Ingenieure für Veranstaltungstechnik – Spezialisten für Live-Kommunikation

Von Hans-Martin Barthold | 15. April 2021

Axel Barwich lehrt an der Technischen Hochschule Mittelhessen Technische Veranstaltungskonzeption (Foto: THM)

Die fachliche Expertise der Ingenieure für Veranstaltungstechnik wird immer dann gebraucht, wenn es um die technische Infrastruktur von Acts und Events in der Live-Kommunikation geht. Sie sind gefragte Fachleute, auch wenn ihr Knowhow im letzten Jahr wegen Corona nur selten abgerufen wurde. Schließlich waren die Theater und Konzerthallen zur Eindämmung der Pandemie geschlossen. Tourneen, Rockfestivals und andere Life-Events im Business-Bereich sagten die Veranstalter ab oder verschoben sie. Der Ticketdienstleister CTS Eventim beklagt für 2020 einen Umsatzeinbruch von knapp 80 Prozent. „Das erschüttert die Veranstaltungswirtschaft in ihren Grundfesten“, beobachtet der Gießener Professor Axel Barwich. Noch ist die Community der Ingenieure für Veranstaltungstechnik überschaubar, auch wenn die eher kleinteilige Branche nach Angaben des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) mit zuletzt fast fünf Milliarden Euro Umsatz zum sechstgrößten Wirtschaftszweig des Landes avancierte. Gleichwohl schätzen Insider die Zahl der Ingenieure für Veranstaltungstechnik aktuell auf nur wenig mehr als 300 Männer und Frauen.

Bald wird auch Katrina Gagelmann zu ihnen gehören. Im Herbst schließt sie ihr Studium Veranstaltungstechnik und -management an der Berliner Hochschule für Technik Berlin mit dem Master ab. Zuvor hatte sie in Gießen an der Technischen Hochschule Mittelhessen den Bachelor in der Fachrichtung Eventmanagement und –technik erworben. Zwar ist auch sie von großen Veränderungen in der Veranstaltungswirtschaft überzeugt, bange machen um ihre berufliche Zukunft lässt sie sich aber nicht. Denn die Nachfrage nach einschlägigen Events ist ungebrochen. Immerhin warten viele Kulturbegeisterte, Fans und Marketingfachleute ungeduldig, dass die Veranstalter ihre Tore endlich wieder öffnen (dürfen). Und wenn es irgendwann so weit ist, werden auch die Backliner wie Katrina Gagelmann wieder gefragt sein. Axel Barwich ist jedenfalls vorsichtig optimistisch. „Es wird künftig deutlich mehr hybride und digitale Events geben“, ist er überzeugt. „Was dazu führt, dass neben die bisherigen Gewerke Beleuchtung, Beschallung, Videotechnik, Rigging und das Catering die IT als neues und diese Gewerke übergreifendes Arbeitsfeld treten wird.“

Planer, Koordinator und Kommunikator

Aufwendige Lichttechnik beim Auftritt der kanadischen Grammy-Gewinnerin Alanis Morisette beim „Livet at sunset“-Festival auf der Züricher Dolder Eisbahn (Foto: Wikimedia/Roland zh)

Die Botschaft des Gießener Hochschullehrers ist ebenso deutlich wie unmissverständlich. Die steigenden Qualitätsansprüche an die Veranstaltungswirtschaft und damit der Bedeutungszuwachs der IT werden der bisher geringen Akademisierung dieser Branche einen deutlichen Schub verleihen. Denn sie braucht in der Nach-Corona-Zeit nicht mehr nur Macher, sondern vielmehr als bisher auch Fach- und Führungskräfte mit Bodenhaftung für komplexe Planungsprozesse. „Unsere Absolventen“, erklärt es Axel Barwich, „können ein Projekt in seinen vielschichtigen Anforderungen erfassen und anschließend entsprechende Lösungen erarbeiten.“ Freilich verbindet er diese Aussage mit einer zweiten wichtigen Information. „Technik-Nerds sind bei uns falsch“, formuliert er ohne Umschweife. Was er damit sagen will? Dass die Ingenieure für Veranstaltungstechnik sich nicht nur als Techniker verstehen dürfen, sondern auch als Unternehmer in Kosten-Nutzen-Kategorien denken können müssen. Das unterscheidet sie von den Fachkräften für Veranstaltungstechnik (siehe dazu: „Wo Technik auf Kreativität trifft“ – https://www.berufsreport.com/fachkraefte-fuer-veranstaltungstechnik-wo-technik-auf-kreativitaet-trifft/).

