Model – Professionalität vor Schönheit

Von Hans-Martin Barthold | 15. April 2021

Amo (Foto: Amo)

Amo, ihren Familiennamen möchte sie an dieser Stelle nicht abgedruckt sehen, ist das, wovon viele junge Frauen und zunehmend auch junge Männer träumen. So jedenfalls das Bild in der Öffentlichkeit. Seit knapp zehn Jahren arbeitet die gebürtige Stuttgarterin als Model und jettet dafür quer durch Europa, hin und wieder auch darüber hinaus. Den Entschluss für diesen Beruf statt für ein sofortiges Studium hat die ehemalige Abiturientin nicht bereut. „Fotoreisen führten mich in Regionen der Welt, die ich sonst wohl nie gesehen hätte“, gibt sie sich überzeugt. „Mehr aber noch“, ist ihr die Ergänzung wichtig, „gewinnt man in diesem Job wie in kaum einem anderen in kürzester Zeit viele hoch verdichtete Lebenserfahrungen.“ Dennoch lässt sie sich den Blick für die dunklen Seiten des Berufes nicht verstellen. Und tatsächlich gibt es neben viel Glanz und Glamour auch sehr viel Schatten. Darüber aber spricht man in der Branche nur ungern.

Wie so manche der hier tätigen Akteure eher das Schweigen bevorzugen. Das bekamen auch wir zu spüren. Auf zahlreiche unserer Interviewanfragen erhielten wir keine Antwort. Sogar von renommierten Agenturen nicht. Stattdessen Stille. Warum? Wo man doch weiß: Nichts zu sagen, ist auch eine Antwort. Wir kommen darauf zurück. Doch zunächst zu den Basics des Berufes. Zwar ist Model kein Ausbildungsberuf, aber ohne gezielte Vorbereitung geht auch hier wenig. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Schönheit schadet nicht. „Allerdings“, so Amos Erfahrungen, „sind Disziplin, Anpassungsfähigkeit und eine überdurchschnittliche Frustrationstoleranz wichtiger, um in dieser Branche bestehen zu können.“ Immerhin richten die Maskenbildner vieles. Wie auch gleich noch mit ein paar anderen Missverständnissen aufzuräumen ist. „Models schlüpfen bei jedem Shooting in eine vorgegebene Rolle“, erklärt Markus Brodbeck, „und werden so zur kleinen Schwester der Schauspielerei.“

Wo der Körper das Maß aller Dinge ist

Was Models mit Schauspielern tatsächlich verbindet, ist die Arbeit mit ihrem Körper. Er ist das A und O, gewissermaßen ihr Produktionsmittel. Was dem klassischen Model, das ausschließlich durch Mimik, Gestik und mit seinen Augen kommuniziert, im Gegensatz zum Schauspieler freilich verwehrt bleibt, ist dessen Sprachgewalt. „Ohne Erfüllung der körperlichen Normmaße und Proportionen ist es schwer, eine Einladung zu den Castings zu erhalten“, weiß Brodbeck, der in Stuttgart eine einschlägige Agentur betreibt und auch Amo entdeckte. Aufträge für Curvy- beziehungsweise Plus Size Models mit den Konfektionsgrößen 44-46 sind zwar eine wachsende, aber eine noch immer eher kleine Marktnische. Markus Brodbeck kennt die Branche gut und weiß um deren ästhetische Idealvorstellungen. „Ich bekomme von den Herstellern ein Moodboard“, erklärt er seine Funktion als Dienstleister, „an dem ich mich orientiere und nach dem ich die Models auswähle.“

Kendall Jenner 2017 im Magazin WKorea (Foto: Wikimedia/https://vimeo.com/jonathanemma)

Abhängig vom Projekt geht es da zu allermeist um Körpermaße. „Die“, erzählt Brodbeck, „sind beim Model, das im Blaumann einen Flaschner darzustellen hat, freilich weniger wichtig als beim Fashionmodel.“ Was zeigt, Model ist nicht gleich Model. Wer freilich für die Runways der internationalen Couture-Schauen gebucht werden möchte, in der Community bezeichnet man sie etwas salopp als „laufende Kleiderbügel“, muss nach wie vor bestimmte Normmaße besitzen. Kendall Jenner, eines der bestverdienenden Models der letzten Jahre, erfüllt sie in nahezu perfekter Weise. Körpergröße: 1,79; Brust/Taille/Hüfte 84/61/87; Schuhgröße: 37. Zwar gilt in den Ländern der Europäischen Union inzwischen ein Mindest-BMI und müssen zu dünne Models von den Agenturen wieder nach Hause geschickt werden. Zu große Abweichungen von den Standardmaßen aber werden nach wie vor nicht toleriert. Die Booker müssen sich an die Kundenvorgaben halten.

