Mathematiker – Intellektuelle Hochleister

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2020

Fahren ein Ingenieur, ein Physiker und ein Mathematiker mit dem Zug durch die schottischen Highlands. Plötzlich sehen sie ein einsames schwarzes Schaf. „Interessant“, ruft der Ingenieur, „in Schottland sind die Schafe schwarz.“ Der Physiker widerspricht: „Aber Herr Kollege, sie können doch nur behaupten, dass es in Schottland wenigstens ein schwarzes Schaf gibt.“ Nachdem er noch einmal genau hingeschaut hat, meldet sich auch der Mathematiker nachdenklich zu Wort. „Kollegen, selbst das ist nicht bewiesen. Aus dem, was wir gesehen haben, können wir höchstens schließen, dass es in Schottland mindestens ein Schaf gibt, das auf wenigstens einer Seite schwarz ist.“ Dieses kleine Bonmot zeigt nicht nur, wie geistreich der Humor von und über Mathematiker ist. Es lässt auch einen tiefen Einblick in das berufliche Selbstverständnis ihrer Community zu: Es gilt nur, was zweifelsfrei bewiesen werden kann oder als bewiesen gilt.

Martin Schmidt an seinem Arbeitsplatz im Aktuariat der VGH Versicherungen (Foto: Insa C. Hagemann/VGH)

Diese zielgerichtete Genauigkeit ist es, die Mathematiker an ihrem Fach fasziniert. „In der Mathematik ist der gewählte Lösungsweg entweder richtig oder falsch“, formuliert es Martin Schmidt etwas vereinfacht. Schmidt arbeitet im Aktuariat der VGH Versicherungen in Hannover, dort also, wo vor allem die Beiträge für die verschiedenen Versicherungsangebote berechnet werden. „In der Mathematik geht es darum, etwas zu beweisen oder zu widerlegen“, ergänzt er noch. Mit anderen Worten, ein bisschen Richtig oder ein bisschen Falsch gibt es für Mathematiker nicht. „Die Bewertung einer Mathe-Klausur“, erinnert sich Schmidt, „ist deshalb aus sich heraus viel objektiver als die einer Deutsch-Klausur.“ Denn dort sei die Note in viel höherem Maße von der subjektiven Sichtweise des Lehrers abhängig. Gleichwohl macht das die Arbeit eines Mathematikers nicht unbedingt leichter. „Bei der Suche nach dem Beweis findet man sich schließlich oft genug erst einmal auf dem Holzweg wieder und muss dann von vorne anfangen“, formuliert Martin Schmidt die Erfahrungen von Mathematikern.

Anwendung statt Theorie

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich zwei einfache, aber allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz sehr hartnäckige Missverständnisse. Das Erste: Mathematik gilt als abstrakte Wissenschaft. Weshalb viele sie für eine brotlose Kunst halten, mit der man kaum mehr anfangen kann, als Lehrer zu werden. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings kennen nur wenige Menschen Mathematiker, die in Wirtschafts- oder Industrieunternehmen tätig sind. Geschweige denn, dass sie eine Vorstellung davon haben, was ein Mathematiker dort tut. Sabine Hein ist so eine. Die promovierte Mathematikerin arbeitet derzeit beim schweizerischen Schienenfahrzeughersteller Stadler in dessen Chemnitzer Tochtergesellschaft. Als Leiterin der Abteilung Berechnung und Fahrzeugdynamik trägt sie große Verantwortung. Etwa für die Berechnung zur Dimensionierung von Bauteilen oder für die konstruktive Festigkeit von Wagenkästen und Radaufhängungen (Drehgestellen) bei unterschiedlichen Krafteinwirkungen, den sogenannten Lastfällen.

Sabine Hein leitet in Chemnitz beim Schweizer Schienenspezialisten Stadler die Abteilung Berechnung und Fahrdynamik (Foto: privat)

