Personalmanagement – Das Herz eines Unternehmens

Das Interview führte und die Fragen stellte Jan Mainka

Hinweis: Jan Mainka ist Chefredakteur der “Budapester Zeitung”. Das Interview mit Dr. Elisabeth Knab erschien im Original zuerst am 21.05.2021 in dieser Zeitung. Autor und Verlag haben uns freundlicherweise die Genehmigung zum Nachdruck des Beitrags erteilt. Wir haben ihn um die ungarnspezifischen Passagen gekürzt und uns auf die Schilderung der Aufgaben und Tätigkeiten im Personalmanagement konzentriert.

 

Elisabeth Knab war bis vor kurzem bei der Audi Hungaria Vorstand für Personal und Organisation (Foto: Audi AG)

ELISABETH KNAB war über mehrere Jahre Vorstand Personal und Organisation bei der Audi Hungaria, einer Tochtergesellschaft der Audi AG. Zuvor studierte sie Germanistik und Geschichte in Deutschland sowie Führungsmanagement an der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität Budapest. 1993 promovierte sie in germanistischer Linguistik. Ihre berufliche Laufbahn begann sie 1980 als Lehrerin am deutschsprachigen Gymnasium im ungarischen Baja. Ab 1983 lehrte sie an der Außenhandelshochschule Budapest, der Universität ELTE in Budapest und an der Universität Pécs. 1994 wurde sie Hauptdirektorin des Ungarndeutschen Bildungszentrums in Baja. Sie entwickelte das Bildungszentrum zu einem international anerkannten Modell der europäischen Bildungsintegration und zu einer „exzellenten deutschen Auslandsschule“. 2011 wechselte sie zu Audi Hungaria und übernahm dort zunächst die Leitung für den Aufbau der Bildungs- und Wissenschaftskooperationen. Seit 2013 bis vor wenigen Monaten war sie Vorstand Personal und Organisation und ist seit August 2020 Vorsitzende des Kuratoriums der Trägerstiftung der István Széchenyi-Universität Győr. Im Verlaufe ihrer Berufstätigkeit wurden ihr zahlreiche Auszeichnungen verliehen, u.a. auch das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (2004). 2018 wurde sie Ehrenprofessorin der István Széchenyi-Universität Győr. (bart.)

 

Frau Knab, vor etwa zehn Jahren sind Sie vom Bildungswesen zu Audi Hungaria, also in die Wettbewerbssphäre gewechselt? Das war sicher eine große Umstellung.

Knab: Der Unterschied zwischen beiden Sphären scheint nur auf den ersten Blick groß zu sein. So wie in meiner Zeit als Hauptdirektorin des Ungarndeutschen Bildungszentrums in Baja ging und geht es auch bei der Audi Hungaria um die systemische Planung und Etablierung von funktionsfähigen, transparenten Prozessen und effizienten Strukturen sowie insgesamt um ein qualitäts- und erfolgsorientiertes Agieren. Bei meinem Einstieg ins Unternehmen vor zehn Jahren hatte ich den Auftrag, den Bereich Bildungs- und Wissenschaftskooperationen aufzubauen. Das war also eine ganz klare Brücke, bei der Kompetenzen gefragt waren, über die ich bereits verfügte. Ein Grundthema meiner Arbeit lautete damals wie heute, die Wirtschaft mit der Bildung und der Wissenschaft zu verbinden. Dieses Thema wird mich auch nach meinem aktuellen Wechsel weiter begleiten.

Was waren Höhepunkte Ihrer Zeit als HR(Human Ressources)-Direktorin?

