Pferdewirte – Die Zügel immer fest in der Hand

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2020

Als Coach Pferd und Reiter zur Perfektion bringen (Foto: Cora M. Jennissen_photography)

Das Glück der Erde liegt, glaubt man dem Volksmund, bekanntlich auf dem Rücken der Pferde. Und tatsächlich bringt der Satz, der auf den Schriftsteller Friedrich von Bodenstedt zurückgehen soll, die Gemütslage vieler Reiter und Pferdewirte treffend auf den Punkt. Für die Mehrzahl der Profis ist die Arbeit mit den ebenso eleganten wie selbstbewussten Tieren weniger Beruf als vielmehr Berufung. Spätestens dann jedenfalls, wenn die unumgängliche Stallpflege erledigt ist und sie endlich im Sattel sitzen können. Es gibt viele Glücksmomente. Wenn das Pferd im Stall seinen Bereiter mit aufgestellten Ohren und einem frohen Wiehern begrüßt, wenn das Fohlen seine ersten Schritte macht, wenn beim morgendlichen Ausritt bei aufgehender Sonne nur der Hufschlag und der Atem des Pferdes zu hören sind. Das entschädigt für die eine oder andere Anstrengung. Freilich ist der Pferdewirt ein Beruf, der so vielfältig ist wie der Einsatz und die Verwendung von Pferden unterschiedlich. Folglich erlaubt die Ausbildungsverordnung die Wahl unter fünf Fachrichtungen – Pferdehaltung und Service, Pferdezucht, Klassische Reitausbildung, Pferderennen, Spezialreitweisen. Freilich lässt sich im beruflichen Alltag und vor allem in kleineren Betrieben die durch die Ausbildungsverordnung vorgegebene Trennschärfe zwischen den einzelnen Fachrichtungen nicht immer hundertprozentig genau einhalten.

Über 700 junge Menschen begannen zuletzt eine Ausbildung, achtzig Prozent davon in den beiden Fachrichtungen Pferdehaltung und Service sowie Klassische Reitausbildung. Neun von zehn Azubis sind im Übrigen Frauen! Das Verhalten der Bewerber korreliert 1:1 mit den Schwerpunkten der Pferdewirtschaft. Mehr als 1,3 Millionen Menschen reiten regelmäßig, 3,4 Millionen gelegentlich und nicht weniger als 960.000 Deutsche besitzen sogar ein eigenes Pferd. Das müssen sie irgendwo einstellen und in Pflege geben. Das braucht Futter, muss ausgebildet, gepflegt und medizinisch betreut werden. Alles dies sind Aufgaben der Pferdewirte mit der Fachrichtung Pferdehaltung und Service. So wie Jaqueline Hammann managen sie alles um das Reiten drum herum. Jaqueline ist eine von fünf Auszubildenden in einem Betrieb mit 200 Pferden, von denen etwa 80 sogenannte Einstellpferde sind, also Pferde fremder Besitzer. Mit dem Misten, dem Einlagern des Heus und anderen Stallarbeiten haben Pferdewirte und auch die Azubis in so einem großen Betrieb meist nichts mehr zu tun. Das ist die Aufgabe eigens dafür angestellter Stallarbeiter.

Souverän gegenüber Pferd und Reiter

Jaqueline Hammann bei der Arbeit (Foto: privat)

Jaquelines Arbeitstag beginnt deshalb nicht ganz so früh. Nach dem Frühstück kontrolliert sie zunächst Stallungen und Koppeln und wirft einen Blich auf die Zäune. Dann beginnt die Arbeit mit den Pferden. Je nach Ausbildungsstand werden die entweder vom Boden aus, das heißt mit der Longe bewegt, oder gesattelt und geritten. Darüber hinaus stehen in regelmäßigen Abständen die Besuche von Tierärzten, Hufschmieden und Zahnpflegern an. Dazu müssen die Tiere an das Verladen in Tiertransporter gewöhnt werden. Zwar gehört es nicht zu den Aufgaben ihres Berufsbildes, dennoch unterweist Jaqueline Hammann hin und wieder auch Hobbyreiter, insbesondere Kinder und Jugendliche, im Reiten. Wie bei der Arbeit mit den Pferden sind auch hier Einfühlungsvermögen und Geduld gefragt. „Ich brauche deshalb zwei gute Händchen“, beschreibt Jaqueline die Anforderungen in ihrer Fachrichtung, „eines für die Tiere und das andere für die Einsteller und Reiter als meine Kunden.“ Die sind dankbar für alle verständlichen Erklärungen.

