Lehrer an Berufsbildenden Schulen – Bildungsdienstleister, Erzieher, Sozialarbeiter

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2019

Lehrer an berufsbildenden Schulen brauchen viele Kompetenzen. Eine, von denen nur selten gesprochen wird, ist die, sich in den Strukturen eines Großbetriebes behaupten zu können. Immerhin zählen die meisten berufsbildenden Schulen deutlich mehr als 1.000 Schüler. Denen nicht selten ein Kollegium von 150 bis 200 Lehrern und mehr gegenübersteht. Nach der amtlichen Unternehmensklassifikation gehören sie damit nicht mehr zum Mittelstand, sondern zu den ganz Großen. Wer also das Lehrersein mit der familiären Situation einer heimeligen zweizügigen Grundschule verbunden sieht, sollte das Lehramt an berufsbildenden Schulen besser aus der Liste seiner Berufswünsche streichen. Auch wenn die prognostizierten Arbeitsmarktchancen dafür kaum günstiger sein könnten. Denn fast die Hälfte der rund 125.000 Lehrer an berufsbildenden Schulen wird sich innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand verabschieden. Dem stehen viel zu wenige Lehramtsabsolventen gegenüber. Von denen gar nicht wenige die lukrativeren Angebote aus der Wirtschaft dem Lehrerdasein an der Schule vorziehen. Die konservativ rechnenden Kultusminister sehen für die nächsten zehn Jahre eine Lücke von 9.000, gewerkschaftsnahe Kreise von über 26.000 fehlenden Nachwuchskräften voraus.

Modernes Berufsschulzentrum Riesstraße in München (Foto: Wikimedia/Rufus46)

Umgekehrt aber bieten die knapp 3.500 berufsbildenden Schulen hierzulande vieles, was andere Schulen nicht besitzen, und weshalb trotz mancher Widrigkeiten kaum ein Lehrer an eine allgemeinbildende Schule wechseln möchte. Da ist zuerst die Kombination eines allgemeinbildenden mit einem beruflichen Unterrichtsfach, etwa Deutsch mit Ernährungswissenschaften, Mathematik mit Metalltechnik oder Religion mit Gesundheit und Pflege. Die Kombinationsmöglichkeiten sind vielfältig, differieren jedoch von Bundesland zu Bundesland. Wichtiger aber noch, sie sorgen für eine enge Verbindung zur gesellschaftlichen Entwicklung ebenso wie sie den Lehrern einen permanent hohen Weiterbildungsaufwand abverlangen. Schließlich hat berufliches Wissen keinen Ewigkeitswert, sondern veraltet schnell. Sich dieser Mühe ohne Murren zu unterziehen, gelingt freilich nur den Lehrern, deren fachliche Interessen sich mit den zu vermittelnden Unterrichtsinhalten decken. Darin sind sich alle meine Gesprächspartner mit zusammen vielen Jahren Berufserfahrung unabgesprochen einig.

Immer auf der Höhe der Zeit

Tatsächlich untergräbt die Autorität eines Lehrers an berufsbildenden Schulen nichts mehr als der Schülereinwand: „Das machen wir aber im Ausbildungsbetrieb schon ganz anders.” Es gibt freilich auch die umgekehrte Situation, wo die Lehrer der berufsbildenden Schulen vorangehen (müssen). Benjamin Pyritz, der an der Friedrich-List-Schule in Hildesheim Deutsch und Wirtschaft unterrichtet, nennt dafür als ein aktuelles Beispiel die dramatischen Veränderungen im Einzelhandel durch die steigende Bedeutung von E-Commerce. Hier haben die Ausbildungsbetriebe genauso wenige Erfahrungen wie die berufsbildenden Schulen. Die didaktische Umsetzung neuer Lerninhalte ist aber nicht nur reizvoll, weiß Benjamin Pyritz, sondern fordert einen hohen persönlichen Einsatz. „In solchen Situationen ist man ganz nah am Puls der Zeit.“ Und auch im Fach Deutsch stehen die anwendungsbezogenen Inhalte, die Kaufleute täglich brauchen, im Vordergrund. „Zum fünften, aber immer noch nicht letzten Mal Goethes Faust durchnehmen zu müssen“, sagt Pyritz lachend, „bleibt mir erspart.“.