„Unsere Aufgabe als Mathematiker ist hierbei die Erstellung der dafür notwendigen Berechnungsmodelle mit Hilfe der Finiten Elemente (FE)“, erklärt Sabine Hein. „Die eigentliche Berechnung erledigt anschließend der Rechenserver, dessen numerische Algorithmen jedoch auch nicht vom Himmel fallen, sondern das Ergebnis der Arbeit anderer Mathematiker sind. Das Deuten der Ergebnisse jedoch liegt wieder in meiner Verantwortung.“ Und an dieser Stelle wird es dann ganz schnell sehr praktisch. Gibt das Ergebnis der Berechnung nämlich etwa Hinweise auf eine zu geringe Stabilität des Wagenkastens, Ingenieure sprechen von der Verwindungssteifigkeit, muss mit den Konstruktionsingenieuren geklärt werden, wie das Problem gelöst werden soll. Mit einer Materialaufdickung, mit dem Einsatz alternativer Materialien oder anderen konstruktiven Eingriffen. Da erinnert dann kaum mehr etwas an abstrakte Wissenschaft. Es geht um die Wirklichkeit der Alltagswelt. „In der Schulmathematik rechnet man Ableitungen, Integrale und Gleichungen mit allenfalls zwei Unbekannten“ beschreibt Sabine Hein den Sachverhalt. „Bei unseren Modellen haben wir es allerdings nicht bloß mit zwei, sondern mit 100.000 oder noch viel mehr Unbekannten zu tun.“

Mathematik ist viel mehr als Rechnen

Womit das zweite Missverständnis in den Blick kommt, das da heißt, Mathematik bedeute das stumpfsinnige Abarbeiten von Rechenvorschriften, immer wieder und endlos bis zur Rente. Dass es ganz anders ist, erklärt Volker Bach. Bach lehrt an der Technischen Universität Braunschweig Mathematik. „Was meine Studenten zu allererst lernen (müssen), besteht in der Erkenntnis: Mathematik ist keine Sammlung von Lösungsmöglichkeiten, die unendlich viele Male reproduziert werden können“, weist er auf den Unterschied zwischen dem Rechnen und der Mathematik hin. „Mathematik ist vielmehr die Fähigkeit, Sachverhalte aus dem normalen Leben mathematisch beschreiben, im Fachjargon: modellieren, zu können.“ Was nichts Anderes bedeutet, als ein reales Problem in die Summe seiner kleinsten Problemeinheiten, oder in der Fachsprache formuliert: in die Summe seiner kleinsten Teilstrecken, zu zerlegen und ihre Verknüpfungen zu beschreiben. In diesem Sinn ist Mathematik die Organisation von Komplexität.

Volker Bach lehrt an der Technischen Universität Braunschweig Mathematik (Foto: privat)

„Steht in der Schulmathematik das schlichte Rechenergebnis im Mittelpunkt“, führt Bach noch einmal zum Kern der Unterscheidung zurück, „geht es in der Hochschulmathematik wie im späteren Beruf eines Mathematikers um die Frage: Warum kommt dieses Ergebnis zustande? Und: Gibt es kein anderes (genaueres, zuverlässigeres) Ergebnis?“ So lernen Mathematiker also, durch eine saubere Analyse, durch zulässige Vereinfachungen, durch die Trennung des Wichtigen von Nebensächlichem, durch intuitives Verstehen, gedanklich Ordnung in unübersichtliche und komplexe Sachverhalte zu bringen. „Dafür wird ihnen viel Kreativität abverlangt“, betont der Mathematikprofessor Bach. Mathematiker wollen also etwas so gut verstehen, dass sie nicht weiter nach einem Warum fragen müssen. „Das Baumaterial der Mathematik“, bringt es sein Kollege Burkhard Kümmerer von der Technischen Universität Darmstadt in einem Interview mit Spektrum Campus auf den Punkt, „sind deshalb Argumente.“ So verwundert es nicht, dass Mathematiker auch in Führungsfunktionen und in Arbeitsfeldern gesucht sind, wo die Mathematik im engen Sinn keine Bedeutung hat, wie etwa in der Unternehmensberatung.

Komplexe Sachverhalte ordnen

Vor diesem Hintergrund haben Mathematiker aber vor allem in Technologieunternehmen wie in den Unternehmen der Finanzwirtschaft, insbesondere in Banken und Versicherungen, nicht nur ihrer hohen Frustrationsgrenze und Verlässlichkeit wegen ein gutes Standing. Daneben schätzen die Betriebe in ganz besonderem Maße ihre Fähigkeit, in klaren Begriffen denken und in eindeutigen Formulierungen kommunizieren zu können. Die Mathematikerin Maren Konradt wurde nicht allein, aber wohl auch deswegen schon nach der Hälfte ihres Trainee-Programms auf eine Stelle im Kapitalanlage-Controlling der VGH Versicherungen übernommen. Seit 2016 schreibt die Europäische Union den Versicherern ein Mindestmaß an Solvabilität vor. Das ist die Ausstattung eines Versicherungsunternehmens mit Eigenkapital. Die wird von den Aufsichtsbehörden, in Deutschland ist das die BaFin, genauestens kontrolliert. Die für Projektionsrechnungen und Stressszenarien benötigten Marktwerte und Risiken der Aktivseite, also der Kapitalanlagen, für die nächsten Jahre zu berechnen, ist ein hoch aufwändiger Prozess, und eine der wichtigsten Aufgaben von Maren Konradt.