Das zweite große Beschäftigungssegment der Pferdewirtschaft gehört den Pferdewirten der Fachrichtung Klassisches Reiten. Ihre Kunden sind Freizeitreiter, aber auch Besitzer und Reiter mit Ambitionen für den Turniersport, also das Springreiten und die Dressur. Dort reichen die Schwierigkeitsniveaus von Amateurturnieren bis zu den großen Championaten. Insgesamt zählte die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) zuletzt rund 3.600 Turniere, in denen nicht weniger als 33 Millionen Euro an Preisgeldern ausgelobt wurden. Hier arbeiten Pferdewirte der Fachrichtung Klassische Reitausbildung als Angestellte oder, wie Anna Müller-Wieland, auch als selbständige Bereiter auf eigene Rechnung. Sie reiten die Pferde zu, bilden sie aus, gymnastizieren und trainieren sie täglich, verordnen ihnen nach Verletzungen zum Muskelaufbau Einheiten auf dem Unterwasserlaufband und gehen, wenn es der Besitzer wünscht, mit ihnen auch in den Leistungsprüfungen an den Start. Anna Müller-Wieland betreut im Durchschnitt mindestens zehn Berittpferde, also Pferde fremder Besitzer. Kaum ein Tag, an dem die 34-jährige Pferdewirtin, nach einer erfolgreichen Weiterbildung inzwischen Pferdewirtschaftsmeisterin,  weniger als sieben Stunden im Sattel sitzt.

Hohe körperliche Anforderungen

Anna Müller-Wieland in der Dressurprüfung (Foto: privat)

„Es ist ein Knochenjob“, sagt Anna Müller-Wieland, die wegen der einseitigen Belastung und zum Ausgleich abends oft noch ins Fitnessstudio geht. Doch ist der Job eben auch ihre Leidenschaft, die sie die körperliche Anstrengung in der Regel schnell vergessen lässt. Im Vergleich zu den anderen beruflichen Fachrichtungen sind die Anforderungen an das reiterliche Können der Ausbildungsstellenbewerber in der Fachrichtung Klassische Reitausbildung am höchsten. Ohne eine solide reiterliche Vorbildung wird es schwer, die Ausbildung erfolgreich gestalten zu können. Aber es gibt selbstverständlich auch wirtschaftliche Gründe. Je eher die Azubis am Pferd mitarbeiten können, umso besser für den Ausbildungsbetrieb. „Wer mit Lebewesen arbeitet“, erklärt Anna Müller-Wieland, „muss viel Feingefühl für die tägliche physische und psychische Verfassung jedes einzelnen Pferdes besitzen.“ Individuelle Trainingspläne für jedes einzelne Pferd sind deshalb ein Muss. Die Pferdewirtschaftsmeisterin hat sich auf die Dressur spezialisiert. Gleichwohl steht sie wie alle Pferdewirte in einem Spannungsverhältnis der Möglichkeiten des jeweiligen Pferdes und der Ansprüche deren Besitzer als ihrer Auftraggeber. Auch hier ist viel Feingefühl erforderlich.

Wie bei Anna Müller-Wieland steht das Pferd auch bei Miyla-Bianca Kohn im Mittelpunkt all ihres Tuns, bei ihr freilich  ohne Ablenkung durch Reiter und Besitzer. Miyla-Bianca Kohn arbeitet als Pferdewirtin der Fachrichtung Pferdezucht. Sicher auf einem Pferd sitzen zu können, ist für ihren Job zwar keine zwingende Voraussetzung. Doch schult es den Blick für die gewünschten physischen und psychischen Anlagen eines Pferdes. Und genau darum geht es in den Zuchtbetrieben. In vielen Betrieben müssen die Pferdewirte Fachrichtung Pferdezucht von ihren kleinen Zöglingen schon bald wieder Abschied nehmen. Denn viele Züchter und Aufzuchtbetriebe verkaufen die Fohlen sehr früh, um etwaige Verletzungen und dadurch eine Minderung des Verkaufspreises zu umgehen. Manche reiten die Jungtiere freilich auch erst noch an. Miyla-Bianca Kohn genießt es, die Entwicklung eines Pferdes von der Auswahl des Hengstes über die Tragezeit der Stute und die Geburt bis zur Vermittlung des Fohlen-ABC – Berührungen zulassen, das Halfter akzeptieren, auf Befehl die Füße zu heben, beim Führen gehorsam bleiben – fürsorglich begleiten zu können. Insbesondere für die Futterkunde erweisen sich breite Kenntnisse über die Biologie von Pferden als hilfreich.

