Kunsthistoriker – Die Vergangenheit zur Identifikation fürs Heute ausleuchten

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2020

Marcus Dekiert leitet das Wallraf-Richartz-Museum in Köln (Foto: privat)

Kunsthistoriker lieben ihren Beruf, auch wenn sich viele mit befristeten und schlecht bezahlten Projektverträgen oder mit den Risiken eines Freiberuflers durchs Berufsleben schlagen müssen. Was sie an ihrer Arbeit so fasziniert, sind vor allem zwei Dinge. Als erstes genießen sie wie nur wenige den Luxus, ebenso wertvollen wie einmaligen Kunstschätzen tagtäglich ganz nahe sein zu dürfen. Den zweiten Grund formuliert Marcus Dekiert, Leiter des Wallraf-Richartz-Museums in Köln. „Wer die Kunst als sprechendes Medium, als Fenster in eine andere Zeit begreift, das einen unverstellten Blick in das Leben der Menschen jener Epochen ermöglicht, könnte nirgendwo anders so glücklich werden wie in unserem Beruf.“ Der Weg des Chefs von Kölns ältestem Museum ist für Kunsthistoriker eine klassische, aber inzwischen keine Mehrheitskarriere mehr. Dekiert begann sein Studium in Würzburg, wechselte nach der Zwischenprüfung an die Uni Bonn, wo er auch promovierte. Anschließend volontierte er zwei Jahre an der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Danach arbeitete der promovierte Kunsthistoriker für zehn Jahre als Kustos an der Münchener Pinakothek. 2013 übernahm er schließlich die Leitung des Wallraf-Richartz-Museums. Seitdem lebt er für seine Sammlungen aus dem Mittelalter, dem Barock und dem 19. Jahrhundert sowie seine umfangreichen Bestände im graphischen Kabinett. Doch ist Marcus Dekiert auch gutes Beispiel für ein weiteres Merkmal von Kunsthistorikern. Ihre Gesichter sieht die Öffentlichkeit nur selten, egal in welcher Funktion und in welchem Arbeitsverhältnis sie gerade stehen. Kunsthistoriker arbeiten in aller Regel backstage. Die Besucher viel beachteter Ausstellungen kennen wie selbstverständlich die Namen der präsentierten Künstler. Die Namen der Kustoden und der Museumspädagogen, beides in der Regel Kunsthistoriker, erinnern indessen nur die wenigsten. Kaum anders, wenn Touristen ein Baudenkmal bestaunen. Der Name des Baumeisters bleibt haften. Der Name des Denkmalpflegers, ebenfalls meist Kunsthistoriker, interessiert dagegen niemanden.

Die Arbeit mit Texten ist nicht alles, aber …

Die Studentin Franziska de Vries auf einer Exkursion zur Biennale in Venedig (Foto: privat)

Doch schmälert das alles nicht ihre Verdienste. Die freilich öffentlich viel zu wenig anerkannt werden. Tatsächlich müssen Kunsthistoriker mit seltenem Lob umgehen lernen. Denn der Mehrwert ihrer Arbeit lässt sich nur vereinzelt in statistikrelevanten Daten erfassen. Klar ist aber immerhin, Kunsthistoriker erbringen eine Leistung, die nur sie und niemand anders zu generieren vermögen. Unabhängig vom gewählten Arbeitsfeld schaffen sie kulturelle Identifikation für das gesellschaftliche Woher und Wohin von uns allen. Freilich müssen sie dafür erst einmal den eigenen Weg finden. Und der erweist sich für angehende Kunsthistoriker gar nicht selten als ein sehr dornenreicher Parcours. Die Erfahrungen der Kunstgeschichtsstudentin Franziska de Vries decken sich mit den offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. „Im ersten Semester haben wir mit zehn Studierenden begonnen“, erzählt sie, „jetzt sind wir noch zu fünft.“ De Vries steht kurz vor dem Bachelorabschluss und studiert Kunstgeschichte in einem interdisziplinären Curriculum mit den Nebenfächern Anglistik und Theaterpädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt.