Die Mathematikerin Maren Konradt arbeitet im Anlagen-Controlling der VGH Versicherungen (Foto: Insa C. Hagemann/VGH)

Entsprechend den Vorgaben der BaFin stellt die Solvenzquote die anrechenbaren Eigenmittel eines Versicherungsunternehmens den Solvenzkapitalanforderungen (SCR) gegenüber. „Die SCR“, erklärt Maren Konradt eine Anforderung ihres derzeitigen Jobs, „gibt Auskunft darüber, ob der Kapitalpuffer ausreichend groß genug ist, damit eine Versicherungsgesellschaft ihre Verpflichtungen gegenüber den Kunden auch dann erfüllen kann, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dramatisch verschlechtern sollten.“ Was beim ersten Zuhören als eher unkomplizierter Rechenvorgang erscheinen mag, entpuppt sich beim genauen Hinschauen als äußerst komplexer und dynamischer Sachverhalt. Nicht nur muss Maren Konradt bei ihren Berechnungen den aktuellen Sachstand erfassen. Vielmehr wird von ihr erwartet, das zukünftige Szenario auf einer Zeitleiste beschreiben zu können. Das gilt besonders dann, wenn Veränderungen am Risikoprofil geplant sind. Dann müssen sie und ihre Kollegen im Zusammenspiel mit den Verbindlichkeiten beurteilen, ob die Kapitalanforderungen auch in Zukunft erfüllt werden können.

Hohe persönliche Verantwortung

Eine Versicherung muss schließlich auf den Tag genau zahlungsfähig sein und kann die Kunden nicht auf irgendein fernes Datum vertrösten. Dafür gilt es, um nur die wichtigsten Aspekte zu nennen, folgende Sachverhalte zielführend zu klären. Wie groß ist der Versicherungsbestand heute und am Tag X? Wie ertragreich oder schadensträchtig sind die angebotenen Versicherungsprodukte? Wie entwickelt sich die Werthaltigkeit der verschiedenen für die Versicherungswirtschaft zulässigen Kapitalanlageformen und welche sollte man kaufen? Wie sind die Prognosen für bestimmte Wirtschaftszweige und Länder? Wie hoch werden die Pensionsverpflichtungen sein und welche Pensionsrückstellung wird das erforderlich machen? Diese keineswegs vollständige Aufzählung macht deutlich, im Kapitalanlagen-Controlling gilt es, Verfahren zu entwickeln, die die präzise Bewertung sowohl kurz- als auch langfristiger Risiken ermöglicht.

Skizze eines Risikoprozesses in der Schadensversicherung – Übersteigt wegen vieler Schäden die Höhe der Gesamtforderungen die Höhe der zurückgestellten Kapitalreserve der Versicherung, tritt der Worst Case ein. Es kommt zum Ruin. (Foto: Wikimedia/Trabeschaur)

„Meine Kollegen und ich müssen für die unternehmenseigene Risikobeurteilung Szenarien durchrechnen“, weist Konradt auf den zentralen Punkt. „Und wir müssen begründen, weshalb die berechneten Szenarien die Risiken für das Unternehmen gut abbilden.“ Nicht bei jedem Arbeitsauftrag beginnt Maren Konradt auf der „grünen Wiese“ bei null. In vielem kann sie auf bereits bewährte Berechnungsmodelle zurückgreifen und muss nur den Daten-Impact und gegebenenfalls auch die Gewichtung der einzelnen Assets aktualisieren. Freilich ist die Verantwortung auch dann hoch. Schließlich liefern Maren Konradt und ihre Kollegen aus dem Kapitalanlagen-Controlling die Zahlen direkt an den Vorstand. „Und deshalb müssen sie stimmen. Immerhin sind sie Grundlage für weitreichende geschäftspolitische Entscheidungen“, weiß die Absolventin der Universität Hannover. Im Aktuariat ist die Verantwortung der Mathematiker kein Deut geringer. Im Gegenteil. Mathematiker wie Martin Schmidt arbeiten in der Herzkammer von Versicherungsunternehmen.

