Michael Wolffsohn – Vom Weg eines geradlinig Unangepassten

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2020

Michael Wolffsohn – Stets neugierig zugewandt und freundlich (Foto: Michael Wolffsohn/privat)

Michael Wolffsohn ist Professor für Neuere Geschichte. Bis vor wenigen Jahren lehrte er das Fach an der Universität der Bundeswehr in München. Der Mann mit den fein geschnittenen Gesichtszügen und den klugen Augen passt in keine Schublade, nicht einmal in die des Querdenkers. Denn er dachte und denkt weiterhin die meiste Zeit geradeaus. Was niemand mit eindimensional verwechseln sollte. Als Historiker hat Wolffsohn schließlich gelernt, für die Analyse komplexer Vorgänge diese aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, gewissermaßen multiperspektivisch zu analysieren. Was Freunde an ihm schätzen, aber seine Gegner oft zur Weißglut treibt, ist freilich der Umstand, dass er stets auch sagt, was er denkt. Opportunistisches Taktieren, wem was davon zur falschen Zeit in die Hände spielen könnte, ist ihm bis heute zuwider. Ihm geht es um Erkenntnis über das, was auf der Welt geschieht. Und das ist nie schwarz oder weiß, sondern stets vielschichtig. Sein berufliches und auch privates Credo klingen wie von August Bebel entlehnt, sind freilich tiefste persönliche Überzeugung. „Nur wer weiß, was warum wie wurde, kann auch sagen, was wie werden wird.“

In einer vielfältig geschichtsvergessenen, teilweise sogar antihistorischen Zeit wie der heutigen ist das nicht immer und überall gerne gehört. Als Historiker weiß Michael Wolffsohn das gleichwohl und war darauf vorbereitet. „Ich bin ja nicht der erste, der das so erlebt“, sagt er, ohne zu klagen. Dabei stand es einige Male tatsächlich Spitze auf Knopf. Zwar ging es nicht um Leben und Tod, doch immerhin um nicht weniger als seine berufliche Existenz. Aber nicht allein darin unterscheidet sich Wolffsohn von zahlreichen seiner Kollegen. Von denen man oft ein ganzes Professorenleben lang nichts hört. Anders Wolffsohn. Er verfasste zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze, ungezählte Essays, schrieb mehr als dreißig Bücher, nahm an vielen öffentlichen Diskussionen und Talkshows teil, war immer mittendrin. Warum? Weil er die Geschichtswissenschaften zwar nicht im strengen akademischen Ordnungsrahmen, wohl aber in ihrer Wirkmächtigkeit als Lebenswissenschaften versteht. Weshalb er seine Erkenntnisse zu jeder Zeit teilen wollte und noch weiter teilen will.

Immer auf der Suche nach dem Diskurs

Michael Wolffsohn (Foto: Till Eitel)

Erkenntnisse teilen, heißt für den Historiker Wolffsohn freilich nicht, andere unter das Diktat seiner „Wahrheit“ zu zwingen. Vielmehr versteht er sie als Einladung zum Widerspruch und zur Diskussion, an deren Ende neue Erkenntnisse stehen könnten. Es geht ihm also um Inklusion, ums gemeinsame bessere Verstehen dessen, was in der Welt passiert. Das, die Rede und Gegenrede, der Austausch von Argumenten, ist seine Passion. Was ihn dabei auszeichnet sind leidenschaftliche Sachlichkeit, wissenschaftliche Akribie und intellektuelle Redlichkeit. „Denn“, formuliert er bestimmt, „erst kommt die Analyse und dann die Überzeugung, aber niemals umgekehrt.“ So verwundert die Distanz des damaligen Studenten zur 68er-Generation, der er anfangs sehr aufgeschlossen gegenübersteht, wenig. „Im Grundkurs Geschichte“, erinnert er sich seiner frühen Studientage, „protestierten die Roten Zellen gegen die angebliche Faktenhuberei der Historiker.“ Er aber hielt Fakten, in den Geschichtswissenschaften wie anderorts auch, für unverzichtbar. Und noch heute bevorzugt er es, mit dem Kopf statt mit dem Bauch zu denken.