Die Situation bundesweit stellt sich noch deutlich schwieriger dar. 2.800 Studienanfängern standen im letzten Jahr 1.400 Studienabsolventen gegenüber. Wobei die Statistik leider nicht zwischen Bachelor- und Masterabschlüssen differenziert. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Quote derer, die das Handtuch werfen und der Kunstgeschichte lange vor dem Erwerb eines berufsqualifizierenden Abschlusses den Rücken kehren, weit über fünfzig Prozent liegt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Kernpunkt scheint freilich im Fach selbst zu liegen. „Die Kunstgeschichte“, formuliert es der Erste Vorsitzende des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker Kilian Heck, „ist die theoretische Erforschung von Kunst, der Entstehung von Kunst und ihrer sozialen Bezüge. Kunstgeschichte ist aber auch die stetige Überprüfung dieser Ergebnisse am Original, dessen Beschreibung immer am Anfang jeder Untersuchung stehen sollte.“ Dafür seien hermeneutisches Denken, also die Interpretation von Texten und deren vorherige Lektüre, unabdingbar. „Genau damit aber tun sich viele Studierende schwer“, beobachtet Heck und weiß, wovon er redet. Schließlich lehrt er Kunstgeschichte an der Universität Greifswald und steht mit Studierenden schon seit vielen Jahren in engem Kontakt.

Nichts für verhinderte Künstler

Die Kunsthistorikerin Ruth Heftrig ist Teilhaberin der Agentur „Sichtwechsel“ in Halle/Saale (Foto: Joerg Lipskoch)

Ruth Heftrig, promovierte Kunsthistorikerin und heute Teilhaberin der Agentur „Sichtwechsel – Agentur für Kunst und Kulturgeschichte“ in Halle/Saale bestätigt die Text- und Theorielastigkeit des Studiums. An der Universität Bonn wechselte sie vom Lehramtsstudium für die Fächer Englisch und Geschichte zur Kunstgeschichte. „Im Gegensatz zur Geschichte erlebe ich die Kunstgeschichte aber eben auch als sehr haptisch“, schildert sie ihre persönlichen Eindrücke, die ihr über so manche Durststrecken hinweg halfen. Die Bandbreite der Themen und Epochen, vor allem aber die Vielfalt möglicher beruflicher Tätigkeitsbereiche ist in der Kunstgeschichte groß. „Es gab Phasen, da hat mich das sehr belastet“, gibt sie unumwunden zu. Positiv erinnert sie sowohl die Motivation wie den Zusammenhalt ihrer Studiengruppe. „An Wochenenden haben wir viele Exkursionen eigenständig organisiert.“ Unwidersprochen hilft die Face-to-Face-Begegnung mit Kunstobjekten zum besseren Verständnis dieses Werkes und seines Künstlers.

Noch etwas. Abiturienten, deren künstlerisches Potential für ein Kunststudium nicht ausreicht und die als Alternative nun an ein Studium der Kunstgeschichte denken, doch von ihren gestalterischen Ambitionen nicht lassen wollen, sollten diesen Plan schnellstens zu den Akten legen. Denn wenn es um eines in der Kunstgeschichte nicht geht und niemals gehen wird, dann ist es die eigene künstlerische Aktion. Nicht einmal in der sogenannten praktischen Denkmalpflege, wo die ebenfalls promovierte Kunsthistorikerin Helmtrud Köhren-Jansen 16 Jahre lang tätig war, lässt sich das ausleben. Zwar ist der praktische Bezug hier höher als in einer Galerie oder einem Museum. Selbst Hand anzulegen, ist freilich auch hier nicht ihre Aufgabe. „In der praktischen Denkmalpflege sind Kunsthistoriker vor allem in der Beratung für Erhaltungsmaßnahmen oder einer Umnutzung tätig“, erklärt die Leiterin der Abteilung Inventarisation des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland. Die Inventarisation ist dem Denkmalschutz vorgelagert.

