Ergotherapeuten – Therapeutischer Pragmatismus statt fachliche Besserwisserei

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2019

Der Vorstand des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten (DVE): Andreas Pfeiffer, Bettina Kuhnert, Birthe Hucke und Julia Schirmer (v.l.n.r.) (Foto: DVE/Barbara Lehmann)

Sein Leben nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt wieder selbst bestimmt führen zu dürfen, nach einem Unfall mit bleibenden Einschränkungen doch noch einmal auf den Arbeitsplatz zurückkehren zu können, frühkindliche Entwicklungsverzögerungen nachhaltig aufgeholt zu haben, all das verdanken Menschen dem fachlichen Können solcher Frauen wie Birthe Hucke, Bettina Kuhnert oder Julia Schirmer und Männern wie Andreas Pfeiffer. Ärzte? Nein, falsch vermutet. Die vier sind Ergotherapeuten. Bis vor dreißig Jahren hießen sie noch Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten. Doch nicht nur die Berufsbezeichnung meiner Gesprächspartner hat sich geändert. Auch ihr Qualifikationsprofil und die tägliche Arbeit besitzen kaum mehr Ähnlichkeiten mit dem alten Berufsbild. „Statt nur singulärer Tätigkeiten auf der Handgriffsebene“, wie es Birthe Hucke formuliert, „müssen Ergotherapeuten heute das gesamte Setting ihrer Arbeit im Blick haben.“ Das macht die handlungsorientierte Ergotherapie auch intellektuell hoch anspruchsvoll.

Mehr als die übrigen medizinischen Heilberufe sind Ergotherapeuten allumfassend ausgebildete Generalisten. Das bedeutet, wie noch zu zeigen ist, Fluch und Segen zugleich. Die Zentralpunkte, auf die ihre Profession abzielt, heißen Teilhabe und Selbstbestimmung. Patientengespräche, die nicht mit Plauderstunden verwechselt werden sollten, dominieren ihr Tun, freilich ohne dass es sich darin erschöpft. Ausgangspunkt moderner Ergotherapie ist die Erkenntnis, dass jeder Patient eine höchst individuell geprägte Persönlichkeit ist. Weshalb Ergotherapeuten die Ziele und Methoden ihrer Arbeit nicht nach Schema F und nicht ohne Ansehen der Person festlegen dürfen. „Unsere größte Herausforderung“, formuliert es der Vorsitzende des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten (DVE) Andreas Pfeiffer, „besteht deshalb vor allem darin, die sehr unterschiedlichen Bedeutungshierarchien der jeweiligen Patientenaktivitäten herauszufinden.“ Dazu braucht es Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl sowie die Fähigkeit, schnell das Vertrauen der Patienten zu gewinnen.

Pragmatische personenbezogene Problemlösungen

Die Patientin kann nach einem Unfall nur noch eine Hand einsetzen. Mit Hilfe des von der Ergotherapeutin empfohlenen Rüstmessers gelingt es, einen Apfel ohne fremde Hilfe zu schälen. (Foto: ergoinfo.ch)

Es mag auf den ersten Blick banal wirken, solche (all)täglichen Verrichtungen wie Einkaufen, Kochen, Körperhygiene oder Freizeitaktivitäten zu analysieren. Doch besteht das Geschick der Ergotherapeuten genau darin, diese Aktivitäten nicht nach Lust und Wellenschlag, sondern personenbezogen streng systematisch in kleinste Handlungsschritte zu zerlegen. Schließlich geht es nicht darum, wie man etwas macht, sondern wie es der Patient X gemacht hat und wie er es am liebsten wieder machen möchte. Auch wenn es aus der Expertenperspektive vielleicht bessere Handlungsoptionen geben mag. Das definiert einen weiteren Eckpunkt ergotherapeutischen Arbeitens: Sich zusammen mit dem Patienten auf gemeinsame Therapieziele zu verständigen. Ergotherapeuten sollten deshalb keine Scheu vor am Patientenwohl ausgerichteten Kompromissen haben, Pragmatiker und keine  therapeutischen Besserwisser, gar Ideologen sein. Erzieherische Ambitionen sind in der Ergotherapie fehl am Platz. Aber dennoch dürfen Ergotherapeuten das Therapieziel nie aus den Augen verlieren. Belohnt werden sie mit einem Beruf, in dem der Begriff Routine ein Fremdwort ist.

