Heinz Jörg Fuhrmann – Stahl und Eisen verpflichtet, den Menschen zugetan

Von Hans-Martin Barthold | 15. Oktober 2021

 

Heinz Jörg Fuhrmann (Foto: Salzgitter AG)

Er tritt in den Raum wie die letzten 25 Jahre immer: dunkler Anzug, Krawatte, Ledermappe, offener Blick auf das Gegenüber. Sein Sekretariat kannte ihn nur so. Gepflegt und elegant, doch immer dezent. Freundlich, aber auf den Punkt konzentriert. Zugewandt, gleichwohl nie kumpelhaft. An Sneakers, Jeans und Pullover kann sich deshalb auch nach mehr als zwei Jahrzehnten niemand erinnern. Doch etwas ist an diesem Tag anders. Heinz Jörg Fuhrmann empfängt mich nicht mehr in seinem Vorstandsbüro in der Zentrale der Salzgitter AG. Stattdessen treffen wir uns im Clubraum eines Hotels. Nicht, weil von unserem Gespräch niemand etwas erfahren soll, sondern weil die Zeit des hoch gewachsenen Mannes am Steuerpult des niedersächsischen Stahlherstellers vor wenigen Monaten, am 30. Juni, endete. Im Ruhestand befindet sich der promovierte Eisenhütteningenieur und Honorarprofessor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen gleichwohl noch immer nicht.

Gerade in diesen Wochen quillt sein Terminkalender über. Eine Aufsichtsratssitzung folgt der nächsten. Auf die unbestechlichen Analysen des gebürtigen Duisburgers, aus denen er stets sachlich zutreffende Entscheidungsvorschläge ableitet, mögen viele Unternehmen weiterhin nicht verzichten. Rationales, auf belastbaren Fakten basiertes Handeln prägt seinen Lebenslauf von Anbeginn an. Ein starker Gerechtigkeitssinn und seine rhetorische Begabung lassen ihn bei den Überlegungen, was nach dem Abitur folgen soll, zunächst an ein Jurastudium denken. Mit Blick auf das deutliche Missverhältnis der Menge von Absolventen zur geringen Zahl an Stellenangeboten sowie der Unschärfe zwischen Recht und Gerechtigkeit nimmt er davon allerdings bald wieder Abstand. Er folgt stattdessen seinen technisch-naturwissenschaftlichen Interessen. Mit seinem Vater hat er ein anschauliches Beispiel im engsten Umfeld. Der arbeitet als Maschinenbauingenieur bei Mannesmann-Demag. Heinz Jörg Fuhrmanns Suche nach einer engen Verbindung von Ingenieurkunst und Naturwissenschaft führt ihn schließlich zur chemischen Verfahrenstechnik.

Von Plänen und Chancen

Heinz Jörg Fuhrmann (3. v. li.) beim „1. Niedersächsischen Stahldialog“ 2016 vor der Presse (Foto: Salzgitter AG)

Einschreiben aber wird er sich am Ende im Studiengang Eisenhüttenkunde, auch einer Form der Verfahrenstechnik. Ausschlaggebend dafür ist neben dem Vorschlag eines väterlichen Freundes und Betriebsdirektors der Thyssen AG, der auf die große Nachfrage nach derartigen Spezialisten hinweist, vor allem eine Werksbesichtigung in dessen Begleitung. „Die archetypische Produktionstechnik von Erde, Feuer, Wasser, Luft und Hightech zogen mich unwiderstehlich in ihren Bann“, formuliert Fuhrmann seine bis heute anhaltende Faszination. Für Außenstehende mag es eine der damaligen Wirtschaftsstruktur des Ruhrpotts geschuldete Berufswahl sein. Für ihn selbst ist sie indessen eine, die seinen ganz persönlichen Begabungen und Vorlieben folgt, aber zugleich die Prägung seiner regionalen Herkunft atmet. Und da waren Eisen und Stahl stets gegenwärtig. So, wenn sich abends der helle Feuerschein der Thomas-Konverter in den Fenstern seines Kinderzimmers spiegelt.