Denkmalschutz mal so, mal so

Das Universitätsklinikum Aachen als Hightech-Architektur der Moderne steht seit 2008 unter Denkmalschutz (Foto: Wikimedia/Mali)

Typischerweise bearbeiten Kunsthistoriker in der Inventarisation der Denkmalpflege Einzelfälle. Fragen, die Kunsthistoriker dann zu klären haben, sind beispielsweise die folgenden. Besitzt das Objekt bereits den Denkmalstatus? Wenn nicht, hat das Objekt ausreichend historische Substanz, um einen Denkmalwert reklamieren zu können? Wie ist der Denkmalwert zu begründen? Welche Dinge des Objekts sind besonders erhaltenswert und müssen deshalb im Gutachten ausführlich und detailliert beschrieben werden? Welches Ziel ist fachlich anzustreben sowie rechtlich und ökonomisch umsetzbar?  Während Kunsthistoriker in der Denkmalpflege mit zahlreichen Professionen, von der Architektur (Siehe dazu: „Architekt – Ein Beruf zwischen Technik und Ästhetik; https://www.berufsreport.com/architekt-ein-beruf-zwischen-technik-und-aesthetik/) über das Bauingenieurwesen (Siehe dazu: „Bauingenieur- Wo das Werden fasziniert“; https://www.berufsreport.com/bauingenieur-wo-das-werden-fasziniert/), verschiedenen handwerklichen Gewerken bis hin zur Restaurierung (Siehe dazu: „Restauratoren – Das kulturelle Erbe bewahren“; https://www.berufsreport.com/restauratoren-die-bewahrer-des-kulturellen-erbes/) kooperieren müssen, sind sie in der Inventarisation eher Einzelkämpfer.

„Für die Recherchen verbringt man nicht nur viel Zeit im Objekt vor Ort, sondern auch in Archiven und Bibliotheken“, beschreibt Helmtrud Köhren-Jansen einen wichtigen Aspekt des Arbeitsalltags in der Inventarisierung. Die Ähnlichkeiten zum Kunstgeschichtsstudium sind augenfällig. „Die Königsdisziplin für Denkmalpfleger ist freilich die systematische Erfassung und Bewertung erhaltenswerter Kunst- und Kulturdenkmäler“, lenkt die Frau vom rheinischen Amt für Denkmalpflege in Pulheim den Blick noch einmal auf einen anderen Aspekt. Sie nennt dafür ein Beispiel. „Das für Denkmalpflege zuständige Ministerium in Nordrhein-Westfalen finanzierte von 2009 bis 2016  ein Projekt zur Erfassung und Bewertung aller nach dem Zweiten Weltkrieg erbauten Kirchen.“ Das Ziel war, den Bistümern und der evangelischen Landeskirche Planungssicherheit im Umgang mit potentiellen Baudenkmälern zu geben. Da geht es zunächst um Vergleichbarkeit. Welche Kirche erfüllt die Kriterien des Denkmalschutzgesetzes und ist somit erhaltenswerter als andere?

„Unsere erste Aufgabe ist deshalb bei solchen Projekten, auf der Grundlage des Denkmalschutzgesetzes Maßstäbe für die Bewertung zu entwickeln“, erklärt Helmtrud Köhren-Jansen. Hier können Kunsthistoriker zeigen, was sie im Studium gelernt haben. Es geht jedoch keineswegs nur um die architekturgeschichtliche Einordnung, die lediglich eine Facette in einem komplexen Begründungsgeflecht darstellt. Es geht auch um den allgemeineren Zeugniswert eines Objektes. Der ebenso in der Orts-, Sozial- und Technikgeschichte oder der Volkskunde liegen kann. Auch städtebauliche Aspekte sind zu berücksichtigen. Ein Kunsthistoriker in der Denkmalpflege muss also fachlich breit aufgestellt sein. Darüber hinaus wird noch ein weiteres sichtbar, weshalb sich viele Kunsthistoriker so eng mit ihrem Beruf verbunden fühlen. Ob in der Denkmalpflege oder in den Museen erhalten und bewahren sie sichtbare gesellschaftliche Identifikationspunkte.

Geschichte lässt nur wenig Raum für die Gegenwart

Blick auf Arles von Vincent van Gogh (Foto: Wikimedia)