„Ergotherapeuten sind Problemlöser in Situationen, wenn Menschen nicht mehr das tun können, was sie gerne tun möchten und in gesundem Zustand auch würden tun können“, erklärt Birthe Hucke ihren Beruf. Sie besitzt langjährige Berufserfahrungen in der klinischen Neurologie, Orthopädie und der Palliativmedizin, zuletzt in leitender Funktion. Wie Andreas Pfeiffer, der in der psychiatrischen Akutversorgung tätig ist, betont auch sie die absolute Klientenzentrierung ergotherapeutischen Handelns. „Wir müssen jeden einzelnen Patienten aus seiner je eigenen Welt abholen“, sagt sie. Was auch für Welten und Wertemuster gilt, die dem Therapeuten fremd sind und gar nicht selten auch bleiben. Dafür bedürfe es ausgewiesener analytischer Kompetenzen, die in gleicher Weise für die so wichtige Diagnostik, von den Therapeuten selbst Befundung genannt, benötigt werden. Doch lebt die Ergotherapie selbst auf diesem Feld vor allem von der Kommunikation. „Mindestens 51 Prozent unserer Arbeit entfällt auf den Beziehungsaufbau“, ist Andreas Pfeiffer überzeugt.

Ausbildung im Umbruch

Malen erleichtert den Klienten mit psychischen Erkrankungen die Kontaktaufnahme, Toleranz zu üben und Kritik auszuhalten (Foto: ergoinfo.ch)

In der bislang nach wie vor üblichen Ausbildung an Berufsfachschulen überwiegen gleichwohl die medizinfachlichen Inhalte wie die Gesundheitslehre, die Biologie, die beschreibende und funktionelle Anatomie, die Physiologie, die allgemeine und spezielle Krankheitslehre, von der Orthopädie, über die Chirurgie, Onkologie, Neurologie, Psychosomatik, Psychiatrie/Gerontopsychiatrie, bis hin zur Pädiatrie, die Arzneimittellehre, die Arbeitsmedizin, die Psychologie und Pädagogik einschließlich der Behindertenpädagogik, dazu die Medizinsoziologie und Gerontologie. Es folgen die verschiedenen Behandlungsverfahren. Das sind die methodisch-funktionellen, die neurophysiologischen, neuropsychologischen, die psychosozialen, arbeitstherapeutischen und adaptierenden Verfahren. Für die Themen Selbstwahrnehmung, klientenzentrierte Gesprächsführung, therapeutisches Handeln, Rollen- und Persönlichkeitsverständnis bleibt dagegen vergleichsweise nur geringer Raum. Womit deutlich wird, Empathie alleine garantiert noch keinen Ausbildungserfolg.

Von einer weiteren Asymmetrie sollten an der Ausbildung interessierte Schüler unbedingt wissen. Ein ganzes Viertel der mindestens 2.700 Unterrichtsstunden umfassenden theoretischen Ausbildung entfallen nach wie vor auf die Themenfelder Handwerkliche und gestalterische Techniken sowie Spiele, Hilfsmittel, Schienen und technische Medien. Dabei stehen sie im Berufsalltag der meisten Ergotherapeuten schon lange nicht mehr im Mittelpunkt. Julia Schirmer, die vor ihrem Wechsel zur Ergotherapie eine Ausbildung als Korbflechterin abschloss, hält das für nicht mehr zeitgemäß. „Mein handwerklicher Blick hat mir als Ergotherapeutin oft im Wege gestanden“, erzählt sie. „Denn unser Beruf orientiert sich zu allererst daran, was Klienten tun und was ihnen in ihrer jeweiligen Lebenssituation als auch in ihrem Lebensumfeld wichtig ist.“ Ergotherapeutische Problemlösungen müssen sich also an der Lebenswirklichkeit der Klienten und weniger an den eigenen Vorstellungen ausrichten. Sie nur in handwerklich-gestalterischen Tätigkeiten zu verorten, empfindet Julia Schirmer als eine viel zu verengte Sichtweise.