Wofür es Gründe gibt. Die Fashion-Shows dienen vor allem der Entscheidung, welche Entwürfe anschließend in die Produktion und den Verkauf gehen. Deshalb gibt es in der Regel nur eine einzige Mustergröße (Sample Size), in die jedes Model hineinpassen muss. Unterschiedliche Konfektionsgrößen vorzuhalten, wäre viel zu teuer. Aktuell sind nicht wenige Fashion-Shows Corona zum Opfer gefallen. Als Ersatz dafür haben viele Labels Kurzfilme und Online-Views eingesetzt. Ob das die Arbeit der Models dauerhaft verändert, bleibt abzuwarten. Für die dänische Modedesignerin Cecilie Bahnsen ist das Format eines digital gestreamten Kurzfilms zwiespältig. „Der Vorteil einer traditionellen Modenschau ist die Emotion der anwesenden Zuschauer, die Seite an Seite sitzen. Ein Film hingegen ist viel kontrollierter, man kann jede Einstellung mehrfach drehen, bis alles stimmt“, lässt sie sich im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 04. Februar diesen Jahres zitieren.

Viel Arbeit, wenig Party

Auch große Namen wie Cindy Crawford modelten für Konsumgüter (Foto: Wikimedia/Krugerr)

Die Mehrheit der Models arbeitet freilich wie Amo nicht auf den Fashion-Shows, sondern im Bereich Commercial, das heißt vor allem Streetware, E-Commerce, Kosmetik sowie für sämtliche Konsumprodukte. Für die, die nicht zu den zehn Topmodels weltweit gehören und die nicht für die exquisiten Labels auf die Laufstege gehen, ist dieser Arbeitsbereich mit gut dotierten Verträgen auch finanziell attraktiv.  Dort werden die Vorgaben für die einschlägigen Shootings allerdings von anderen Überlegungen bestimmt. Die Zielstellung unterscheidet sich zu der im Fashion-Bereich grundlegend. Bei Streetware, Wäsche und Accessoires sind die bereits georderten Kollektionen schon produziert und müssen nun abverkauft werden. Was umso besser gelingt, wenn eine hohe Identifikation der potentiellen Käufer mit denen erreicht wird, die die Ware präsentieren. Da braucht man dann Models, die die Rolle der „Frau von nebenan“ glaubwürdig verkörpern, wie es Amo formuliert. Standardmaße hier sind für Frauen deshalb die Kleidergrößen 36 und 38.

Allerdings werden auch da keine Abstriche gemacht. Größe 40 ist eine Nummer zu groß und deshalb out of order. Maße und Gewicht halten zu müssen, um weiter im Geschäft bleiben zu können, bestimmt mithin das Leben der Models ganz zentral. Und setzt deshalb eine eiserne Disziplin voraus, zumal der Körper in dieser Lebensspanne häufig ganz normalen physischen Veränderungen unterworfen ist. Gesunde Ernährung und tägliches Fitnesstraining sind deshalb ein unbedingtes Muss. Was oft leichter gesagt als getan scheint. Denn ein Modelleben ist ein Leben aus dem Koffer. „Um ja keinen Termin absagen zu müssen“, berichtet Amo, „fliegt man deshalb nach einem arbeitsreichen Tag nachts zum nächsten Shooting, das gleich nach der Landung beginnt.“ Die wenigstens Models können sich einen Flug mit der Lufthansa in der Business Class leisten, sondern buchen mit Ryan Air oder Easyjet den engsten Sitzreihenabstand, um ihre Kosten niedrig zu halten. Und müssen dann trotz Rückenschmerzen doch freundlich lächeln und dürfen nicht zickig sein.