Michael Wolffsohn während seines Wehrdienstes in der israelischen Armee (Foto: Michael Wolffsohn/Archiv)

Diese Faktenorientierung war es denn auch, die ihn vor dem Schicksal eines Fachidioten bewahrte. Denn die Beschäftigung damit lehrte ihn, dass alles mit allem zusammenhängt. Hinzu kam die sehr persönliche Erfahrung aus seinem dreijährigen Militärdienst in der israelischen Armee, in den er als israelischer Staatsbürger 1967 unmittelbar nach dem Sechstagekrieg eintrat. Er erlebt hautnah, was Hass, als Antizionismus getarnter Rassismus, Bedrohung, Krieg, Vertreibung, Tod und Zerstörung auf beiden Seiten der Kampflinie bedeuten. Es soll seinen inneren Kompass lebenslang prägen. Gegenüber Ideologen wie Jassir Arafat oder Joschka Fischer hielt er stets vornehme Distanz. Der eine, der sich den „Endsieg“ über Israel auf die schon mehrfach blutgetränkten Fahnen geschrieben hat. Der andere, der diesem Mann 1969 auf einem Solidaritätskongress in Algier frenetisch zujubelt und so die Auslöschung Israels unkritisch in Kauf nimmt. Mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Stefan Meining vom Bayerischen Fernsehen deckte Wolffsohn das 1991 auf. Fakten eben.

Freiheit als höchstes Gut

Gemeinsam auf dem Podium, aber nicht einer Meinung – Michael Wolffsohn und Josef („Joschka“) Fischer (Foto: Wikimedia/Stephan Roehl, Heinrich-Böll-Stiftung)

Freilich wuchs Michael Wolffsohn in einem Umfeld auf, das sich das freie Denken gegenüber allen Seiten vorbehielt. Autoritäten, wirklichen, sogenannten oder auch nur selbst ernannten, kritiklos zu folgen, war nie seine Sache. Das machte ihn gegen jegliche Ideologien immun, gegen die von rechts wie von links, gegen religiös oder kulturell begründete. Daneben half es ihm, sich weder von den einen noch von den anderen vereinnahmen zu lassen. Gleichwohl gibt es Menschen, die ihn beeindrucken. Heinz Galinski etwa, der langjährige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. So denkt Wolffsohn heute. Jahrelang hat er Galinskis Verdienste, wie er bedauernd einräumt, verkannt. Es war 1950, zwei Jahre nach Gründung des Staates Israel. Ministerpräsident David Ben-Gurion forderte alle in Deutschland, dem Land der Mörder, lebenden Juden ultimativ auf, innerhalb von sechs Monaten ihren Wohnsitz im neuen Staat zu nehmen. Galinski beschied unaufgeregt: „Wir lassen uns nicht vorschreiben, wo wir leben.“ Ähnlich die Familientradition. Ein Ausspruch seines Großvaters in Zeiten der Verfolgung durch die Nationalsozialisten: „Wir (Wolffsohns) unterwerfen uns niemandem.“

Damit zu den Anfängen. 1938 nahmen die Nazis seinen Großvater, einen erfolgreichen Verleger und Großkinobetreiber, in „Schutzhaft“. Welch makabere Begrifflichkeit. Als er acht Monate später frei kam und kurz bevor die Nazis auch die letzten Schlupflöcher verschlossen, floh die Familie in das damals noch britische Mandatsgebiet Palästina. 1947 wurde Michael Wolffsohn in Tel Aviv geboren. Es herrschte bittere Armut. Dennoch erinnert der heute 73-Jährige eine glückliche Kindheit. Seine Eltern sprachen mit ihm Deutsch. Hebräisch lernte er ganz ungezwungen mit seinen Spielkameraden auf der Straße, später dann mit den Mitschülern in der Grundschule. Nach dem ersten Schuljahr entschlossen sich die Eltern zur Rückkehr nach Berlin, wohin der Großvater bereits drei Jahre früher gezogen war. Diese Entscheidung für das Land des Holocaust sorgte im sozialen Umfeld der Familie für so manche Kritik. Ein Bruch, ein Kulturschock? „Nein“, beschreibt Wolffsohn diesen Wechsel, „ich fühlte mich von Anfang an sehr wohl in Deutschland.“ Das für ihn das damalige West-Berlin war und in dem sich die Entwicklung des kalten Krieges wie unter einem Brennglas beobachten ließ.