Handlungsorientierung A und O

Praktische Lösung: Eine Haarbürste ersetzt die linke Hand (Foto: ergoinfo.ch)

Der starken Handlungsausrichtung des Berufes entsprechen indessen die umfangreichen praktischen Ausbildungsinhalte. Über insgesamt 1.700 Stunden werden die angehenden Ergotherapeuten in Krankenhäusern, Reha-Kliniken, Behindertenwerkstätten, Altenheimen, Förderschulen und ergotherapeutischen Praxen an die aktionsbetonten Anforderungen des Berufsalltages herangeführt. Eine klarere Festlegung der dortigen Inhalte hielten viele Ergotherapeuten für geboten. Wie der Berufsverband der Ergotherapeuten sich schon lange eine Überarbeitung des mehr als 40 Jahre alten Berufsgesetzes sowie der dazugehörigen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung wünscht. Die Bildungsverantwortliche des DVE, Julia Schirmer: „Die Angleichung an internationale Standards und die Notwendigkeit einer grundständigen hochschulischen Ausbildung sind überfällig.“ Um den Anforderungen der künftigen Versorgungsbedarfe gerecht zu werden, ist sie überzeugt, brauche es die wissenschaftliche Qualifikation der ergotherapeutischen Fachkräfte auf Bachelorniveau. Erste Angebote primärqualifizierender Studiengänge gibt es bereits.

Dass diese Praxisorientierung auch bei den fachhochschulischen Studienangeboten erhalten bleibt, hofft denn auch Birthe Hucke. Immerhin garantiere (nur) sie eine umfassende Berufsfähigkeit der Absolventen. Ähnlich sieht es Andreas Pfeiffer. Der deshalb auch nicht von der Akademisierung seines Berufes, sondern lieber von einer hochschulischen Ausbildung sprechen möchte. Alle drei wissen, wovon sie sprechen, weil sie nach ihrer berufsfachschulischen Ausbildung noch studierten. Birthe Hucke zuerst an der Fachhochschule Osnabrück und später in Hildesheim. Julia Schirmer absolvierte ihren Master in Erwachsenenbildung berufsbegleitend zu ihrer Tätigkeit als Lehrende an einer Fachschule für Ergotherapie. Andreas Pfeiffer studierte in den Niederlanden und Österreich, wo er sogar den Master erwarb. Die Begründung ist so einfach wie einleuchtend und eine zweifache. Die erste: Beim Beruf des Ergotherapeuten handelt es sich um einen in hohem Maße handlungsgeleiteten Beruf. Die zweite ist mit der ersten eng verbunden. „Vier von fünf Ergotherapeuten werden ihr ganzes Berufsleben lang direkt am Patienten arbeiten, nur wenige in Führungsfunktionen einmünden oder in der Forschung tätig werden“, ist sich Andreas Pfeiffer sicher. Noch existieren primärqualifizierende, also grundständige, neben dualen Studiengängen für schon Berufstätige.

Patientenorientiertes Arbeiten

Klettern unter Anleitung fördert den Gleichgewichtssinn, die Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit (Foto: ergoinfo.ch)

Die Praxisorientierung dürfte durchaus im Einklang mit den Vorstellungen der meisten Auszubildenden und künftigen Studenten stehen. Denn als entscheidendes Motiv ihrer Berufswahl geben viele Ergotherapeuten an, Menschen mit Einschränkungen helfen zu wollen. So helfen zu wollen, dass sie am gesellschaftlichen Leben (wieder) voll teilhaben können. Oder, wie es Andreas Pfeiffer etwas allgemeiner formuliert: „Sie zu befähigen, mit ihrem Leben zurecht zu kommen.“ Oft geben dafür sehr persönliche Erlebnisse den Ausschlag. Pfeiffer, der sich mit seiner Berufswahl lange Zeit sehr schwer tat, deshalb nach dem Realschulabschluss erst noch aufs Gymnasium wechselte und das Abitur machte, gelangte während seines anschließenden Zivildienstes in einer Wohngruppe von schwerstmehrfachbehinderten Menschen mit Ergotherapeuten in Kontakt. Und wusste schon bald darauf, das ist es! Ähnlich der Weg von Bettina Kuhnert. Sie kam über den Umweg der Altenpflege zur Ergotherapie. Bei Birthe Hucke funkte es im Freiwilligen Sozialen Jahr.

