Medizinphysiker – Wissen in Therapien umsetzen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Oktober 2021

 

Ihr Anteil an bedeutenden Entwicklungen in der modernen Medizin ist groß. Und er wächst beständig weiter. Öffentlich gewürdigt wird er jedoch nur selten. Unter den inzwischen 222 Nobelpreisträgern für Physiologie und Medizin finden sich neben vielen Ärzten zwar auch zahlreiche Biologen, Biochemiker und Pharmakologen, allerdings noch nicht einmal eine Handvoll (Medizin)Physiker. Das scheint symptomatisch. Auch wenn es mehr werden, sehen lange noch nicht alle Ärzte die Medizinphysiker als ebenbürtige Partner auf gleicher Augenhöhe, eher als handwerklich-technisch orientierte Servicedienstleister. Das ist nicht falsch, bildet den Beruf aber doch nur unvollständig ab. Schließlich wären viele Diagnose- und Therapieverfahren, deren sich die Ärzte bedienen, ohne die Medizinphysiker schlicht nicht vorhanden. Die wichtigsten Beschäftigungsfelder für klinisch tätige Medizinphysiker konzentrieren sich auf die Strahlentherapie, die Nuklearmedizin sowie die Radiologie. Gesetzlich geschützt ist ihre Berufsbezeichnung aber bislang allein in Berlin.

Anna Bakenecker forscht an der Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte und Zellbasierte Medizintechnik/IMTE in Lübeck (Foto: Marcus Kästner)

Wie unverzichtbar die Medizinphysik und die Medizinphysiker inzwischen für die Medizin geworden sind, dafür gibt Anna Bakenecker ein gutes Beispiel. Anna Bakenecker ist Vorsitzende des Fachverbandes Strahlen- und Medizinphysik in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Die Physikerin mit dem Studienschwerpunkt Medizinphysik forscht derzeit in Lübeck an der Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte und Zellbasierte Medizintechnik (IMTE). Ihr Thema ist die magnetische Manipulation. Das Grundprinzip ist auch für den Laien leicht verständlich. „Magnetische Felder ermöglichen es“, erklärt Anna Bakenecker, „kleinste Objekte berührungsfrei und hoch präzise im Raum zu bewegen.“ Die Anwendungen dieses Phänomens in der Medizin sind vielfältig. Mit der bisher in der Krebstherapie eingesetzten konventionellen Chemotherapie überschwemmen die Onkologen den ganzen Körper mit Zytostatika in der Hoffnung, damit auch noch die letzte Krebszelle abtöten zu können. Dass dieser Art Chemotherapie allerdings ebenso zahlreiche gesunde Zellen zum Opfer fallen, wird bisher als unvermeidlicher Kollateralschaden in Kauf genommen.

Nur wenige direkte Patientenkontakte

Dagegen eröffnen etwa magnetisch steuerbare Miniroboter, sogenannte Mikroschwimmer, die Gelegenheit, das Therapeutikum zielgenau direkt zum Tumor zu bringen und es erst dort auszuschütten. Das impliziert zwei riesige Vorteile. „Der Arzt könnte die Medikamentendosis unmittelbar am Tumor signifikant erhöhen. Gleichzeitig aber bliebe die allgemeine Belastung für den Patienten viel geringer als bisher“, beschreibt die Medizinphysikerin Bakenecker den Mehrwert dieser derzeit noch im Forschungsstadium befindlichen Therapiemöglichkeit. Strahlungsfreie magnetpartikelbildgebende Verfahren wären ein weiterer Meilenstein auf dem Weg hin zu weniger belastenden Behandlungsformen. Immerhin könnte eine derartige Optimierung in der Bildgebung irgendwann eine OP-Simulation vor dem eigentlichen chirurgischen Eingriff möglich machen.

Synchrotron zur Protonentherapie (Foto: Wikimedia/Jonathunder)

„Das würde nicht nur die Dauer von Operationen verkürzen, sondern auch die Fehlerquote unter einer OP noch weiter verringern helfen und so die körperlichen Ressourcen des Patienten schonen“, weist Anna Bakenecker auf zwei wichtige Aspekte. Von der Forschung zurück in die Niederungen des Berufsalltags. Der ist gekennzeichnet durch einen intensiven Anwendungsbezug. Das betrifft die therapeutischen und diagnostischen Tätigkeiten ebenso wie es für die Wahrnehmung der Aufgaben als Strahlenschutzbeauftragter gilt. Medizinphysiker arbeiten an der Schnittstelle von Mensch und Technik. Im unmittelbaren Patientenbezug stehen sie gleichwohl eher selten. „Ich kenne den Patienten in den meisten Fällen nur aus seiner Patientenakte“, beschreibt es Miriam Kattinger. „In direkten Kontakt mit ihm komme ich lediglich bei der Ersteinstellung, das heißt bei der ersten Bestrahlungseinheit. Die weiteren Bestrahlungen führen in aller Regel die Medizinisch-Technischen Radiologieassistentinnen fort.“ Miriam Kattinger arbeitet als Medizinphysikexpertin (MPE) am Marienhospital in Stuttgart.