Diese Identifikationspunkte sind schwerpunktmäßig Werke der Bildenden Kunst, wie Architektur, Malerei und Grafik, mit Abstrichen auch des Kunstgewerbes, dazu in jüngerer Zeit der Fotografie sowie der Film- und Videokunst. Zwar beklagen Studierende wie Berufstätige die immer seltener werdenden Gelegenheiten, derlei Objekte in den eigenen Händen halten und, im doppelten Wortsinn, begreifen zu können. Zwar analysiert die Kunstgeschichte zu allererst die Besonderheiten kunstgeschichtlicher Epochen, Kunststile wie einzelner Künstler. Dennoch erweist sie sich in nicht geringem Maße aber auch als eine Objektwissenschaft. Für Kunsthistoriker, die eine Karriere im Kunsthandel oder in einem einschlägigen Auktionshaus anstreben, avancieren sichere Objektkenntnisse sogar zu einem unbedingten Muss. Freilich sollten sich an einem Kunstgeschichtsstudium Interessierte über eines im Klaren sein. Der Schwerpunkt ihres Studiums und ihrer anschließenden Berufstätigkeit liegt auf der Kunstgeschichte. Die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst nimmt in Beidem nur einen geringen Umfang ein. Die Gegenwartskunst fehlt in den Curricula zwar nicht komplett, aber man sollte sich schon sehr genau über die Schwerpunkte der Institute an den verschiedenen Universitäten informieren, wenn man eine spezielle Epoche oder Gattung im Blick hat.

Wie Franziska de Vries entbehren zahlreiche Studierende die Gegenwartskunst und die Beschäftigung mit den neuen Kunstformen wie der handlungsbetonten und vergänglichen Performance Art. Nach einjährigen Auslandsaufenthalten in den Vereinigten Staaten und Israel, einem Auslandssemester in Salzburg, journalistischen Ausflügen in Print und Hörfunk sowie einem studentischen Nebenjob in einem Auktionshaus erwägt die Eichstätter Kunstgeschichtsstudentin nach der Bachelorprüfung einen Wechsel in die Kunst- und Medienwissenschaft. War die Kunstgeschichte also eine Fehlentscheidung? „Nein“, sagt sie, „im Gegenteil. Es war eine wunderschöne Zeit.“ In der sich auch Ihre beruflichen Ziele konkretisiert hätten. Diese sieht sie in der Kunst- und Kulturvermittlung, vielleicht einmal in einem der Goethe-Institute. Und dafür könne sie eine Menge in ihr neues Studium mitnehmen. So zum Beispiel das Wissen über Bildstrategien, die Perspektivenstaffelung, Analysemethoden, über Symboliken und deren gesellschaftspolitische Bezüge.

Allgemeinbildung, Neugier, Ehrgeiz

Kilian Heck steht dem Verband Deutscher Kunsthistoriker vor (Foto: privat)

Der Kunstgeschichtsprofessor Kilian Heck kennt solche studentischen Entwicklungen zur Genüge. Und setzt deshalb auf eine intensive Orientierung vor als auch während des Studiums. „Die rigiden Sparzwänge lassen uns allerdings immer weniger Zeit zum gemeinsamen Nachdenken, Reden und Diskutieren“, bedauert er ein offensichtlich unauflösbares strukturelles Handicap. Darüber hinaus bedauert er die aktuelle Prägung durch den zunehmenden visuellen Overkill. „Studienanfänger sind es einfach nicht mehr gewohnt, ein Bild zwanzig Minuten lang anzuschauen“, bedauert er deren fehlende Geduld. „Kunstgeschichte zu studieren“, setzt er ein Letztes hinzu, „bedarf es neben einer breiten lexikalischen Allgemeinbildung großer Neugier, noch viel mehr Leidenschaft, dazu eines untrüglichen Instinkts für Qualität in der Kunst.“ Für die schier unendliche Lektürearbeit seien eine überdurchschnittliche Textkompetenz, mehr noch die Bereitschaft zum stunden- und tagelangen Lesen unabdingbare Voraussetzungen.

Auch wenn seit der Einführung der Bachelor-/Masterabschlüsse die Studieninhalte stärker vorstrukturiert sind, bleibt ein gutes Selbstorganisationsvermögen eine weiterhin wichtige Voraussetzung, blickt Ruth Heftrig auf ihre Studienzeit zurück. Manchmal habe sie in den Semesterferien nicht weniger als drei umfangreiche Hausarbeiten schreiben müssen. Und als die ebenfalls promovierte Kunsthistorikerin zusammen mit einer Kommilitonin sich für die Selbständigkeit entschied und eine eigene Agentur gründete, begann das selbstgeleitete Lernen noch einmal. Wie erstellt man einen Businessplan? Woran muss man alles bei der Steuerklärung denken? Wie funktioniert Fundraising? Auf welche vertragsrechtlichen Fallstricke muss man achten? Zum Schluss gibt sie angehenden Kunsthistorikern deshalb eine weitere Empfehlung für den Berufseinstieg mit auf den Weg. „Praktika haben mir zur Orientierung und  persönlichen Selbstvergewisserung sehr geholfen.“