Ergotherapeuten arbeiten vielfach mit Menschen in Krisensituationen, mit Schwerstverletzten, im palliativmedizinischen Bereich sogar mit unheilbar Kranken und Sterbenden. Avanciert die Ergotherapie vor diesem Hintergrund deshalb zu einem Beruf für ältere Bewerber mit einem bereits hohen Maß an Lebenserfahrung? Das Alter ist wohl weniger entscheidend als ein gewisses Maß an persönlicher Krisenerfahrung. Warum? Weil Misserfolge die Sinne schärfen und Lernprozesse auslösen, wie es der Extrem-Sportler Reinhold Messner einmal erklärte. Freilich erfüllen diese Voraussetzung nur wenige Bewerber. Denn die Mehrzahl kommt aus behüteten Elternhäusern. Immerhin müssen die das nicht eben geringe Schulgeld über die dreijährige Ausbildungszeit hinweg stemmen können. Tatsächlich sind von 188 Berufsfachschulen nur sehr wenige in öffentlicher Trägerschaft. Alle anderen werden privat betrieben und finanzieren sich über das Schulgeld ihrer Auszubildenden. Was auch für einen Teil der Fachhochschulen gilt.

Große Fachkräftenachfrage

(Foto: ergoinfo.ch/Patric Brogli)

Zwar übernehmen inzwischen einige Bundesländer zumindest Teile des Schulgeldes. Kostenfreiheit indessen besteht noch immer nirgendwo. Wenigstens aber müssen sich die Absolventen keine Sorge um eine Arbeitsstelle machen. „Als Ergotherapeut arbeitslos zu werden, gelingt derzeit nur mit allergrößter Anstrengung“, weist Andreas Pfeiffer salopp auf die anhaltend hohe Fachkräftenachfrage. Tatsächlich standen zuletzt 2.360 freien Stellen nur 970 beschäftigungslose Ergotherapeuten gegenüber. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit braucht es zur Besetzung solcher Vakanzen aktuell mehr als fünf Monate.  Das erleichtert die Suche nach den individuell bevorzugten Arbeitsbereichen. Immerhin wird trotz einer allumfassenden Ausbildung auch bei Ergotherapeuten früher oder später eine Spezialisierung unumgänglich. Die hohe Teilzeitbeschäftigtenquote widerspiegelt nach Angestelltenumfragen des DVE mehrheitlich die Wünsche der Fachkräfte.

Die größte Nachfrage nach Ergotherapeuten kommt aus der Pädiatrie, der Psychiatrie, Geriatrie, Neurologie, Orthopädie sowie aus Einrichtungen für geistig und/oder körperlich beeinträchtigte Menschen. Die Krankheitsbilder, denen Ergotherapeuten da gegenüberstehen, haben es oft in sich und verlangen allesamt vollen Einsatz. In der Psychiatrie etwa geht es um Suchterkrankungen, Angst-, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, um Depressionen oder Schizophrenien, in der Neurologie um Schädel-Hirn-Verletzungen, Querschnittslähmungen, Multiple Sklerose, Parkinson oder ALS. Freilich steht am Anfang stets die Diagnose eines Arztes. Für eine Verordnung von Ergotherapie im ambulanten Bereich ist der an den sogenannten Heilmittelkatalog gebunden, dessen Kostenrahmen auch den Umfang der Ergotherapie bestimmt. Das schneidet den Ergotherapeuten nicht selten ins Fleisch. Die anschließende Durchführung der ergotherapeutischen Behandlung, die Wahl der Mittel und Methoden aber bestimmen sie ganz allein und ausschließlich nach fachlichen Gesichtspunkten. Was viele dann doch wieder mit ihrem Beruf versöhnt.

