Lebensbegleitende Berufsberatung – Drohung oder Verheißung?

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2019

Die lebenslange Begleitung von der Wiege bis zur Bahre war bisher eine Domäne der beiden großen Kirchen. Seit kurzem aber macht ihnen die Bundesagentur für Arbeit (BA) Konkurrenz. „Lebensbegleitende Berufsberatung (LBB)“ heißt das in der Öffentlichkeit bisher wenig beachtete Projekt. Es ist Teil der Strategie BA 2025, mit der die Bundesagentur ihre, wie sie sie nennt, Kunden in wichtigen Entscheidungen ihrer Erwerbsbiografie besser begleiten möchte. Begleiten, nicht etwa unterstützen! Sprache erschließt wie immer so auch hier Inhalte. Begleiter korrigieren und nehmen mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Richtung. Unterstützer orientieren sich stattdessen an den Wünschen der Hilfesuchenden. Die BA unterscheidet in die Lebensbegleitende Berufsberatung vor dem Erwerbsleben (LBBvE), die bereits zu Anfang dieses Jahres installiert wurde, und die Lebensbegleitende Berufsberatung im Erwerbsleben (LBBiE), deren Umsetzung noch auf sich warten lässt. Die Lebensbegleitende Berufsberatung verfolge einen präventiven Ansatz, heißt es aus der Bundesagentur für Arbeit. Ihr Ziel ist es, so die prosaische Formulierung, dass Menschen und Arbeit noch reibungsloser zueinanderfinden.

Dafür plant die Bundesagentur eine Intensivierung ihrer Aktivitäten in den allgemein- und berufsbildenden Schulen sowie an Universitäten und Fachhochschulen. Keiner soll künftig mehr durch die Maschen der Berufsberatung fallen (können). Das lässt sich die Arbeitsverwaltung sogar einiges kosten. Sie hat beschlossen, die Berufsberatung personell aufzurüsten. Ob die Lebensbegleitende Berufsberatung von allen „Kunden“ als Verheißung empfunden wird, bleibt indessen dahingestellt. Denn nicht nur sind die Erfahrungen vieler Berufswähler über die Qualität der Arbeit der Berufsberater sehr gemischt. Auch zahlreiche Eltern erinnern sich ihrer Kontakte mit dem selbsternannten Arbeitsmarktdienstleister Nr. 1 während Zeiten von Arbeitslosigkeit nur ungern. Immerhin blieb bei vielen haften, dass das ebenso gedanken- wie erbarmungslose Fordern mit weitem Abstand vor der sinnvollen beruflichen Förderung kam. Was den einen also als Optimierung sozialstaatlicher Instrumente gilt, ist für die anderen der Versuch, den Unternehmen ohne Rücksicht auf Verluste per Rasterfahndung und Schleppnetz auch noch die letzten arbeitsfähigen Fachkräfte vor die Werkstore stellen zu können. Wobei ein Blick auf die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung fürchten lässt, dass die Bundesanstalt für Arbeit – wieder einmal – zu spät kommen könnte.

Mündig machen statt begleiten

Dass jeder Jugendliche die Chance auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz und jeder Arbeitnehmer auf eine Beschäftigung erhalten sollte wie umgekehrt die Unternehmen alle Unterstützung verdienen, die benötigten Fachkräfte finden zu können, ist unstrittig. Ebenso, dass dieses Ziel jedwede Anstrengung rechtfertigt. Aus Sicht der „Kunden“ bleiben dennoch Fragen. Die wichtigste: Von welchen Motiven lässt sich die Bundesagentur für Arbeit bei diesem Projekt leiten und wie heißen ihre Ziele? Die Antwort könnte kaum deutlicher ausfallen. Der spürbare Mangel an Fachkräften werde ohne Gegenmaßnahmen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährden, ist da zu lesen. „Darum gilt es, alle Potenziale zu erschließen und insbesondere jungen Menschen den Weg in Ausbildung, Studium oder Beschäftigung zu eröffnen. Dabei darf kein junger Mensch verloren gehen – unabhängig von seinen Startchancen.“ (Weisung 201810016 vom 26.10.2018 – Lebensbegleitende Berufsberatung – Fachliche Umsetzung der Beratung vor dem Erwerbsleben; https://con.arbeitsagentur.de/prod/apok/ct/dam/download/documents/Weisung-201810016_ba021961.pdf). Auch dagegen soll an dieser Stelle nicht polemisiert werden. Doch bleibt festzuhalten, dass die Einmündung junger Menschen in Ausbildung, Studium oder Beschäftigung lediglich als Mittel zum Zweck der Aufrechterhaltung wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit definiert wird.