Noch etwas bestimmte die Berufswahl des Abiturienten Fuhrmann. In Duisburg, damals in den Wirtschaftswunderjahren noch eine reiche Stadt, hinterließ die erste Ölkrise tiefe Bremsspuren. „Die Sicherheiten eines vermeintlich stetigen Wachstums zerstoben im Wind globaler Realitäten. Viele meiner Generation begriffen, für den Erfolg ab sofort fester zupacken zu müssen.“ Der Studienbeginn an der RWTH Aachen fiel ihm leicht. Das Diplom am Ende der Regelstudienzeit, bewertet mit magna cum laude, beides für die damalige Studentencommunity eher ungewöhnlich, öffnet ihm beruflich alle Türen. „Ich war Zeit meines Lebens zielstrebig und ehrgeizig“, gibt er zu, „doch ohne dass ich mich je vom Ehrgeiz hätte zerfressen lassen.“ Einen Plan, wann man welche Karrierestufe erreicht haben sollte, habe er nie aufgestellt, versichert er. Und es klingt glaubwürdig. Für viel wichtiger hält er es, Chancen zu erkennen und sie dann entschlossen beim Schopfe zu packen. „Ich hatte mir nie vorgenommen, mit 40 Jahren im Vorstand eines Unternehmens zu sein“, erklärt er, „und war es dann doch schon mit 39.“

Beruf ist mehr als nur Broterwerb

Heinz Jörg Fuhrmann auf dem Steuerstand des Grobblechwalzwerkes Ilsenburg (Foto: Salzgitter AG)

Freilich fiel ihm dieser Erfolg nicht einfach so in den Schoß. „Chancen bekommt am Ende nur der Tüchtige“, bemüht Fuhrmann den Volksmund. Für genauso wichtig hält er freilich: „Du musst aber auch bereit und in der Lage sein zu zeigen, dass du mehr kannst, als nur das, wofür man dich eingestellt hat.“ Das Angebot der RWTH zu einer Promotion schlägt er gleichwohl aus. „Ich wusste ja, wie der Arbeitsalltag eines Assistenten an der Hochschule aussah. Und das fand ich weniger spannend.“ Tief in ein Thema abtauchen ja, aber nicht sieben Jahre lang über die vierte Hinterkommastelle forschen. Wissen war und ist für Heinz Jörg Fuhrmann der Schlüssel zur Lösung konkreter Alltagsprobleme. Deshalb entschied er sich zum Berufseinstieg für einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Betriebsforschungsinstitut (BFI) des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute (VDEh) in Düsseldorf. Heute würde man das BFI wohl als anwendungsorientiert ausgerichteten Thinktank für neue Technologien in der Eisen- und Stahlindustrie bezeichnen.

Warum er nach drei Jahren in die Unternehmenswelt wechselt? Mit der Angestelltenmentalität vieler seiner Kollegen am BFI vermag er sich nicht anzufreunden. „Für mich war der Beruf stets mehr als nur eine Tätigkeit zum Broterwerb, die, komme was wolle, um 16 Uhr endet“, nennt Heinz Jörg Fuhrmann den Grund. Gar nicht selten passierte es, dass er auch am Wochenende ins Institut fuhr. Nicht um bei seinem Vorgesetzten Pluspunkte zu sammeln, sondern weil er sich im 3-Mann-Büro nicht so auf seine Aufgaben zu konzentrieren vermochte, wie es sein Anspruch war. Als Last hat er das nicht empfunden, als Unglück schon gar nicht. Es ergab sich einfach so. Punkt. Vor diesem Hintergrund verwundert seine vornehme Zurückhaltung in der aktuellen Diskussion um eine ausgewogene Work-Life-Balance nicht, denn er denkt stets ganzheitlich. Der Beruf sei immanenter Bestandteil des Lebens, formuliert er seine Überzeugung kurz und knapp. „Die künstliche Trennung beider Bereiche verhindert“, so seine Erkenntnis, „dass Menschen glücklich werden.“