Gesuchte Fachleute

Die MPE verfügen über etwas, was sonst nur in wenigen anderen Berufen zu finden ist. In bestimmten Arbeitsbereichen schreibt der Gesetzgeber ihre Beschäftigung zwingend vor. Überall dort, wo ionisierende Strahlung am Menschen eingesetzt wird, verlangt das Strahlenschutzgesetz die Beschäftigung von Medizinphysikexperten. Eine Arbeitsplatzgarantie ist das natürlich (noch) nicht. Doch immerhin sorgt es dafür, dass aktuell die Nachfrage besonders in der Radiologie, wo die Beschäftigung von MPE gesetzlich erst 2018 vorgeschrieben wurde, größer ist als das Angebot entsprechend qualifizierter Bewerber. Wie Miriam Kattinger findet die Mehrzahl der Medizinphysiker und Medizinphysikerinnen ihren beruflichen Ansatz in der Strahlentherapie. Aber auch in der Nuklearmedizin und in der Radiologie sind sie inzwischen gesuchte Fachleute, obschon die Zahl beschäftigter MPEs in diesen Fachbereichen deutlich geringer ausfällt.

Benedikt Thomann im Bestrahlungsraum des Uniklinikums Freiburg (Foto: Uniklinik Freiburg)

Als Einstellungsvoraussetzung müssen Medizinphysiker in allen drei Arbeitsfeldern über einen Master in Medizinphysik, Physik (Siehe hierzu: „Physiker – Die Zukunftsspezialisten“; https://www.berufsreport.com/physiker-die-zukunftsspezialisten/), Medizintechnik, Biomedizintechnik oder in einer fachlich gleichwertigen Studienrichtung verfügen. Darüber hinaus werden ihnen vor der Anerkennung als Medizinphysikexperten, ohne die sie weder in der Strahlenmedizin noch in der Radiologie oder Nuklearmedizin eigenverantwortlich tätig werden können, einschlägige Fach- und Sachkundekenntnisse abverlangt. Einige Hochschulen wie etwa die Universitäten in Tübingen und Dresden haben die Sachkunde bereits in das Studiencurriculum integriert. Die Meinungen hierüber gehen insbesondere wegen der hierbei reduzierten Sachkundezeit in der Community jedoch auseinander. Die große Mehrheit der neu ausgebildeten Medizinphysiker absolviert die Sachkunde im Anschluss ans Studium berufsbegleitend in einer Klinik. Nach Vorlage des entsprechenden Nachweises darüber und auch über die erfolgreiche Teilnahme am Grund- und Spezialkurs Medizinphysik erteilt die jeweils zuständige Länderbehörde die Genehmigung, als Medizinphysikexperte (MPE) arbeiten zu dürfen.

„Das ist der klassische Weg und wird es voraussichtlich auch in Zukunft bleiben.”, schätzt Benedikt Thomann vom Arbeitskreis Junge Medizinphysik der DGMP. Je nach Inhalten des vorherigen Studiums beläuft sich der zeitliche Aufwand für die berufsbegleitende Weiterbildung auf zweieinhalb bis maximal drei Jahre. Die Fachkunde im Strahlenschutz ist alle fünf Jahre zu aktualisieren. Wer eine Beschäftigung im Ausland anstrebt, sollte frühzeitig die Fachanerkennung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Physik anstreben. Denn der in Deutschland ausreichende Fachkundenachweis wird nur in den wenigsten Ländern der EU als Qualifikation für den Berufszugang anerkannt. Für die Fachanerkennung der DGMP, weist Miriam Kattinger als Mitglied der Fachanerkennungskommission auf die Voraussetzungen hin, sind neben einem Masterabschluss in Medizinphysik oder einer gleichwertigen Fachrichtung und der Fachkunde in einem Spezialgebiet der Nachweis einer dreijährigen Berufspraxis als Medizinphysiker erforderlich.