Das eigene Tun erklären können

(Foto: ergoinfo.ch/ Etelka Andraskay)

Häufigkeit und Zeitdauer der Patientenkontakte sind vom Krankheitsbild sowie der Belastbarkeit des Klienten abhängig. Weithin üblich sind zwei Therapieeinheiten pro Woche von 30 bis 45 Minuten Dauer. Meist endet die Arbeit bereits nach wenigen Wochen. In deutlich weniger Fällen kann sie sich auch über Monate, ganz selten sogar über Jahre erstrecken. Typisch für die Arbeit von Ergotherapeuten ist die zunehmende interprofessionelle Zusammenarbeit mit anderen Heilberufen, insbesondere Physiotherapeuten, Logopäden, Erziehern, Heilpädagogen, Heilerziehungspflegern, Ärzten und Psychotherapeuten. Hier gilt es für Ergotherapeuten, den Überblick zu bewahren. Wie den Patienten und Kostenträgern müssen die Maßnahmen auch den Kollegen dieser Berufe erklärt und mit ihnen abgestimmt werden. „Es muss für alle klar sein, warum machen wir Ergotherapeuten was“, beschreibt Birthe Hucke die Situation. Denn das Problem der Ergotherapie liege in ihrer fehlenden Selbsterklärung, ergänzt sie.

Dafür, dass es noch lange nicht das Gleiche ist, wenn zwei dasselbe tun, gibt Gaby Kirsch, Ergotherapeutin in eigener Praxis aus Paderborn, ein Beispiel. Ein leidenschaftlicher Fahrradfahrer erleidet einen Schlaganfall. Es bleibt eine Gleichgewichtsstörung zurück. Gaby Kirsch trainiert und coacht den Mann über viele Wochen. Als Erstes ersetzte sie das sportliche Fahrrad durch ein weniger kompliziertes Modell. Sie üben auf unbefahrenen Wegen das Auf- und Absteigen und wie man beim Fahren am besten mit dem gestörten Gleichgewichtssinn umgeht. Mit wachsender Sicherheit wagen sie sich schließlich Schritt für Schritt wieder in den normalen Straßenverkehr. Heute fährt der Mann wie früher per Fahrrad zur Arbeit. Auch Physiotherapeuten trainieren mit solchen Patienten Fahrradfahren, meist jedoch auf dem Fahrradergometer und mit einer anderen Zielstellung. In ihrer Therapie geht es ausschließlich um den ebenfalls wichtigen Wiederaufbau der Muskulatur. Die Ergotherapeutin aber muss das gesamte Umfeld in ihre Arbeit einbeziehen. Das Fahrrad, die Gegebenheiten des Straßenverkehrs, den Umgang mit Stresssituationen, die Reaktion auf unvorhersehbare Situationen. Das ist vielleicht nicht unbedingt anspruchsvoller, aber eben anders.

Starke Persönlichkeit unerlässlich

(Foto: ergoinfo.ch/Patric Brogli)

Wer Ergotherapeut werden möchte, sollte sich also gut ausdrücken können, oder doch wenigstens bereit sein, es lernen zu wollen. Immerhin ist das nicht allein für die kollegialen Fachgespräche eine wichtige Voraussetzung, sondern kommt der Logik der Argumentation auch beim Erstellen der Arztberichte eine hohe Bedeutung zu. Denn allein der Arzt entscheidet über eine aus ergotherapeutischer Sicht notwendige Fortführung der Therapie. Oder er beendet sie. Je nach Plausibilität der ihm vorgelegten ergotherapeutischen Begründung. Was Ergotherapeuten sonst noch abverlangt wird? Geduld natürlich, Offenheit, Überzeugungskraft, Motivationstalent, Neugier auf Menschen und wie sie leben, die Bereitschaft, die eigenen fachlichen Wahrheiten permanent selbstkritisch zu hinterfragen, aber auch, sich in die Hierarchien eines Krankenhauses oder einer Reha-Klinik einfügen zu wollen. Dazu braucht es eine starke Persönlichkeit, an der in der Ausbildung sehr intensiv gearbeitet wird.