Autonomie und soziale Bindung

Michael Wolffsohn mit seiner Mutter Thea bei der Arbeit im Kibbuz (Foto: Michael Wolffsohn/Archiv)

Was Michael Wolffsohn aus dieser Zeit festhält und bewahrt, ist die Gewissheit, dass jeder Mensch immer nur als Teil eines größeren Ganzen existiert. Die moderne und oft genug übersteigerte Egozentrik in westlichen Gesellschaften beobachtet er deshalb mit Sorge. Was umso schwerer wiegt, als er die Individualität des Denkens und Handelns bis heute mit großer Verve verficht. Doch nicht nur darin unterscheidet sich Wolffsohn von vielen anderen öffentlichen Debattenrednern. Für ihn bleiben Erkenntnisse nicht schöngeistige theoretische Modelle. Er setzt sie um in persönliches Alltagshandeln. „Wenn ich etwas für richtig halte“, sagt er ohne missionarischen Anspruch, „kann ich gar nicht anders.“ Als Teil eines Ganzen zu existieren, heißt für ihn, nicht nur zu nehmen, sondern immer auch zu geben. Gastprofessuren, in der akademischen Community gern genutzte Möglichkeit zur Mehrung wissenschaftlichen Ruhms, nahm er trotz zahlreicher Einladungen nur eine einzige an, am Dartmouth College in Hanover/New Hampshire. „Das damit verbundene Getrenntsein wollte ich meiner Familie nicht antun.“

Aus dem gleichen Grund, seine drei Kinder sind gerade ans Gymnasium gewechselt oder stehen kurz davor, verzichtet er auf ein Angebot des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Der trug ihm 1993 mit Blick auf den dort bevorstehenden Wechsel die Leitung des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Washington DC an. Wolffsohn wusste, welche Wertschätzung sich für einen Historiker in dieser Offerte ausdrückte. Immerhin ist das DHI das größte außeruniversitäre Institut im Bereich der Geschichtswissenschaften in den USA und eine der wichtigsten wissenschaftlichen Mittlerorganisationen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten. Er dankte für das Vertrauen und sagte dennoch ab. Daraufhin hörte er aus dem Umfeld des Kanzlers Sätze wie diesen: „Dem Herrn Bundeskanzler sagt man nicht ab.“ Und fühlte sich in seinem Entschluss gerade dadurch nachträglich bestätigt, auch wenn er Helmut Kohl sehr schätzte.

Von Stärken und Schwächen

Michael Wolffsohn (Foto: Till Eitel)

Diese Episode zeigt nicht allein den Mut des Menschen Michael Wolffsohn. Es zeigt auch seine Fähigkeit zur kritischen Selbstreflektion. Keiner weiß besser als er, was er kann und was er weniger gut kann. „Für die Arbeit in Gremien bin ich nicht gemacht“, stellte er bei mehreren Ausflügen in diesen Bereich fest. Dafür sei er zu sehr Wissenschaftler und zu wenig Manager, zu individualistisch, zu direkt, zu ungeduldig, zu wenig machtorientiert, zu wenig selbstverliebt und politisch zu ungeübt. In Gremien entscheide viel zu oft weniger das Argument als taktische Intelligenz, heute auch Durchsetzungsvermögen genannt. Sein Engagement beim Deutschen Hochschulverband als Berufsvertretung der Professoren beendete er deshalb schon bald wieder, obwohl er sich dem Verband und dessen Führungspersonal seit jeher sehr verbunden fühlt. Vom Vorstandsmandat bei der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern trat er nach nur einem Jahr wegen unüberbrückbarer inhaltlicher wie organisatorischer und persönlicher Differenzen zurück.

An dieser Stelle lohnt ein nochmaliger Blick zurück, der viel vom Menschen Michael Wolffsohn zeigt. Eines Menschen, der sucht, um zu verstehen. Der keine Angst hat, Autorität, gar das Gesicht zu verlieren, wenn er eigene Fehler und Fehlentscheidungen korrigiert. Als Studienanfänger schrieb er sich, „der Vernunft folgend“, wie er es formuliert, zunächst im Studiengang Volkswirtschaftslehre ein. Schließlich, hörte er von vielen Seiten, könne man damit alles werden. Doch er merkte bald, dass sein Herz nicht wirklich daran hing, und dass seine Ellenbogen für die erwartete Konkurrenz nicht stark genug sein würden. Der dreijährige Wehrdienst in der israelischen Armee verschaffte ihm eine Verschnaufpause. Zeitweilig liebäugelte er nun mit der Idee, Reformrabbiner, also ein der Moderne zugewandter geistig-geistlicher Vorsteher einer jüdischen Gemeinde zu werden. Was ihn daran reizte, war die Vorstellung, mit dem Erbe einer Jahrtausende alten Tradition jüdischen Lebens dem gemeinschaftlichen modernen Woher und Wohin der Menschheit näher kommen zu können.