Gegen den Wind zum Erfolg

Heinz Jörg Fuhrmann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Indiens Ministerpräsidenten Narendra Modi auf der Hannover Messe 2015 (Foto: Salzgitter AG)

Den Wechsel zum Stahlproduzenten Klöckner vollzog er gut vorbereitet. Seinen Vorgänger auf der angestrebten Position lernt er auf einer Tagung kennen. Und entdeckt viele persönliche Gemeinsamkeiten: die berufliche Passion, die strikte Logik des Denkens, den kritischen Blick auf das unternehmerische Tun. Da musste die Stelle einfach passen. Genauso ist es dann. Aber warum der Underdog Klöckner-Werke und nicht einer der Platzhirsche wie Thyssen, Krupp oder Mannesmann? „Die Erfolge der Vergangenheit hatten sie selbstgefällig und träge gemacht“, schildert er seine Kontakte mit den Big Three der Stahlindustrie. Soll heißen, neue Ideen waren unerwünscht, denn sie störten die beschauliche Ruhe der Alteingesessenen. Unternehmerische Probleme wurden allzu häufig über den kurzen Draht zur Politik gelöst. Das erlebte er bei Klöckner ganz anders. Das Unternehmen, politisch weniger systemrelevant, stand nicht so sehr technisch, umso mehr aber wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Deshalb suchte man ebenso leistungsstarke wie leistungsbereite Fachkräfte, denen schnell umfangreiche Verantwortung übertragen werden konnte. „Hier interessierte nur der Output“, beschreibt er die Situation. Es war genau das, was Heinz Jörg Fuhrmann suchte. Und was zu ihm passte.

An die Initialzündung seiner Karriere erinnert sich der langjährige Vorstandsvorsitzende der Salzgitter AG noch, als wäre es gerade gestern gewesen. „Ich war Referent in der Technischen Betriebswirtschaft und bei Abwesenheit stellte der Hauptabteilungsleiter sein Telefon regelmäßig auf meines um.“ So auch an besagtem Tag. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Personalchef für Leitende Angestellte, der gewohnheitsmäßig die Vorstandssitzungen zu protokollieren hatte. Doch sucht er nicht den Referenten, sondern den Chef. Der Vorstand erwartet das Protokoll der letzten Sitzung nämlich noch am gleichen Tag. Und der arme Mann kann einen wichtigen Tagesordnungspunkt wegen lückenhafter Notizen und fehlender technischer Kompetenzen nicht zu Papier bringen. Was tun? Handys gab es noch nicht. Also bietet Fuhrmann seine Hilfe an. Sein telefonisches Gegenüber willigt zaghaft, weil ohne große Hoffnung, ein. Doch Fuhrmann gibt den Sachverhalt in bestechender Präzision wieder. Dem Personalchef für Leitende Angestellte fällt ein Stein vom Herzen.

Karriere als Lohn des Einsatzes

Heinz Jörg Fuhrmann (li.) im Dialog mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (Mitte) und dem Europaabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen Andreas Bütikofer (Foto: Salzgitter AG)

