Ines Geipel – Vom Kapital reflektierter Erfahrungen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2019

Knapp zwei Stunden reden wir nun schon. Es bleibt Zeit für nur noch eine Frage, dann muss Ines Geipel zu ihren Studierenden in die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Ist sie glücklich mit dem, was sie jetzt macht? Neben einer Professur für Deutsche Verssprache Bücher zu schreiben und gemeinsam mit ihrem Schriftstellerkollegen Joachim Wal-ther das „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ zu editieren? „Ja“, sagt sie mit sanfter aber fester Stimme. Es folgt ein kurzes Innehalten. 58 Jahre alt ist Ines Geipel und hat einen langen Weg hinter sich. Andere brauchten dafür zwei Leben und einige erreichten das Ziel wohl auch mit hundert Wiedergeburten nicht. Wer den Werdegang Ines Geipels nur flüchtig betrachtet, könnte schnell zu der Auffassung gelangen: was für eine Powerfrau!

Das Sprinttalent Ines Geipel 1981 auf dem Weg nach ganz oben (Foto: Wikimedia/Wolfgang Thieme)

Erst mit 17 zur Leichtathletik gekommen, vier Jahre später schon Mitglied der DDR-Nationalmannschaft, 1984 mit der Staffel des SC Motor Jena Vereins-Weltrekord über 4 x 100 Meter. Bis heute wurde der nicht unterboten! Wenig später dann aber das abrupte Ende der Spitzensport-Karriere, Germanistikstudium, kurz vor dem Mauerfall Flucht in die Bundesrepublik, Zweitstudium Philosophie und Soziologie, seit 2001 Professur an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, mehrere, stark diskutierte Bücher. Bekannt ist Ines Geipel auch als eine, die sich immer wieder prononciert zum politischen Klima des Landes äußert, vor allem zur Lage im Osten. Wer genauer hinschaut, erkennt neben den glanzvollen Höhepunkten freilich auch einige scharfe Brüche. Aber er entdeckt auch eine Frau, die nach jedem Tiefschlag immer wieder aufgestanden ist, die trotz aller Ansprüche von außen und aller politischen Debatten sich und ihren Weg suchte – und fand.

Die Konstruktive des Schmerzes

Ines Geipel formuliert ihre Sicht auf diesen Weg so. „Nein“, sagt sie, „ich empfinde mich nicht als erfolgreich. Ich bin immer nur meiner inneren Zeichnung gefolgt. Meine Leitkategorie heißt Erfahrung.“ Ich ahne, dass Begriffe wie Sieg und Niederlage für die ehemalige Spitzensportlerin mittlerweile ihre Bedeutung verloren haben. Doch ist wohl genau dieses wenig mainstreamkompatible Lebensverständnis zugleich auch Erklärung für so vieles Erreichte. Das Wichtigste davon: nach Jahren des verordneten Schweigens wieder sprachfähig geworden zu sein. Es geschafft zu haben, sich nach zahlreichen Brüchen wieder zusammensetzen zu können, wie sie es formuliert – privat und beruflich. Ich glaube, das Geheimnis Ines Geipels Weg ist einfach zu formulieren, gleichwohl umso schwerer zu leben. Was ist zu tun, wenn Dinge nachhaltig verändert werden müssen, um Ungutes aufzulösen, um voran zu kommen? Ines Geipel spricht von der „Konstruktive des Schmerzes“ und von der Notwendigkeit, auf die Dinge zuzugehen. Vor Schwierigkeiten zu flüchten, sei keine Lösung.

Mehr noch, man solle nicht der Versuchung erliegen, die Dinge einfacher zu machen als zulässig, nur, um sie besser auszuhalten. „Es ist die Unumgänglichkeit von Erfahrung, positiver wie negativer, und die Bereitschaft, sie in sich zuzulassen“, sagt sie. „Wenn ich ein Tabu wittere, gehe ich darauf zu.“ Solche Offenheit ist das, was sie in ihrer Kindheit schmerzlich vermisst hat. Es war eine Kindheit jenseits der Mauer, noch dazu in Dresden, im sogenannten “Tal der Ahnungslosen”, mit belasteten Großeltern aus der Zeit des Nationalsozialismus. Mit Eltern, die die DDR-Diktatur kritiklos bejahten, die sich sogar schuldig machten. Der Vater arbeitete 15 Jahre lang als Agent für die Staatssicherheit und spionierte unter acht verschiedenen Namen im Westen. Die Tochter erfuhr von seinem geheimen Leben erst lange nach dem Mauerfall, im Jahr 2004. Aber sie spürte schon als Kind seismografisch, dass die Familie mit dunklen Geheimnissen lebte, die allerdings um jeden Preis verborgen bleiben mussten. Da war sie, die Sache mit den Tabus, über die die Eltern sich ausschwiegen. Angesichts dieses Verleugnungskarrussels verkümmerte die Fähigkeit des Mädchens, Erkenntnisse in Sprache übersetzen zu können, von Tag zu Tag.