Die Mühen der Ebene

Ein nachdenklicher Michael Wolffsohn (Foto: Wikimedia/Raimond Spekking)

Am Ende verwarf er den Plan dann aber doch. Die Begründung: „Den mit diesem Amt verbundenen transzendenten Anspruch vermochte ich nicht zu erfüllen.“ Etwas weltlicher formuliert: Mit Dingen, die sich der normalen Sinneswahrnehmung entziehen, tat und tut sich Wolffsohn schwer. Ein Gutes hatte die Idee aber doch. „Ich entschied mich schließlich für die säkularisierte Form des Rabbinertums und studierte Geschichte“, erklärt er es mit einem schelmischen Lachen. Die Volkswirtschaft führte er als Nebenfach weiter. 1975 schloss Michael Wolffsohn sein Studium an der Freien Universität Berlin mit der Promotion ab. Anschließend folgte er dem von ihm hoch geschätzten Professor Jürgen Dohmes an die Universität Saarbrücken. Fünf Jahre später habilitierte er sich in Politikwissenschaft und, eher unüblich, weil hoch arbeitsaufwändig, in einer erweiterten Habilitation in Zeitgeschichte. Nach einer Lehrstuhlvertretung an der Hochschule der Bundeswehr in Hamburg, berief ihn die Universität der Bundeswehr in München 1981 auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte. Dort blieb er 31 Jahre.

Warum es einen Freigeist wie ihn an die Universität der Bundeswehr verschlägt, möchte ich wissen. Die Antwort kommt ohne Zögern. Ihn habe das Experiment gereizt, wissenschaftliches Arbeiten mit der praktischen Ausbildung von Offizieren zu verbinden. „Die feste Einbindung einer Armee in demokratische Strukturen war vollkommen neu und einzigartig“, gibt er sich überzeugt. Mehr noch: „Für einen Mann mit meinem familiären Hintergrund war das eine besondere Herausforderung.“ Die Aussetzung der Wehrpflicht und damit die Abkehr vom Staatsbürger in Uniform hält er mithin für einen Schritt in die falsche Richtung. Der von manchem geargwöhnte Anschein, da habe sich einer in die heile Welt wissenschaftlicher Provinzialität zurückgezogen, trügt freilich. So gründete Wolffsohn am Historischen Institut der Bundeswehruni München die inzwischen weithin bekannte Forschungsstelle Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte. Gastvorträge führten ihn in alle Welt und an viele namhafte Universitäten. Seitdem weiß er freilich auch: Es wird überall nur mit Wasser gekocht.

Macht braucht keine Argumente

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Köln während der Preisverleihung der Toleranzringe der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Foto: Wikimedia/Raimond Spekking)

Michael Wolffsohn erinnern seine Kollegen wie Studierende als immer wachen Geist, zugewandt, freundlich, stets hilfsbereit und fördernd, aber auch fordernd. Freilich war er, wenngleich ohne taktisches Raffinement, unbequem. Zweimal geriet er mit seinem obersten Dienstherren, den Bundesverteidigungsministern Volker Rühe und Peter Struck, in Konflikt. Mit Letzterem, der vorgab, die Freiheit Deutschlands am 7.000 Kilometer entfernten Hindukusch verteidigen zu müssen, ging es sogar ums Ganze. Struck wollte ihn nach einer ebenso unbedachten wie ungeschickten, vor allem aber aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerung, entlassen. Wolffsohn war Gast einer Talkshow, in der es nach Nine-Eleven um die Frage des Umgangs mit dem Terrorismus ging. Ob beim Verhör auch Folter eingesetzt werden dürfte, fragte ihn die Moderatorin. Wolffsohn begann zu antworten, während er noch nachdachte. Anders als in vielen Redeschlachten erfahrene Politprofis flüchtete er sich nicht in die immer gleichen inhaltsleeren Phrasen, sondern wog das Für und Wider ab. „Das würde ich nicht noch einmal tun“, macht er klar.