Knab: In meiner Zeit ist es uns gelungen, eine komplette Transformation in der Personalarbeit durchzuführen. Das Personalwesen ist heute ein strategischer Business-Partner für alle Geschäftsbereiche unseres Unternehmens. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und mein Dank gilt hierfür dem hochkompetenten, engagierten Team unseres Personalwesens. Ein großer Erfolg war in Verbindung mit dem Aufbau unseres Fahrzeugwerkes die Verdoppelung der Belegschaft und der parallel dazu unabdingbare Kompetenzaufbau. Auch der Ausbau von korrekten, transparenten, lösungsorientierten Arbeitsbeziehungen wurde ein Erfolgsfaktor. Ein weiterer Höhepunkt war das gemeinsame Bemühen um den Erhalt von Arbeitsplätzen bei niedrigem Produktionsvolumen im Fahrzeugwerk. Von 2016 bis 2018 ist es uns – dank der guten Zusammenarbeit mit unseren Konzernstandorten in Mittelosteuropa – gelungen, für eine komplette Schicht im Volkswagen-Werk Bratislava Beschäftigung anzubieten. Ein besonderes Herzensanliegen war für mich der Aufbau der Audi Hungaria Schule, die heute, nach zehn Jahren, als exzellente deutsche Auslandsschule anerkannt ist und von rund 700 Kindern und Schülern besucht wird. In unserer durch die Corona-Pandemie geprägten Gegenwart erhalten wir die Bestätigung für die Etablierung unseres hochprofessionellen, in Ungarn einmaligen Gesundheitsmanagements. … Audi Hungaria war und ist Vorreiter des dualen Berufsbildungssystems in Ungarn sowie der mehrschichtigen, institutionalisierten Zusammenarbeit mit den Universitäten.

Wie haben sich das Rekrutieren von neuen und das Halten von bereits vorhandenen Kollegen geändert?

Knab: Es ist ganz wichtig, dass wir für unsere Mitarbeiter ein, in Ungarn einmaliges, sehr attraktives Vergütungspaket mit diversen Vergütungselementen sowie lebensphasenorientierte und generationengerechte Karrierewege anbieten.

Welche Änderungen gab es beim Vergütungspaket?

Die Audi Hungaria setzt nicht nur auf ein innovatives Personalmanagement, sondern auch auf modernste Technik: Photovoltaik-Anlage auf den Dächern der beiden Logistikhallen (Foto: Audi AG)

Knab: Wir erkennen immer stärker die Loyalität an. Deswegen haben wir unter anderem bei den vorletzten Tarifverhandlungen einen Loyalitätsbonus eingeführt. Außerdem gibt es Jubiläumsboni. Cafeteria-Elemente treten aus steuerlichen Gründen immer mehr in den Hintergrund. Dafür wurden Einzahlungen in die Renten- und Gesundheitskasse immer wichtiger, ebenso die Unterstützung der Mobilität unserer Mitarbeiter. Das wichtigste ist aber natürlich das Grundgehalt, das wettbewerbsfähig sein muss und bei uns stets auch ist. So gelang es uns beispielsweise ohne größere Probleme, die rund 4.000 zusätzlichen Mitarbeiter für das damals neue Fahrzeugwerk einzustellen. Auch heute haben wir kein Problem damit, die notwendigen Mitarbeiter mit der entsprechenden Qualifikation zu finden. Unsere Fluktuation ist nur minimal.

Welche Rolle spielen Karrieremöglichkeiten?

Knab: Eine immer wichtigere. Allen unseren Mitarbeitern werden interne Weiterbildungsmöglichkeiten und Qualifizierungen angeboten. Selbst ein Mitarbeiter in der Fertigung kann bei der Audi Hungaria Karriere machen. Die immer weiter wachsende Bedeutung der Weiterbildung ist unter anderem eine Konsequenz der beiden wichtigsten Megatrends unserer Branche: Elektrifizierung und Digitalisierung. Um diese Herausforderungen erfolgreich meistern zu können, ist ein konsequenter Kompetenzaufbau notwendig. Dafür wiederum benötigen wir ein funktionsfähiges Aus- und  Weiterbildungssystem. Wir unterstützen unsere Mitarbeiter aber auch, wenn sie sich extern, also unter anderem durch ein Studium weiterbilden wollen. Das permanente Lernen und Qualifizieren gehört bei uns fest zum Alltag. Daher ist es kein Wunder, dass unsere hochqualifizierten Mitarbeiter im weltweiten Produktionsnetzwerk unseres Konzerns etwa bei der Anlaufunterstützung von neuen Produkten sehr gefragt sind. Speziell für unsere Manager gehören Auslandseinsätze fest zur Karriere. Diese Möglichkeit ist besonders für junge Leute sehr reizvoll und wird auch genutzt. So hat beispielsweise ein Kollege von mir aus dem Personalwesen in Mexiko die dortige Audi-Akademie weiter ausgebaut und leitet sie noch heute. Auch der frühere Leiter des dortigen Qualitätsmanagements kommt von uns. Ein anderer Kollege leitete früher in Frankreich bei Bugatti die Logistik. In Kaluga bei Moskau ist ein Kollege von uns Leiter der Motorenproduktion. Auch in China gibt es mehrere Ungarn in Führungspositionen. Dieser globale Austausch wird von beiden Seiten geschätzt. Deshalb fördern wir ihn auch ganz bewusst. Beim Personalwesen haben wir inzwischen eine Abteilung für internationales Personalmanagement. Bei Karrieren im Management ist es eine Voraussetzung, für ein paar Jahre für andere Firmen unseres Konzerns gearbeitet zu haben. In der Regel kommen die Kollegen dann nach etwa drei bis fünf Jahren mit viel neuem Know-how zurück.