Viele Glücksmomente

Hier haben zwei Vertrauen zueinander – Miyla-Bianca Kohn mit Schützling (Foto: privat)

Pferdegeburten sind ein großes Erlebnis. Stuten, die zum ersten Mal fohlen, tun sich damit vielfach schwerer als bereits erfahrene Pferdemütter. Zur Überwachung der Boxenkameras und zum schnellen Eingreifen ist in den kritischen Tagen auch heute noch eine Fohlenwache rund um die Uhr unabdingbar. Um deren Besetzung muss der Stallchef, in größeren Betrieben ist das meist ein Pferdewirtschaftsmeister, selten lange betteln. Diese Aufgabe übernimmt jeder gerne, weil die Geburten der Höhepunkt im Berufsleben eines Pferdewirtes der Fachrichtung Pferdezucht sind. Das Fohlen ist schließlich auch sein Produkt. „Wenn die Stuten unsere Hilfe brauchen“, erzählt Miyla-Bianca Kohn, „muss alles ganz schnell gehen und jeder Handgriff sitzen.“ Je höher die Zahl der betreuten Geburten umso größer die Handlungsfähigkeit der Pferdewirte dieser Fachrichtung. Was für Anna Müller-Wieland der Sieg in einer S-Dressur bedeutet, für Jaqueline Hammann leuchtende Kinderaugen nach dem ersten Geländeritt sind, ist für Miyla-Bianca Kohn eine gelungene Geburt: Glück!

Auch Ann Kathrin Berner erlebt solche mit Pferden verbundenen Momente immer wieder. „So lange ich denken kann, hat es mich zu ihnen hingezogen“, blickt sie zurück. Freilich nicht zu irgendwelchen Pferden. Ihr Herz gehört seit Kindheitstagen den Islandpferden. „Ich mag ihre Naturverbundenheit, ihre robuste Lebensart und ihren unkomplizierten Charakter.“ Deshalb verließ Ann Kathrin Berner nach dem Abitur und wenigen Semestern Literaturwissenschaft die Universität. Sie bewarb sich erfolgreich um eine Ausbildung zur Pferdewirtin Fachrichtung Spezialreitweisen. Darunter versteht man das Gang- und Westernreiten. Islandpferde, die zu den sogenannten Gangpferden gezählt werden, können nicht nur Schritt, Trab und Galopp, sondern auch Tölt und den Rennpass. Nach Ende dieser Ausbildung ging Ann Kathrin Berner nach Island, lernte die Landessprache, schloss an der Hochschule Hólar im Norden der Vulkaninsel ein stark praxisorientiertes Studium der Pferdewissenschaften mit dem Bachelor ab und verließ das Land nach fünf glücklichen Jahren.

Tagtäglich ganz nah am Pferd

Ann-Kathrin Berner auf ihrem Islandhengst Stimpill frá Hestheimum im Rennpass (Foto: privat)

„Ich wollte einen Beruf ganz nah am Pferd“, begründet Ann Kathrin ihren Weg. Seit März arbeitet sie auf dem Islandpferdehof GRIM Islandshästar im schwedischen Norrtälje, einem kleinen Flecken nördlich von Stockholm. Als Bereiterin trägt sie Verantwortung für 26 Islandpferde. „Das ist eine körperlich wie mental harte Arbeit“, warnt sie vor einer Romantisierung ihres Berufes. Und denkt dabei nicht nur an die Stallarbeit, das Putzen, den Reitunterricht, die Betreuung großer Gruppen in den sommerlichen Reitcamps und die beobachtungsintensiven Feedbacks in sogenannten Leadership-Seminaren. Ihr Einwand zielt auf einen anderen Punkt. „Das Pferd steht immer im Mittelpunkt“, benennt sie den. Bei Problemen dürfe man nicht dem Pferd die Schuld geben, sondern müsse sich als allererstes selbst hinterfragen. „Was habe ich falsch gemacht? Wo braucht das Pferd meine Hilfe? Und: Welche Unterstützung braucht das Pferd jetzt?“ In solchen Situationen avanciert Geduld zur wichtigsten Eigenschaft von Pferdewirten. Ann Kathrin Berner hat sie.