Schwieriger Start

Ines Geipel bei den 40. Römerberggesprächen 2012 in Frankfurt am Main (Foto: Wikimedia/Dontworry)

Ines Geipel wird es viele Jahre später das große Nein des Kindes nennen. Ohne ihre Eltern von persönlicher Verantwortung frei sprechen zu wollen, ist sie klug genug, diese Dinge in einen größeren Zusammenhang stellen zu können. Sie ist überzeugt, dass Diktaturen, gleich welcher Couleur, zur Sicherung ihrer Macht Sprache zerstören und auf ebenso vorgestanzte wie inhaltslose Losungen reduzieren müssen. Warum? „Weil Sprache individuelle Freiheit bedeutet“, ist die Germanistin und Philosophin überzeugt. „Wir Mauerkinder waren deshalb Stotterer, mit einer sehr verzögerten Ich-Entwicklung.“ Was gravierende Folgen hatte. „Denn“, formuliert es Ines Geipel in der ihr eigenen intellektuellen Ganzheitlichkeit, „Sprache ist immer auch der Versuch, sich einem Gegenstand, einem Sachverhalt und zuletzt natürlich dem eigenen Ich zu nähern, es zu finden und zu erweitern.“ Für all das gab es im Elternhaus keinen Raum.

Irgendwann werden die Spannungen in Dresden unüberbrückbar. Die Eltern melden ihr Kind in einer Internatsschule im thüringischen Wickersdorf an, einer Spezialschule mit erweitertem Russischunterricht. Ines Geipel war gerade 14 Jahre alt geworden. Dass diese Schule dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über einen Patenschaftsvertrag verbunden war, wusste sie damals nicht. Überhaupt war der Wechsel von Dresden nach Wickersdorf für Ines Geipel alles andere als einfach. Schließlich ist dieser Wechsel Folge eines tiefen familiären Zerwürfnisses. „Der Rausschmiss geschah zu einem Zeitpunkt, in dem mein Vater seine Karriere als Terroragent begann“, erinnert sich Ines Geipel. Zugleich ist sie sich jedoch auch sicher: „Dieser Riss war hart, aber er war zugleich auch meine Rettung. Ich konnte so der Gewalttätigkeit des Vaters entkommen.“

„Wenn du läufst, redest du nicht“

Ines Geipel besaß viel Talent fürs Laufen. Bei den Wettbewerben zur Sichtung junger Nachwuchstalente, den sogenannten Spartakiaden, stand sie folgerichtig immer öfter auf dem Siegertreppchen. Es dauerte deshalb nicht lange und die Scouts des SC Motor Jena wurden auf sie aufmerksam. Der Verein war eines der Leistungszentren für Leichtathletik in der DDR und hatte auch international einen guten Ruf, sein Aushängeschild die 4 x 100 Meter-Staffel der Frauen. Ines Geipel, damals noch Ines Schmidt geheißen, gehörte schon bald dazu. Dass ihrem Talent, ihrem Trainingsfleiß, ihrer Disziplin und ihrem Ehrgeiz mit systematischem Doping nachgeholfen wurde, ahnte sie zu jener Zeit noch nicht. Auch nicht, dass das Maß ihrer Verstummung dadurch weiter zunehmen sollte. Noch empfand sie ihre sportliche Karriere als Möglichkeit, der Brutalität ihrer Kindheit entkommen und ein Stück von der Welt sehen zu können. Die Ernüchterung aber folgte bald. Heute beschreibt sie die Jahre im Sport als Schweigezeit. „Wenn du läufst, redest du nicht“, erklärt sie die Essenz dieses Lebensabschnittes.