Die Macht der Agenturen und Casting-Chefs

New Yorker Fashion Week 2019 (Foto: Wikimedia/LuChen2019)

Doch bis es so weit ist, müssen die Agenten erst einmal Aufträge hereinholen. Das bedeutet banges Warten. Tage ohne Aufträge gehören zum Berufsalltag von Models. Zu viele sollten es freilich nicht sein. Models arbeiten als Freelancer. Jeder Tag ohne Auftrag ist für sie ein Tag ohne Einkommen.  Wenn ein Kunde ein Casting wünscht und keine Direktbuchung erfolgt, stellt sich das Model beim Kunden persönlich vor. Das ist wenig mehr als ein Go-See bei dem man sich mit dem Casting-Chef trifft, und der einen ersten Blick über das Book mit den Bewerbungsfotos wirft, heute nicht mehr analog, sondern digital auf dem iPad gespeichert. Die Hoffnung ist, dem Kundenwunsch zu entsprechen und im Rennen zu bleiben. Die Macht der Agenturen, die die Vorauswahl treffen, ist für die Karriere eines Models mithin groß. Gleiches gilt für die Casting-Chefs, denn sie betreuen oft genug mehrere Fashion-Shows und im Commercial-Bereich mehrere Kunden. Models wissen: There is only one chance to make a first impression.

Festzuhalten sind an dieser Stelle deshalb zwei Dinge. Kontakte zu pflegen ist das eine unbedingte „must have“. Das zweite ist die dafür notwendige Kommunikationsfähigkeit. Allein eine gute Figur und ein schönes Gesicht reichen lange nicht für ein Engagement. Es geht um natürliche Eleganz, Selbstdarstellung, die Pflege von Beziehungen, Einfühlungsvermögen, also die soziale Intelligenz und Persönlichkeit. Nur wenn die Agenturen und die Casting-Chefs, von denen im Übrigen viele als schwierige Charaktere geschildert werden, der Qualität des Models vertrauen und deshalb bei der Nennung des Namens sofort ein Bild des Models präsent ist, kann es nachhaltigen Erfolg geben. Wie es anschließend weitergeht? In der klassischen, wenn auch nicht bei jedem Auftrag immer vollständigen Reihenfolge: Casting, Requested, Call-Back, Fit-to-confirm und Fitting. Fürs eigentliche Casting eingeladen zu werden, ist also ein erster wichtiger (Erfolgs-)Schritt. Hier schaut der Casting-Chef sich die vorausgewählten Models im Detail und intensiver an – und hebt oder senkt den Daumen.

Präsenz in den Sozialen Medien ist essentiell

Markus Brodbeck führt in Stuttgart eine Model- und Castingagentur (Foto: Markus Brodbeck)

Die Hoffnung richtet sich auf dessen Aufforderung: „Let’s do a fit-to-confirm“. Beim Fitting, bei der Anprobe, fällt schließlich die endgültige Entscheidung. Ausschlaggebend sind die Fragen: Wirkt das Model in der vorzuführenden Mode authentisch? Werden beide eine dem Zeitgeschmack entsprechende Einheit? Verkörpert es die Aufforderung zum Kaufen ebenso nachdrücklich wie unaufdringlich? Nicht wenige Models fühlen sich bei all dem oft machtlos und fremdbestimmt. Denn das, was sie einbringen können, ist lediglich ihr Körper, so wie sie ihn vom lieben Gott geschenkt bekommen haben. „Auch wenn der Fotograf natürlich über jedes Bild noch einen Filter legt“, wie es Markus Brodbeck beschreibt. Nach wie vor, und auch das ein Beispiel für den geringen Respekt der Branche gegenüber den Models, werden bei Fotostrecken in Modemagazinen die Namen der Fotografen und Stylisten an vorderster Stelle genannt. Die der Models findet man, wenn überhaupt, allenfalls noch immer nur auf der hintersten Seite im Kleingedruckten. „Wir sind halt die letzten in der Nahrungskette“, formuliert es Amo. Manche sprechen auch von Requisiten.