Was Michael Wolffsohn eigentlich sagen wollte, war etwas ganz anderes. Nämlich, dass eine Demokratie wehrhaft bleiben müsse. Allzumal denen gegenüber, die Recht und Gesetz als einen Ausdruck der Schwäche verstehen. Ein Patentrezept hat er gleichwohl nicht. Doch in dem Konflikt mit Peter Struck ging es nur vordergründig um den Streit über Terror und Folter. „Auseinandersetzungen und Attacken gehören zu einer offenen Gesellschaft“, ist Wolffsohn überzeugt. Hier aber ging es um etwas anderes. Struck wollte eine alte Rechnung begleichen. Der Pfeife rauchende Altachtundsechziger sah endlich eine Gelegenheit, einem ehemaligen Vorstandsmitglied des Bundes Freiheit der Wissenschaft den Stuhl vor die Tür setzen zu können. Und zog dafür alle Register, auch die unterhalb der Gürtellinie gelegenen. Das, was Wolffsohn als Historiker eh schon wusste, wurde nun Gewissheit. „Die Lüge gehört zum politischen Geschäft“, formuliert er diese Begegnung mit der Macht. „Das ich in diesem Strudel nicht unterging“, ergänzt er genauso ernst wie dankbar, „geht auf den Einsatz des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau und Angela Merkel als Oppositionsführerin zurück.“

Immer zwischen allen Stühlen

Michael Wolffsohn (Foto: Michael Wolffsohn/privat)

Hat ihn dieses Erlebnis geläutert? Und wenn, wovon? Zwei Fragen, auf die sich keine Antworten finden lassen. Zwischen allen Stühlen zu sitzen, den Stein wie Sisyphos immer wieder den Berg hinauf zu rollen, begleitete Michael Wolffsohn allerdings weiter. Doch nicht, weil er das als seine tägliche Glücksdosis braucht, nicht weil er Masochist ist, und schon gar nicht, weil er das zu seinem Markenzeichen erkoren hätte. Vielleicht aber, weil leidenschaftlichen Historikern, allzumal mit jüdischem Stammbaum, nur hier Platz gewährt wird – von den Deutschen, von den Juden in Deutschland und erst recht von den Israelis. Mit den meisten der früheren Funktionäre des Jüdischen Zentralrats verbindet ihn ebenso wenig wie mit den orthodoxen Synagogengängern. Für angemaßte Juden wie Gregor Gysi oder den ehemaligen Chef der Stasi-Aufklärung West, Markus Wolf, hat er nur Spott und Verachtung. Was Michael Wolffsohn will, ist schlicht und einfach Normalität. Da trifft es mitten ins Herz, wenn einer wie Ignaz Bubis ihn einst als „Vorzeigejuden der deutschen Rechtsradikalen“ bezeichnete.

Gerade Bubis. Das aktive Mitglied der FDP stand dem Zentralrat der Juden in Deutschland von 1992 bis 1999 vor. Beobachter von damals bezeichnen Ignaz Bubis als einen Mann, der die in Insiderkreisen sogenannte Judenkarte geschickt einzusetzen wusste, der es mit so manchen undurchsichtigen Immobiliengeschäften, allem voran teuren Luxusimmobilien in bester Wohnlage, zu großem Reichtum brachte. Rainer Werner Fassbinder verarbeitete diese Umstände in seinem umstrittenen Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Wolffsohn wandte sich bereits früh gegen eine Sonderbehandlung der deutschen Juden, wie Bubis sie immer wieder leise, aber nachdrücklich einforderte. Auch dann, als er bei der Erneuerung der ererbten Gartenstadt Atlantic im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen von ihr hätte persönlich profitieren können, verzichtet er darauf. Das unter Denkmalschutz stehende und von seinem Großvater errichtete Ensemble Gartenstadt Atlantic umfasst 49 Miethäuser. Ihr Zustand schrie nach Sanierung und Modernisierung. Ein Verkauf, der ihn hätte reich machen können, kam für Wolffsohn, seine Frau und seine Kinder nicht infrage. Sie sanierten und modernisierten die Wohnanlage von Grund auf.

