Frauen in MINT – Das Happyend lässt weiter auf sich warten

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2020

Insider wissen es schon lange. Jetzt bestätigen es auch zwei wissenschaftliche Studien. Frauen sind in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) weiterhin unterrepräsentiert. Allerdings lohnt sich genaues Hinschauen, denn die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind nicht in allen MINT-Fächern gleich. Während Frauen in der Biologie, Chemie und Mathematik inzwischen stark aufgeholt haben, bleiben sie in der Physik, den Ingenieurwissenschaften und besonders in der Informatik als den sogenannten PECS-Studiengängen (Physics, Engineering, Computer Sciences) noch immer eine Minderheit. Das gilt sowohl an den Hochschulen als auch in den Unternehmen. Schlimmer aber, trotz markiger Ankündigungen der Bildungspolitiker zur zielgenauen Förderung von Frauen in diesen Fächern hat sich daran in den letzten Jahren kaum etwas geändert.
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Zu den einzelnen Fächern verweisen wir auf die folgenden Berichte:

Biologen: “Fachleute für lebende Systeme” (https://www.berufsreport.com/biologe-fachleute-fuer-lebende-systeme/)
Chemiker: “Für jeden Fortschritt gut” (https://www.berufsreport.com/chemiker-fuer-jeden-fortschritt-gut/)
Mathematiker: “Intelektuelle Hochleister” (https://www.berufsreport.com/mathematiker-intellektuelle-hochleister/)
Physiker: “Die Zukunftsspezialisten” (https://www.berufsreport.com/physiker-die-zukunftsspezialisten/)
Bauingenieure: “Wo das Werden fasziniert” (https://www.berufsreport.com/bauingenieur-wo-das-werden-fasziniert/)
Elektrotechnikingenieure: “Für die richtige Spannung sorgen” (https://www.berufsreport.com/elektrotechnikingenieure-fuer-die-richtige-spannung-sorgen/)
Energieingenieure: “Die Zukunft sichern” (https://www.berufsreport.com/energieingenieure-die-zukunft-sichern-2/)
Informatiker: “Analysten, Werkzeugbauer und Kümmerer” (https://www.berufsreport.com/informatiker-analysten-werkzeugbauer-und-kuemmerer/)
Maschinernbauingenieure: “Fachleute für bewegte Anwendungen und Verfahren” (https://www.berufsreport.com/maschinenbauingenieure-fachleute-fuer-bewegte-anwendungen-und-verfahren/)
Rettungsingenieure: “Das Unvorhersehbare beherrschbar machen” (https://www.berufsreport.com/rettungsingenieur-das-unvorhersehbare-beherrschbar-machen/)
Verpackungsingenieure: “Das Packgut unversehrt zum Kunden bringen” (https://www.berufsreport.com/verpackungsingenieure-das-packgut-unversehrt-zum-kunden-bringen/)
Wirtschaftsingenieur: “Ein starkes Tripple” (https://www.berufsreport.com/verpackungsingenieure-das-packgut-unversehrt-zum-kunden-bringen/)
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Das Ergebnis der vor wenigen Wochen (19.06.2020) im Wissenschaftsmagazin SCIENCE veröffentlichten Studie „Understanding persistent gender gaps in STEM“ (https://science.sciencemag.org/content/368/6497/1317.full) überrascht niemanden. Die Studie stellt erwartungsgemäß als erstes fest, dass es nicht unterschiedliche mathematische oder naturwissenschaftliche Leistungsniveaus sind, die das Geschlechterungleichgewicht in den PECS-Studiengängen an US-amerikanischen Universitäten erklären. Und dieses Ungleichgewicht ist groß! Immerhin, so die Statistik, kommt an den amerikanischen Universitäten auf vier Männer nur eine Frau. Der Professor für Wirtschafts- und Bildungspolitik Joseph R. Cimpian von der New York University hat dafür die Daten von knapp 6.000 amerikanischen Schülern analysiert. Deren Altersbogen erstreckt sich vom Beginn der High School bis zum Junior-College-Jahr. Auffällig dabei sind die Leistungsniveaus derer, die sich für ein Studium in den PECS-Fächern entscheiden.