Wohl weniger aus Dankbarkeit als vielmehr die nächsten Stellenbesetzungen im Blick beendet der Personalmanager das Gespräch mit einer Frage und einer Aufforderung. „Wer sind sie eigentlich?” Und: “Kommen sie doch mal bei mir vorbei.“ Von da an besaß er, was man im Personalersprech einen Sichtbarkeitsbonus nennt. Daraus entwickelte sich die nächste Chance, die er zu nutzen wusste. Zuerst, Heinz Jörg Fuhrmann ist gerade einmal 29 Jahre jung, übernimmt er die Leitung der Abteilung Unternehmensstrategie. Wenig später wird er Leiter der Hauptabteilung Verarbeitung/Technische Organisation mit Prokura. Nur zehn Jahre nach seinem Einstieg ist er schließlich Hauptabteilungsleiter Controlling und der jüngste Direktor in der Holding der Klöckner-Werke AG. In einigen dieser Funktionen trägt er auch für die nichtstahlbezogenen Unternehmensaktivitäten Verantwortung. Da wurde der Stahlfachmann Fuhrmann nicht immer mit offenen Armen empfangen und musste sich den Respekt der Mitarbeiter erst hart erarbeiten. Was ihm gelang.

Die Begründungen dafür sind vielfältig. Neben einer überdurchschnittlichen fachlichen Kompetenz und den klassischen Soft Skills wie Hartnäckigkeit, Disziplin, Neugier, Durchsetzungsstärke, Empathie, Courage, Geradlinigkeit und der Fähigkeit zur Selbstkritik sind es vor allem seine Bodenhaftung und ungekünstelte Natürlichkeit, die seine Mitarbeiter an ihm schätzen. Zwar ist er ihr Chef, aber doch ist er zugleich einer von ihnen. Er weiß, wovon er spricht, und hätte sich deshalb nie zugetraut, ein Krankenhaus oder eine Schokoladenfabrik zu führen. „Ein Manager muss Kenntnisse vom Gegenstand seiner Arbeit und der Produktpalette seines Unternehmens besitzen“, formuliert er seine Führungsphilosophie. Das gilt in einem Stahlunternehmen – und zwar auf sämtlichen Hierarchiestufen – besonders. Schließlich sind die Gefahren hier permanent und unmittelbar. „Dass da einer auf den anderen achtet, geht jedem Einzelnen in Fleisch und Blut über“, weist er auf die Besonderheiten seiner Branche. „Die Arbeitsstrukturen in der Stahlindustrie sind gelebte Solidarität.“ Auch Fuhrmann fühlt sich dieser Solidarität verpflichtet und hat sie geliebt. Kein schwerer Betriebsunfall, bei dem er nicht unverzüglich an Ort und Stelle war.

Wissen, Erkenntnis und Bodenhaftung

Heinz Jörg Fuhrmann am Rednerpult der Hauptversammlung der Salzgitter AG (Foto: Salzgitter AG)

Gleichwohl ist Heinz Jörg Fuhrmann zu keiner Zeit einer, der sich unter der Rubrik pflegeleicht einordnen lässt. Schon als Schüler nicht. „Wenn du anderer Meinung bist“, gibt ihm seine Mutter, obschon keine Protagonistin antiautoritärer Erziehung, mit auf den Weg, „dann sag das. Doch versuche es immer zu begründen.“ Das hat ihn lebenslang geprägt. „Mit Kritik kann ich leben“, gibt er einen Blick in sein Innerstes frei, „auch wenn ich nicht krampfhaft danach suche. Womit ich schlecht umgehen kann, sind Unwahrhaftigkeit, Tricksereien und Lügen.“ Heinz Jörg Fuhrmann kämpfte stets mit offenem Visier, innerhalb des Unternehmens ebenso wie bei seinen Außenkontakten. Für taktische Manöver taugte er deshalb ganauso wenig wie für das verdeckte Spiel über die Bande. Manche empfanden ihn deswegen als schwierig, einige sogar als sperrig. Aber so ist er. Es ging ihm stets um Wissen und unverfälschte Erkenntnis. Beides betrachtet er als unabdingbare Grundlage für intelligente Problemlösungen.  Freilich bedeutet Wissen für ihn immer auch, sich der Grenzen des eigenen Wissens bewusst zu sein.