Je länger ein Model im Geschäft ist und je mehr Erfahrungen es hat, umso souveräner beherrscht es sein Arbeitsmittel. Das ist so wie bei jedem Handwerker. Doch für manche wird es ein Spiel mit sich selbst. Aus dem gar nicht selten bitterer Ernst wird. Magersucht, Essstörungen, Drogen zur Betäubung des Hungergefühls, Ausbleiben der Menstruation und Depressionen sind in der Community weithin bekannt. Und vielfach akzeptiert. Nicht selten mit bösen Folgen. Stella Tennant etwa, eines der bekanntesten Models der neunziger Jahre, wurde die bösen Geister nie mehr los und nahm sich letztes Jahr zwei Tage vor Weihnachten das Leben. Heute hat sich der Druck noch einmal erhöht und sitzt den Models die Konkurrenz der Influencer im Nacken. Ohne Präsenz in den sozialen Medien stürzen die Chancen eines Models inzwischen auf den Nullpunkt. Je mehr Follower, je größer die Reichweite, umso größer das Interesse der Agenturen und Auftraggeber. Das zu erreichen, gehen beständig mehr Models inzwischen sehr kreativ vor. Amo hat dazu eine klare Meinung. „Jeder muss für sich selbst herausfinden, welchen Weg der Selbstvermarktung er für den richtigen hält“.

Gefestigte Persönlichkeit unbedingte Voraussetzung

Amo (Foto: Amo)

Die wichtigste Frage, wie man Model wird, ist nicht leicht zu beantworten. Immerhin sind die Wege so unterschiedlich wie die Interessenten zahlreich. Amo kam über einen Job als Stand-In beim Film zum Modeln. Stand-Ins dienen den Beleuchtern und Kameraleuten als 1:1-Doubel der Schauspieler zur optimalen Ausleuchtung und Kameraeinstellung. Eine Schauspielausbildung, das wurde Amo dabei schnell klar, kam für sie damals nicht infrage. „Für diesen Beruf war ich viel zu zurückhaltend und introvertiert.“ Das Modeln passte da besser. Die Fähigkeit, sich gut selbst organisieren zu können, Disziplin und Stehvermögen brachte die erfolgreiche Leichtathletin dagegen aus dem Sport mit. In Markus Brodbeck fand sie einen Agenten, der an ihr Potential glaubte und sie behutsam an den anspruchsvollen Job heranführte.

Normal große Agenturen haben meist bis zu 300 Models (davon 2/3 Frauen) unter Vertrag. Gut 80 Prozent üben den Beruf als Vollprofis aus. „Amo besaß, als sie sich bei mir vorstellte, bereits eine „Personality“, erinnert sich Brodbeck. Und hält das für eine der wichtigsten Berufsvoraussetzungen. Zumindest für den Commercial-Bereich. „Denn der Blick des Betrachters“, erklärt der Stuttgarter Agent, „fixiert erst die Augen, dann die sekundären Geschlechtsmerkmale und erst danach die Kleidung.“ Amo selbst rät deshalb allen Bewerbern, nicht vor 17 bis 18 Jahren in den Beruf einzusteigen. „Ich brauche eine gefestigte Persönlichkeit, um den Druck in diesem Job aushalten zu können“, ist sie überzeugt. Das Posen und Laufen könne jede(r) schnell lernen. Aber mit den ständigen Ortswechseln, immer wieder neuen Teams und Fotografen, dem hohen Zeitdruck, dem rauen Ton am Set, dem häufig auch negativen Feedback müsse man erst umzugehen lernen.

Disziplin und Professionalität

Amo (Foto: Amo)

Worum es also geht, ist Professionalität. Sich als Mensch öffnen und als Fachkraft auf die Situation einlassen zu können, viel von sich zu zeigen, ohne sich verletzlich zu machen, ist eine arbeitstägliche Gratwanderung. „Als Model“, erzählt Amo, „ist man den ganzen Tag angeknipst.“ Anders formuliert, der Job benötigt volle Konzentration von der ersten bis zur letzten Minute, geistig wie körperlich. „An einem Tag 50 bis 60 Mal das Outfit zu wechseln, bedarf auch einer guten Fitness“, weist Markus Brodbeck auf einen weiteren wichtigen Punkt. Denn die Belastung darf dem Lächeln im Gesicht kein einziges Promille von seiner Natürlichkeit nehmen, nicht einmal bei der letzten Aufnahme nach zehn Stunden am Set. Das Modebusiness zu verstehen, in dem Zeit bares Geld und die Gewinnspannen eher gering sind, unterscheidet das bloß durchschnittliche vom guten Model. Das weiß nämlich, dass auch der mächtige Casting-Chef ebenso wie der Booker, der Fotograf und es selbst nur jeweils eines der ungezählten kleinen Rädchen in einer allerdings oft unübersichtlichen Dienstleistungsmaschinerie sind.

