Industriekletterer/Seilarbeiter – Arbeiten ohne Netz und doppelten Boden

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2020

Das lässt modernen Industriekletterern das Blut in den Adern gefrieren – Industriekletterer 1930 am Empire State Building (Foto: bereitgestellt von der New York Public Library, Public Domain)

Die Verhüllung des Reichstages in Berlin vor 25 Jahren durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne Claude war nicht nur ein spektakuläres Event, sondern auch der Beginn der industriellen Seilzugangstechnik in Deutschland. Mit über 100.000 m² eines im westfälischen Emsdetten hergestellten Polypropylengewebes sollten Fassade und Dach des Deutschen Bundestags „verpackt“ werden. Für Christo und Jeanne Claude war es nicht das erste Projekt dieser Art. Und wie zuvor plante das Künstlerpaar mit dem Einsatz professioneller Industriekletterer. Denn die alternative Einrüstung des Gebäudes hätte ihr Budget um ein Vielfaches überstiegen. In den USA können Industriekletterer auf eine fast hundertjährige Tradition verweisen. Die erste prominente Baustelle, die ohne ihr Zutun wohl nicht hätte realisiert werden können, war die Golden Gate Bridge im kalifornischen San Francisco. Bis auf einen sogenannten Fachbereichstand „Ab- und Aufseilverfahren für Bauarbeiten“ in der ehemaligen DDR bedeutete hierzulande der Einsatz dieser Spezialisten sechzig Jahre später dagegen Neuland. Deshalb mussten Christo und Jeanne-Claude lange verhandeln, bevor die Berufsgenossenschaft Bau grünes Licht für den Einsatz von 90 dieser kletternden Profis gab.

Der Job der Industriekletterer ist besonders und normal zugleich. Für das, was sie ganz oben auf Dächern, an Häuserfassaden, Windrädern und Bohrplattformen, oder ganz unten in Silos, Brunnen, Industriekesseln und Revisionsschächten tun, gibt es noch immer keine verbindliche Berufsbezeichnung. Industriekletterer ist zwar die gebräuchlichste und am weitesten verbreitete, wird vom Fach- und Interessenverband für seilunterstütze Arbeitstechniken (FISAT) aber nicht gerne gesehen. Der Verband verwendet lieber die Begriffe Höhen- beziehungsweise Seilarbeiter. Auch ist der Industriekletterer kein Ausbildungsberuf. Und doch benötigen die Fachkräfte spezielle Fachkenntnisse und Zertifikate, sonst dürfen sie nicht ins Seil steigen. Industrieklettern ist für die Mehrheit der in diesem Job tätigen Fachkräfte eine zweite Berufskarriere. Am häufigsten werden Industriekletterer mit einer vorherigen Ausbildung als Metallbauer, Mechatroniker, Tischler, Dachdecker sowie Maler und Lackierer gesucht.

Teams unterschiedlicher Gewerke

Robert Dulz (Mitte, rote Hose) beim Training eines Ausbildungslehrgangs (Foto: AERMAX GmbH)

Die Gewichtung der Qualifikationen folgt einer klaren Hierarchie. „An erster Stelle steht für uns das handwerkliche Können“, beschreibt Robert Dulz die. Und die Begründung des Aufsichtführenden Höhenarbeiters der AERMAX GmbH (https://aermax.de/) ist so einfach wie einleuchtend: „Den Umgang mit dem Seil, also das Klettern, kann jeder lernen. Umgekehrt gelingt es eher selten und würde es einen viel zu hohen Kostenaufwand verursachen, aus einem guten Kletterer einen Top-Handwerker machen zu wollen.“ Christine Gunia von der GEARS GmbH (https://www.gears-gmbh.de/) in Steinau an der Straße nennt noch einen weiteren Grund für die Präferenz des handwerklichen Geschicks. „Nicht selten“, weiß sie aus Erfahrung, „muss im Seil ein unerwartetes fachliches Problem gelöst werden. Denn trotz aller akribischen Vorbereitung bietet sich manchmal erst mit dem Erreichen des Arbeitsortes ein kompletter Überblick über den Ist-Zustand der Anlage oder des Gebäudes.“ Im Übrigen beobachtet der Chef von HanseClimbing GmbH (https://www.hanse-climbing.de/), Felix Leuschner, dass die Qualitätsansprüche der Auftraggeber an das handwerkliche Können seiner Leute beständig steigen.