Karin Arend (Foto: privat)

Auf einen anderen Aspekt weist Karin Arend. Sie unterrichtet Mathematik und Elektrotechnik an der Max-Eyth-Schule in Kassel. Zwar müssten die Lehrer an berufsbildenden Schulen noch viel mehr Gelegenheit erhalten, näher an den Betrieben sein zu können, wünscht sie sich. Dennoch sei das Unterrichten an berufsbildenden Schulen wegen seiner Anwendungsorientierung sehr lebensnah. „Warum ein Elektroniker nicht ohne Physik auskommt“, erzählt sie, „muss ich nicht lange erklären. Das erschließt sich weitgehend von selbst.“ An berufsbildenden Schulen zu unterrichten heißt also vor allem zu veranschaulichen und anzuwenden. Aber es gibt noch zahlreiche andere Dinge, die das Unterrichten an berufsbildenden Schulen spannend machen. So beherbergen sie unter ihrem Dach ganz unterschiedliche Schulformen. Am bekanntesten natürlich die traditionellen Berufsschulen, die ihren Unterricht in Teilzeit oder als Blockunterricht organisieren. Sie weisen auf ein grundlegendes Prinzip beruflicher (Aus)Bildung hierzulande hin, das ein duales ist und die zwei Lernorte Ausbildungsbetrieb und berufsbildende Schule miteinander vernetzt.

Dienstleister für die Arbeitswelt

Diese Verbindung mit den Unternehmen findet sich so oder so auch in den anderen Schulformen, die von Bundesland zu Bundesland freilich ganz unterschiedlich benannt werden. Das beginnt bei den Berufseinstiegsklassen (BEK), in einigen Bundesländern auch Berufsvorbereitungsjahr genannt, geht über das Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) beziehungsweise die Berufsfachschulen zum Übergang in Ausbildung (BÜA), die Fachober- und Berufsoberschulen beziehungsweise Berufskollegs sowie die Beruflichen Gymnasien bis hin zu den Fachschulen und Fachakademien. Neben schulvorbereitenden und weiterbildenden Bildungsangeboten stehen solche, in denen ein regulärer Berufsabschluss erworben wird. Es ist denn auch diese Vielfalt des beruflichen Schulwesens, die viele hier arbeitende Lehrer berufslebenslang fasziniert. Für den beruflich zuvor bereits recht erfolgreichen Maschinenbauingenieur Eugen Straubinger wurde es sogar zum Argument, seinen Job als Entwicklungsingenieur aufzugeben und als Lehrer an eine berufsbildende Schule zu wechseln. Heutet leitet er nicht nur das Gewerbliche Schulzentrum in Balingen, sondern steht auch dem Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB) vor.

Aber was bedeutet diese Vielfalt an unterschiedlichen Schulformen für die hier arbeitenden Lehrer? Bewirkt sie Lust, Last oder gelegentlich sogar Frust? Darauf hat jeder einzelne Berufspädagoge seine ganz eigene Antwort. Klar ist jedoch, die sich daraus ableitenden Anforderungen sind zahlreich. Auch wenn kein Unterrichtsplaner seine Kollegen in der ersten Stunde in einer Berufseinstiegsklasse, anschließend im Leistungskurs des beruflichen Gymnasiums, dann in der Berufsschule und zum guten Schluss in der weiterbildenden Fachschule einsetzen wird, möglich wäre es. Und nach den Großen Ferien im Wechsel der Schuljahre wird es auch durchaus praktiziert. Das gilt unter Erziehungswissenschaftlern als pädagogischer Spagat. Immerhin bedeutet es eine Schülerbandbreite vom Sechzehnjährigen ohne Schulabschluss über den ein Studium anstrebenden Fachgymnasiasten bis hin zum Erwachsenen mit langjähriger Arbeitserfahrung.