Ein Erbe als Praxistest

Solche grünen Innenhöfe wie in der „Gartenstadt Atlantic“ finden sich in Berlins Arbeitervierteln nur selten (Foto: Wikimedia/El Ghazi)

Die Pietät gegenüber Vater und Großvater, die Chance, den bisher nur proklamierten ethischen Kapitalismus einer Bewährungsprobe zu unterziehen, ließen ihn beginnen. Sein privates Vermögen erwies sich kaum größer, als es der berühmte Tropfen auf den heißen Stein ist. Die Kredite, die er aufnehmen musste, umfassten am Ende nicht weniger als 25 Millionen Euro. Da schlief auch Familie Wolffsohn viele Nächte sehr unruhig und jagte ein Albtraum den anderen. Aufgeben aber kam nicht infrage. Mit dieser Siedlung des Reform-Wohnungsbaus wollte er beweisen, dass Mietwohnungsbau mit hellen Wohnungen und großflächig begrünten Innenhöfen zu bezahlbaren Preisen samt Integration unterschiedlicher soziokultureller Herkünfte auch in der Moderne möglich ist. Und wie! Mietinteressenten finden sich heute auf einer Warteliste wieder. Leerstand gibt es nicht. „Das Projekt erweist sich als eine Win-win-Situation für alle“, erzählt Wolffsohn.

Tatsächlich finden die Mieter in der Atlantic eine Bleibe mit hoher Wohnqualität zu moderaten Preisen. Und Wolffsohn? „Aufgrund der kontinuierlichen Auslastung“, berichtet er, „kann ich die Kredite bedienen und mache kein Minus.“ Gewinn? „Für mich ist Geld stets nur Mittel zum Zweck, innovative Ideen umsetzen zu können.“ So wie bei der Gartenstadt Atlantic, die für Michael Wolffsohn ein erfolgreiches Beispiel gelebter Menschlichkeit ist. Akteur davon zu sein, macht ihn stolz. Doch ohne die Unterstützung seiner Frau und seiner drei Kinder hätte er das alles wohl nicht geschafft. Da ist es wieder, das Angewiesen- und Geborgensein in einer großen Gemeinschaft, in der man gibt und nimmt. Bis zum Erfolg aber war es ein weiter Weg, auf dem er auch die Schattenseiten eines ausschließlich gewinnorientierten Wirtschaftssystems erlebte. Und lernte, sich darin zu behaupten. Wenn zum Beispiel Banken die vertraglich fixierten Kredite unter fadenscheinigen Gründen nicht auszahlen wollten, wenn Behörden Anträge liegen ließen oder Handwerker ohne Vorwarnung ausfielen.

Der Genuss totaler Freiheit

Michael Wolffsohn (Foto: Petra Castell)

Mit dem 65. Geburtstag verließ Michael Wolffsohn 2012 altersbedingt die Münchener Universität der Bundeswehr. Die Entwicklung der Hochschulen nach der Bolognareform wie auch die Entwicklung der Bundeswehr machten es ihm leicht(er). „Die Universitäten mutieren immer stärker zu Berufsschulen“, so seine Beobachtung. „Die Förderung des kritischen Denkens kommt viel zu kurz.“ Einem mit seinem Weg muss das weh tun. Schließlich hieß sein Berufsziel Professor, nicht Lehrer, der dieselbe Erkenntnis Jahr um Jahr um Jahr zu vermitteln hat. Dennoch sei er ein glücklicher Mensch. „Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens“, formuliert er es und genießt die Freiheit in vollen Zügen. „Mir konnte niemand zu keiner Zeit das Maul verbieten“, ließ er sich jüngst in einem Interview zitieren. Er schreibt weiter Bücher, hält Vorträge, nimmt, streitbar wie eh und je, an Diskussionen teil. Michael Wolffsohn ist mit sich im Reinen. „Ich habe“, blickt er bescheiden zurück, „in meinem Leben versucht, meiner Umwelt wenigstens keinen Schaden zuzufügen.“



Weitere Informationen
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Michael Wolffsohn:  Deutsch-jüdische Glückskinder – Eine Weltgeschichte meiner Familie, dtv, 3. Auflage 2017, ISBN: 978-3-423-28126-3
Michael Wolffsohn: Tacheles – Im Kampf um die Fakten in Geschichte und Politik, Verlag Herder, 1. Auflage 2020, ISBN: 978-3-451-38603-9
Weitere Buchveröffentlichungen unter: https://www.wolffsohn.de/cms/publikationen/buecher.html

 

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