Im unternehmerischen Alltag hat das zur Folge, dass die seilzugangstechnischen Betriebe ihre Teams je nach Auftrag aus Mitarbeitern unterschiedlicher Gewerke zusammenstellen oder zur Ergänzung entsprechend ausgebildete Freelancer unter Vertrag nehmen. Bevor die Industriekletterer mit der Arbeit beginnen (können), schaut sich der Aufsichtführende Höhenarbeiter die Baustelle an und erstellt eine durch die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) vorgeschriebene objektbezogene Gefährdungsermittlung. Anschließend arbeitet er die objektbezogene Betriebsanweisung aus. In der legt er die Zugangswege sowie die Anschlagpunkte für die Seile fest und beschreibt eventuell notwendig werdende Rettungen. Diesem Punkt kommt eine große Bedeutung zu. Immerhin verfügen die normalen Rettungsdienste für derartige Einsätze weder über das erforderliche Equipment noch besitzen sie eine entsprechende Ausbildung. Deshalb können nur die eigenen Kollegen retten. So arbeiten Industriekletterer stets im Team, mindestens aber zu zweit, alleine niemals.

Bei Wind und Wetter

Für die Betonsanierung brauchen Industriekletterer eine besondere Weiterbildung (Foto: GEARS GmbH)

Industriekletterer werden immer dann gerufen, wenn schnelle, flexible und kostengünstige Alternativen zu teuren Gerüsten oder Arbeitsbühnen bei Bauarbeiten, Montagen, Wartungen, bei der nach SIVV (Schützen, Instandsetzen, Verbinden und Verstärken) zertifizierten Betoninstandsetzung, bei Reparaturen on- und offshore, bei Reinigungsaufträgen, bei der Dokumentation, der Erstellung von Gutachten sowie dem Einsatz zerstörungsfreier Prüfverfahren gesucht sind. „Wir arbeiten dort, wo sonst kein anderer hinkommt“, formuliert es Robert Dulz salopp. Der Mannheimer war auch schon bei frostigen 15° minus am Nordkap im Einsatz. Es galt, eine havarierte Windkraftanlage wieder flott zu machen. Auftraggeber, die bereits mit Industriekletterern zusammengearbeitet haben, möchten sie nicht mehr missen. Doch hat sich ihr Können noch nicht bei allen Bauingenieuren und Architekten herumgesprochen. Dabei würde es ihre konstruktiven Möglichkeiten erheblich ausweiten.

Industriekletterer erwerben ihre Qualifikation hierzulande in drei Stufen. Jedes Level setzt einen ein- bis eineinhalbwöchigen Ausbildungslehrgang voraus, Level III zusätzlich den Nachweis von mindestens 250 Einsatztagen auf dem Niveau von Level II. Die praktischen Einsatzzeiten bestätigt der Aufsichtführende Höhenarbeiter in einer Art Logbuch. Industriekletterer mit der Qualifikation auf Level I dürfen nur im vertikalen Seilsystem tätig werden, mit der Qualifikation auf Level II, worüber die Mehrzahl der Industriekletterer verfügt, auch im horizontalen System. Die Qualifikation Level III ist Voraussetzung für die Übernahme einer Führungsfunktion als Aufsichtführender Höhenarbeiter. Er plant die Einsätze, ist Ansprechpartner für die Baustellenleitungen vor Ort, dokumentiert die täglichen Arbeiten in einem Protokoll, bei komplizierten Aufgaben auch visuell. Besondere Verantwortung besitzt er darüber hinaus für die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz der eingesetzten Industriekletterer.

Jack of all Trades

Reinigungsarbeiten an der Glasfassade der NORD LB-Zentrale in Hannover (Foto: GEARS GmbH)

Die Zahl nur weniger Unfälle spricht für die absolute Professionalität der kleinen Community. Die Zahl der Industriekletterer liegt nach Schätzungen von FISAT bei ca. 3.500. Industriekletterer setzen in der Arbeitssicherheit auf redundante Systeme. Was nichts anderes heißt, als dass sie stets mit zwei Seilen arbeiten, einem Trag- und einem Sicherungsseil. Das Tragseil dient dem Auf- und Abstieg sowie der Querbewegung, um sich an der jeweiligen Arbeitsstelle zu positionieren. Das Sicherheitsseil hat dagegen nur die Aufgabe, den Seilarbeiter im Notfall aufzufangen. Die Ausrüstung, Gurte, Seile und Karabiner, müssen zum Gebrauch zugelassen sein und werden jährlich von einer sachkundigen Person überprüft. Tatsächlich ist der Sicherheitsaspekt etwas, das jedem Industriekletterer in Fleisch und Blut übergeht. Im Ergebnis fallen deshalb wahrscheinlich jedes Jahr mehr Fassadenmonteure vom Gerüst und stürzen mehr Bergsteiger in die Tiefe als Industriekletterer bei ihrem Job verunglücken, der in der Öffentlichkeit als gefährlich wahrgenommen wird.

