Medizin in Zeiten der Digitalisierung – Kommt der digitale Arzt?

Von Hans-Martin Barthold | 15. Oktober 2021

 

Hinweis: Die Digitalisierung verändert viele Arbeitsfelder, auch die im Gesundheitswesen und vor allem die des Arztes. Das jedenfalls ist das Fazit eines Reports, den die Performance Marketing Agentur Peak Ace in Zusammenarbeit mit der Online-Arztpraxis Zava erstellt hat. Die wichtigsten Ergebnisse des Reports „Medical Education“ werden wir in der folgenden Zusammenfassung vorstellen.

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Die Ausgangsbasis klingt wenig ermutigend. 2018, also noch vor dem Beginn der Corona-Pandemie, hatten nach Angaben des Reports nicht weniger als 83 Prozent der Deutschen den Eindruck, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen noch immer nicht angekommen sei. Zahlen, ob sich diese Quote drei Jahre später und nach dem dritten Corona bedingten Lock down signifikant verringert hat, liegen leider nicht vor. Immerhin aber gaben 41 Prozent der Ärzte in der Primärversorgung an, seit Corona in großem Umfang mit digitalen Ansätzen zu arbeiten. Die reduzieren sich bei den meisten freilich auf die Nutzung der elektronischen Gesundheitskarte und einen digitalen Dienstplan. Das ist ein eher bescheidenes Ergebnis.

Von Seiten der Patienten, lautet ein weiteres Ergebnis des Reports, sei die Nachfrage nach digitalisierter medizinischer Versorgung durchaus da. Knapp zwei von drei Patienten geben an, sich vorstellen zu können, mit ihrem Arzt (auch) digital zu kommunizieren, darunter jeder zweite via Videochat. 70 Prozent der Deutschen recherchieren online zu Krankheitsbildern. Jeder zweite Patient googelt im Anschluss an den Arztbesuch noch zusätzliche Informationen im Internet. Von den Millennials wählen bereits 44 Prozent ihren Arzt nach Inaugenscheinnahme dessen Webseite. Zwei Drittel der Deutschen können sich schließlich den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Medizin vorstellen.

Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes macht digitale Kommunikation möglich

Zum besseren Verständnis der weiteren Aussagen des Reports „Medical Education“ sind zwei Anmerkungen vonnöten. Der Report „Medical Education“ bezieht sich vorrangig auf die in der Primärversorgung tätigen Ärzte, vor allem also die Allgemeinmediziner und Hausärzte (siehe hierzu: „Hausarzt – Gesundmacher, Wegweiser, Begleiter, Manager, Unternehmer“: https://www.berufsreport.com/hausarzt-gesundmacher-wegweiser-begleiter-manager-unternehmer/), indessen weniger auf die im klinischen Bereich arbeitenden Fachärzte (siehe hierzu: „Arzt – Heilen im Spannungsfeld von Moral und Gewinn“: https://www.berufsreport.com/arzt-heilen-im-spannungsfeld-von-moral-und-gewinn/). Zwar abhängig von der jeweiligen Fachdisziplin ist dort die Digitalisierung in Diagnostik und Therapie schließlich schon viel weiter vorangeschritten (vergleiche den Beitrag über die Medizinphysik) als bei den niedergelassenen (Haus)Ärzten. Die zweite Anmerkung ist eine inhaltliche. Digitalisierung wird im Report vor allem auf organisatorische Aspekte reduziert.

Die Erklärung hierfür ist in der Herkunft der Autoren zu finden. Zava ist eine Online-Arztpraxis mit Hauptsitz in London. Zava bietet telemedizinische Leistungen in über 35 Indikationen aus den Behandlungsfeldern Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Männer- und Frauengesundheit sowie Reisemedizin an. Voraussetzung für derartige onlinebasierte „Fern“behandlungen war eine Änderung der Berufsordnung durch die Bundesärztekammer aus dem Jahr 2018, in der diese das bis dahin bestehende Fernbehandlungsverbot aufhob und seitdem telemedizinische Beratungen auch ohne vorherigen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt erlaubt. Inzwischen haben 13 Bundesländer ihre Berufsordnungen entsprechend geändert und aktualisiert.