Heterogene Schülerschaft

Eva Dubronner (Foto: privat)

„In den Klassen der Ausbildungsvorbereitung tritt die Vermittlung beruflichen Wissens stark in den Hintergrund“, erklärt Eva Dubronner. Sie unterrichtet an einer Berufsschule für Pflegeberufe im Badischen (siehe hierzu: https://blv-bw.de/experten/eva-dubronner/) . „Hier geht es vor allem um Motivation und soziale Kompetenzen, darum, die Schüler zu stabilisieren und sie für eine anschließende Ausbildung zu begeistern.“ In den Berufseinstiegsklassen der Hildesheimer Friedrich-List-Schule ist die Situation ähnlich. „Sonderpädagogische Kompetenzen sind für den Unterricht in diesen Klassen kein Nachteil“, formuliert Benjamin Pyritz die Anforderungen an ihn und seine Kollegen. Auf der anderen Seite der Skala, wie zum Beispiel bei der Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker, dominiert dagegen die seminaristische Wissensvermittlung. „In diesen Fachschulen“, erklärt Eugen Straubinger, „erwerben die berufserfahrenen Teilnehmer einen Abschluss auf Level 6 des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR). Das entspricht dem Bachelor von Hochschulen.“

Was sich an diesen Beispielen auch noch zeigt? Die Schülerschaft in den berufsbildenden Schulen ist so heterogen wie nirgendwo anders. Viel vielfältiger als an Gesamtschulen und lange nicht so homogen wie an einem Gymnasium oder einer Realschule. Sowohl was Vorbildung, soziale Herkunft, Alter, Zielorientierung, Motivation wie auch das Leistungspotenzial betrifft. Lehrer an berufsbildenden Schulen müssen deshalb ebenso gut mit Schülern umgehen können, die aus ihrer Schulmüdigkeit keinen Hehl machen und nur kommen, um ihrer gesetzlichen Schulpflicht zu genügen wie mit solchen, die wissen, dass sie nur mit dem Abschluss dieser oder jener Schulform der Arbeitslosigkeit entfliehen können. Sie haben es deshalb genauso mit Schülern zu tun, die von ihnen einen hochwertigen, sogar den bestmöglichen Unterricht einfordern. Oder doch wenigstens die entsprechenden Noten. Weswegen Lehrern hier hin und wieder auch der Mut zu klaren Ansagen entsprechend dem geflügelten Wort ‚Ohne Fleiß kein Preis‘ abgefordert wird.

Schüler mit Arbeitserfahrung

Doch beschränkt sich die Heterogenität nicht allein auf die unterschiedlichen Schulformen. Sie setzt sich in den einzelnen Klassen fort. Wenn Eva Dubronner in der Altenpflegeschule unterrichtet, reicht das Altersspektrum ihrer Schüler von 17 bis 45, das Vorbildungsniveau von Hauptschulabschluss bis zur Fachhochschulreife, von ledig und nur verliebt bis zur Mutter mit drei Kindern, von mehrjähriger Berufserfahrung bis noch nie gearbeitet. „Entsprechend vielfältig sind die Erwartungen an den Lehrer und seinen Unterricht“, beschreibt Dubronner einen wichtigen Aspekt ihrer täglichen Arbeit. Immerhin erhält das Schlagwort von der Individualisierung des Unterrichts in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung. „Die immer wiederkehrende Herausforderung an uns heißt denn auch“, ergänzt Karin Arend, „wie formen wir aus dieser heterogenen Klasse eine homogene Lerngruppe.“

Als ob das alles nicht schon schwierig genug wäre, beobachten Lehrer an berufsbildenden Schulen eine starke Zunahme sozialer Verhaltensauffälligkeiten mit steigender Tendenz. Zwar ist dieses Phänomen abhängig von der jeweiligen Schulform, gleichwohl nicht nur auf die Warteschleifen der Berufsvorbereitenden Schulangebote beschränkt. Auch Karin Arend, die aktuell schwerpunktmäßig an der Fachoberschule und dem beruflichen Gymnasium unterrichtet, kennt das Problem. Wie geht sie damit um, möchte ich von ihr wissen. „Ich muss im Schüler stets den Menschen sehen“, lautet ihre Antwort. „Ich brauche ein Stück Lebenserfahrung, viel Gelassenheit, dazu die Fähigkeit, immer wieder noch einmal von vorn beginnen zu können und auch trotz Enttäuschungen bereit zu sein zu vertrauen. Von essentieller Bedeutung ist hierbei die Verbindlichkeit im Umgang miteinander sowie die Fähigkeit zu konsequentem Handeln.“ Ganz wichtig, betont sie, sei es, dem Schüler ihre Wertschätzung spüren zu lassen. Nicht abhängig vom Ergebnis, sondern von dessen persönlichen Möglichkeiten.