Kati Lopes Victorio, gelernte Feinwerkmechanikerin mit Meisterbrief als Metallbauerin und seit zwei Jahren Industriekletterin bei der Hamburger Firma HanseClimbing GmbH, bestätigt die hohen Sicherheitsanforderungen für ihren Job. „Als Industriekletterer muss man immer einen Plan haben“, erklärt sie. Das beginnt bei der Festlegung der Anschlagpunkte zur Befestigung der Seile und endet bei der Einteilung der Pausen zur Aufrechterhaltung der Konzentration noch lange nicht. Soll heißen, in diesem Beruf braucht es die Mischung aus Planung und Improvisation. „In der Werkstatt kostet ein vermeidbarer Fehler vielleicht den Daumen“, weiß Kati Lopes Victorio, „wir aber bezahlen ihn mit dem Leben.“ Dennoch liebt die Hamburgerin ihren Beruf. „Ich mag es, wenn jeder Tag neue Anforderungen bereit hält.“ Und wie! Sie genießt diese Vielfalt. Sie genießt es auch, nicht nur mit den Händen, sondern genauso mit dem Kopf arbeiten zu müssen. In England würde man sagen, Industriekletter sind Jack of all Trades, zu Deutsch Alleskönner. Kati Lopes Victorio ist genau das.

Breite Auftragspalette und kein Tag wie der andere

Die Metallbaumeisterin Kati Lopes Victorio klettert seit zwei Jahren professionell für das Hamburger Unternehmen HanseClimbing GmbH (Foto: HanseClimbing GmbH)

Die Auftragspalette unterscheidet sich von Standort zu Standort stark. Einsätze zur Schweißnahtsichtprüfung auf den Kranbrücken im Hamburger Hafen, für die Kati Lopes Victorio immer mal wieder eingeteilt wird, sind auf dem flachen Land eher die Ausnahme. Reinigungsaufträge stehen bei Kati Lopes Victorio nicht sehr hoch im Kurs, weil bei der Fassadenreinigung etwa die Routine überwiegt. Bei der Fassadenreinigung beispielsweise kommen immer wieder nur drei einfach zu handhabende Grundwerkzeuge zum Einsatz. In der Silo- und Brunnenreinigung wird mit Ganzkörperschutzanzügen und Atemschutz gearbeitet. Beides bedeutet eine hohe körperliche Belastung. Für viele Firmen aber ist es das Brot- und Buttergeschäft. Da klettert Kati Lopes-Victorio doch lieber am Leuchtturm von Amrum. Gleichwohl ist auch dafür körperliche Fitness unabdingbar. „Zumal wir oft auch wegen beengter Verhältnisse in ungewöhnlichen Zwangshaltungen arbeiten müssen“, wie Robert Dulz von der AERMAX GmbH weiß. Industriekletterer im Vorrentenalter sind eher selten. Noch etwas sollte allen deutlich sein, die mit einer Tätigkeit als Industriekletterer liebäugeln. Der Job ist eine Montagetätigkeit.

Deshalb verbringt man die meisten Wochen des Jahres auf irgendeiner Baustelle in Deutschland, nicht selten sogar im Ausland, offshore sogar mehrere Wochen am Stück. Für die Berufsausübung international empfiehlt es sich angesichts des weltweiten Bekanntheitsgrades, das Zertifikat der im englischen Ashford ansässigen Industrial Rope Access Trade Association (IRATA) zu erwerben. Bei der Arbeitsplatzsuche ist dieses Zertifikat ein dicker Pluspunkt. Für den Einsatz im Offshore-Bereich werden zusätzliche spezielle Qualifikationen erforderlich. Wenn es um das berufliche Klettern geht, denken viele an die Baumkletterer. Die sind öffentlich viel öfter zu sehen als die Industriekletterer. Der Zugang ist allerdings ein anderer. Baumkletterer bedürfen mindestens eines abgeschlossenen Seilkletter-A Kurses, wer nicht nur mit der Hand- sondern auch der Motorsäge arbeiten möchte sogar des Seilkletter-B Kurses. Als Zugangsberufe zählen Ausbildungen zum Forstwirt, Gärtner oder Garten- und Landschaftsbauer.