Umgänglich zu sein und einen Blick für die Bedürfnisse des jeweils anderen zu haben, werden in einem so körperorientierten Beruf wie dem des Models zu wichtigen Schlüsselqualifikationen. Amo formuliert es etwas direkter. „Als Model muss man ein Gespür dafür haben, wo man einfach mal die Klappe halten muss.“ Aber genauso auch dafür, wenn und wo andere Hilfe brauchen. Der Fotograf etwa, dem das Briefing darüber fehlt, wie die Verkaufsstrategie des Auftraggebers aussieht und welche Bildkomposition diese dann am besten visualisiert. Ein intelligentes Model wie Amo kann ihm da wichtige Brücken zum beiderseitigen Erfolg bauen. Und wird so die Chancen für eine Wiederbuchung, das Ziel aller Models, vergrößern. Wer als Model Karriere machen, im Fashion-Bereich vielleicht sogar mal als „Exclusive“ gebucht werden möchte, braucht unbedingt Auslandserfahrungen. „Die wichtigsten Hotspots“, sagt Markus Brodbeck, „sind Paris, Mailand, London und New York.“

Die Mechanismen der Branche verstehen

Models präsentieren auf der Berliner Fashion Week 2013 Entwürfe des inzwischen aufgelösten Berliner Modelabels Perret Schaad (Foto: Wikimedia/PatrickRaczek)

Die teuren Hotels dort kann sich ein Durchschnittsmodel allerdings nur selten leisten. Also schaut man, in einer der zahlreichen Model-WG’s unterzukommen. Der babylonische Sprachenwirrwarr dürfte noch eine deren geringsten Herausforderungen sein. Darüber hinaus aber ist es ebenso eng wie laut, manchmal auch schmuddelig und Konflikte sind an der Tagesordnung. Die Geschäftigkeit von Jugendherbergen erscheint dagegen als ein Ort der Glückseligkeit. Das Modebusiness und das Verhalten der hier tätigen Akteure einordnen zu können, scheint für Models jedoch auch zum Schutz ihrer selbst überlebenswichtig. Manche Kunden und Agenturen haben eine sehr schleppende Zahlungsmoral. Ab und an werden Gagen erst nach zehn Monaten an die Models ausgezahlt. Sich dagegen zu wehren, ist riskant. Man will schließlich die Kontakte nicht verlieren. Ein Model, was sich gegen diese Praktiken auflehnt, ist schnell verbrannt. Der Buschfunk unter den Agenturen funktioniert bestens.

Doch das ist noch immer nicht alles. Einige Agenturen etwa, und nicht nur die allseits bekannten schwarzen Schafe der Branche, vermitteln Models auch als Hostessen bevorzugt nach Dubai. Und verdienen gut damit. Was das bedeutet, weiß in der Community jede(r). Freilich unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen auch sonst stark. „In Deutschland, den skandinavischen und den übrigen europäischen Ländern gibt es Pausen und Essen am Set“, lobt Amo die Rahmenbedingungen hier. Doch außerhalb der EU sieht das oft anders aus. Da erfahren wir von 17-Stunden-Arbeitstagen ohne Pausen und ohne geregelte Essenszeiten. Ein Model berichtet auch, dass der Manager des Shootings ihr und den Kolleginnen als erstes den Pass abnahm, damit auch ja keiner wegen der miesen Bedingungen am Set abhauen konnte. Auch von sexuellen Übergriffen hören wir, von denen Männer noch häufiger betroffen scheinen als Frauen. Wie die Verhaftung des bekannten Pariser Modelagenten Jean-Luc Brunel wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung vor wenigen Wochen zeigt, sind das nicht nur Gerüchte, sondern traurige Wahrheit eines ansonsten wunderschönen Berufs.