Verstehen statt nur wiedergeben

Mitglieder der Deutschen Aktuarvereinigung haben in einer auf das Mathematikstudium aufsetzenden, dreijährigen berufsbegleitenden Zusatzausbildung gelernt, das rechtliche, wirtschaftliche und unternehmensinterne Umfeld in ihre Arbeit einzubeziehen. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, die Prämien zu berechnen, zu denen die Versicherer ihre Versicherungsprodukte anbieten. Darüber hinaus haben sie die Höhe der jeweiligen Rückstellungen festzulegen. „Während man Modellannahmen im Kompositgeschäft, das sind Schadens- und Unfallversicherungen, durch Kündigungen zum Laufzeitende wieder korrigieren kann “, erklärt Schmidt die besonderen Anforderungen seines Jobs, „haben Lebensversicherungen eine Laufzeit von oft dreißig Jahren und mehr und können vor Vertragsende nur vom Versicherungsnehmer verändert oder gekündigt werden.“ Die Komplexität der dafür notwendigen Modelle ist für Nichtmathematiker nur schwer vorstellbar. „Der vom Unternehmen bestellte verantwortliche Aktuar“, weist Schmidt auf eine weitere Besonderheit, „haftet im Übrigen in unbegrenzter Höhe mit seinem Privatvermögen dafür, dass keine bekannten Informationen vorsätzlich unberücksichtigt blieben und die verwendeten mathematischen Methoden beziehungsweise Modelle dem Produkt angemessen sind.“

Peter Benner leitet die Forschungsgruppe „Mathematik in Industrie und Technik“ an der Technischen Universität Chemnitz und ist gleichzeitig Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg (Foto: Stefan Deutsch)

Die Verantwortung für Sabine Hein ist nicht weniger groß. Denn erstens ist auch im technischen Bereich vieles durch staatliche Normen und Verordnungen geregelt. Darüber hinaus können Rückrufe und Gewährleistungen wegen Berechnungsfehlern ein Unternehmen wirtschaftlich schwer schädigen. Was die Technomathematikerin Sabine Hein mit den Finanzmathematikern der VGH Versicherungen verbindet, ist freilich noch etwas anderes. Ihr Doktorvater, Professor Peter Benner, benennt es in einem kurzen Satz. „Mathematiker“, sagt er, „sollten Freude am Bohren dicker Bretter haben.“ Im Studium komme es deswegen vor allem darauf an, verstehen zu wollen, was ist. „Es reicht nicht, sich die Dinge aus einem Lehrbuch anzulesen, auswendig zu lernen und aufs Komma genau wiedergeben zu können“, ergänzt er. „Mathematiker müssen selbst anwenden und entwickeln (wollen). Die Voraussetzung dafür ist das Verstehen.“ Benner sollte es wissen. Immerhin leitetet er die Forschungsgruppe „Mathematik in Industrie und Technik“ an der Technischen Universität Chemnitz und ist Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg.

Sich nicht mit halben Antworten zufrieden geben

Sabine Hein gibt dafür ein Beispiel. „Schienenfahrzeuge“, erklärt sie, „sind Mehrkörpersysteme.“ Mehrkörpersysteme (MKS) bestehen aus starren oder elastischen Körpern, die über Gelenke, Federn, Dämpfer oder sonstige Kontaktbedingungen miteinander verbunden sind. Die Schienenfahrzeuge, mit denen es die Mathematikerin Hein zu tun hat, müssen bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllen. Sie dürfen nicht in Schwingungen geraten und sich nicht aufschaukeln und natürlich nicht entgleisen (Stabilität). Sie müssen aber auch bestimmten Komfortansprüchen genügen, sollen also nicht wackeln und vibrieren. So besteht die Aufgabe von Sabine Hein in der Optimierung der Fahrzeugdynamik. Zur Berechnung des dynamischen Zusammenspiels der einzelnen Komponenten oder in der Fachsprache: des dynamischen Verhaltens des Gesamtfahrzeugs erstellt sie ein Simulationsmodell. Dies beinhaltet alle Körper mit ihren Massen, Schwerpunkten, Massenträgheitsmomenten und Positionen im Raum mit den Verbindungen und Kraftangriffspunkten.