Konflikte moderieren können

Helmtrud Köhren-Jansen leitet die Abteilung Inventarisation beim LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (Foto: Vanessa Lange/LVR-ADR)

Allem voran für freiberuflich tätige Kunsthistoriker, aber auch für die in Museen und Galerien fest angestellten Kunsthistoriker, wird die Arbeit immer stärker in Projektform organisiert. Der dadurch bedingte stete Personalwechsel in den Teams erfordert eine überdurchschnittliche Sozialkompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Kompromissbereitschaft bei gleichzeitiger Durchsetzungsstärke. Besonders in der Denkmalpflege, die für die Kommunen eine Pflichtaufgabe, für die Besitzer aber nicht selten eine Fessel ist, kommt es dieser unterschiedlichen Interessenlagen wegen regelmäßig auch zu Konfliktsituationen.  „Darin bestehen zu können, werden Sachlichkeit, Konfliktbereitschaft, Durchsetzungsstärke sowie Frustrationstoleranz und das Vermögen, sich auf die unterschiedlichsten Gesprächspartner einstellen zu können, zu unbedingten Voraussetzungen“, sind Helmtrud Köhren-Jansens Erfahrungen. Die noch eine weitere Entwicklung beobachtet. Der Denkmalschutz, der ja auf der Grundlage eines Gesetzes fußt, also eine politisch gewollte kommunale Pflichtaufgabe darstellt, verliere in Zeiten von Klimaschutz und Ökologie an Bedeutung. Dabei stellen optimale Denkmalpflege und Nachhaltigkeit geradezu Synonyme dar. „Wir müssen uns für das, was wir tun, wesentlich öfter rechtfertigen als noch vor zwanzig Jahren.“

Das, befürchtet Ruth Heftrig, wird nicht nur die Auftraggeber ihrer Agentur unter einen noch einmal weiter steigenden Sparzwang stellen. Die Corona-Pandemie dürfte diese Tendenz noch weiter verstärken. Auch alle anderen kunsthistorischen Arbeitsfelder werden davon betroffen sein, ist sie überzeugt. „Der Rotstift schwebt über der gesamten Branche“, erwartet sie schwierige Zeiten. Allzumal, da es keine Rahmenvereinbarungen über die Gestaltung der Honorare gibt. Freiberufliche Kunsthistoriker sollten sich darüber hinaus auf zwei weitere Besonderheiten einstellen. „Der Arbeitsanfall ist kaum planbar und häufig sehr diskontinuierlich“, erzählt Heftrig. „Im Übrigen arbeiten wir in zahlreichen Projekten mit vielen ehrenamtlichen Partnern zusammen, deren Sicht manchmal eine ganz andere als die von uns Profis ist. Darauf muss man sich einstellen.“ Bangemachen gilt dennoch nicht. Ruth Heftrig ist inzwischen breit vernetzt und besitzt einen guten Ruf. Sie kuratiert Ausstellungen, konzipiert und führt Seminare, Exkursionen und Tagungen durch, redigiert Publikationen, lektoriert Texte, moderiert viele Formate.

Kunstgeschichte und die Kunst des Formulierens

Die Mschatta-Fassade im Berliner Pergamonmuseum (Foto: Wikimedia/Raimond Spekking)

Sachlich zutreffend wie eingängig zu formulieren, das sollte jeder Kunsthistoriker können und daran sollte jeder Kunsthistoriker Freude haben. „In Museen kommt uns eine Mittlerfunktion zwischen der Wissenschaft und unseren Besuchern zu“, erklärt der Kölner Museumsleiter Marcus Dekiert die ihm und seinen Mitarbeitern zugewiesene Aufgabe. „Wir müssen also die Komplexität der Dinge auf die Ansprüche der jeweiligen Zielgruppe herunter brechen.“ Mehr noch müsse man Wege finden, um im digitalen Zeitalter sichtbar zu bleiben ohne die Kernkompetenz zu verlieren. Was der Chef des Wallraf-Richartz-Museums damit meint? Im letzten Jahr gab sein Haus im Rahmen einer vielbeachteten Rembrandt-Ausstellung einen Comic für Kinder heraus. „Rembrandt und der Frosch von Diana Ciesielski und Sebastian Remmert lockte viele kleine Knirpse an“, berichtet Dekiert. „Die hätten sonst wahrscheinlich nicht den Weg zu uns gefunden.“ Allerdings ist der Grat zwischen Kunst und Kommerz schmal.