Deshalb ist die Rede auch nur von der Einmündung, nicht aber von einer individuellen passgenauen Zusammenführung. Und auch von der Freiheit und Freiwilligkeit, die Berufsberatung in Anspruch zu nehmen oder es bleiben zu lassen und die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, spricht niemand (mehr). Vom Recht auf Fehlentscheidungen und Lernprozesse schon gar nicht. Ein Blick auf die Strategie zur Umsetzung des Projektes hinterlässt denn auch Skepsis. Das Selbstverständnis der Bundesagentur für Arbeit ist das einer Behörde und ihre Problemlösungen spiegeln genau das. Als bundesweite Verwaltung, so meint sie, kenne sie die Nachfrage des Arbeitsmarktes. Die in München genau so gut wie in Flensburg. Wofür sonst unterhält man schließlich das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung? Wofür sonst erstellt man umfängliche Arbeitsmarktstatistiken? Ihre Berufsberater, ist daraus zu schließen, müssten die „Kunden“ darüber nur in der möglichen Klarheit und, wenn das nicht reichen sollte, mit etwas Nachdruck in eine Ausbildung oder Beschäftigung „hinein begleiten“. Das ist wohl die Konsequenz, wenn die Exekutive eine politische Mission übernimmt. Oder sollte es besser heißen, wenn eine Verwaltung sich mit der Umsetzung einer politischen Mission übernimmt?

 Methodenkenntnisse alleine garantieren keinen Erfolg

Die Aus- und Weiterbildung ihrer Beratungsfachkräfte stellt die BA deshalb bevorzugt auf die Vermittlung von methodischen Kompetenzen ab. Es gilt, für jede Situation das passende Handwerkszeug im Köcher zu haben, damit der Kunde nur ja nicht ausbüchsen kann. Das war keineswegs immer so. Es gab Zeiten, da galt der Berufsberatung die Entwicklung der Persönlichkeit junger Menschen als oberstes Ziel. Weshalb für alle Berater die Ressource Berufs- und Lebenserfahrung neben der sicheren Beherrschung des methodischen Handwerkszeugs zur unverzichtbaren Voraussetzung wurde. Josef Stingl, von 1968 bis 1984  Präsident der damals noch so genannten Bundesanstalt für Arbeit, machte sie sogar zur Einstellungsvoraussetzung. Der Mann, der als Vertriebener zunächst auf dem Bau arbeitete und sein Universitätsdiplom in den Politischen Wissenschaften später auf dem zweiten Bildungsweg erwarb, hatte ein sicheres Gespür für das, was Menschen bei der Suche nach dem passenden Beruf brauchen. Jedenfalls niemanden, der als Jungfrau über das Kinderkriegen fabuliert. Seitdem konnte Berufsberater nur werden, wer über eine abgeschlossene Ausbildung oder Studium in einem zivilen Beruf und zusätzlich über Berufspraxis außerhalb der Arbeitsverwaltung verfügte. Das war nicht billig. Berufsberater für Schüler aus dem Sekundarbereich I waren gehaltsmäßig immerhin dem mittleren Management, Berufsberater für den Sekundarbereich II und die ehemaligen Arbeitsberater für akademische Berufe gar Abteilungsleitern gleich gestellt. Aber Stingl hielt es fachlich für geboten.