Diagnosen in Therapien umsetzen

Tilo Wiezorek bei der Dosisverteilungsmessung mit Delta 4 an einem Linearbeschleuniger von Siemens (Foto: Universitätsklinikum Jena)

An dieser Stelle ist eine Ergänzung hinzuzufügen. Vor Beginn der Weiterbildung zum MPE müssen die Medizinphysiker eine wichtige Entscheidung treffen. Wo wollen sie anschließend arbeiten? In der Strahlentherapie, der Radiologie oder der Nuklearmedizin? Schließlich wird die Fachkunde stets fachgebietsspezifisch für eines dieser Felder vermittelt. Zwar kann sie auch für mehrere Fachgebiete erworben werden, doch ist der Zeitaufwand dann entsprechend höher und wird diese Mehrfachqualifikation von klinischen Arbeitgebern so gut wie nie nachgefragt. Das ist bei Roland Wolff, der über die Gesamtfachkunde verfügt, anders. Der Bremer MPE arbeitet nebenberuflich als vom Deutschen Gutachter und Sachverständigenverband (DGuSV) zertifizierter Sachverständiger für Strahlenschutz, Medizin- und Strahlenphysik. Auch wenn die Mehrfachqualifikation für Gutachter kein unbedingtes Muss ist, erweist sie sich hier mit Blick auf die Akquise von Aufträgen doch als großer Vorteil.

Dort, wo die Mehrzahl der Medizinphysiker tätig ist, in der Strahlentherapie, arbeiten sie überwiegend therapeutisch. „Unsere Aufgaben liegen ausschließlich in der Therapie“, beschreibt der habilitierte Ingenieur für Medizintechnik und leitende Physiker an der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie des Universitätsklinikums Jena, Tilo Wiezorek, die Arbeitssituation in seiner Abteilung. Für jährlich 2.300 Patienten erstellen er und seine Mitarbeiter Behandlungspläne und organisieren deren Umsetzung, überwachen die technisch-physikalische Korrektheit der Therapie und passen sie in enger Abstimmung mit dem zuständigen Radioonkologen gegebenenfalls neu an. Was Medizinphysiker dafür brauchen, frage ich. „Beste Fachkenntnisse, Empathie und eine professionelle Distanz“, lautet Wiezoreks präzise Antwort. Dabei teilen die MPEs in Jena wie in anderen Kliniken das Schicksal ihrer ärztlichen Kollegen und müssen es aushalten, dass Heilung trotz höchsten persönlichen Einsatzes nicht in jedem Fall gelingt.

Partner des Arztes

Haupteingang des Universitätsklinikums Jena – Hier arbeitet der Medizinphysikexperte Tilo Wiezorek (Foto: Wikimedia/Anna Schroll)

„Bei etwa zehn Prozent unserer Patienten handelt es sich um hoch palliative Menschen“, formuliert der Jenaer Medizinphysikexperte Tilo Wiezorek diese Herausforderung. „Da ist es bereits ein Erfolg, wenn es uns gelingt, den Tumor unter Kontrolle zu halten.“ Im Gegensatz zur Strahlentherapie werden die MPEs in der Nuklearmedizin auch und in der Radiologie nahezu vollständig mit Aufgaben für die ärztliche Diagnostik, also mit Aufgaben zur Abklärung eines Krankheitsverdachts, betraut. Zeit, endlich zu schauen, wie die tägliche Arbeit eines Medizinphysikers aussieht. In jedem Fachgebiet anders. Freilich gibt es wiederum ein die drei Fachgebiete verbindendes Element. Wie bei allen Physikern dominiert auch in der Arbeit der medizinphysikalischen Spezialisten das Messen, Modellieren und Berechnen. Die Hauptaufgab der MPEs in der Strahlentherapie ist eine doppelte. Da sind zum einen die Qualitätssicherungsmaßnahmen am Linearbeschleuniger (Linac).  Die andere Aufgabe ist die Erstellung eines individuellen Bestrahlungsplanes. Die Eckpunkte dafür legt der behandelnde Arzt anhand des von den Medizinischen Technologen Radiologie erstellten computertomographischen 3D-Bilddatensatzes, eines CT, fest.