Darüber hinaus wusste der Unternehmenslenker Fuhrmann nur zu gut, wie schnell Macht, auch die eines Vorstandsvorsitzenden, verfällt, wenn sie nicht lernfähig ist. Auf diese Demut hat er bei sich und anderen stets großen Wert gelegt. Dazu ist er tief überzeugt, dass gute Führung nur gelingt, wenn sie nachhaltig gedacht wird. Von Managementquickies, wie er sie nennt, die es auf keiner Stelle lange aushalten und deshalb von Job zu Job fliehen (müssen), hält er wenig. Freilich weiß er auch, dass er in den europäischen Stahlunternehmen allmählich einem Fossil gleichkam. So viele Jahre wie er stand keiner der heutigen CEO‘s an der Spitze eines solchen Unternehmens. Damit noch einmal zurück an den Beginn seiner Karriere. Nach seinem Einstieg bei den Klöckner-Werken merkt er schnell, wie notwendig ökonomisches Wissen für jedwede Managementtätigkeit ist. Er beginnt ein wirtschaftswissenschaftliches Fernstudium und schließt wenig später eine mit Auszeichnung benotete Promotion an. Dafür bearbeitet er ein Thema, das die Klöckner-Werke als Betreiber der Bremer Hüttenwerke brennend interessiert. Es geht um die kostengünstige Erzversorgung eines Küstenstahlwerkes ohne Anbindung an einen tiefseegängigen Hafen.

In Krisen wachsen

Der Chefredakteur von „Capital“, Kai Stepp, überreicht Heinz Jörg Fuhrmann (li.) den Investor-Relations-Preis für besonders glaubwürdige Kommunikation gegenüber Anlegern und Investoren (Foto: Salzgitter AG)

Sowohl das Fernstudium als auch die Dissertation erweisen sich als überaus zeitintensiv. Seine beiden Chefs, Ludwig von Bogdandy, ein herausragender Metallurge, und der  Vorstandsvorsitzende Herbert Gienow, in der Stahlbranche eine Legende, unterstützen das Promotionsvorhaben wohlwollend. Eine auch nur zeitweilige Freistellung aber können sie Fuhrmann nicht anbieten. Dazu ist Klöckners Finanz- und Personaldecke viel zu dünn. Das heißt für Heinz Jörg Fuhrmann, die Ärmel hoch zu krempeln. Viele Dutzende Wochenenden werden zu Arbeitseinheiten umfunktioniert, Urlaube fallen über mehrere Jahre aus. Doch es ging halt nur so! Denn die Klöckner-Werke befanden sich in einer existenziell bedrohlichen Lage. Er murrt darüber nicht. Allerdings gibt er dankbar zu, dass er diese Mehrfachbelastung von Job, Fernstudium und Promotion ohne die tatkräftige Unterstützung seiner Frau wohl kaum erfolgreich hätte bewältigen können. Die zweite Ölkrise beschert staatlich festgelegte Produktionsquoten und Preise. Klöckners Vorstandsvorsitzender Herbert Gienow ignorierte das Eine wie das Andere. Die Klöckner-Werke werden nach Ausschluss aus der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl vom Underdog zum Outlaw. Doch hätte das staatliche Diktat bedeutet, die Bremer Hütte nur zu einem Drittel auslasten zu können.

„Das setzte nicht nur den Wettbewerb außer Kraft, sondern wäre auch einem wirtschaftlichen Selbstmord gleich gekommen“, ist sich Fuhrmann noch heute sicher. Kein Tag verging ohne intensive Diskussionen. Am Vorbild ihres Vorstandsvorsitzenden lernten die Nachwuchsmanager im Schnellkurs, nicht zu allem devot Ja und Amen zu sagen. Die Bußgeldbescheide auf dem Schreibtisch Herbert Gienows erreichen schwindelerregende Höhen. Manchmal trafen die Gehälter erst mit tagelanger Verspätung auf den Konten ein. „Doch alle blieben. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft“, schwärmt Heinz Jörg Fuhrmann noch Jahrzehnte später. Seitdem bedeutet ihm in sachlicher Überzeugung gründende Loyalität viel. Sie wird für ihn zu einer werteorientierten Lebenshaltung. Seine Vorgesetzten und Kollegen konnten sich darauf zu allen Zeiten verlassen. Noch etwas lernte Heinz Jörg Fuhrmann in diesen Monaten. Wie viel man mit motivierten Mitarbeitern erreichen kann. Als letzten Beweis in seiner eigenen aktiven Zeit nennt er die Bewältigung der Corona-Krise in Salzgitter. Das Vorsteuerergebnis der ersten sechs Monate dieses Jahres war das höchste seit 2008.