In Ihre Zeit fiel auch der große Streik vom Januar 2019 …

Knab: Im westlichen Teil Europas sind Streiks nichts Ungewöhnliches. In einigen Ländern gehören sie im Gegensatz zu Ungarn sogar zum Alltag. Bei uns kam der Streik jedoch recht unerwartet. Aus dieser Situation haben wir viel gelernt. Seitdem gibt es eine noch intensivere Zusammenarbeit zwischen den Tarifpartnern.

War sie zuvor nicht so optimal?

Knab: Wir haben das Ganze sehr gründlich analysiert. Wir haben zusammen mit der Gewerkschaft Workshops abgehalten, bei denen wir die Geschehnisse bis ins Detail durchgesprochen haben. Beide Parteien sind der Ansicht, dass so etwas nicht noch einmal geschehen dürfe. Wir haben heute einen viel offeneren und konstruktiveren Ton. Die Arbeitnehmervertretung versteht inzwischen viel besser, dass es hier um die Zukunft der Arbeitsplätze geht. Es geht um die Menschen und ihre Sicherheit. Das ist ein gemeinsames Ziel, das uns zusammenschweißt.

Es ist aus heutiger Warte also relativ unwahrscheinlich, dass es noch einmal zu einem solchen „Unfall“ kommt?

Montage der Stoßfänger des Audi Q3 bei der Audi Hungaria (Foto: Audi AG)

Knab: Heute halte ich einen erneuten Streik für eher unwahrscheinlich. Nicht zuletzt durch die Strukturen, die wir seitdem geschaffen haben. Es gibt eine Vielzahl an Arbeitsgruppen, in denen beide Seiten sämtliche relevanten Fragen besprechen. Neben Grundsatzfragen wie etwa dem Vergütungssystem geht es auch um ganz praktische Fragen wie etwa Schichtmodelle, das Angebot in der Kantine oder den Betrieb der Schichtbusse. Manchmal entstehen Probleme aus einfachen Missverständnissen. Wenn man über wahrgenommene Probleme offen redet, und sie beim Namen nennen kann, dann merkt man häufig, dass sie eigentlich keine Probleme sind, sondern eher Missverständnisse. Letztendlich haben wir alle das gleiche Ziel.

Im Frühjahr 2020 wurde bei der Audi Hungaria sogar ein Tarifvertrag über drei Jahre abgeschlossen. Wie kam es dazu?

Knab: Ich glaube, wir sind die einzigen unter den Großunternehmen in Ungarn, die einen dreijährigen Tarifvertrag unterzeichnet haben. So ein Vertrag bietet für beide Seiten Sicherheit und Berechenbarkeit. Wir haben auch ein Maßnahmenpaket unterzeichnet, mit dem wir die Beschäftigungssicherheit fördern wollen. Das hat natürlich heute angesichts der Corona-Pandemie eine besondere Bedeutung.

Zu welchen Konsequenzen hat die Pandemie im Personalwesen bisher geführt?