Empathie mit Durchsetzungsvermögen verbinden

Eva Dubronner ist deshalb überzeugt, dass Lehrer an berufsbildenden Schulen vor diesem Hintergrund neben ausgewiesenen fachlichen wie didaktischen Kompetenzen über eine ebenso gut organisiert wie überlegte und stabile Persönlichkeit verfügen müssen. „Ob wir es wollen oder nicht“, sagt sie, „besitzen wir eine Vorbildfunktion und müssen dieser gerecht werden.“ Allerdings sei das ein Lernprozess, der mit Studium und Vorbereitungsdienst (Referendariat) noch lange nicht abgeschlossen sei. Karin Arend bestätigt das. Und mit der Erfahrung einer zehnjährigen Berufstätigkeit als Ingenieurin in der Industrie weiß sie, wovon sie spricht. „Wenn ich merke, dass ich die Schüler mit meinem Unterricht nicht (mehr) erreiche, habe ich keine Scheu, sie zu fragen, was wir machen könnten, damit sie die Fachinhalte besser verstehen können.“ Ja, Lehrer an berufsbildenden Schulen benötigen Führungsqualitäten.

Was das heißt? „Ich gehe in Vorleistung“, formuliert es Karin Arend, „mache aber den Schülern gleichzeitig klar, dass mein Investment keine Einbahnstraße ist, sondern ich in angemessener Zeit eine Antwort in Form von Einsatzbereitschaft und Leistung erwarte.“ Freilich hätten viele Schulleitungen, die Kultusbürokratie sowieso, wohl gerne, dass diese Durchsetzungsfähigkeit auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis beschränkt bliebe. Und genau diese Erwartung macht es den Lehrern keineswegs immer leicht. Statt Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit zu fördern, sind die Signale von den Hierarchen gar nicht selten auf Anpassung und Duckmäusertum gestellt. So fanden wir trotz mehrerer Anfragen keinen Referendar, der mit uns über seine Erfahrungen sprechen wollte. Eine junge Frau erhielt von ihrer Rektorin sogar einen Maulkorb. Bei anderen schimmerte die Furcht, in der Zweiten Staatsexamensprüfung dafür „abgestraft“ zu werden, durch alle Ritzen. Da bleibt die Frage, wie schaffen es ängstliche Lehrer, aus Schülern selbstbewusste Fachkräfte zu formen?

Vielen Schülern gerecht werden müssen

Das Berufliche Schulzentrum Dresden hat schon viele Schülergenerationen kommen und gehen sehen (Foto: Wikimedia/Adornix)

Doch zurück zum Schulalltag der Lehrer in den berufsbildenden Schulen und dem, was ihre Arbeit besonders macht. Zwar abhängig vom Unterrichtsfach, bei einem Lernfeld mehr als bei Religion, ist die Kontaktdichte zu den Schülern trotz einer oft geringen Verweildauer in der Vollzeitschulform sehr intensiv. Acht bis zehn Unterrichtseinheiten pro Woche wie hier erreichen nicht einmal Studienräte in Leistungskursen an Gymnasien. In der Teilzeitberufsschule schaut es indessen anders aus. Hier sind die Schüler meist nur zwei Tage in der berufsbildenden Schule. An den übrigen Tagen unterrichten die Lehrer schon wieder andere Schüler. Im mancherorts praktizierten Blockunterricht liegen zwischen den Unterrichtsphasen oft viele Wochen. In beiden Fällen muss es ihnen gelingen, trotz nur kurzer oder weit auseinanderliegender punktueller Begegnungen dennoch schnell ein Vertrauensverhältnis zur störungsfreien Feedback-Kommunikation aufbauen zu können. „Das ist wichtig“, ist Benjamin Pyritz überzeugt, „weil es in den Berufsschulklassen keine Halbjahreszeugnisse mehr gibt.“

Die Herausforderung, jeden Schüler ganz persönlich abzuholen und mitzunehmen, wird umso größer, als die Klassen an berufsbildenden Schulen quer über alle Schulformen hinweg, nur selten weniger als 30 Schüler umfassen. Was ein Ergebnis einer schon langwährenden miserablen Unterrichtsversorgung ist. In Niedersachsen wird die Schulverwaltung erst tätig, wenn diese den Wert von 80 Prozent unterschreitet, wenn also jede fünfte Unterrichtsstunde infolge Lehrermangels ausfallen muss! Zwar werden an berufsbildenden Schulen nicht mehr Klassenarbeiten und Klausuren geschrieben als an den allgemeinbildenden Schulen. Mit Blick auf die Schülerzahl ist der Korrekturaufwand dennoch höher. Auf schriftliche Lernzielkontrollen, obwohl zulässig und wegen ihres Rückkoppelungseffektes dem Lernprozess durchaus dienlich, verzichten die meisten Lehrer wegen der geschilderten Verhältnisse und der damit einhergehenden Belastungen nahezu vollständig.