Das tun sie in enger Absprache und nach den Vorgaben des behandelnden Arztes. Oberstes Ziel dabei ist es, die umliegenden gesunden Organe so gut als irgend möglich vor unerwünschter Strahlung zu schützen. „Da keine Fehler zu machen“, ergänzt Miriam Kattinger; „verlangt höchste Konzentration.“ Die Energiedosis, mit der der Tumor bestrahlt werden soll, legt der Arzt fest. Sie wird in der Maßeinheit Gray gemessen. „Diese Dosis wird in den meisten Fällen auf mehrere Bestrahlungseinheiten und mehrere Tage bzw. Wochen fraktioniert. Das gibt dem gesunden Gewebe Zeit, sich zwischen den Fraktionen zu erholen“, beschreibt der Freiburger Medizinphysikexperte Benedikt Thomann das Vorgehen in der Strahlentherapie. Die Geschwindigkeit des Ansprechens einer Strahlentherapie hängt dabei stark von der Histologie des Tumortyps ab. „Mithilfe regelmäßiger CT-Bildkontrollen können anatomische Veränderungen des Tumors und dessen Umgebung bereits während der Therapie erkannt werden“, beschreibt er seine Tätigkeit. „Gegebenenfalls wird die Bestrahlung dann in Form einer sogenannten adaptiven Therapie an die neue Geometrie angepasst.“

Beruf mit großem Zukunftspotential

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, mit dem sich MPEs in der Strahlentherapie herumschlagen. Die Einrichtung des Linearbeschleunigers geht bisher von immer der gleichen Bestrahlungsposition des Patienten aus. „Doch die unterliegt natürlichen Einflüssen und Veränderungen“, formuliert Tilo Wiezorek das Problem. So können etwa bei der Bestrahlung eines Prostatakarzinoms bereits geringe Veränderungen der Füllstände von Blase und Rektum die zuvor errechnete zielgenaue Strahlendosis verunmöglichen. Deshalb wird in die Bestrahlungsplanung ein sogenannter Sicherheitssaum einberechnet. „Eine bildgestützte Strahlentherapie“, wie sie an den meisten Kliniken schon eingesetzt wird, „ermöglicht dagegen eine aktuelle Positionierungskontrolle und -korrektur des Patienten und damit eine hohe Zielgenauigkeit.“

MPE Daniel Schmidt arbeitet am Uniklinikum Regensburg in der Nuklearmedizin (Foto: privat)

Was sich daraus für den Beruf des Medizinexperten ableiten lässt? Die Notwendigkeit einer großen Affinität zur Arbeit am Rechner sowie der Motivation zu absoluter Genauigkeit. Das gilt selbstverständlich auch für eine Tätigkeit in der Nuklearmedizin. Zwar bleiben auch hier Diagnose und Festlegung der Therapie dem Arzt vorbehalten. Die Aufgabe der Medizinphysiker ist es, durch Qualitätssicherungsmaßnahmen an den Gammakameras, Positronenemissionstomographen und anderen Geräten für hochwertige Bilder zu sorgen. Die dem Arzt eine möglichst punktgenaue Dosisabschätzung ermöglichen. Was sie von ihren Kollegen in der Strahlentherapie unterscheidet? „Ich arbeite zwar ebenfalls strahlentherapeutisch, verwende dazu allerdings offene radioaktive Stoffe“, gewährt der promovierte Medizinphysikexperte Daniel Schmidt von der Universitätsklinik Regensburg einen Einblick in seine tägliche Arbeit.

In der hat er immer wieder neue Modellberechnungen zu erstellen. Bei der Radionuklidtherapie gibt er dem Arzt eine Dosisempfehlung für die intravenöse Verabreichung, alternativ als Kapsel, des radioaktiven Medikaments (Radiopharmakon). Die radioaktiven Stoffe, deren Halbwertszeit in der Regel nur wenige Tage umfasst, reichern sich im Tumor an und zerstören diesen durch die von ihnen abgegebene Strahlung von innen heraus. Anwendung finden diese Verfahren vor allem in der Therapie von Schilddrüsen- und Prostatatumoren, bei neuroendokrinen und Lebertumoren sowie bei der Schmerztherapie von Knochenmetastasen. Medizinphysiker werden freilich auch außerhalb der Onkologie tätig. Etwa in der Radiosynoviothese, wo er dem Arzt zur Behandlung entzündlicher Gelenkerkrankungen ebenfalls eine Dosierempfehlung gibt und anschließend die Therapiedosis durch genaue Aktivitätsmessungen überprüft.