Genau diese Schnittstellenfunktion ist es, die Katrina Gagelmann an ihrem künftigen Job so fasziniert. Tatsächlich geht es bei den Ingenieuren für Veranstaltungstechnik, die sich bei genauem Hinschauen als klassische Wirtschaftsingenieure erweisen, stets gleichermaßen um Technik, Organisation, Finanzen und Arbeitsschutz. „Und wir“, ist Katrina Gagelmann stolz, „müssen von allem Ahnung haben.“ Was im Umkehrschluss bedeutet, Ingenieure für Veranstaltungstechnik müssen nicht alles selber machen (können). Ihre Aufgaben sind vor allem die Koordination der unterschiedlichen Gewerke. Umso mehr aber gilt es, ein breites fachliches Fundament zu besitzen. „Die Spezialisten, mit denen die Ingenieure für Veranstaltungstechnik zusammenarbeiten müssen“, sind die Erfahrungen Axel Barwichs, „haben ein gutes Gespür dafür, ob ihnen ein Profi oder nur ein Schwätzer gegenübersteht.“ Darüber hinaus müssen die Ingenieure für Veranstaltungstechnik entscheiden, welche Dinge sie selbst oder die eigenen Mitarbeiter lösen können und wofür sie einschlägige Spezialisten hinzuziehen müssen.

Unikate statt Fließbandlösungen

Digitale Technik bestimmt den künftigen Arbeitsplatz von Katrina Gagelmann (Foto: privat)

Die Berufswege der Absolventen sind freilich sehr unterschiedlich. Was für die solide Breite ihrer Ausbildung spricht. Fokussieren sich die einen stärker auf eine managementorientierte Karriere, finden andere ihre Erfüllung in einer konstruktiven Tätigkeit bei den Herstellern entsprechenden technischen Equipments. Aber nicht nur die Verknüpfung von Technik und Management macht den Beruf des Ingenieurs für Veranstaltungstechnik für viele so interessant. Es ist auch die Zusammenarbeit mit den Kreativen, also Bühnenbildnern, Desig-nern, Darstellern, Musikern und Moderatoren, die ein Ingenieur in dieser Dichte nirgendwo anders findet. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt. „Jedes Projekt ist eine Spezialanfertigung und ein Unikat“, beschreibt es Katrina Gagelmann. So, wenn Helene Fischer zu Beginn eines Konzertes auf einem Phantasie-Vogel sitzend in die Bühne einfliegt oder wenn die Theatertechnik für die Neuinszenierung eines klassischen Stückes aufwendig umgebaut werden muss.

Aber auch, wenn für die nächste Tournee der Rolling Stones die Bühne so konstruiert werden muss, dass sie schnell abgebaut, leicht transportiert und anschließend ebenso schnell wieder aufgebaut werden kann, aber dennoch allen Windlasten standhält. Im Gegensatz zu manchen Studienanfängern erfasste Katrina Gagelmann sehr schnell, was in Studium und Beruf auf sie zukommen würde. Während der Semesterferien sowie zwischen Bachelor und Masterprogramm arbeitete sie als technische Assistentin bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel. „Bis dahin“, erzählt sie, „war ich mehr auf die kreativen Berufe am Theater orientiert.“ In Bad Vilbel allerdings entdeckte sie die Faszination der berufstypischen Kombination von moderner Veranstaltungstechnik und Management. Die Vielfalt der Lehrveranstaltungen aus den klassischen Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Veranstaltungstechnik an der Technischen Hochschule Mittelhessen kam ihren Vorstellungen von interdisziplinärer Arbeit sehr nahe.

Interdisziplinärer Dienstleister

Hubpodium des Wiener Burgtheaters (Foto: Wikimedia/Andrea Schaufler)

„Die Anforderungen in Mathematik und Physik, die in diesem Studium natürlich präsent sind, kann jeder schaffen“, ist Katrina Gagelmann überzeugt. Für viel wichtiger hält sie indessen die Persönlichkeitsmerkmale wie (Selbst)Organisationsfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft, personenbezogene Offenheit und fachliche Expertise. Der Gießener Professor Axel Barwich ergänzt die Aufzählung um einen weiteren Aspekt, nämlich der unbedingten Bereitschaft, das Projekt immer mit den Augen des Kunden und dessen Kunden zu betrachten. „Eigene künstlerisch-ästhetische Ambitionen hat der Ingenieur für Veranstaltungstechnik deshalb stets hintenan zu stellen“, ist es Barwich wichtig zu betonen. Die Suche nach einer entsprechenden Hochschule gestaltet sich demgegenüber recht einfach. Denn anders als für eine Karriere im Eventmanagement bieten für die Veranstaltungstechnik nur zwei Fachhochschulen entsprechende Studiengänge an.