Ines Geipel (li.) mit der 4 x 100 Meter-Staffel des SC Motor Jena 1981 (Foto: Wikimedia/Wolfgang Thieme)

Gut organisiert zu sein, half ihr. Weniger gegen die allgegenwärtige Stasi, bei der fast alle Fäden zusammenliefen. Denn der Krake mit seinen unzähligen Tentakeln blieb für sie lange unsichtbar. Viel mehr gegenüber ihrem schwer suchtkranken Trainer. 1984 dann ein Trainingslager in Mexiko zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Los Angeles. Deren späterer Boykott ist noch nicht beschlossen. Ines Geipel verliebt sich in einen mexikanischen Geher und will wegen ihm die DDR verlassen. Das wird vereitelt. Es folgt eine zunächst harmlose Blinddarmoperation. Zurück bleibt eine Narbe quer über den ganzen Bauch. Ines Geipel ist irritiert, schöpft aber noch keinen Verdacht. 1985 ihr Rauswurf aus dem Sport aus politischen Gründen. Erst zwei Jahrzehnte danach erfährt sie aus den Akten der Stasi und nach Befund eines Berliner Chirurgen, was damals mit ihr gemacht wurde. Auf Geheiß des Schildes und Schwertes der Partei, wie sich die Stasi bezeichnete, hatte der Operateur ihr die komplette Bauchmuskulatur durchtrennt.

Vom Leistungssport zur Germanistik

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass das Ende meiner sportlichen Karriere meine eigene Entscheidung gewesen sei“, erzählt Ines Geipel. „Doch selbst da wurde ich gelebt.“ In der Akte über sie steht etwas vom „Herauslösen“, von „Ende”, von „Liquidieren“. Ein systematisches Abtrainieren unter ärztlicher Überwachung bleibt der Renegatin verwehrt. Die gesundheitlichen Beschwerden sind erwartungsgemäß riesig. Fürs angestrebte Medizinstudium erhält sie keine Zulassung. Die Staatsorgane argwöhnen, damit eine kritische Fachfrau gegen das flächendeckende Doping auszubilden. So beginnt die inzwischen Vierundzwanzigjährige mit zehn anderen Studienanfängern an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein Germanistikstudium. Der Anfang: lesen, lesen, lesen. Zahlreiche Quellen allerdings bleiben in den Giftschränken der Bibliotheken unzugänglich. Ines Geipel entdeckt in den Frühromantikern, allen voran Heinrich von Kleist, Georg Büchner und Friedrich Nietzsche, Seelenverwandte.

Deren Widerstand gegen das um sich greifende tumbe Nützlichkeitsdenken und deren  Forderung nach Wahrung der Individualität deckt sich in hohem Maße mit ihrem, aus Sicht der DDR-Mächtigen, rebellischem Weltbild. „Das Fragmentarische, aus dem Zentrum Katapultierte, das war mir sehr nah“, sagt sie lachend. Dass der Fachbereich Germanistik zu den ideologisch sensiblen Bereichen gehört, erfährt sie während des Studiums mehrfach. Dass ihr die Promotion ebenso wie die sonst übliche Zuweisung einer Arbeitsstelle wegen ihrer Kontakte zu den Jenaer Bürgerrechtlern verweigert wird, trifft sie dennoch mit voller Wucht. Nun ist das Maß endgültig voll. Sie entschließt sich zur Flucht. Via Ungarn, Deutschkreutz, Wien, dem Auffanglager Münster und Frankfurt landete Ines Geipel schließlich wegen Georg Büchner als einem der wichtigsten Literaten des Vormärz in Darmstadt. Mit 29 Jahren fängt sie noch einmal ganz von vorne an – als Aushilfskellnerin in einem Weinlokal, einem Bett und einem Tisch in der Gesindestube unterm Dach und nur einer einzigen Textilgarnitur.