Frauen haben die besseren Voraussetzungen, Männer den stärkeren (Karriere)Willen

Das Team um Joseph R. Cimpian stellte fest, dass von den Männern, die sich für eines der mathematikintensiven PECS-Fächer entschieden, sehr viele nur über unterdurchschnittliche Noten in Mathematik und den Naturwissenschaften verfügten. Im Gegensatz und starkem Kontrast dazu besaßen die zahlenmäßig wenigen Frauen ein deutlich höheres allgemeines Leistungsniveau als auch bessere Noten in Mathematik und den Naturwissenschaften. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich bei den Studierenden, die zunächst nicht beabsichtigten, ein PECS-Fach zu studieren, sich aber später doch dazu entschlossen. Die Zahl der männlichen Studierenden mit den schlechtesten Noten in Mathematik und den Naturwissenschaften, die sich zu einem solchen verzögerten Zeitpunkt für die Aufnahme eines PECS-Studiums entschieden, sei ebenso groß gewesen wie die der Frauen mit den besten Schulnoten, heißt es in der Studie. Die Erklärung dieses Sachverhaltes aber bleibt vage.

Das Datenmaterial, welches das US-Bildungsministerium den Forschern der New York University zur Verfügung stellte, enthielt Messungen vieler Faktoren, die zuvor mit den geschlechterspezifischen Ungleichgewichten in den MINT-Fächern in Verbindung gebracht wurden. Joseph R. Cimpians Gruppe wollte nun wissen, ob diese Faktoren die quantitativen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den PECS-Fächern sowohl für die Studierenden mit hohen, durchschnittlichen und niedrigen Leistungen gleichermaßen gut erklären können. Das allerdings erwies sich als Trugschluss. Während sich die zahlenmäßigen Ungleichgewichte unter den Leistungsträgern mit Faktoren wie etwa den frühen Karrierezielen von Studierenden sowie dem Vertrauen in ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit erklären ließen, vermochten die gleichen Faktoren die höheren Anteile von Männern mit geringen Leistungen nicht zu begründen.

Trotz größerem Studienkapital höhere Studienabbrecherquote

An dieser Stelle lohnt der Blick auf eine zweite Studie. Sie liegt als IZA Research Report No. 87 „Gender Defferences in Student Dropout in STEM“ (http://ftp.iza.org/report_pdfs/iza_report_87.pdf) vor. Darin untersuchen die Autoren Ingo E. Isphording und Pamela Quendrai die geschlechtsspezifische Kluft beim Studienabbruch in den MINT-Fächern anhand einer repräsentativen Studierendenumfrage in Deutschland. Anders als die zuvor zitierte US-amerikanische Studie differenziert die Untersuchung leider nicht nach einzelnen MINT-Fächern. Zwar schienen MINT-Studentinnen, so die erste zentrale Aussage der Autoren, in Bezug auf das Studienkapital positiv ausgewählt zu sein. Dennoch wiesen sie signifikant höhere Abbrecherquoten auf als männliche Studierende, heißt es weiter. „Diese Unterschiede bei den Abbrecherquoten“, weist Ingo E. Isphording auf einen wichtigen Punkt, „lassen sich allerdings nicht durch beobachtbare Merkmale erklären.“

Als Studienabbrecher definiert die Studie Studierende, die das tertiäre Bildungssystem vollständig verlassen, ohne einen Abschluss erreicht zu haben und ohne in ein anderes MINT- oder Nicht-MINT-Fach zu wechseln. Das Ergebnis: In den MINT-Fächern liegt die Quote der Studienabbrecherinnen um 23 Prozentpunkte über der der männlichen Studierenden, obwohl Frauen nur 43 Prozent aller MINT-Studierenden ausmachen. Und obwohl Merkmale wie eine positive Persönlichkeitsstruktur als auch bessere Schulnoten auf ein höheres Studienkapital von weiblichen MINT-Studierenden hinweisen. Dieser geschlechtsspezifische Unterschied beim Studienabbruch tritt freilich erst in einer eher späten Phase des Studiums auf, nämlich mehrheitlich nach dem siebten Studiensemester. „Diese Divergenz“, schlussfolgern die Autoren, „tritt also in der … Phase des Studiums auf, in der sich die Studierenden an den Arbeitsmarktchancen orientieren.“