Digitalisierung entlastet Ärzte von Bürokratie

Die drei wichtigsten Digitalisierungsansätze, als solche nennt der Report die Digitale Patientenakte, Health Apps und Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), beziehen sich deshalb erwartungsgemäß auf die Optimierung der Arzt-Patienten-Kommunikation. Die digitale Transformation hier soll die Versorgung der Patienten vereinfachen und effektiver gestalten. „Durch digitale Prozesse können Abläufe im Krankenhaus und Praxen automatisiert werden. … Die Digitalisierung könnte bürokratische Aufwände minimieren und mehr Zeit für das Wesentliche freischaufeln“, lässt sich eine Studierende der Humanmedizin an der Universität Mainz zitieren.

Ohne Zweifel ist die Schlussfolgerung der Autoren richtig, dass die Digitalisierung solcher Arbeitsprozesse die Möglichkeit bietet, Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten und gleichzeitig mehr Patienten behandeln zu können, an der einen oder anderen Stelle auch die Behandlungsqualität verbessern zu können. Ob das allerdings am Ende den Ärzten tatsächlich größere Zeitfenster für die patientenorientierte Zuwendung verschafft, bleibt abzuwarten. Unter Umständen müssen die durch eine entsprechende Digitalisierung frei werdenden Ressourcen stattdessen für die durch die zunehmende Unterfinanzierung des Gesundheitswesens entstehenden Einnahmeverluste und Kostensteigerungen aufgewandt werden.

Manuelle Prozesse auf das unbedingt Notwendige reduziert

Die aus der Digitalisierung erwachsenden Vorteile erkennen die Autoren des Reports vor allem in den vier folgenden Bereichen:

  • Die Versorgung und Behandlung von Patienten lässt sich mit Hilfe digitaler Technologien nicht lediglich effizienter, sondern auch zuverlässiger gestalten.
  • Die Konsultation des Arztes ist für den Patienten standortunabhängig möglich.
  • Digitale Entscheidungshilfen sowie Technologien zur Datenauswertung unterstützen Fachkräfte bei Diagnosen nachhaltig.
  • Entlastung der Fachkräfte und Zeiteinsparung bei bis dato analogen Vorgängen. Mehr Zeit für die Patientenversorgung und –fürsorge.

Der Report nennt ein Beispiel dafür, wo aufwändige manuelle analoge Prozesse entfallen könnten, wenn Geräte im Stande sind, direkt miteinander zu kommunizieren. Smart Devices, heißt es, könnten den Sauerstoffwechsel an Beatmungsgeräten automatisch steuern. Das Beatmungsgerät meldet dem Lager, dass der Sauerstoff bald ausgehen wird. Aus dem Lager wird für die nächste Lieferung eine Sauerstoffflasche für dieses Beatmungsgerät bereitgestellt. Durch einen Roboter, dessen Aufgabe es ist, Lieferungen aus dem Lager in die entsprechenden Räume zu bringen, wird die Flasche zum Gerät gebracht. Das Einzige, was nun nur noch vom Krankenhauspersonal analog übernommen werden muss, ist das Wechseln der Flasche.

Digitalisierung ersetzt niemals den Arzt

Der Report „Medical Education“ sieht eine große digitale Kompetenzlücke bei Ärzten. Als Kronzeuge dafür wird der Mediziner Sven Meister von der Universität Witten/Herdecke zitiert. „Fehlende digitale Kompetenz wird vorerst dazu führen, dass Digitalisierung freiwillig nicht stattfindet. Andererseits ist jeder Mediziner spätestens bei Übernahme oder Aufbau einer Praxis gezwungen, sich mit Fragen der Telematikinfrastruktur … auseinanderzusetzen. Spästestens wenn Patienten vermehrt Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGa) oder die Einstellung von Daten in die elektronische Patientenakte (ePA) einfordern, tangiert fehlende Kompetenz die Kontinuität der Versorgung.“

