Gesellschaft im Abstieg – Wenn Bildung und Fleiß nicht mehr belohnt werden

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2018

Hinweis: Dem nachfolgenden Bericht liegt der Essay von Oliver Nachtwey „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne” (Suhrkamp Verlag Berlin 2016; ISBN 978-3-518-12682-0) zugrunde.

 

Die Gleichung Guter (Aus-)Bildungsabschluss gleich sozialer Aufstieg, die für viele Absolventengenerationen der Nachkriegszeit einem Naturgesetz gleich kam, gilt schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Gegenwärtig übt hierzulande bereits ein Viertel der Akademiker eine berufliche Tätigkeit aus, für die sie überqualifiziert sind, eine vergleichsweise geringe Entlohnung erhalten und in denen sie mit instabilen befristeten Arbeitsverträgen abgespeist werden. Kinder aus nicht akademischen Elternhäusern sind davon besonders betroffen. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Studien- und Berufsberatern die Frage nach dem Bildungsmehrwert viele Male am Tag gestellt wird und sie sich mit der Antwort genauso oft schwer tun. Es überrascht auch nicht, dass bei einer Befragung vor wenigen Jahren schon jeder dritte Student angab, einen Job im öffentlichen Dienst als Ort der Beschäftigungsstabilität, Sicherheit und eines kalkulierbaren beruflichen Aufstiegs zu suchen. Und auch bei der Politik scheint die Angst angekommen. Immerhin bestimmte beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor wenigen Wochen die Sorge, dass es wegen der ungleichen Verteilung der Fortschrittsdividende aus der Digitalisierung zu gewaltigen sozialen Spannungen kommen könne, nahezu alle Foren und Diskussionen.

„Die Abstiegsgesellschaft“ – Ein Titel mit Brisanz (Foto: Suhrkamp Verlag)

Der Soziologe Oliver Nachtwey, im vergangenen Jahr auf den Lehrstuhl für Sozialstrukturanalayse der Universität Basel berufen und 2016 mit dem Hans-Matthöfer-Preis ausgezeichnet, hat über die dahinter stehende Entwicklung eine exzellente Analyse vorgelegt. Jan Bisky von der Süddeutschen Zeitung schwärmt: „Eine vergleichbar verständliche, … präzise formulierte und in sich stimmige Krisenerzählung dürfte auf dem deutschen Buchmarkt nur schwer zu finden sein.“ Zwar kann auch Nachtwey keine Lösungen anbieten. Immerhin aber stellt er die richtigen Fragen. Und er sorgt als einer der wenigen Protagonisten in der öffentlichen Debatte für Entlastung der Betroffenen. Trotz bester Ausbildung vom Abstieg bedroht zu werden, ist eine seiner zentralen Thesen, gründet nicht in individuellen Defiziten, sondern hat ihre Ursachen in gesellschaftlichen Verwerfungen.

Die Schere zwischen oben und unten öffnet sich immer weiter

„Unter der Oberfläche einer scheinbar stabilen Gesellschaft“, schreibt Nachtwey, „erodieren seit Langem die Pfeiler der sozialen Integration, mehren sich Abstürze und Abstiege.“ Allein im Jahr 2014 sollen allein 8,3 Milliarden Euro an „Produktionsausfallkosten“ nur durch Krankschreibungen wegen psychischer und Verhaltensstörungen entstanden sein. Zu dem inzwischen unübersehbaren Phänomen überqualifizierter Beschäftigung von Hochschulabsolventen liest sich das Fazit des der Panikmache unverdächtigen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nüchtern und schnörkellos, aber sehr ähnlich (https://www.iab-forum.de/ueberqualifizierung-von-akademikern-in-deutschland-die-wahrscheinlichkeit-ist-sehr-ungleich-verteilt/). Zuerst: Die Bildungsanstrengungen zahlen sich für den Einzelnen nicht mehr in der erwarteten Höhe aus. Das Zweite: Die damit vielfach verbundenen Wohlstandsverluste behindern den Wirtschaftskreislauf und sind damit auch für die Gesellschaft nachteilig. „Allerdings“, heißt es im IAB-Paper richtigerweise weiter, „sind nicht alle gesellschaftlichen Gruppen gleichmäßig betroffen. Die Wahrscheinlichkeit einer Überqualifizierung hängt … sehr stark von der Kombination individueller soziodemografischer Merkmale ab.“