Selbstbehauptung in schwierigen Zeiten

Heinz Jörg Fuhrmann (Mitte) zum Börsengang der Salzgitter AG am 2. Juni 1998 (Foto: Salzgitter AG)

Dem Strudel der x-ten Stahlkrise vermochten die inzwischen stark geschwächten Klöckner-Werke Anfang der 1990 Jahre nichts mehr entgegenzusetzen. Der charismatische Herbert Gienow erreichte das Pensionsalter und schied aus dem Unternehmen aus. Der vom Großgläubiger Deutsche Bank inthronisierte Sanierer Karl-Josef Neukirchen verkaufte eine Stahlhütte nach der anderen. Klöckner mutierte vom Stahlhersteller zum Maschinenbauer und Kunststoffverarbeiter. Hans-Joachim Selenz, ehemals Stahlwerkschef der Georgsmarienhütte, jetzt Technischer Vorstand der Preussag Stahl AG, schlägt Fuhrmann einen Wechsel nach Hannover vor. Der signalisiert seine Bereitschaft. Doch der Vorstandsvorsitzende winkt ab. Ein Rebell aus der ehemaligen Mannschaft Herbert Gienows war ihm suspekt. Selenz lenkt ein und verständigt sich mit Fuhrmann zu warten. Der Vorstandsvorsitzende geht in wenigen Monaten in Rente.

Heinz Jörg Fuhrmann nutzt die Zeit. Als Leiter des kaufmännischen Geschäftsführungsressorts der Klöckner-Konzerntochter Peguform sammelt er Erfahrung in der betrieblichen Umstrukturierung. Keine leichte Aufgabe. Denn der Automobilzulieferer Peguform hat es bei seinem größten Kunden VW mit dem berüchtigten Einkaufschef José Ignacio López zu tun. Der feilscht unbarmherzig um jeden halben Pfennig. Zudem sind sich die beiden verbliebenen Geschäftsführer im eigenen Haus nicht grün. Die Situation kommt einem Tsunami gleich, in dem es gilt, nicht unterzugehen. Heinz Jörg Fuhrmann gelingt es auch hier, klaren Kopf zu behalten. Sieben Monate später, 1995, dann der Wechsel zur Preussag Stahl AG, aus der 1998 die Salzgitter AG hervorgeht. Auch die Preussag Stahl AG befindet sich in unruhigem Fahrwasser. Der Mutterkonzern möchte sie an ausländische Wettbewerber verkaufen, Hans-Joachim Selenz sie dagegen als eigenständiges Unternehmen etablieren. Das gelingt ihm zwar, aber trotzdem muss er gehen. Der Spiegel titelt: „Preussag – Wildwest auf der Chefetage“.