Ein Beruf im Zeitraffer

Amo (Foto: Amo)

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wenn Amo davon spricht, dass ein Model unbedingt wissen müsse, was es mit diesem Beruf erreichen wolle. Manche verdrängen das, was jedes Model weiß. Dass die Karriere für Frauen schneller als für die Männer endet. Denn eines Tages ist man zu alt, zu dick und zu hässlich, „ist“, wie Amo es treffend formuliert, „das Geld aus dem Gesicht herausgezogen und man selbst des Berufes müde.“ Da helfen dann auch keine schönheitschirurgischen Eingriffe mehr. „Mit Mitte zwanzig“, erklärt Markus Brodbeck, „gibt es in aller Regel den ersten Bruch in den Buchungen, mit dreißig ist die Karriere für die meisten Models zu Ende.“ Nur wenigen gelingt es, als Businesswoman oder in der Mutterrolle noch ein paar Jahre weitermachen zu können. Notwendig ist deshalb, für die Zeit danach einen Plan zu haben, um nicht in ein großes schwarzes Loch zu fallen.

Amo war sich immer bewusst, dass Model ein Beruf mit einer nur kurzen Halbwertszeit ist. Sie selbst sieht ihre persönliche Zukunft in einer medizinischen Tätigkeit und hat dafür bereits die ersten Weichen gestellt. Dazu gehört freilich auch die weise Vorausschau, von Anbeginn der Karriere an einen Teil der Honorare genau für diesen beruflichen Übergang zurückzulegen. Die Honorare sind mehrheitlich attraktiv. „Ein erfahrenes Model kann durchaus ein Tageshonorar zwischen 1.000 bis 5.000 Euro erreichen“, erzählt Amo. Was aber natürlich auch ein Stück weit vom Verhandlungsgeschick des jeweiligen Agenten abhängt und auf welche Referenzen das Model verweisen kann. Bei denen, die es regelmäßig auf das Cover von Modezeitschriften schaffen, sind auch Jahreseinkommen von 200.000 bis 400.000 Euro möglich. Bei Kendall Jenner sollen es sogar 4,6 Millionen Dollar gewesen sein. Aber manchmal sind es eben auch nur 400 Euro.

Warten und Ungewissheiten aushalten können

Das britische Männermodel David Gandy, hier im Street Style, stieg erst mit 21 in den Beruf ein. Bis dahin studierte er an der University of Gloucestershire „Multimedia Computing“. (Foto: Wikimedia/Conor Clinch)

Ein Letztes sollten junge Frauen und Männer wissen, die sich mit dem Gedanken tragen, als Model arbeiten zu wollen. Model zu werden ist nicht schwer, es über einen längeren Zeitraum zu sein, dagegen umso mehr. Wie man das zu verstehen hat? Die Branche, lassen sich zahlreiche Insider zitieren, sei personalmäßig niemals übersättigt. Der Grund hierfür ist ihre Schnelllebigkeit. Und deswegen ist die Nachfrage nach immer wieder neuen Gesichtern hoch. Im Fashionbereich stärker noch als bei den Commercials. Auf den Runways der großen Shows sind bereits ein Jahr später viele Gesichter nicht mehr zu sehen. Dennoch mangelt es nicht an Bewerbern. Für Newcomer ist es eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, für Erfahrene, sich im Gespräch zu halten. Gleichwohl bleibt viel Ungewissheit, die es auszuhalten gilt. Ein geflügeltes Wort unter Models bringt es auf den Punkt: „One day you are in, one day you are out.“

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.04.2021)

Berufstätige Models: keine belastbaren Daten über die Gesamtzahl als auch den Anteil haupt- und nebenberuflicher Models vorhanden.
Altersstruktur berufstätiger Models:  die Mehrzahl der berufstätigen Models sind zwischen 17 bis 25 Jahre alt.
Arbeitslose Models: keine Angaben verfügbar, da Models als ihre eigenen Unternehmer arbeiten und darüber hinaus bei ausbleibenden Buchungen in andere Berufe ausweichen.
Einkommen: große Bandbreite abhängig von körperlichen Voraussetzungen, Berufserfahrung und bisherigen Referenzen.
Weiterführende Informationen:
„Wie wird man eigentlich Modell?“  https://www.vogue.de/mode/artikel/model-werden-profi-tipps-fuer-angehende-models
Übersicht über die wichtigsten deutschen Model-Agenturen: https://www.vogue.de/mode/artikel/modelagenturen-finden-vogue-hat-die-wichtigsten-adressen

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com