Darstellung der Wärmeverteilung in einem Pumpengehäuse mit Hilfe der Wärmeleitungsgleichung. Die „finiten Elemente“ sind mit den Elementkanten als schwarze Linien zu sehen. (Foto: Wikimedia)

Die Berechnung selbst, also schlussendlich das Lösen riesig großer Gleichungssysteme, erfolgt wie auch bei den Strukturberechnungen mit der Finite-Elemente-Methode (FEM) erneut auf einem Rechenserver. Worüber Sabine Hein vornehm schweigt, formuliert Peter Benner selbstbewusst aber nicht abwertend. „Im Vergleich mit Ingenieuren ist die Herangehensweise von Mathematikern stringenter.“ Soll heißen geradliniger, tiefergehender und präziser. „Mathematiker wollen es immer ganz genau wissen“, drückt es Benner aus. „Ingenieure müssen sich mit Blick auf Zeit und Kosten umfeldbedingt auch schon mal mit einer praktikablen, aber nicht unbedingt optimalen Lösung zufrieden geben.“ Einen weiteren Vorteil der Mathematiker sieht Benner in ihren abstrakten disziplinübergreifenden Kompetenzen und der daraus resultierenden Fähigkeit zur Kombination höchst unterschiedlicher Parameter. Deshalb überrascht es nicht: Wo Hochtechnologie ist, ist auch Mathematik und sind auch Mathematiker. Mit Big Data, der künstlichen Intelligenz und dem Problem der Cyber-Sicherheit wachsen ihnen gerade neue attraktive Arbeitsfelder zu.

Aufnahmefähiger Arbeitsmarkt

Mathematik ist also eine der zentralen Schlüsselwissenschaften, gewissermaßen die Blutgruppe 0 aller Studienfächer, und Mathematiker sind die Fachleute dafür. Das zeichnet ihre beruflichen Zukunftschancen in den optimistischsten Farbtönen. Der Präsident der Freien Universität Berlin, Professor Günter Ziegler, zugleich Präsidiumsmitglied und Medienbeauftragter der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, ließ sich letztes Jahr in einem Interview mit dem Deutschlandfunk mit folgender Aussage zitieren: „Das führt dazu, dass wir vor vielen Jahren schon gesagt haben, die arbeitslosen Mathematiker in Deutschland passen in einen Bus. Und ich habe den Eindruck, dass inzwischen … ein VW-Bus reicht.“ Was lernen wir daraus? Dass Mathematiker auch das können. Einfach mal einen Spruch raushauen. Das Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt (ISA) weist für das Jahr 2018 immerhin knapp 2.000 arbeitslose Mathematiker aus. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent, ganz ohne Zweifel ein guter Wert. Doch der VW-Bus hat bekanntermaßen nicht mehr als 9 Plätze. Auch als Lobbyist sollte man sich der eigenen Glaubwürdigkeit wegen um Genauigkeit bemühen, als Mathematiker ganz besonders.

Mengenlehre kann so einfach sein (Foto: Wikimedia)

Mehr noch als die aktuellen Werte ergibt sich aus der Altersstruktur der berufstätigen Mathematiker eine günstige Prognose. Vierzig Prozent sind älter als 50. Gleichwohl weiß kaum einer besser als Mathematiker, wie schwer die Extrapolation von Daten in die Zukunft ist. Was sollte jemand noch wissen, der sich nach der Lektüre dieses Berichtes angesprochen fühlt und über ein Mathematikstudium nachdenkt? Dass es ohne eine echte Passion für das Fach und ein solides Zahlenverständnis natürlich nicht geht, denn Mathematik ist Hochleistungssport fürs Gehirn. Dass es deswegen Selbstdisziplin und Stehvermögen braucht. Mathematik versteht man bekanntlich nicht auf Anhieb oder nie, sondern eher mit jedem Mal ein bisschen besser. Das alles bedeutet viel Anstrengung. „Man braucht deshalb Lust auf Mathematik, um diese Anstrengung genießen zu können“, weiß der Mathematikprofessor Burkhard Kümmerer aus eigenem Erleben. Tatsächlich ist der Workload für Mathematikstudenten hoch. Zur Überraschung von gar nicht wenigen. Die Zahl derer jedenfalls, die genau daran scheitern, ist groß.