Seinen Arbeitstag selbst organisieren

Ein weiterer wunder Punkt ist die kollegiale Zusammenarbeit der Lehrer jenseits der üblichen Pflichtveranstaltungen wie Dienstbesprechungen und Zeugniskonferenzen. Viele Lehrer wünschten sich mehr davon. Gewiss, auch an den berufsbildenden Schulen ziehen fachlich nicht alle Lehrer am gleichen Strang, wie es Eva Dubronner diplomatisch formuliert. Doch ist dieses Defizit weniger persönlicher Unwilligkeit und Verweigerung als vielmehr strukturellen Defiziten geschuldet. „Arbeitsteams leisten Hervorragendes. Aber sie zu organisieren“, weiß Karin Arend, „braucht es Zeit.“ Zeit, die sie und ihre Kollegen offiziell nicht zur Verfügung gestellt bekommen. Da verweist der Arbeitgeber ungerührt auf die wöchentliche Arbeitszeit von 40 und einer Unterrichtsverpflichtung von lediglich 24,5 Stunden. Es bliebe also genügend Raum. Karin Arend schüttelt ob solcher Unkenntnis ihres Berufsalltags nur den Kopf. Die verbleibenden 16 Stunden seien für die Unterrichtsvor- und -nachbereitung, Coaching-Gesprächen mit Schülern, Korrekturarbeit, Konferenzen als auch die Kontaktpflege zu den Betrieben völlig unzureichend.

So droht die Einsamkeit des Berufes manchmal übermächtig zu werden, und kann sich die Freiheit, die Arbeitszeit jenseits der Unterrichtsverpflichtung völlig frei einteilen zu können, zur Last werden. Auch die fachliche Weiterbildung bleibt vielfach der persönlichen Eigeninitiative überlassen. „Bis die langsam mahlenden Mühlen des Kultusministeriums endlich die entsprechenden Fortbildungen konzipiert haben“, beobachtet Karin Arend, „ist die Entwicklung schon lange weiter gegangen.“ Was Lehrer wie Eva Dubronner, Eugen Straubinger, Karin Arend und Benjamin Pyritz dennoch nicht an ihrer Berufsentscheidung zweifeln lässt, sind die vielen kleinen Erfolgserlebnisse. „Wenn es Tage gibt, an denen Schüler Fragen stellen und ich keine Erziehungsmaßnahmen einleiten muss.“ (Dubronner) „Wenn die Qualität unserer Lernfabrik auch von den Betrieben gelobt wird.“ (Straubinger) „Wenn ich nach vielen Anläufen doch noch den Schlüssel zu den Herzen der Schüler finde.“ (Pyritz) „Wenn Schüler beginnen, die Verantwortung für ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“ (Arend)

Mit vielen Partnern kooperieren

Benjamin Pyritz (Foto: hmb)

So liegen im Beruf des Lehrers an berufsbildenden Schulen Licht und Schatten eng beieinander. Und auf lange nicht alle Einflüsse haben Lehrer einen direkten Zugriff. „An den berufsbildenden Schulen kranken wir vor allem daran“, ist Benjamin Pyritz überzeugt, „dass es für Ziel und Zweck unserer Bildungseinrichtung keinen gesellschaftlichen Konsens mehr gibt.“ Unbedingt motivationsfördernd wirkt das nicht. Deshalb bedürfen Lehrer an berufsbildenden Schulen einer großen Widerstandsfähigkeit wie auch des Willens, in unübersichtlichen Situationen einen klaren Kompass behalten zu wollen. Neben der eigenen Lebenserfahrung wirken da die oft ganz unterschiedlichen Berufswege und Erfahrungen der Kollegen und Kolleginnen wie eine Frischzellenkur, Familienerfahrung insbesondere für die Elternarbeit, sofern die Schüler noch nicht volljährig sind, inklusive. Über die Hälfte der Lehrer an berufsbildenden Schulen sind inzwischen Lehrerinnen.