„Als Mitarbeiterin der Denkmalpflege muss ich oft in politischen Gremien vortragen“, betont auch Helmtrud Köhren-Jansen. Und meint damit die Fähigkeit ebenso zielgruppen- wie situationsgerecht formulieren zu können. Wie man das lernt? Indem man es tut und sich kontinuierlich fortbildet. Marcus Dekiert hat zu Studienzeiten als Museumsführer gearbeitet. Helmtrud Köhren-Jansen und Kilian Heck jobbten als Reiseleiter für kunsthistorische Gruppenreisen. Ruth Heftrig sammelte Erfahrungen in der Seminararbeit sowie als Assistentin in der Lehre. Auch Galerien suchen für die Katalogerstellung immer wieder schreiberfahrene und formulierungsgewandte studentische Hilfskräfte. Zuletzt sollten Kunsthistoriker viel von der Welt gesehen haben. Und das mit wachen Augen. Helmtrud Köhren-Jansen ging für ihre Promotion drei Jahre nach Rom an die Bibliotheca Hertziana. Schon im Studium zählt Mobilität. „Mindestens einmal sollte man die Universität wechseln“, empfiehlt der Greifswalder Professor Kilian Heck. Er selbst wagte in dieser Zeit drei Ortswechsel.

„Kunstgeschichte muss man sich leisten können!“

Die Oberburg in Gondorf steht auf der Denkmalliste (Foto: Wikimedia/Karschten Disk/Cat)

Ist die Wahl der Universität wichtig? Aber ja doch! Was zeichnet eine gute Universität aus? „Sie sollte nicht nur über eine Professur, sondern ein komplettes Institut verfügen und Kunstgeschichte nicht lediglich als Nebenfach anbieten“, lautet Hecks Ratschlag. „Wenn der Studienort auf allen Plätzen, an jeder Straßenecke Kunst atmet, erweist sich das fürs Studium als unheimlich motivierend“, sind die Erfahrungen Franziska de Vries. Auch das Sprachenlernen gehört zum Studium dazu. Ohne Latein, Italienisch und Französisch kann man in bestimmten Bereichen nichts werden. Neugier und Ehrgeiz sind gleichsam unverzichtbare Eigenschaften für jeden Kunsthistoriker, für Kilian Heck auch die Selbstorganisations- und Motivationsfähigkeit. Dazu kommt die sichere Finanzierung des Studiums. Auf dem 35. Deutschen Kunsthistorikertag klagte eine studentische Referentin: „Ein Kunstgeschichtsstudium (Anm. der Redaktion: und ebenso eine Karriere als Kunsthistoriker) muss man sich auch leisten können.“ Wohl wahr! Die Belohnung folgt allerdings auf dem Fuß.



Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.11.2020)
Berufstätige Kunsthistoriker: Aufgrund der hohen Zahl an freiberuflich tätigen Kunsthistorikern liegen keine belastbaren Daten zur Zahl berufstätiger Kunsthistoriker vor.
Altersstruktur berufstätiger Kunsthistoriker:  wie oben.
Arbeitslose Kunsthistoriker: wie oben.
Studienanfänger im Wintersemerster 2019/2020: 2.814 (Frauenanteil: 76%)
Studienabsolventen mit universitärem Abschluss im Prüfungsjahr 2019 (ohne Differenzierung in Bachelor und Master): 1.358 (Frauenanteil: 86%)
Einkommen: Aufgrund der hohen Zahl an Zeit- und Projektverträgen sowie an freiberuflich tätigen Kunsthistorikern liegen auch hier keine belastbaren Daten vor.
Studienmöglichkeiten:

Weiterführende Informationen:

 

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