Film nur in Ausnahmefällen beteiligt. Die Vorbereitung bietet Chancen wie Gefahren. Die Probenzeit ist ein intensiver, strukturierter, gleichwohl auch ein offener Entwicklungsprozess. „Regisseure“, lenkt Helge Schmidt den Blick auf einen zentralen Punkt seines Berufes, „sollten deshalb Gruppen moderieren können.“ Das erweist sich oft genug als große Herausforderung, besitzen doch die Beteiligten eine jeweils unterschiedliche Perspektive auf das Endprodukt. „Regisseure haben das Geschehen stets als Ganzes im Blick“, formuliert es Daniel Theuring, „die einzelnen Schauspieler betrachten ihre jeweilige Rolle stattdessen vor dem Hintergrund ihrer körperlichen Darstellungsmöglichkeiten.“

Große Chancen und Risiken

Der Regisseur ist zwar kreativer Gestalter, dennoch bleibt er Dienstleister. Theater und Filme werden fürs Publikum gemacht, nicht um auf das Genie des Regisseurs zu weisen. „Wir waren gut, doch das Publikum war schlecht“, zitiert Helge Schmidt schmunzelnd aber mit ernstem Hintergrund ein gängiges Bonmot aus der Community.  Matthias Kessler weist an dieser Stelle auf einen wichtigen Unterschied zwischen Film und Theater. „Auf der Bühne geht es um das authentische Spiel der Akteure, beim Film um die Magie der Bilder genauso wie um die Form und Intensität von Nähe.“ Läuft im Film alles auf den Regisseur zu, bewegt er sich am Theater eher im Hintergrund und stehen die Schauspieler auf gleicher Höhe mit ihm. Der Druck ist beiderseits hoch. Am Theater in besonderer Weise. Hier begleitet der Regisseur das Projekt bis zur Premiere. Dann übernimmt es der Regieassistent. Der Regisseur zieht weiter zum nächsten Projekt, zum nächsten Theater, zum nächsten Ensemble, zum nächsten Ort. Die Stellen fest angestellter Hausregisseure sind an den Fingern weniger Hände abzuzählen. „Als Theaterleute“, sagt Daniel Theuring, „gehören wir zum fahrenden Volk.“ Für einen derart personenzentrierten Beruf wie den des Regisseurs sind Kontakte und Beziehungen, heute kurz: Netzwerke, (überlebens)wichtig. Auch die mit den ganz großen Namen müssen sich immer wieder selbst ins Schaufenster stellen und sich Produzenten wie Intendanten präsentieren.

Thalia Theater Hamburg – Steffen Siegmund spielt in „Furor“ unter der Regie von Helge Schmidt (Foto: Krafft Angerer)

Auch wenn auf Filmfestivals, Preisverleihungen oder Galas die meiste Zeit leeres Stroh gedroschen wird, sind sie doch Teil des Geschäfts. Um noch etwas sollte wissen, wer Regisseur werden möchte. „Der Job ist ein Angstbusiness“, weist Daniel Theuring auf einen wichtigen Punkt. Komme ich mit dem Ensemble klar? Wie sind die Reaktionen des Publikums, der Kritiker und des Intendanten? Entwickeln sich die Besucherzahlen wie gewünscht? Wann erhalte ich den nächsten Vertrag? Und das alles bei einem gesättigten Arbeitsmarkt und einer zahlenmäßig großen Konkurrenz. Im Filmgeschäft liegt die Angst eher bei den Sendern. Ihr starrer Blick liegt stets auf den Einschaltquoten. Ihre Sorge, kommt der Film bei der „Zielgruppe“ an. „Diese vorauseilende Sorge“, konstatiert Thorsten M. Schmidt, „ist zuweilen so stark, dass man unsere Kreativität bereits im Vorfeld beschneidet, ganz unter dem Motto: Nur nicht zu viel wagen!“ Doch hält der Beruf auch große Glücksmomente bereit. So etwa, wenn bei einem Projekt am Schluss alle zufrieden sind. Wenn das Publikum emotionale Reaktionen zeigt. Wenn man einen der begehrten Preise erhält. Wenn die Theaterleitung sagt: „Komm wieder.“ Wenn man sich endlich einen Namen erobert hat.

Beruf für Abenteurer

Bleiben zwei Fragen. Was macht einen guten Regisseur aus? Und: Wie findet man in den Beruf? Zum ersten ist das meiste bereits gesagt. Drei Punkte aber sollen an dieser Stelle noch einmal wiederholt werden. Regisseure sollten Geschichten und Szenen in Bildern denken und in einen dramaturgischen Bogen integrieren können. Sie sollten bereit sein, ihr Innerstes nach außen zu kehren, was verletzlich macht. Und natürlich sollten sie über einen breiten kulturellen Referenzrahmen verfügen. „Die Regie ist deshalb nichts für reine Filmnerds“, glaubt BVR-Mann Lukschy. Der Weg in den Beruf führt heute fast immer und überall über ein Studium. Das muss nicht immer ein Regiestudium, sondern kann auch Kunstgeschichte, Literatur- oder Theaterwissenschaft sein. Er kenne freilich auch Politikwissenschaftler, die den Weg in die Regie gefunden hätten, berichtet Daniel Theuring. Helge Schmidt belegte im Nebenfach gar Psychologie. Sehr viele Regisseure begannen ihre Laufbahn als Regieassistenten. Mit gutem Grund. Als Newcomer sollte man wissen, was einen am Set und auf der Bühne erwartet. „Am Ende bleibt der Beruf des Regisseurs ein immerwährendes Abenteuer“, setzt Stefan Lukschy den Schlusspunkt.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 15.04.2020)

Berufstätige Regisseure: Regisseure arbeiten überwiegend als Freiberufler. Belastbare Daten über die Zahl der berufstätigen Regisseure sowie ihre Arbeitsumfänge liegen deshalb nicht vor.

Arbeitslose Regisseure: Auch hierfür liegen keine statistisch belastbaren Daten vor.

Einkommen: Die Höhe der Honorare bleibt individuellen Vereinbarungen vorbehalten. Ihre Höhe hängt von zahlreichen Faktoren ab.

Studienmöglichkeiten „Regie“: www. hochschulkompass.de

Weiterführende Informationen:
Regisseur am Theater: http://www.buehnenverein.de/de/jobs-und-bildung/berufe-am-theater-einzelne.html?view=34
Regisseur beim Film: https://www.regieverband.de/regieberufe/

 

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