Präzision ist oberste Voraussetzung

Noch etwas? Ja doch. Ohne Kommunikation wäre auch die Mathematik ein stumpfes Schwert. Freilich geht es nicht nur um freundliche Plauderei. Die Wahl der Begrifflichkeit wie die Präzision der Formulierung hat so genau wie irgend möglich zu sein. Formulierungen wie „meistens“, „in der Regel“ oder „unter der Voraussetzung, dass …“ deuten verlässlich auf einen Mathematiker. Oft müssen Mathematiker sich auch bei der Stellensuche deutlicher erklären als andere, denn viele Stellen sind nicht ausschließlich für Mathematiker ausgeschrieben. Und selbstverständlich muss man Teamplayer sein. Häufig arbeiten Mathematiker projektbezogen in fachlich bunt zusammen gewürfelten Arbeitsgruppen. Wichtig auch, dass man mit Kritik produktiv umgehen kann und sich nicht in die Schmollecke zurückzieht. Dass man keine Angst hat, Fragen zu stellen, was heute nicht selten als Schwäche ausgelegt wird. Denn schließlich beginnt damit jede Lösungssuche. Auch Programmierkenntnisse gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ein Letztes. „Mathematiker brauchen Erfahrungen mit Niederlagen“, ist es Volker Bach wichtig zu betonen. Das gelte besonders für die Hochbegabten, denen vieles sonst gleich im ersten Anlauf gelinge. Und von denen traditionell viele eine akademische Laufbahn an den Universitäten und Fachhochschulen anstreben (siehe dazu auch: „Karriere in der Wissenschaft – Der steinige Weg zur Professur“;   https://www.berufsreport.com/karriere-in-der-wissenschaft-der-steinige-weg-zur-professur/).

Diagramm eines Paraboloids, seiner Pegelsätze und zweier Linienbeschränkungen (Foto: Wikimedia/Andrebis)

Dass Mathematiker im Beruf nur einen Ausschnitt der Studieninhalte anwenden können, unterscheidet sie nicht von anderen Hochschulabsolventen. Bei Martin Schmidt sind das vor allem die Stochastik, bei Maren Konradt mehrheitlich die Finanz- und Versicherungsmathematik, bei Sabine Hein in zahlreichen Fällen die Numerik und Finite-Elemente-Methode (FEM). Im Studium aber mussten alle Drei die gesamte Bandbreite der Mathematik bewältigen: Analysis, Lineare Algebra, Numerik, Stochastik (Wahrscheinlichkeitstheorie, Mathematische Statistik) und computerorientierte Mathematik. Durch die Wahl des Nebenfachs im Masterstudium, ohne dessen Abschluss die Beschäftigungschancen kaum über null liegen, können die Studierenden dann erste berufsorientierte Schwerpunkte setzen. Neben Universitäten bieten das Studium auch verschiedene Fachhochschulen an. Der Unterschied besteht in deren größerer Anwendungsorientierung. Die reklamieren auch die Universitäten für die Bindestrichstudiengänge Wirtschafts-, Techno- und Biomathematik. Professor Peter Benner sieht diese Angebote gleichwohl skeptisch. „Denn“, so seine Beobachtung, „damit bleibt oft zu wenig Zeit, im Studium das Profil als Mathematiker ausreichend zu vertiefen.“

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.07.2020)

Berufstätige Mathematiker ohne Lehrer (Quelle: ISA/Universität Duisburg-Essen): 72.000
Altersstruktur berufstätiger Mathematiker ohne Lehrer (Quelle: ISA/Universität Duisburg-Essen):

  • jünger als 30:   13%
  • 30 – 40:   26%
  • 40 – 50:   21%
  • älter als 50:   40%

Arbeitslose Mathematiker ohne Lehrer (Quelle: ISA/Universität Duisburg-Essen): ca. 2.000 (Arbeitslosenquote: 2,1%)
Studierende im ersten Fachsemester Mathematik ohne Lehramt Wintersemester 2018/2019 (Quelle: Statistisches Bundesamt): 16.534 (Frauenanteil: 51%)
Absolventen Mathematik ohne Lehramt Prüfungsjahr 2018 (Quelle: Statistisches Bundesamt):

  • Bachelor:   2.179 (Frauenanteil: 38%)
  • Master:   1.576 (Frauenanteil: 30%)

Einkommen: Die Einkommen variieren sehr stark nach Branche, Standort und Unternehmensgröße. Im Durchschnitt liegen die Gehälter von Berufsanfängern zwischen 3.000 bis 4.000 Euro brutto/Monat. Für weitere Details siehe: https://www.academics.de/ratgeber/mathematiker-gehalt
Studienmöglichkeiten: https://www.hochschulkompass.de/studium/studiengangsuche/erweiterte-studiengangsuche/search/1/studtyp/3/fach/Mathematik.html?tx_szhrksearch_pi1%5Bohnelehramt%5D=1&tx_szhrksearch_pi1%5Bresults_at_a_time%5D=100
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