Als Fazit ihrer Analyse halten die Autoren des Reports fest: Eine ganzheitliche Überzeugung in Bezug auf Digitalisierung in der Medizin ist in der Branche flächendeckend noch nicht angekommen. Im Hintergrund schwingt die angstbesetzte Frage mit, ob der Erwerb digitaler Fähigkeiten die physische Präsenz des Arztes ersetzen kann. Stephanie Hebestreit, Lehrbeauftragte und Leiterin des Projektes Digitale Kompetenzen in der Medizin (DiKoMed) der medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen verneint das. „Der reine digitale Arzt“, ist sie überzeugt, „ist kein Zukunftsszenario.“ Telemedizin benötige immer noch genauso viel Zeit, als würde der Mensch in der Praxis stehen.

Integration in ärztliche Aus- und Weiterbildung noch am Anfang

Mehr noch als die ungenügenden digitalen Kompetenzen der praktizierenden Ärzte erschreckt die Aussage des Medizinstudenten Marcel Moor von der Universität Mainz. „Im Medizinstudium“, berichtet er, „wird wenig bis gar nicht auf digitale Aspekte der Medizin eingegangen.“ Tatsächlich gehen trotz der aktuellen fakultären Reformprozesse weder der 2015 beschlossene Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog (NKLM) noch der Masterplan Medizinstudium von 2020 näher auf die Aspekte der digitalen Transformation ein. An dieser Stelle stützt sich der Report auf eine Untersuchung der Charité Berlin, die konstatiert, dass Digital Health an den medizinischen Fakultäten noch immer nicht ausreichend vertreten sei.

An der Universität Mainz wurde 2017 das kompetenzorientierte Blended-Learning-Curriculum „Medizin im digitalen Zeitalter“ als curriculares Reformprojekt im Rahmen des Förderprogramms „Curriculum4.0“ des Stifterverbandes implementiert. Konkret handelt es sich um sechs Lernmodule, die jeweils aus einer 2-stündigen E-Learning-Einheit und einer 4-stündigen Präsenzunterrichtseinheit bestehen. Die Themen der Module sind:

  • Digitale Arzt-Patienten-Kommunikation
  • Smart Devices und medizinische Apps
  • Telemedizin
  • Virtual Reality, Augmented Reality und Computer-assistierte Chirurgie
  • Individualisierte Medizin und Big Data
  • Künstliche Intelligenz

Datensicherheit noch ungelöst

Zwar gibt es inzwischen zahlreiche Weiterbildungsangebote, doch sind gegenwärtig nur wenige auf die Belange bereits berufstätiger Mediziner ausgerichtet. Verschiedene Institutionen, allen voran der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (https://digitalversorgt.de/), haben es sich zur Aufgabe gemacht, durch einschlägige Seminarangebote Wissenslücken um Bereich eHealth zu schließen. Bleibt zum Schluss freilich eine Frage, auf die der Report „Medical Education“ leider nicht eingeht. Wie in anderen Wirtschaftssektoren auch, aber im Bereich des Gesundheitswesen ganz besonders, ist die Frage nach der Sicherheit der Daten wie auch ihrer ständigen Verfügbarkeit ein heikles Problem. Wie verwundbar Krankenhäuser oder deren Web-Dienstleister sind, haben die Hackerangriffe von Cyberkriminellen der jüngsten Zeit eindrucksvoll gezeigt, ebenso wie die Abhängigkeit der Ärzte von ihren digitalen „Werkzeugen“.

 


Weiterführende Informationen

Report „Medical Education“: https://www.zavamed.com/de/digitalisierung-in-der-medizinischen-ausbildung.html
Digitale Kompetenzen für Medizinstudierende – qualitative Evaluation des Curriculum 4.0 “Medizin im digitalen Zeitalter”: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7672383/pdf/JME-37-60.pdf
Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (Weiterbildungsangebote): https://digitalversorgt.info/events/

 

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