Und wie Recht er hatte. Die Berater lernten am meisten voneinander. Der ehemalige Maschinenbauingenieur vom Kapitän, der Soziologe vom Physiker, der Diplom-Pädagoge vom Juristen, der Erzieher vom Bankkaufmann. Doch nicht nur ihre gehaltliche Eingruppierung, sondern auch ihre andersartige berufliche Sozialisation, ihre Aufgabe und die sich daraus ergebende Art deren Bewältigung machten sie zu zwar tolerierten, aber eben stets auch argwöhnisch betrachteten Fremdkörpern in der beamteten Belegschaft der Bundesagentur. Mit der Inthronisation Florian Gersters zum Vorstandsvorsitzenden der Nürnberger Behörde durch Gerhard Schröder ergab sich dann endlich die Gelegenheit, die ungeliebte Berufsberatung zu schleifen. Gerster jedenfalls, der seine eigenen Bezüge auch ohne das in der Privatwirtschaft sonst umfangreich eingepreiste Risiko einer eventuellen Insolvenz auf dortiges Niveau hoch verhandelte, griff zum Vorschlaghammer. Anders als von den Gründervätern der sozialen Marktwirtschaft vorgesehen und der Qualität des Dienstleistungsangebots der Bundesagentur für Arbeit zuträglich, assistierte ihm der Personalrat mit Genugtuung. Jedenfalls rührte er für die Berufsberater keinen Finger, erinnern sich Betroffene. Im Handstreich wurden die Gehälter der Berater für den Sekundarbereich II um nicht weniger als zwei ganze Gehaltsstufen zusammengestrichen, die Zugangsvoraussetzung für eine Tätigkeit in der Berufsberatung abgesenkt, Studium und Berufserfahrung außerhalb der Bundesagentur nicht mehr gefordert. Es reichte nun ein Bachelorabschluss der bis heute in Forschung und Lehre ebenso namen- wie konturlosen Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA).

Qualitätsverlust durch Dequalifizierung

Für externe Fachkräfte verlor der Job damit jegliche Anziehungskraft. Doch dem Personalrat war es recht. Er hatte einen gut dotierten Claim für seine Klientel zurückerobert. Von nun an konnte jeder, auch der Sachbearbeiter aus der Kindergeldkasse, Berufsberater werden. Und genau so wurde es. Inzwischen sind die meisten Berufsberater agenturinterne Eigengewächse, die nie einen anderen Arbeitgeber als die Arbeitsverwaltung gesehen haben und ebenso wenig über entsprechende Berufserfahrungen außerhalb einer Behörde verfügen. Davon hat sich die Berufsberatung bis heute nicht erholt, wie viele „Kunden“reaktionen immer wieder zeigen. Das ist kein Werturteil über die einzelnen Beratungsfachkräfte. Die meisten mühen sich rechtschaffen und redlich. Nein, das Dilemma entspringt einem systemischen Fehler und die Bundesagentur für Arbeit konterkariert die Tätigkeit ihrer Berufsberater vor aller Öffentlichkeit. Ist es nämlich deren Credo, eine möglichst umfassende Deckungsgleicheit von beruflichen Anforderungen und persönlichen Qualifikationen herzustellen, ignoriert die BA genau das bei ihren Berufsberatern ohne Scham.

Das alles lässt nur einen Schluss zu. Die Bundesagentur für Arbeit versteht von Beratung so viel, besser: so wenig, wie der Elefant vom Programmieren. Das zeigt sich auch an einer weiteren Entscheidung. Bisher gab es unter Berufsberatern eine Spezialisierung auf Schulabgänger aus Haupt-, Real- und Berufsbildenden Schulen einerseits sowie auf Schulabgänger mit einem Abschluss aus dem Sekundar II-Bereich, dazu Studierende an Fachhochschulen und Universitäten andererseits. Seit der Einführung der Lebensbegleitenden Berufsberatung ist das Geschichte. Nun berät jeder Berufsberater nach einer kurzen weiterbildenden Schnellbleiche alle Schulabgänger – von einer Ausbildung zum Fassadenmonteur bis zum Studium der Sinologie, über Möglichkeiten zum nachträglichen Erwerb eines Hauptschulabschlusses ebenso wie über die Suche nach Möglichkeiten für eine Promotion. Und das alles, ohne je selbst in einem Industrieunternehmen gearbeitet oder an einer Universität studiert zu haben. Schlimmer aber, ohne jegliche Betriebskontakte. Die sind einer anderen Arbeitseinheit vorbehalten, dem sogenannten Arbeitgeberservice.