Viel bemerkenswerter aber ist, dass nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) von den 125.000 Lehrkräften an berufsbildenden Schulen weniger als die Hälfte, nämlich nur 52.000, die darauf ausgerichtete einschlägige Ausbildung mit entsprechendem universitären Studium inklusive einer facheinschlägigen betrieblichen Ausbildung oder alternativ eines einjährigen Berufspraktikums und anschließendem praktischen Vorbereitungsdienst (Referendariat) besitzen. Die zunehmende Zahl der sogenannten Quereinsteiger erwirbt diese Qualifikation in der Regel berufsbegleitend. Wie beim regulären Studium und dem Referendariat regelt freilich jedes einzelne Bundesland die Details in eigener Verantwortung. Fast jede dritte Lehrkraft an berufsbildenden Schulen ist ursprünglich für eine andere Schulform ausgebildet, jeder Vierte arbeitet als Lehrer für Fachpraxis. Das sind Kollegen, die nach der Meisterprüfung und einer pädagogischen Fortbildung in den Lehrwerkstätten berufspraktische Kompetenzen vermitteln.

Immer wieder Lehrerpersönlichkeit

Was lässt sich über Karrieremöglichkeiten von Lehrern an berufsbildenden Schulen sagen? Ja, es gibt sie, wenn auch mit Blick auf einen Aufstieg in der Bildungshierarchie nur in eingeschränkter Form. Die Funktionsstellen in den örtlichen Schulen sind begrenzt, der Weg in die Kultusbürokratie erweist sich als Flaschenhals. Im Übrigen entfernt beides von den Schülern und führt weg von der Unterrichtsarbeit. Diejenigen, die Lehrer aus Berufung geworden sind, empfinden das eine wie das andere deshalb nur selten als ein Vorwärtskommen. Für sie ist die wachsende Souveränität als Pädagoge die wirkliche Karriere. In der Zukunft wird sich die Rolle der Lehrer an berufsbildenden Schulen wandeln. „Im Zeitalter der Digitalisierung werden wir uns vom Inputgeber stärker zum Coach für das selbstorganisierte Lernen entwickeln“, blickt Eva Dubronner voraus. Bleiben aber wird eines, Digitalisierung hin oder her. „Guter Unterricht“, ist sich Karin Arend sicher, „bedarf immer intensiver Empathiearbeit.“ Und die ist auch in der Zukunft analog.

 


Daten, Fakten & Links
Quelle: Konferenz der Kultusminister (KMK) und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
(Stand:15.01.2019)

Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen: 125.649 (Frauenanteil: 53 %). Davon arbeiten in:

    • Vollzeit: 85.735 (Frauenanteil: 42 %)
    • Teilzeit: 39.914 (Frauenanteil 75 %)

Darüber hinaus arbeiten weitere 28.344 Personen (Frauenanteil: 56 %) nur stundenweise.

Qualifikationsstruktur der Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen:
Lehrer für berufsbildende Schulen: 51.859
Lehrer für andere Schulformen: 35.182 (darunter für das Lehramt an Gymnasien: 32.069)
Lehrer für Fachpraxis/Techniklehrer: 30.902

Altersstruktur berufstätiger Lehrer für berufsbildende Schulen:  46 % der Lehrer an berufsbildenden Schulen sind aälter als 50 Jahre.

Arbeitslose Lehrkräfte: keine Angaben verfügbar.

Einkommen: Lehrer sind mehrheitlich Beamte des jeweiligen Bundeslandes. Sie können freilich auch als Angestellte arbeiten. Das Einkommen ist darüber hinaus abhängig von der Anzahl der Berufsjahre, dem Familienstand und der Besoldungsgruppe. Ein lediger und kinderloser Berufsanfänger erhält in der Besoldungsgruppe A13 im Bundesland Bayern ein Monatsgehalt von ca. 4.600 Euro brutto.

Studienmöglichkeiten: https://studieren.de/suche.0.html?&mode=search&lt=course&fb=80:faculty:Lehramtsstudieng%C3%A4nge

Weiterführende Informationen:
https://cp.sodis.de/dbs/lehrer-werden/lw.php?seite=bb_0
und
https://www.ulmato.de/ausbildung/berufsschullehrer/
 

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