Die Wende vor dem Ende

Ines Geipel in der CJD Christophorus Schule Königswinter (Foto: Wikimedia/Tohma – Diskussion)

Es sind einsame Tage und Wochen in diesem Spätsommer 1989 in Darmstadt. Ines Geipel sucht keine Kontakte. Sie braucht das Alleinsein. Es dauert geraume Zeit, bis sie sich wieder sortiert hat. „Es war, als würde ich aus einer Nebellandschaft in etwas sehr Grelles hinaustreten. Das war alles ein bisschen viel“, erinnert sie sich. Es beginnt eine unendlich intensive Nachholphase. Plötzlich kann Ines Geipel alles lesen und alles sehen, was in der DDR verfemt und weggesperrt war. Bibliotheken, Gale-rien, Museen und Archive werden ihre neuen Heimaten und sind der Kompass für den eigenen (Neu)Anfang. „Das war eine unglaublich freie und energetische Zeit, ein echtes Interregnum.” Zwei Jahre brauchte sie, dann hatte sie ihre gekappten Lebensfäden neu geknüpft und kann mit dem Studium der Philosophie beginnen.

Ob sie sich nie Gedanken um die späteren Arbeitsmöglichkeiten von Philosophen gemacht hat? Es ist die falsche Frage. Denn Ines Geipels Motiv für die Wahl dieses Studienfachs ist ein komplett anderes. Sie will verstehen, sich endlich frei bewegen können, vor allem im Kopf. Tatsächlich findet sich nach der Abschlussprüfung kein unbefristeter Vertrag, kein Unternehmen, das eine Philosophin benötigte. Also jobbt sie, wo sich die Gelegenheit ergibt. Drei Jahre lang. Mittlerweile ist sie 36 Jahre alt und mit der Frage konfrontiert: Wo nun wirklich anfangen? Sie entscheidet sich für einen Ortswechsel. Berlin wird zum neuen Lebensmittelpunkt. Ines Geipel taucht tief ein in die hauptstädtische Kulturszene. Fünf Jahre später ist sie Ordinarius für Deutsche Verskunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Die Zeit mit den Studierenden erlebt sie als reine Glückseligkeit. „Wir sind in dem, wonach wir gemeinsam suchen, ganz bei uns. Alles ist offen, alles möglich. Und was entsteht, hat einfach immer etwas Schönes. Ich weiß nicht, was Glück sonst sein könnte.“

Der eigenen Erkenntnis folgen

In ihren Seminaren geht es um Sprache, Stimme und Körper. Wie spricht man einen Vers von Hölderlin auf der Bühne in heutiger Zeit? Mit welchem Gestus, welcher Haltung, welchem Körper? Was kann Sprache auf der Bühne im Hier und Jetzt sein? Das alles ist nichts Neues. Das haben Schauspielschulen schon immer gemacht. Doch die Zeiten haben sich gewandelt und mit ihnen auch die Bedeutung dieser Arbeit. „Denn Theater“, sagt Ines Geipel, „ist heute einer der letzten analogen Räume. Wenn Theater wirklich Glut hat, stehen da noch immer echte Menschen auf der Bühne, mit echten Konflikten, echtem Schmerz, echter Hoffnung.“ In denen aber oft auch und sogar die Besten scheitern, zerbrechen, zerbrochen werden. Ines Geipel weiß darum. Weshalb alle ihre Antennen weit ausgefahren bleiben. Schließlich weiß sie aus ihrer eigenen Biografie, was Brüche sind. „Ich plädiere deshalb für die Unverfügbarkeit des Talents!“ In einer Zeit, in der Eltern ihre Kinder schon im Grundschulalter in die Fußballinternate der großen Klubs und die Hände dubioser Spielervermittler geben, in der Teenies sich freiwillig und begeistert als Influencer an die Werbeindustrie verkaufen, klingt das wie aus der Zeit gefallen.

Ines Geipel (re.) auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere – Weltrekordlauf mit der 4 x 100 Meter-Staffel des SC Motor Jena 1984 (Foto: Wikimedia/Wolfgang Kluge)