Aus der Beratung eine Begegnung machen

Wie zu hören ist, gibt es in einem Teil der Beraterschaft Unmut und Widerstand. Mit langjährig geübtem taktischen Geschick gelang es dem Vorstand der BA jedoch, die Mehrzahl der Berater durch eine unspektakuläre tarifliche Anhebung ruhig zu stellen. Die Kritik der Widerständler entzündet sich besonders an ausbleibender Weiterbildung, gehaltlicher Gleichmacherei und einer zu erwartenden Arbeitsverdichtung. Die BA hat freilich schon vorgesorgt, durch Technisierung und Normierung, konkret: durch die Implementierung eines Selbsterkundungstools (SET) und Handlungsleitfäden für die Beratungsarbeit. Tatsächlich muss deshalb die Kritik an der Lebensbegleitenden Berufsberatung tiefer ansetzen. Hinter ihr versteckt sich bei genauem Hinsehen schlichtes industrielles Denken. Und ein altmodisches mechanistisches Menschenbild! Berufsberatung wird vor diesem Hintergrund als Abhilfe und Korrektur eines Defizites verstanden. Des Defizits, nicht zu erkennen und anzuerkennen, dass die Unternehmen zur Wahrung ihrer Wettbewerbsfähigkeit Arbeitskräfte benötigen und der Wunsch nach individueller Berufszufriedenheit dahinter zurückzutreten hat.

Und dafür, so die Denke der Bundesagentur für Arbeit, brauche es einzig entsprechender Methoden als auch eines guten Managements. Es gibt in einer modernen Gesellschaft schließlich nichts, was nicht gemanagt werden könnte. Im Mittelpunkt steht, da ist die Bundesagentur unmissverständlich, zur Sicherung der deutschen Wirtschaft die Einmündung der Menschen in Arbeit. Es geht nicht um die individuelle Zufriedenheit des einzelnen Berufswählers. Dabei wäre genau dies die Voraussetzung, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nachhaltig zu stärken vermöchte. Denn nur der, der seinen Job gerne macht, macht ihn auch gut. Woraus eine wirkliche Win-win-Situation entstünde. Diese Erkenntnis hat die Bundesagentur aber ganz offensichtlich noch vor sich. Und auch die, dass sie für eine ebenso hoch qualifizierte wie motivierte Beraterschaft die Rahmenbedingungen zu schaffen hätte. Dabei könnte sie sich von den Wissenschaftlern aus dem hauseigenen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schon heute die Strukturen der Arbeit in der digitalen Welt von morgen erklären lassen.

Dann wüsste sie, dass die Betriebe mit flachen Hierarchien und einer zunehmend projektorientierten Arbeitsorganisation spätestens dann mehr denn je intrinsisch motivierter Arbeitnehmer bedürfen. Denn moderne Arbeit lässt sich immer weniger operationalisieren. Darauf sollte die BA ihre Strukturen in der Berufsberatung ausrichten, statt für die Steuerung von Beratungsarbeit an antiquierten Messverfahren mit Zielzahlen festzuhalten. Bei denen jedermann, die Kontrolleure wie die Kontrollierten, wissen, wie sie zustande kommen. Immerhin ist jede Beratung zu allererst eine Begegnung von zwei Individuen und kein Theorieseminar. Eine Begegnung, in der es zu allererst ums Erklären und Verstehen und erst danach ums Machen geht. Das gegenüber ihren Beratern zum Ausdruck zu bringen, wäre die Bundesagentur für Arbeit freilich auch aus sehr eigennützigen Motiven gut beraten. „Kunden“ zu konsumierenden Objekten zu degradieren, weckt auf deren Seiten hohe Erwartungen und züchtet gleichzeitig eine Mentalität zur Reklamation fehlerhafter Ware. Oder sollte die Bundesagentur etwa doch viel näher an der Wirklichkeit sein, als angenommen? Sollte es denen, die die Hilfen der Berufsberatung in Anspruch nehmen, im Zeitalter der Influencer und von YouTube gar nicht so sehr ums Verstehen als vielmehr ums Zustandekommen ohne eigene Anstrengungen gehen? So oder so, beides könnte für alle Akteure teuer werden, am teuersten wohl für die „Kunden“ der Lebensbegleitenden Berufsberatung.

 


Weiterführende Informationen

Weisung 201810016 vom 26.10.2018 – Lebensbegleitende Berufsberatung – Fachliche Umsetzung der Beratung vor dem Erwerbsleben: https://con.arbeitsagentur.de/prod/apok/ct/dam/download/documents/Weisung-201810016_ba021961.pdf

Lebensbegleitende Berufsberatung „einfach erklärt“: https://bm.rlp.de/fileadmin/bm/Bildung/BSO/verlinkte_Dateien/LBB_einfach_erklaert.pdf

 

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