Bundesweiter Bildungsstreik – Göttingen im Juni 2009 (Foto: Wikimedia/Matthias Götte)

Die folgenden Ausführungen orientieren sich an Oliver Nachtweys Essay, auf dessen Urheberschaft an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich hingewiesen wird. Auf eine detaillierte Quellenangabe wird der besseren Lesbarkeit wegen verzichtet.  Schauen wir zuerst auf seine Sachstandserhebung. 1973, so Nachtwey, begann der lange Niedergang der westlichen Ökonomien. Eine Krise, für die sie bis jetzt keine Lösung gefunden haben. Weder konnten keynsianische Stimulationsprogramme noch die neoliberale Deregulierung den Abwärtstrend aufhalten. Und auch die derzeitige Flut billigen Geldes zeigt wenig Wirkung. Zwar, räumt Nachtwey ein, sind individuelle Abstiege oder gar Abstürze bislang noch kein Massenphänomen. Kollektiv betrachtet aber geht es für die Arbeitnehmer wieder abwärts, vergrößern sich die Abstände zwischen oben und unten signifikant. Als sichtbares Zeichen dafür verweist Nachtwey auf die beständig sinkende Lohnquote als Ausdruck für die sozial unausgewogene Verteilung des neu erwirtschafteten Wohlstands.

Zunehmender Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten

Die typische Erwerbsbiografie findet sich seltener. Obschon gegenwärtig nur wenige Hochschulabsolventen ganz auf der Strecke bleiben, erreichen sie eine stabile Umlaufbahn doch erst sehr viel später als bisher. Durch die finanzielle Unterstützung der Eltern berührt das noch nicht ihren Lebensunterhalt. Allerdings, formuliert der Soziologe Nachtwey, spürt inzwischen auch die bislang gesicherte Mitte der Gesellschaft die Druckwellen, die von den Einschlägen an den Rändern der Gesellschaft herrühren. „Über den Vergleich mit den sozialen Nachbarn kriecht die Abstiegsangst die Bürotürme hinauf und in die Häuser der gepflegten Vorstädte hinein.“ Und es ist nicht nur ein „gefühlter“ Abstieg. Denn tatsächlich ist die Mittelschicht um 6,5 Prozent geschrumpft. Noch sei die Situation weniger stark durch reale Abstürze gekennzeichnet als vielmehr durch die abnehmende Aufstiegsmobilität. „Die Abstiegsgesellschaft tritt in inverser Form als Mangel an Aufstieg auf.“ Das Leistungsprinzip in Form freiwillig geleisteter und unbezahlter Überstunden oder eines stromlinienförmigen Studiums in kürzester Zeit wird gleichwohl zum pathologischen Mittel der Selbstbehauptung.

Occupy Hannover – Demonstration am 15. Oktober 2011 (Foto: Wikimedia/Oliver Hallmann)

Kommen wir zu den Zahlen, die Oliver Nachtwey zur Begründung seiner Thesen heranzieht. Das Fundament für die Aufstiegsmöglichkeiten in der sozialen Moderne, als die Nachtwey die Zeit von 1950 bis 1973 bezeichnet, war der ökonomische Wohlstand jener Jahre. Das jährliche durchschnittliche Wirtschaftswachstum betrug 4,8 Prozent. Gegenwärtig steht nur noch eine magere 1 vor dem Komma. Die Nettoreallöhne verdreifachten sich in jener Zeit, der Bruttostundenlohn eines Industriearbeiters erreichte sogar den fünffachen Wert. Das Volkseinkommen erhöhte sich um nicht weniger als den Faktor 13. So blieb dem Staat genügend finanzieller Spielraum, eine zuvor ungekannte Expansion des Bildungssystems zu initiieren. Konnten 1971 erst 41 Prozent der Kinder von Facharbeitern in höhere Berufsklassen aufsteigen, schafften das 1978 bereits 63 Prozent. Doch da war schon die Wende eingeleitet. Nachtwey nennt es die Revolte des Kapitals gegen dessen soziale und demokratische Einhegung. Heute arbeiten bereits 24 (!) Prozent im Niedriglohnsektor. Eine Million Beschäftigte sind sogenannte Hartz IV-Aufstocker.