Auch der beschäftigungsmäßig kleinste Bereich der Pferdewirtschaft, der Galopp- und Trabrennsport, stellt physisch wie psychisch hohe Anforderungen. Wie kein anderer Sektor befindet er sich, und damit auch die hier tätigen Pferdewirte, im Dauerwettbewerbsmodus. Kaum einer weiß das besser als Mira Bühlbäcker. Sie ist Pferdewirtin der Fachrichtung Rennreiten und erlernte ihr Handwerk im Kölner Rennstall „Asterblüte“ unter Trainer Peter Schiergen. Nach Ausbildung und zwei Jahren Berufspraxis studiert sie derzeit zwar Sportmanagement, ist jedoch im Training trotzdem noch täglich im Stall anzutreffen. Bevor sie mit dem Studium begann, saß sie ähnlich wie Anna Müller-Wieland die meiste Zeit des Arbeitstages im Sattel. Auf jedes ihrer fünf Trainingspferde entfiel dabei etwa eine Stunde Arbeit im Sattel. Tatsächlich ist es eine hohe physische Anforderung, sein Körpergewicht in extrem kurzen Steigbügeln und bei hoher Geschwindigkeit über der Schulter des Pferdes in Position zu halten. Um bereits als Azubi an Rennen teilnehmen zu dürfen, unterzog sich Mira Bühlbäcker an der Jockeyschule in Köln der Reitfertigkeitsprüfung.

Jedes Pferd eine Persönlichkeit

Mira Bühlbäcker vom Stall Asterblüte mit Skyful Sea nach dem Sieg (Foto: Marc Rühl)

„Die Vollblutpferde des Galoppsports“, weist Mira Bühlbäcker diplomatisch auf eine wichtige Besonderheit hin, „sind sehr ehrgeizig und sensibel.“ Ihr Charakter lässt sich nicht mit Warmblütern vergleichen. Nach Ende der Ausbildung beginnt die Karriere von Pferdewirten der Fachrichtung Rennreiten als Pfleger im täglichen Trainingsprogramm, das vom Eigner des Stalles vorgegeben wird. Kontakte mit den Besitzern gibt es kaum. Die Kommunikation erfolgt überwiegend zwischen Pferd und Reiter. Wer eine Karriere als Jockey anstrebt, muss zunächst fünfzig Siege erringen. Dann darf er sich auch offiziell Jockey nennen. Nur wenige große Rennställe beschäftigen fest angestellte Stalljockeys. Die meisten anderen Rennreiter sind freiberuflich tätig und werden von den Ställen für einzelne Rennen gebucht. Da gilt es dann nicht nur körperlich fit und auf den Punkt konzentriert zu sein, sondern in kürzester Zeit herauszufinden, wie die Pferde, die er als Jockey an diesem Tag zum ersten Mal unterm Sattel hat, geritten werden müssen.

Die vereinbarte Gage ist erfolgsabhängig. Als Jockey und als Pfleger tätig zu sein, bedeutet freilich nicht bloß, an Wochenenden arbeiten und viel reisen zu müssen. Die „grüne Saison“, sprich die Zeit der Grasbahnrennen, erstreckt sich meist auf die Monate April bis Oktober. Die Pferde können dann über den Winter auftanken. Für die Reiter und Pfleger geht es freilich mit anderer Besetzung auf der Sandbahn weiter. Im Springsport ist die Situation vergleichbar. Viel länger schon gibt es hier große Hallenturniere. Also beiderseits viele Termine im In- und Ausland, viele Reisen sommers wie winters, nur noch wenige Verschnaufpausen für Mensch und Tier. Vielen gefällt die Intensität eines solchen Lebens. Andere beklagen den damit einhergehenden Verlust sozialer Kontakte. Gesundheitliche Fitness ist für alle Pferdewirte ein Muss, große Selbstdisziplin eingeschlossen. Jockeys etwa haben Zeit ihres Berufslebens stets auf ihr Gewicht zu achten. In der höchsten Leistungsklasse sollten sie ein Körpergewicht von 50 bis 55 Kilogramm nicht überschreiten.