Weiterentwicklung durch Digitalisierung

An der Bedienkonsole eines MRT-Gerätes werden die unterschiedlichen Aufnahmen geplant und ausgeführt, hier bei der Untersuchung eines Kniegelenks (Foto: Wikimedia/Ptrump16)

Neben Aufgaben in der Therapie sind die Medizinphysikexperten in der Nuklearmedizin, wie bereits erwähnt, zu gleichen Teilen und oft mehr mit Aufgaben in der Bilderstellung betraut, bei denen radioaktive Stoffe eingesetzt werden. „Das gilt insbesondere in der Szintigraphie und der Positronen-Emissions-Tomographie“, nennt Daniel Schmidt zwei wichtige Anwendungsfelder. Beide Verfahren werden zur Aufspürung und Lokalisierung von Krebsherden, der Lokalisation von Entzündungsherden, Messungen der Herzvitalität, des Knochenstoffwechsels, der Nierenfunktion und Lungenuntersuchungen sowie der Diagnostik einer Demenz- oder Parkinsonerkrankung sowie zur Hirntodbestimmung eingesetzt. Medizinphysiker sind in erster Linie Physiker. Das gilt für die Strahlentherapie und die Radiologie, aber genauso die Nuklearmedizin, in der darüber hinaus freilich chemische Grundkenntnisse für Qualitätskontrollen in der Radiochemie und Radiopharmazie sowie Wissen aus der Biochemie zum Verständnis von Stoffwechselvorgängen zu einer wichtigen Zusatzqualifikation avancieren. Die medizinischen Kenntnisse müssen jedoch in allen drei Fachbereichen nicht über ein nachvollziehend verstehendes Niveau hinausgehen.

Die Bereitschaft zu interdisziplinärem Arbeiten und medizin-technischen Fragestellungen aber sollte ausgeprägt sein. In der Arbeit von MPEs in der Radiologie, die nahezu ausschließlich diagnostisch ausgerichtet ist, geht es vorrangig um Fragen der Bildgebung. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, für die medizinisch erforderliche Bildqualität bei einer möglichst geringen Strahlendosis an Patienten und Personal zu sorgen. Das gilt für die klassische Projektionsradiographie und die Mammographie ebenso wie für die dosisintensiven Verfahren der Computertomographie oder die Röntgendurchleuchtung, aber auch die ohne Röntgenstrahlen auskommenden Sonographie- und Magnetresonanzverfahren. Was die Arbeit von MPEs nicht nur in der Radiologie besonders macht, ist die hier überaus umfangreiche informationstechnische Infrastruktur, die die auch in den anderen beiden Fachbereichen zu beobachtende Digitalisierung erkennbar übertrifft. So sind sie meist auch für die Betreuung des digitalen Bildarchivs, die radiologischen Informationssysteme, das Dosismanagementsystem aber auch für andere Postprocessing-Software und manchmal sogar für die Serverbetreuung zuständig.

Medizinphysik ist Teamarbeit

Noch etwas ist zu betonen. Medizinphysiker sollten über eine überdurchschnittliche Kommunikationsfähigkeit, ein gesundes Selbst- und ein hohes Verantwortungsbewusstsein sowie die Fähigkeit zur Eigenmotivation verfügen. Denn nicht nur arbeiten sie intensiv mit Fachleuten ganz unterschiedlicher Fachdisziplinen zusammen. Die einen davon, die Ärzte, haben studiert und verfügen über einen Hochschulabschluss, die anderen, die Medizinischen Technologen für Radiologie (bisherige Berufsbezeichnung: Medizinisch-Technischen Radiologieassistenten), sind praxisorientiert an einer Berufsfachschule ausgebildet. Darüber hinaus arbeiten Medizinphysiker stets im Team. Die sind manchmal, wie bei Benedikt Thomann am Uniklinikum in Freiburg, über 20 Kollegen groß. Bei kleineren Krankenhäusern bestehen die Teams aber auch schon mal nur aus zwei bis drei MPEs. Und wer sein Geld als freiberuflicher Medizinphysikexperte mit der Betreuung mehrerer niedergelassener Praxen betreut oder als Gutachter tätig wird, ist gar nicht selten Einzelkämpfer.