Planung vor Spontanität

Christine Gunia von der Firma GEARS GmbH (Foto: privat)

Bleibt zum Schluss die Frage nach den persönlichen Stärken eines erfolgreichen Industriekletterers. Christine Gunia von der GEARS GmbH kennt sie. Es gibt keine Reihenfolge. Sie sind alle gleich wichtig. Wohl aber nicht von ungefähr nennt sie als erstes die Fähigkeit wie die Bereitschaft, im Team arbeiten zu wollen und zu können. „Alleingänge gibt es in unserem Job nicht“, begründet sie, „Industriekletterer arbeiten IMMER im Team.“ Kati Lopes Victorio bestätigt das nachdrücklich. „In unserem Beruf musst du nichts alleine schaffen. Es sind stets Kollegen da, die du fragen kannst und die dir helfen.“ Und im Einsatz passt einer auf den anderen auf. „Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein sollten unbedingt dazu kommen“, setzt Christine Gunia ihre Aufzählung fort. „Darüber hinaus benötigen Industriekletterer ein gutes Planungsvermögen.“ Doch müssen sie gleichzeitig auch genauso gut improvisieren können.

Gunia weist noch auf zwei weitere Dinge hin, die einen guten von einem weniger guten Industriekletterer unterscheiden. „Alle Arbeitsschritte und alle Handgriffe stets und ständig unter Sicherheitsaspekten zu überprüfen“, ist es Christine Gunia wichtig zu betonen, „darf einen Industriekletterer weder nerven noch darf es zur stupiden Routine werden.“ Tatsächlich ist hierfür von Montag bis Freitag und von Arbeitsbeginn bis Arbeitsende volle Konzentration notwendig. Es hängt das Leben davon ab, jeden Tag. Natürlich geht es zum guten Schluss nicht ohne körperliche Fitness und einen Lebenswandel, der sie über viele Berufsjahre auf hohem Niveau erhält. Ein allerletzter Hinweis. Industriekletterinnen wie Kati Lopes Victorio sind bislang eine exotische Minderheit. Ihr Anteil unter allen berufstätigen Höhenarbeitern beträgt kaum mehr als zwei Prozent. Dabei ist die Metallbaumeisterin überzeugt, dass Teams mit ganz unterschiedlichen Talenten die besten Ergebnisse erzielen können. „Das Geschlecht“, ist sie überzeugt, „spielt da keine Rolle.“



Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.11.2020)

Berufstätige Industriekletterer (in Deutschland): ca. 3.500 (Schätzung FISAT). Davon verfügen rund 400 Industriekletterer nicht nur über ein FISAT-Zertifikat, sondern auch über eine Zertifizierung anderer Zertifizierungssysteme (IRATA, SOFT, ANETVA, SHRV, SPRAT). Industriekletterer arbeiten sowohl in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis als auch als Freelancer.
Altersstruktur berufstätiger Industriekletterer:  keine Daten vorhanden.
Arbeitslose Industriekletterer: keine Daten vorhanden.
Ausbildung: viele Unternehmen verfügen über eigene Ausbildungszentren und bilden ihre Nachwuchskräfte selbst aus.
Die Ausbildung erfolgt stufenweise von Level I bis Level III. Einzelheiten unter: https://www.fisat.de/fisat/zertifizierung/ausbildung/
Für internationale Einsätze empfiehlt sich eine Ausbildung und Zertifizierung nach den Vorgaben der IRATA. Einzelheiten unter: https://irata.org/de/seite/schritt-fuer-schritt-leitfaden-de/
Die Ausbildungskosten belaufen sich auf 700 Euro bis 1.200 Euro pro Kurs. Zahlreiche Arbeitgeber beteiligen sich an diesen Kosten. Dazu kommen Kosten für das Equipment von rund 1.000 Euro.
Einkommen: abhängig vom Erstausbildungsberuf, Unternehmensgröße, Standort und Qualifikationsstufe. Die Einkommen liegen in der Regel ein Drittel bis zur Hälfte über den Bezügen des Erstausbildungsberufes.
Weiterführende Informationen:

 

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