Statt Fahrstuhl nun Rolltreppe

Eine wichtige Triebkraft der Prekarisierung der Arbeit, von der nun auch zunehmend Akademiker betroffen sind, sieht Nachtwey in der Finanzialisierung der Produktionsökonomie. Produzierende Unternehmen begannen in den achtziger Jahren verstärkt, mit Finanzprodukten zu handeln. „Automobilkonzerne wurden zu Banken mit angeschlossener Automobilproduktion.“ Für die Beschäftigungsmöglichkeiten eine fatale Entwicklung, denn die damit erzielten hohen Gewinne wurden nicht in die Entwicklung neuer Technologien investiert, die hochwertige Arbeitsplätze schaffen. Nein, sie wurden stattdessen spekulativ erneut in die Finanzmärkte gepumpt. Mit dem Ergebnis, das der französische Ökonom Thomas Piketty kurz aber prägnant so formuliert: „Wenn Kapitalerträge höher ausfallen als das Wirtschaftswachstum, steigt die Reichenkonzentration.“ Oder, anders ausgedrückt, die soziale Ungleichheit wächst schnell und nachdrücklich. Schlimmer, Bildung schafft keinen Aufstieg mehr.

Studentenprotest an der Humboldt-Universität Berlin 2009 (Foto: Wikimedia/Janericloebe)

An dieser Stelle übernimmt Oliver Nachtwey ein Bild des Soziologen Ulrich Beck. In der Wachstumsgesellschaft, formulierte der, standen alle Schichten zusammen in einem Fahrstuhl. Die soziale Ungleichheit blieb, wurde aber weniger empfunden, da der Fahrstuhl alle zugleich nach oben beförderte und es allen besser ging. Nun aber gibt es statt des Fahrstuhls nur noch Rolltreppen. Bei den Gewinnern der Entwicklung läuft die Treppe, wie gewohnt, nach oben – für die einen schneller, für die anderen etwas langsamer, aber immerhin doch noch nach oben. Für die Verlierer hat die Laufrichtung der Treppe indessen ein negatives Vorzeichen. Sie dreht nun nach unten. Die Benutzer hier müssen immer schneller laufen, um nicht an ihren Ausgangspunkt zurückgeschleudert zu werden. Jeder kennt wohl diese Erfahrung, wenn man als Kind versuchte, über die abwärts laufende Rolltreppe doch in das obere Stockwerk zu gelangen, es zwar schaffte, aber kaum noch Luft bekam. Der Radius der Stabilität, konstatiert Nachtwey, verkleinert sich zusehends.

Erosion der Normalarbeitsverhältnisse

Er nennt es die Institutionalisierung von Prekarität. „Nicht im bloßen Anwachsen der sozialen Ungleichheit, sondern in den Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse liegt die Hauptursache für den Übergang zur Abstiegsgesellschaft.“ Tatsächlich verringerte sich die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse von ehemals 90 Prozent auf nun nur noch 68 Prozent (2014). Bereits jeder fünfte Arbeitnehmer ist atypisch angestellt, also befristet, geringfügig, in Teilzeit, als Leiharbeiter oder Werkvertragler. Aber auch wer es bis in ein Normalarbeitsverhältnis geschafft hat, erlebt jeden Tag die Faust des Marktes gut hörbar an seine Tür klopfen. Von den 11 Prozent Selbständigen sind schon über die Hälfte sogenannte Solo-Selbständige, die diesen Status in aller Regel nur gewählt haben, um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Auch an dieser Stelle schönt die Statistik – gewollt oder zufällig? – die Wirklichkeit. Denn wesentliche Anteile der Normalarbeitsverhältnisse sind zwar unbefristete, aber von den Beschäftigten ungewollte Teilzeitarbeitsverhältnisse. Immerhin werden Arbeitsverträge ab 21 Stunden Wochenarbeitszeit statistisch als Normalarbeitsverhältnis erfasst.