Großer Erfolgsdruck

Zwei Persönlichkeiten in eleganter Bewegung (Foto: Cora M. Jennissen_photography)

Unabhängig von der Fachrichtung setzt die Arbeit bei Wind und Wetter im Freien für alle Pferdewirte eine stabile Gesundheit voraus. Dass der Beruf eines Pferdewirtes gar nicht so selten aber auch ein gefährlicher Beruf ist, blendet mancher Bewerber bewusst aus. Doch auch die besten Reiter sind davor nicht gefeit. Die für die Unfälle von Pferdewirten zuständige Berufsgenossenschaft kann davon ein vielstrophiges Lied singen. Pferde sind Fluchttiere. Schon eine vom Wind aufgewirbelte Plastiktüte kann die Tiere erschrecken. Ein Pferd kann auch stolpern. Wenn der Reiter dann nicht konzentriert und reaktionsschnell genug ist, steigt die Verletzungsgefahr selbst für erfahrene Pferdewirte. Und überhaupt, Pferde sind keine Schmusetiere. An einem schlechten Tag treten und beißen sie auch schon mal im Stall. Die Aufmerksamkeit sollte deshalb nie nachlassen. Klar sein sollte auch, dass die Pferdewirtschaft keine Wohltätigkeitsveranstaltung ist, sondern mit einem Umsatz von 6,7 Milliarden Euro ein ökonomisch bedeutender Wirtschaftszweig. Die Betriebe müssen für ihr unternehmerisches Überleben Geld verdienen – mit Servicedienstleistungen, mit dem Beritt, Verkäufen und für manche Kunden auch mit Siegen aus anspruchsvollen Leistungsprüfungen.

Daraus resultieren immer mal wieder Spannungen zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit. Eine Situation, mit der Pferdewirte aller Fachrichtungen professionell umgehen lernen müssen. Was vielen offenkundig schwer fällt, die die Ausbildung mit falschen Vorstellungen beginnen. So jedenfalls die Beobachtungen des Leiters der Deutschen Reitschule in Warendorf, Hannes Müller. Die Pferdewirtschaft, so viel sollte jedem Lehrstellenbewerber klar sein, ist in allen Ausbildungsfachrichtungen ein Business, in dem es manchmal sogar um viel Geld geht. Wer beispielsweise beim arriviertesten europäischen Galopprennen, dem Prix de l’Arc de Triomphe in Paris, mitlaufen will, muss erst einmal 100.000 Euro Startgeld auf den Tisch des Veranstalters legen. Und lange nicht immer ist garantiert, dass man dann, wie weiland 2011 der Rennstall „Asterblüte“ mit der von Andrasch Starke gerittenen Stute Danedream, den Sieger stellt und seinem Besitzer ein Preisgeld von 2,3 Millionen Euro beschert. Das Thema Doping begleitet deshalb leider auch den Pferdesport. Zwar gelten in Deutschland strenge Regeln, gilt die sogenannte Null-Lösung und werden unangekündigt Proben in den Wettbewerben sowie im Training genommen. Doch das ist nicht überall so.

Die Psyche des Pferdes entschlüsseln

Mira Bühlbäcker vom Stall Asterblüte beim täglichen Training (Foto: Kai Schirmann)

In den USA wird gerade in diesen Wochen ein Dopingskandal vor Gericht verhandelt. Eine auffallend hohe Zahl Rennpferde starb während und nach den Rennen an Herzinfarkten. Auch der Springsport hatte vor Jahren seinen Skandal. Es ging um das damals weit verbreitete Barren. Dazu wurde den Tieren mit Stangen gegen die vorderen unteren Extremitäten geschlagen, um sie über den damit verursachten Schmerz zu höheren Sprüngen zu animieren. Dem Tierwohl abträglich ist es aber auch, wenn einer Stute jedes Jahr ein Fohlen abverlangt wird. „Ein Pferd ist keine Produktionsanlage“, formuliert  es Miyla-Bianca Kohn. Dass die schwarzen Schafe eine ganze Branche in Verruf bringen, ärgert die vielen seriösen Stallbesitzer. Zu Recht. Denn gute Pferdewirte wie Mira Bühlbäcker wissen: „Nur glückliche Pferde laufen schnell.“ Und nur ausgeglichene Pferde verzeihen ihren jungen Reitschülern die typischen Anfängerfehler, ohne sie gleich abzuwerfen. Ein Pferd gibt volle Leistung nur, wenn es das Vertrauen seines Pflegers und Reiters spürt. Vertrauen und Durchsetzungsfähigkeit sind deshalb Dinge, die ein Pferdewirt unbedingt benötigt.