Auf dem Gipfel

Heinz Jörg Fuhrmann (li.) mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates Heinz-Gerhard Wente (Foto: Salzgitter AG)

Fuhrmann wird in Salzgitter zunächst Leiter der Zentralen Unternehmensplanung mit Generalvollmacht, wenig später Mitglied des Vorstandes. Es warten Herkulesaufgaben auf ihn, denn auch in Salzgitter lebt man bisweilen in der trügerischen Hoffnung, sich vor den Sturmböen unausweichlicher Veränderungen wegducken zu können. Fuhrmann muss der Belegschaft reinen Wein einschenken und bringt ein Ergebnisverbesserungsprogramm auf den Weg. Das wird von der Belegschaft in Anlehnung an die bekannte US-amerikanische Unternehmensberatung McKinsey schon bald nur noch McFuhrmann genannt. Doch trägt es schnell Früchte. Das nötigt Kollegen, Mitarbeitern und Betriebsrat Respekt ab. Sein Vertrauensspielraum wächst. 2000 schließlich rückt Fuhrmann zum Finanzvorstand auf. Wenn, wie er es schildert, auch nicht geplant, so besitzt Heinz Jörg Fuhrmann nun aber Erfahrungen in allen Feldern, die ein erfolgreicher Konzernlenker benötigt.

Er ist einer, der die Herzkammern eines Stahlunternehmens, die strategische (technische) Entwicklung, die Produktion und die Finanzen, kennt wie kaum ein zweiter. Dazu hat er im Sturm von Krisen als erfolgreicher Sanierer Kurs gehalten. Und er hat ein Gespür dafür, wann es notwendig ist, den Rücken gerade zu machen. Beim nächsten Wechsel an der Spitze kann niemand mehr an ihm vorbeigehen. Tatsächlich braucht er all das, um die Salzgitter AG, der er ab 2011 als Vorstandsvorsitzender vorsteht, in eine keineswegs einfache Zukunft zu führen. Die ist von weltweiten Überkapazitäten und Dumpingpreisen vieler staatlich subventionierter Wettbewerber aus politisch mächtigen Ländern geprägt. Die Transformation zur Dekarbonisierung beschert Heinz Jörg Fuhrmann eine letzte große Herausforderung. Er nimmt sie an. Die Salzgitter AG ist bei seinem Ausscheiden inzwischen ein Vorreiter in der Entwicklung neuer CO2-armer Produktionsverfahren. Aber Heinz Jörg Fuhrmann wäre nicht Heinz Jörg Fuhrmann, wenn er nicht im gleichen Atemzug auch auf die Gefahren der angestrebten Technologiewende hinwiese. „Denn“, ist er überzeugt, „immer wenn der Glaube an eine tatsächlich oder vermeintlich gute Sache stärker ist als die Faktenlage, geht es schief.“

Die Menschen begeistern

Stets die Zukunft gedacht – Heinz Jörg Fuhrmann vor der Elektrolyse, die den begehrten Wasserstoff liefert (Foto: Salzgitter AG)

Gibt es ein Fuhrmannsches Erfolgsrezept für den beruflichen Aufstieg? Ja, und es ist ein ganz einfaches, wenngleich kein leichtes. „Du musst die Menschen persönlich erreichen“, formuliert er es. „Und um das zu schaffen, musst du sie mögen, musst du ihnen ein natürliches Grundvertrauen entgegenbringen.“ Gleichwohl oder gerade deswegen hält der Mann mit dem stählernen Stallgeruch von Duzorgien ebenso wenig wie von zeitgeistiger Symbolik. Er ist stattdessen auf all seinen beruflichen Stationen in den Lebensalltag seiner Mitarbeiter eingetaucht. Er akzeptiert regionale Besonderheiten, ohne provinziell zu werden.  Auch im umstrittenen Feld der Frauenförderung lässt Fuhrmann es nicht an klaren Worten fehlen. „Ich bin ein großer Frauenförderer“, sagt er. Eine Frauenquote unterstütze er dennoch nicht. „Ich bin für Gleichberechtigung, aber nicht für Gleichstellung.“ Es geht ihm wie stets um Authentizität. „Die Mitarbeiter müssen die Zielkongruenz deines Handelns erkennen können“, beschreibt Heinz Jörg Fuhrmann den Kern seines Führungsverständnisses. Und dafür müsse jeder den zu ihm ganz persönlich passenden Führungsstil finden. Bei ihm wurde es eine Einheit.

 


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