Demonstration in Göttingen beim bundesweiten Bildungsstreik 2009 (Foto: Wikimedia/Christoph Alexander Martsch)

Erwartungsgemäß sind von dieser Prekarisierung ältere, beruflich bereits etablierte Arbeitnehmer weniger betroffen als jüngere und niedrig qualifizierte mehr als Akademiker. Doch auch für Hochschulabsolventen steigt die Statusinkonsistenz. Ihr Qualifikationsniveau stimmt zunehmend weniger mit dem Einkommen überein. Freilich ist die Situation von Beruf zu Beruf, von Branche zu Branche, von Unternehmen zu Unternehmen und von Hierarchiestufe zu Hierarchiestufe unterschiedlich. Darüber hinaus weist Nachtwey auf mehrere Paradoxien. Die erste: Nie war die Gesellschaft gebildeter als heute. Der einzelne Beschäftigte aber profitiert davon immer weniger. „Wenn sich alle auf die Zehenspitzen stellen, sieht keiner besser“, diagnostiziert er zutreffend. Die zweite: Viele Berufe haben zwar noch immer ihr althergebrachtes Prestige, doch ist es nicht selten ausgehöhlt und führen die Beschäftigten wie etwa Juristen, Architekten, Designer oder Journalisten  je länger je öfter ein prekäres wirtschaftliches Dasein.

Auch Bildung unter der Kuratel des Marktes

Die Signatur unserer Zeit, so Nachtwey, ist die Implementierung von Markt und Wettbewerbsmechanismen in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft, auch im Bildungssektor und im Gesundheitswesen, sogar im Personalmanagement. Die Revolte des Kapitals zielte und zielt weiter auf die unbedingte Eroberung neuer Märkte. Nach außen durch die Globalisierung und nach innen durch die Privatisierung öffentlicher Güter, die bis dahin der Logik der Profitmaximierung entzogen waren. Nachtwey verwendet dafür den Begriff der Akkumulation durch Enteignung. Immerhin stecken in den öffentlichen Gütern viele Euro Steuergeld. Die Agenda 2010, betont er, sei der endgültige Abschied von der sozialen Moderne gewesen. Der Sozialstaat wurde von nun ab von einer kollektiven Absicherung für alle zu einem Almosen der Starken an die Schwachen umgedeutet. Waren die Stufen auf der Treppe des Abstiegs zuvor flach und lang gewesen, wurde die Treppe nun zur steilen Stiege mit hoher Absturzgefahr.

Warnstreik der IG Metall Witten 2012 (Foto: Wikimedia/Frank Vincentz)

Auch die Personalstrategie wird seitdem an die Volatilität der Märkte gekoppelt. Wurde die Zahl der Mitarbeiter zuvor am zyklischen Durchschnitt (Personalpolitik der mittleren Linie) ausgerichtet, ist jetzt die Kapazitätsuntergrenze Richtschnur. In fraktionierten Fabriken werden die kleinen Stammbelegschaften auf den qualifikatorischen Schlüsselpositionen mit guten Gehältern und Sozialleistungen durch einen steigenden Anteil prekär beschäftigter Randbelegschaften ergänzt. Mit deren Einsatz erreichte man einen doppelten Effekt. Helfen sie als erstes, die Beschäftigungsquote zu steigern und die Zahl der Arbeitslosen zu reduzieren, übernehmen sie gleichzeitig deren frühere Disziplinierungsfunktion. Betriebsräte wissen es, Randbelegschaften werden nicht allein zur Reduzierung der Personalkosten eingesetzt, sondern auch, um die Komfortzonen der unbefristet Beschäftigten zu verringern. Das betrifft mittlerweile auch Hochqualifizierte wie bei Dienstleistungsunternehmen beschäftigte Ingenieure und IT-Fachkräfte.