Gleichwohl hat der Berufsalltag eines Pferdewirtes wenig gemein mit den Heile-Welt-Berichten über Pferdeflüsterer. Die manch einer im Übrigen auch schon sehr laut erlebt haben will. Ann Kathrin Berner weist noch auf einen anderen Punkt. „Es geht nicht um Härte, aber als Pferdewirt braucht man eine gewisse Konsequenz“, ist sie überzeugt. „Pferde sind Herdentiere, die die Positionen in der Gruppe immer wieder neu aushandeln.“ Der Reiter nimmt dabei die Rolle des Anführers ein. Er führt die Herde an und weist die unbotmäßigen Gruppenmitglieder, wenn es sein muss, in die Schranken. Es geht also um Autorität. Die darf der Reiter als Leithengstersatz nicht verspielen. „Das Pferd muss lernen dem Reiter zu folgen und ihn als Ranghöheren zu akzeptieren“, bringt es Ann Kathrin Berner auf den Punkt. Schließlich soll es der Besitzer oder ein anderer Reiter ebenso gut handhaben können. „Dafür braucht es viel Fingerspitzengefühl.“ Vor diesem Hintergrund kommt den Pferdewirten eine große Verantwortung zu. Schließlich arbeiten sie täglich mit den Tieren.

Reiterliche Vorkenntnisse unabdingbar

Einige Pferdewirte arbeiten nach ihrer Ausbildung als Berufsreiter im Springsport (Foto: Cora M. Jennissen_photography)

Was sich daraus für die Bewerber um eine Ausbildungsstelle ergibt? „Sie sollten bereits vor der Ausbildung gut reiten können, vielmehr aber noch mit Pferden eng vertraut sein“, sind die Erfahrungen Hannes Müllers als Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf. Seit vielen Jahren ist er von der Landwirtschaftskammer mit der ordnungsgemäßen Durchführung der Prüfung für die Pferdewirte der Fachrichtung Klassisches Reiten beauftragt. „Die meisten Vertragsauflösungen haben ihren Grund in falschen Berufsvorstellungen.“ Vor diesem Hintergrund organisiert die Bundesvereinigung der Berufsreiter im Deutschen Reiter- und Fahrerverband für Interessenten bundesweit flächendeckende Berufsinformationsveranstaltungen. Potentielle Bewerber haben dabei die Möglichkeit, vorzureiten oder ein Pferd vorzumustern, das heißt es an der Hand vorzuführen. Die besten werden anschließend zu einem Eignungstest in die Deutsche Reitschule Warendorf eingeladen. Zwar gibt es kein gesetzliches Mindestalter für die Ausbildung zum Pferdewirt. Bewerber mit Lebenserfahrung sind freilich gerne gesehen.

Immerhin macht es die Größe vieler Betriebe erforderlich, die Dinge schnell selbständig in die Hand nehmen zu können. Wie Ann Kathrin Berner verfügen auch Anna Müller-Wieland und Miyla-Bianca Kohn über das Abitur und studierten vor ihrer Ausbildung zum Pferdewirt einige Semester. Das Studium abzubrechen und sich für die Ausbildung zu entscheiden, war ein sehr bewusster Schritt. Und auch Jaqueline Hammann, die sich als Realschülerin zur Ausbildung entschloss, wusste nach vielen Stunden Reitunterricht, Schülerjob und Praktikum genau, worauf sie sich einließ. Sie alle betonen, ihren Traumberuf gefunden zu haben. Wie es weitergehen wird? Wer die Leitung eines Stalles anstrebt, ist mit der Weiterbildung zum Pferdewirtschaftsmeister, die die Berechtigung zur Ausbildung einschließt, gut beraten. Darüber hinaus bieten einige Hochschulen Studiengänge Pferdewirtschaft an. Die Arbeitsmöglichkeiten für diese Absolventen liegen freilich nicht mehr in der täglichen Arbeit unmittelbar am Pferd. Das ist die Domäne der Pferdewirte.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.04.2020)

Berufstätige Pferdewirte: ca. 8.000 (Schätzung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen/Studiendekanat Pferdewirtschaft).