Der Bremer Medizinphysiker Roland Wolff (Foto: privat)

So wie der Bremer MPE und Sachverständige Roland Wolff. Als solcher ist er Experte für den sicheren Umgang mit Strahlung in Medizin, Technik und Umwelt. Er berät Praxen und Kliniken unter anderem beim Umgang mit offenen und umschlossenen radioaktiven Stoffen, bei der Dosisoptimierung in der Radiologie, bei der Abschätzung und Bewertungen von Strahlenbelastungen ionisierender Strahlung in der Strahlentherapie, bei der Planung von Arbeitsabläufen, berät und unterstützt bei der Umsetzung einschlägiger Gesetze, Richtlinien und Vorschriften. „Der interdisziplinäre Charakter der Medizinphysik“, beschreibt Roland Wolff seine Begeisterung, „hat mich von Anbeginn gereizt.“ Wolff studierte zunächst Physik an der Technischen Universität Dortmund und anschließend Medizinphysik an der Freien Universität Berlin und der Charité. Was den Medizinphysiker vom Physiker unterscheidet? „Während viele Physiker in der Grundlagenforschung tätig werden, muss der Medizinphysiker schnell ein Gefühl für die praktische Umsetzung der Physik entwickeln“, formuliert Wolff.

Die Faszination des Berufes

Gleich, ob in der Radiologie, der Nuklearmedizin oder der Strahlentherapie tätig, nehmen ausnahmslos fast alle MPE hier die Funktion als Strahlenschutzbeauftragte wahr. Ganz ohne Verständnis zu juristischen Fragestellungen geht das nicht. Das heißt als erstes, Verantwortung für die Qualitätssicherheit zu übernehmen. Dazu gehört die Messung und Überwachung der Strahlung, vor allem der Streustrahlung, die sowohl den Patienten wie die Mitarbeiter gefährden. Es geht um den baulichen Strahlenschutz der Bestrahlungsräume, die Optimierung der Arbeitsprozesse, die Erstellung von Arbeitsanweisungen und die Unterweisung der in der Therapie tätigen Mitarbeiter. Es geht um den Einkauf, die Lagerung als auch die Entsorgung strahlender Materialien und Anlagen bis hin zur Kontrolle der gesetzlich festgelegten Grenzwerte bei der Abwasserentsorgung aus der Abklinganlage in die öffentliche Kanalisation. Und natürlich ist die Expertise von Medizinphysikern auch bei der Beschaffung neuer Großgeräte gefragt. Medizinphysiker finden Beschäftigungsmöglichkeiten freilich auch in Nischen wie der Audiologie, wo ihre Kompetenz insbesonder für die Diagnose und Therapie von Hörschäden gefragt ist, als auch in der Medizinischen Optik. Für Beides ist die Qualifikation zum MPE nicht erforderlich.

Patientin für die Schilddrüsen-Szintigraphie unter einer Gammakamera (Foto: Wikimedia/Bionerd)

Worauf sich Medizinphysiker im klinischen Berufsalltag einstellen müssen? Auf die ökonomisch diktierten Zwänge des Gesundheitswesens. Das heißt zwar nicht Fließbandarbeit, aber doch streng durchgetaktete Arbeitstage. Viele Tätigkeiten folgen Vorgaben, die MPEs selbst in Handlungsanleitungen fixiert haben. Die Zeit, die für den einzelnen Patienten bleibt, ist stets eng kalkuliert. Größer sind die Ermessensspielräume in der Forschung und der Industrie. Viele Medizinphysiker verstehen sich als hoch qualifizierte Fachspezialisten, für die Karriere weniger ein hierarchischer Aufstieg etwa zum leitenden Medizinphysiker ist als die Weiterentwicklung ihrer fachlichen Fähigkeiten bedeutet. „Die Berufung in eine Normkommission oder in einen Arbeitskreis, in dem die Guidelines der Fachgesellschaften festgelegt werden, stellt eine solche fachliche Auszeichnung dar“, nennt Tilo Wiezorek dafür ein Beispiel. Die sich einkommensmäßig freilich in keiner Weise niederschlägt. Umso wichtiger wird die Faszination für Fach und Beruf.

 

 

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 30.09.2021)

Berufstätige Medizinphysiker: nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für medizinische Physik ca. 2.400.
Altersstruktur berufstätiger Medizinphysiker: keine Daten vorhanden.
Arbeitslose Medizinphysiker: keine Daten vorhanden.
Einkommen: Berufsanfänger ca. 54.000 Euro brutto.
Studienmöglichkeiten: https://www.dgmp.de/de-DE/177/studiengaenge/
Weiterführende Informationen:
Einführung in den Beruf: https://www.academics.de/ratgeber/medizinphysik-berufsaussichten
Studium: https://www.jmp.dgmp.de/de-DE/737/studium-der-medizinphysik/
Erwerb der Fachkunde: https://www.dgmp.de/de-DE/1308/neue-fachkunde-richtlinie-mpe-veroeffentlicht/
Weitere Kontakt- und Informationsmöglichkeiten: https://www.jmp.dgmp.de

 

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