Autonomie gegen Disziplinierung

Aber nicht allein durch die Enteignung, sondern ebenso durch den gezielten Umbau des Steuersystems verliert der Staat wichtige Ressourcen, die, wen wundert es, auch im Bildungssystem fehlen. Die maroden Gebäude von Schulen und Universitäten sprechen eine beredte Sprache. Was das darüber hinaus für Auswirkungen etwa auf die Finanzierung bedürftiger Studenten mittels Bafög hat, schildert unser Autor Rainer Hoppe in einem lesenswerten Kommentar (“Die Schwindsucht des guten Willens”). An dieser Stelle macht Nachtwey ein weiteres Paradoxon aus. Die Liberalisierung der Gesellschaft bringt den Ressourcenstarken ein höheres Maß an Autonomie, den Ressourcenschwachen dagegen eine stärkere Disziplinierung. „Es führt zur Gleichzeitigkeit horizontaler Gleichstellung und vertikaler Ungleichheit.“ Zwar brechen die Frauen zunehmend die beschäftigungsmäßige Dominanz der Männer und erobern sie zunehmend auch Vorstandspositionen. Zugleich aber verharren immer mehr weibliche Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor. Bleibt damit die Frage nach dem allumfassenden Erfolg der Revolte des Kapitals.

Studentendemonstration in Erlangen 2005 (Foto: Wikimedia/Stefan Wagner)

Für Nachtwey ist der Geist der Ökonomie ein autoritärer. Er lasse nichts anderes als den Markt gelten und sich deswegen weder sozial noch demokratisch einhegen. Das heißt: The winner takes it all. Die Verheißung unbegrenzter Subjektivität fasziniert auch große Teile der Mittelschicht, macht sie zum Komplizen des Kapitals und dessen Sieg erst möglich. Das hatte zielsicher den wunden Punkt der Mittelschichtbürger ausgemacht. Stefan Lessenich, bis vor kurzem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bringt es auf den Punkt. „Es war der anscheinend unstillbare … Wunsch nach Mehr, aus dem sich die von Nachtwey zu Recht konstatierte ‚Komplizenschaft mit dem Markt‘ und ‚marktbereitender Staatlichkeit‘ speiste. … Nicht die Moral (Autonomie), das Fressen (Wachstum) war das As im Ärmel des Neoliberalismus.“ Ist das Legitimitätsprinzip der liberalen Marktgesellschaft „Jeder, aber nicht alle können aufsteigen“ deshalb auf breiter Front so unwidersprochen? Nachtwey jedenfalls beobachtet eine Verwilderung des sozialen Konflikts, das Fehlen von Solidarität, Solidarität nur noch unter Gleichen.

„Das Geschiebe wird enger“

Welche Erkenntnisse bleiben dem Berufswähler? Hier die wichtigsten. Bildung wird nicht mehr als staatlich kontrolliertes Eigentum, sondern marktorientiert geführt. Bildung verkommt zur simplen Ausbildung. In einer individualisierten Gesellschaft sind die Menschen gezwungen, sich nach den Prämissen der wettbewerblichen Individualität zu verhalten. Radikalisierte Chancengleichheit produziert paradoxe Regressionen: Wenn alle studieren können, aber die Zahl der Arbeitsplätze für Hochqualifizierte begrenzt bleibt, heizt das die Konkurrenz unter Hochschulabsolventen an. „Das Geschiebe wird immer enger“, formuliert es Heinz Bude, Lehrstuhlinhaber für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Ein beruflicher Aufstieg führt nicht mehr automatisch zu einem sozialen Aufstieg. Besonders schwer dabei tun sich Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern. Warum? Weil es ihnen am kulturellen Kapital der Upperclass fehlt. Ansonsten bleibt es bei der altbekannten Berufswahlempfehlung, mit jeder Phase seines Herzens seinen Begabungen und seinen Interessen zu folgen. Nun allerdings mit dem Wissen über eine Gesellschaft der regressiven Moderne, deren Bulldozer, so Oliver Nachtwey, momentan nur eine Verschnaufpause eingelegt haben.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com