Arbeitslose Pferdewirte: keine Angaben vorhanden.

Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge Pferdewirt (2018): Quelle: Bildungsserver Agrar

Gesamtzahl: 768 (Frauenanteil: 88%).

  • Fachrichtung Pferdehaltung und Service: 366 (Frauenanteil: 90%)
  • Fachrichtung Klassische Reitausbildung: 228 (Frauenanteil: 86%)
  • Fachrichtung Pferdezucht: 69 (Frauenanteil: 83%)
  • Fachrichtung Spezialreitweisen: 33 (Frauenanteil: 100%)
  • Fachrichtung Pferderennen: 15 (Frauenanteil: 80%)
  • Ohne Fachrichtungsangabe: 33 (Frauenanteil: 91%)
  • Monoberuf (nur in Hessen): 24 (Frauenanteil: 75%)

Schulische Vorbildung der Auszubildenden des Einstellungsjahrgangs 2018: Quelle: Bildungsserver Agrar

  • Ohne Hauptschulabschluss: 2%
  • Hauptschulabschluss: 12%
  • Mittlerer Bildungsabschluss: 38%
  • Fachhochschul- und Hochschulreife: 46%

Vorzeitig gelöste Ausbildungsverträge Pferdewirt über alle drei Ausbildungsjahre (2018): Quelle: Bildungsserver Agrar

Gesamtzahl: 354 (Frauenanteil: 90%).

  • Fachrichtung Pferdehaltung und Service: 195 (Frauenanteil: 91%)
  • Fachrichtung Klassische Reitausbildung: 84 (Frauenanteil: 86%)
  • Fachrichtung Pferdezucht: 36 (Frauenanteil: 92%)
  • Fachrichtung: Spezialreitweisen: 9 (Frauenanteil: 100%)
  • Fachrichtung Pferderennen: 12 (Frauenanteil: 100%)
  • Ohne Fachrichtungsangabe: 3 (Frauenanteil: 100%)
  • Monoberuf (nur in Hessen): 15 (Frauenanteil: 100%)

Abschlussprüfungen Pferdewirt in 2018 (teilgenommen/bestanden): Quelle: Bildungsserver Agrar

Gesamtzahl: 579 (Frauenanteil: 90%) / 501 (Frauenanteil: 90%).

  • Fachrichtung Pferdehaltung und Service: 273 (Frauenanteil: 93%) / 237 (Frauenanteil: 92%)
  • Fachrichtung Klassische Reitausbildung: 177 (Frauenanteil: 86%) / 153 (Frauenanteill: 86%)
  • Fachrichtung Pferdezucht: 63 (Frauenanteil: 90%) / 51 (Frauenanteil: 94%)
  • Fachrichtung Spezialreitweisen: 24 (Frauenanteil: 75%) / 21 (Frauenanteil: 71%)
  • Fachrichtung Pferderennen: 12 (Frauenanteil: 75%) / 12 (Frauenanteil: 75%)
  • Ohne Fachrichtungsangabe: 0
  • Monoberuf (nur in Hessen): 27 (Frauenanteil: 100%) / 24 (Frauenanteil 100%)

Einkommen: abhängig von Standort, Betriebsgröße und Berufserfahrung zwischen 1.600 bis 3.000 Euro brutto.

Ausbildungsvergütung: abhängig von Standort, Betriebsgröße und Tarifbindung durchschnittlich 600 Euro im ersten, 650 Euro im zweiten und 700 Euro im dritten Ausbildungsjahr.

Studienmöglichkeiten Pferdewirtschaft/Pferdewissenschaft/Pferdemanagement: Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Hochschule Osnabrück, Fachhochschule des Mittelstandes (Bamberg, Berlin, Bielefeld, Hannover, Köln, Schwerin, Rostock), Freie Universität Berlin, Universität Göttingen.

Weiterführende Informationen:

 

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