Das sind die Technische Hochschule Mittelhessen in Gießen sowie die Berliner Hochschule für Technik Berlin. Konnte man nach dem obligatorischen Bachelorabschluss den Master bislang nur in Berlin erwerben, wird das bald auch in Gießen möglich sein. Die Planungen der Hessen stehen kurz vor dem Abschluss, wie Axel Barwich zu berichten weiß. Während die Technische Hochschule Mittelhessen bislang zur Studienzulassung noch kein Vorpraktikum fordert, ist ein solches an der Berliner Hochschule für Technik unbedingte Zulassungsvoraussetzung. „Wir streben es aber ebenfalls an“, erzählt Barwich, „denn viele Studienanfänger haben unklare Vorstellungen, worum es in diesem Studium geht.“ Zuletzt bewarben sich auf die verfügbaren 80 Studienplätze knapp 300 Interessenten, davon gut die Hälfte Frauen. Die Studiengänge sind an beiden Hochschulen stark projektorientiert organisiert. „Anders als am Gymnasium bekommt man die Lösung des Problems nicht vorgesetzt, sondern muss sie sich selbst und mit den Kommilitonen zusammen eigenständig erarbeiten“, bringt es Katrina Gagelmann auf den Punkt.

Hoher Arbeitseinsatz, Termindruck und große Zufriedenheit

New York Festival of Light unter der Manhattan Bridge in Dumbo, Brooklyn (Foto: Wikimedia/MusicAnimal)

Gewöhnen müssen sich die Studienanfänger mit Blick auf die Arbeitsbelastung schließlich auch an eine höhere Schlagzahl und ein schnelleres Tempo. Den Workload im Studium beziffert Axel Barwich mit etwa 50 Stunden pro Woche. Wenngleich von den Hochschulen und Professoren unbeabsichtigt, scheint das eine gute Vorbereitung auf den späteren Beruf. Denn auch wenn der überwiegende Teil der Absolventen in einem Angestelltenarbeitsverhältnis einmündet, sind die Arbeitstage nicht selten lang und wird der Einsatz oft genug zu Zeiten gefordert, wo andere ihre Freizeit genießen. Und immer gilt es, viel zu oft zu eng gesetzte Termine einhalten zu müssen. „Begleitet man eine Tournee“, weiß Katrina Gagelmann, „ist man manchmal sogar wochenlang von zu Hause weg.“ Zeitverträge über eine Saison, eine Tournee oder für nur ein bestimmtes Projekt sind in der Branche gang und gäbe. Nur ein gutes Netzwerk bewahrt vor dem Worst Case, am letzten Arbeitstag ohne Anschlussvertrag da zustehen.

Und der könnte mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Bereich der Business Events kommen. Nach der bereits erwähnten Studie des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft entfielen immerhin nahezu neunzig Prozent des Branchenumsatzes auf dieses Geschäftsfeld. Die schönen Künste folgen mit deutlichem Abstand. Live-Kommunikation ist freilich beides. Berufseinsteiger beginnen meist als Trainee, als Junior Project Manager oder bei stehenden Events wie Theatern als Assistent des Technischen Direktors. Und wie weit trägt die Karriere? „Der Bachelorabschluss ist eine gute Grundlage für eine Projekt- oder Teamleiterfunktion im mittleren Management“, gibt sich Axel Barwich überzeugt. „Der Master sollte bis in die Geschäftsleitung tragen.“ Doch im Moment plagen die Branche andere Sorgen. Wie lange wird der Lockdown aufrechterhalten? Wird es im Sommer wieder Festivals geben? Wann kommt der internationale Tour-Zirkus wieder in Gang? Was ist mit den Unternehmen als Auftraggeber?

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.04.2021)

Berufstätige Ingenieure für Veranstaltungstechnik: nach Schätzungen der Hochschulen in Gießen und Berlin ca. 300.
Altersstruktur berufstätiger Ingenieure für Veranstaltungstechnik:  keine Angaben vorhanden.
Arbeitslose Ingenieure für Veranstaltungstechnik: keine Angaben vorhanden.
Einkommen: abhängig von Region und Arbeitgeber. Anfangsgehalt für Berufsanfänger zwischen 2.000 bis 3.000 Euro brutto.
Studienmöglichkeiten: Technische Hochschule Mittelhessen, Berliner Hochschule für Technik Berlin, New Design University – Privatuniversität St. Pölten (Österreich).
Weiterführende Informationen:
https://www.thm.de/muk/studium/bachelor/eventmanagement-und-technik.html
https://studiengang.Berliner-hochschule.de/veranstaltungstechnik/
https://www.vplt.org/

 

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