Knab: Unmittelbar nach dem Ausbruch der Pandemie wurden über 120 Maßnahmen zum Schutz unserer Mitarbeiter getroffen. Dadurch ist es bislang gelungen, die Bildung von Infektionsketten zu verhindern und unsere Produktion nach dem Lockdown wieder sicher und nachhaltig hochzufahren. Vergangenes Jahr sind wir mit der Arbeitnehmervertretung darin  übereingekommen, das 13. Gehalt der Mitarbeiter in Urlaubstage umzuwandeln. Da es in Ungarn kein Kurzarbeitergeld gibt wie in Deutschland, waren wir angesichts der sinkenden Volumina zu diesem Schritt gezwungen. Die Gewerkschaft war bei diesem Dialog und bei der Lösungsfindung sehr kooperativ. Letztlich gelang es uns, nicht zuletzt durch diesen Schritt, unsere Stammmitarbeiter zu behalten. Heute brauchen wir sie wieder voll, denn wir produzieren seit Juni letzten Jahres in drei Schichten. Anfang Mai haben wir unseren Mitarbeitern in Anerkennung ihres besonderen Einsatzes im Krisenjahr 2020 einen Corona-Bonus gewährt.

Wie hat sich in Ihrer Zeit die duale Berufsausbildung entwickelt?

Knab: Sie begann bereits 2001. Damals haben wir in der Zerspanung mit zwölf Auszubildenden angefangen. Heute sind bei uns pro Jahr in 14 Berufsfeldern etwa 250 Kollegen in der Ausbildung. Außerdem gibt es inzwischen als logische Fortsetzung der dualen Berufsausbildung auch eine duale Hochschulausbildung. Mit dem geänderten Berufsbildungsgesetz, das eine hohe Output- und Kompetenzorientierung garantiert, sind wir gleichfalls sehr zufrieden. Auch dank unserer Audi Akademie sind wir bei der betrieblichen Weiterbildung gut aufgestellt. Wir haben auch Ausbildungsstationen direkt in der Produktion. Für uns ist das sehr wichtig, schließlich brauchen wir Mitarbeiter, die sofort in der Produktion einsetzbar sind, und zwar qualitativ hochwertig.

Wie hat sich in Ihrer Zeit die Zusammenarbeit mit der Győrer Széchenyi-Universität entwickelt?

Elisabeth Knab (li.) zusammen mit der ungarischen Familienministerin Katalin Novák (Foto: Audi Hungaria/Zoltán Mekli)

Knab: Die Kooperation begann 2007 mit der Gründung eines Lehrstuhls für Verbrennungsmotoren. Heute gibt es an der Universität eine Audi Hungaria-Fakultät mit sieben Lehrstühlen. Es gibt inzwischen auch werksintern, nämlich in unserem Motorenanlaufzentrum einen externen Lehrstuhl der Universität. Wir sind über zahlreiche gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte miteinander verbunden. Viele unserer Mitarbeiter halten an der Universität Lehrveranstaltungen ab, einige leiten sogar Lehrstühle und die Fakultät. Auf der anderen Seite absolvieren Dozenten bei uns Praktika. Es gibt also einen regen Austausch in beide Richtungen. Dank dieser intensiven Zusammenarbeit konnte das Regionale Innovations- und Technologiezentrum ins Leben gerufen werden.

Gibt es auch Kooperationen mit anderen ungarischen Universitäten?

Knab: Ja, mit den Universitäten Szeged, Miskolc, Óbuda und der Technischen Universität Budapest. Eine besondere strategische Relevanz besitzt für uns die Zusammenarbeit mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Durch den Modellwechsel der Universitäten ergeben sich zahlreiche neue Chancen für die Hochschulkooperationen.

Inwiefern?

Knab: In der heutigen Zeit gewinnt das Tempo der Übertragung von Ergebnissen der Wissenschaft in die Wirtschaft eine immer größere Bedeutung. Wenn dieses Tempo zu gering ist, dann verlieren die Länder oder Ländergruppen an  Wettbewerbsfähigkeit. Die Akteure von Wissenschaft und Wirtschaft müssen daher bestmöglich miteinander kooperieren. Von Seiten der Wissenschaft sind dafür entsprechende Freiräume und eine schnelle Entscheidungsfindung unabdingbar. Der Modellwechsel bei den Universitäten eröffnet hier große Chancen. Durch die neue Trägerkonstruktion erhalten die Universitäten eine Gestaltungsfreiheit, die sie bisher nicht hatten. Es wird mehr Raum eröffnet für Innovationen und eigenständiges, qualitätsorientiertes Handeln. Die Entscheidungsprozesse werden wesentlich kürzer.

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com