Zusammenhänge schwer zu entschlüsseln

Diese Korrelation zwischen Studienabbruch und Arbeitsmarkt stellen die Autoren anschließend in einen Zusammenhang mit dem Alter der MINT-Studierenden. Frauen seien bei Studienbeginn in aller Regel jünger als Männer. Der Altersunterschied in den MINT-Fächern erweise sich als doppelt so groß wie in den Nicht-MINT-Fächern. So dürfe man davon ausgehen, dass Frauen in den MINT-Fächern über deutlich weniger Arbeitsmarkterfahrungen verfügten als männliche Studierende. Freilich gelinge es bislang nicht, die Auswirkungen dieser Altersunterschiede detailliert aufzeigen zu können. Die Autoren: „Empirisch bleibt es schwierig, die tatsächlichen Ursachen für die Lücke in der MINT-Persistenz (Anm. der Redaktion: Ausdauer, Durchhaltewille) zu entwirren, da die Auswahl von Frauen anhand der beobachteten Merkmale niedrigere Abbrecherquoten vorhersagen würden.“

Große Bedeutung messen Isphording und Quendrai Lehrern und Professoren zu. Diese spielten eine zweifache Rolle bei der Gestaltung der Karriereentscheidung ihrer Schüler und Studierenden. Zum einen fungierten sie als Vorbilder. Andererseits prägten geschlechterspezifische Stereotypen deren Unterrichtsstil. „Das Geschlecht des Professors hat einen starken kausalen Einfluss nicht nur auf die Leistung von Frauen in MINT-orientierten Studieninhalten und -vertiefungen, sondern auch auf die Ausdauer und den Abschluss in MINT-Fächern … (Es zeigt sich), dass Lehrer mit experimentell gemessenen stärkeren Geschlechterstereotypen größere geschlechtsspezifische Unterschiede in der Leistung der Schüler in Mathematik erzeugen, was sich wieder auf die Wahl der Leistungskurse auswirkt.“

Mentoring als Schlüssel zum Erfolg

Zum Schluss ihrer Analyse formulieren Isphording und Quendrai einen Aspekt, der in der Öffentlichkeit nicht unumstritten ist. Frauen hätten im Vergleich zu Männern eine deutlich größere Zurückhaltung gegenüber dem Wettbewerb und Risiken sowie eine stärkere Feedbackabneigung. Die Schlussfolgerung: „Wenn Studienumgebungen in MINT wettbewerbsfähiger sind oder durch einen höheren Anteil männlicher Studierender als wettbewerbsintensiver wahrgenommen werden, könnte dies tatsächlich zu einer beobachteten unterschiedlichen Persistenz von Frauen in MINT … führen.“ Das Fazit: „Überwiegend scheinen Frauen eher die Kultur des MINT als die Wissenschaft selbst zu meiden …“ Die Folgerungen, die sich daraus ableiten lassen, bergen einen erheblichen bildungspolitischen Sprengstoff. Denn bisher konzentrierte sich die Bildungspolitik auf eine Verringerung der Hindernisse für die Aufnahme eines MINT-Studiums durch Frauen.

Die Erkenntnis, dass derartige Hindernisse aber keineswegs der einzige Treiber für die geschlechtsspezifische MINT-Kluft sind, setzt sich erst langsam durch. Um den Erfolg von Frauen in den MINT-Studienfächern zu verbessern, wären andere politische Maßnahmen erforderlich als nur die, die darauf abzielen, Frauen für MINT zu gewinnen. Als vielversprechende Interventionen nennen die Autoren eine verbesserte Berufsberatung und Informationsbereitstellung. Darüber hinaus werden Lerngemeinschaften empfohlen. Im Übrigen sei eine Unterstützung durch Mentorinnen äußerst vielversprechend. „Frauen im Ingenieurwesen, denen eine Mentorin zugewiesen wurde, schieden seltener aus und berichteten von einem höheren Maß an Zugehörigkeit und Vertrauen in ihre Fähigkeiten.“ Bleibt freilich die Frage nach der Einsicht der Hochschulen, ihrem Willen und ihren finanziellen wie organisatorischen Möglichkeiten.

 

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