Gegen den Strom stemmt sich Ines Geipel auch bei ihrem Engagement zur Aufklärung der Dopingpraktiken im Sport. Dabei lässt sie sich selbst nicht aus. „Ein ‚Chemie-Rekord‘, auch wenn er in einem verbrecherischen Staatsdopingsystem zustande kam, ist für mich ein Fake.“ Sie beantragt deshalb beim Leichtathletikverband die Löschung ihres Namens aus der Bestenliste. Der sträubt sich. Erst mittels Gerichtsbeschluss gelangt sie ans Ziel. Über fünf Jahre ist sie Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe und erhält für dieses Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande. „So viel zerstörtes Leben bleibt eine schlimme Hinterlassenschaft“, sagt sie über diese Hypothek der DDR-Diktatur. Gleichwohl weiß Ines Geipel natürlich auch, dass diese Geißel des Sports nicht nur ein DDR-typisches, sondern ein gesamtdeutsches, ja ein weltweites Phänomen ist. Und keines, das man nur auf die Einnahme irgendwelcher chemischen Substanzen beschränken kann. Sie entziffert Doping als politisches Projekt, als Menschenrechtsfrage, als das falsche Verhältnis der Menschen zueinander, als Betrug und Übervorteilung derer, die noch an seine öffentlich proklamierten Werte glauben.

Ende der Destruktion

„In den Berichten der Opfer“, weiß Geipel, „geht es nicht mehr nur um Chemie. Sie sind Sportopfer in einem viel umfassenderen Sinne. Es geht schließlich um nicht weniger als Gewalt, Sadismus, Missbrauch, letztlich um Macht.” Spätestens an diesem Punkt beginnen die Gegner, darunter auch so mancher bisherige Weggefährte, ihre Messer zu wetzen. Das öffentlich zur Diskussion zu stellen, rührt immerhin an die Grundfesten des Status Quo und an die Frage, welchem Sport sich Land und Gesellschaft verbunden fühlen. Als offizielle Begründung für Ines Geipel’s Absetzung als Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH) muss freilich etwas anderes herhalten und lässt sich schnell finden. Die Doping-Opfer-Hilfe habe auch an Trittbrettfahrer Entschädigung gezahlt, heißt es. Dabei fällt die Entscheidung darüber gar nicht die DOH, sondern liegt in der Verantwortung der Verwaltungsämter.

Die Frage nach den kommunizierenden Röhren zwischen Sport und Gesellschaft zu stellen, wie es die ehemalige Leistungssportlerin zuletzt immer öfter und lauter tat, die strukturelle Gewalt im Sport zur Diskussion zu stellen, das ist der Schritt über die berühmte Rote Linie und damit ein Schritt zu viel. Die Sanktionen kommen prompt und für Ines Geipel nicht überraschend. Immerhin hat sie kein geringerer als der Bundespräsident in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2011 vorgewarnt. „Will diese spaßwütige Eventgesellschaft wirklich wissen, warum wer siegt?“, fragte er in weiser Voraussicht. „Will sie nicht schöne Siege? Am liebsten schöne Siegerinnen? Es ist eines, über Doping einer vergangenen Diktatur zu sprechen, und ein anderes darüber, was uns aktuell die Freude an Siegen oder an Siegern oder Siegerinnen nehmen könnte.“ Walther Tröger, Ehrenpräsident des Nationalen Olympischen Komitees, formulierte es jüngst etwas weniger prosaisch so: „Der Sport kann nicht viel besser sein als die Welt, in der er lebt.“

Wahrnehmung, Erkenntnis, Freiheit

Ines Geipel (Foto: privat)

Doch nichts liegt Ines Geipel ferner, als deswegen in den Chor der Heuchler einzustimmen. Sie bleibt sich und ihrer Lebensmaxime treu. „Die Wahrnehmung kommt stets vor der Erkenntnis, und die Erkenntnis vor der Freiheit!“ Und so ahnte sie auch das harsche Ende voraus. „Es war dem Projekt immanent, denn der Sport ist ein geschlossenes System.“ Verbittert ist sie dennoch nicht, schon gar nicht zynisch. Das schätzen ihre Studenten. Das lieben ihre Leser. Das Ende als Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe ist für sie auch ein Stück weit das Ende einer Destruktion. „Man muss sich da nicht verkämpfen! Ich trete an dieser Stelle zur Seite, und es wird etwas Neues kommen, für die DOH und für mich.“ Natürlich will sie sich weiter einmischen. Sie ist Schriftstellerin, dazu ein durch und durch politischer Mensch. Das verspricht Ines Geipel auch für ihr neues, am Ende dieses Monats erscheinendes Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“. Ein Tiefenblick in den nervösen, politisch implodierenden Osten. Gut, dass es Menschen wie sie gibt.

 


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https://www.klett-cotta.de/autor/Ines_Geipel/736

 

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