Als ganz wichtig erweist sich darüber hinaus eine hohe Frustrationstoleranz. Der Erfolg braucht in der Ergotherapie nämlich oft einen langen Atem. Und nicht selten fallen, wie es Julia Schirmer beschreibt, die ergotherapeutischen Visionen und die ergotherapeutische Wirklichkeit noch immer weit auseinander. Ob die eingeleitete Verlagerung der Ausbildung weg von den Berufsfachschulen hin zu Fachhochschulen daran etwas ändern wird, vermag momentan niemand zu beantworten. Aufgrund des geringen Studienangebots erwerben derzeit lediglich erst vier Prozent aller Absolventen in der Ergotherapie ihren Abschluss an einer Fachhochschule. Die Hoffnung, die die Community der Ergotherapeuten mit dieser Entwicklung verbindet, ist eine andere. „Mit den hochschulisch ausgebildeten Absolventen erhalten wir endlich die Möglichkeit zur Versorgungsforschung“, erklärt es Bettina Kuhnert. Bislang konnte die Ergotherapie ihren Anteil am Behandlungserfolg nicht konkret machen, ebenso wenig wie sie wissenschaftlich gesichert nachzuweisen vermochte, welche Therapiemethode welche Wirkung erzielte. Beides soll bald der Vergangenheit angehören.

Arbeitszufriedenheit erwächst aus Patientenwohl

Dennoch werden auch künftige Ergotherapeutengenerationen mit einigen für ihren Beruf typischen Ambivalenzen leben müssen. Evidenz, also Beweisbarkeit, sei wichtig, bestätigt Julia Schirmer. Und ist überzeugt, dass sie einer individuellen Therapiegestaltung nicht im Wege steht. Im Übrigen bleibe die Erfolgsmessung in Beziehungsberufen ein schwieriges Unterfangen. Und für die, die eine eigene Praxis übernehmen oder eröffnen wollen, reicht es nicht, nur ein guter Ergotherapeut zu sein. Hier muss man bereit sein, auch unternehmerisch zu denken. Schließlich gilt es dann, Arbeitsprozesse effizient zu organisieren, sich im Umfeld präsentieren sowie in der Akquise behaupten zu können. Ebenso wenig wie angestellte Ergotherapeuten besitzen freilich auch die in der eigenen Praxis wenig Chancen, große Reichtümer anzuhäufen. Ein Fachhochschulabschluss ändert daran nichts. Zufriedenheit ziehen Ergotherapeuten aus Klienten, die über ihr Leben nicht zuletzt dank ihrer Hilfe, wieder selbst bestimmen können.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: Dezember 2018)
Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, Journal of Health Monitoring (vormals GBE)

Berufstätige Ergotherapeuten: ca. 61.000 (Frauenanteil: 84 %). Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten beträgt 57 %.

Altersstruktur berufstätiger Ergotherapeuten: keine Daten vorhanden.

Arbeitslose Ergotherapeuten: 966.

Freie Stellen für Ergotherapeuten: 2.356.

Einkommen von vollzeitbeschäftigten Ergotherapeuten: 2.471 Euro brutto/Monat.

Ausbildungsplätze pro Jahr: 3.645.
Zu finden unter: https://kursnet-finden.arbeitsagentur.de/kurs/kursDetail.do?seite=1&ue=25&bz=ergotherapie&rg=ro&anzahlGesamt=1&anzahlProSeite=200&doNext=detail&anzahlSeite=200&gv=B+81723-900&bb=B&ae=110&gpBy=gbZiel&out=gbZiel

Studienmöglichkeiten: 8 primärqualifizierende Studiengänge, wovon 5 von privaten Bildungsanbietern offeriert werden.
Zu finden unter: https://dve.info/aus-und-weiterbildung/studiengangsuche?site=1

Weiterführende Informationen:

https://dve.info/
und
https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index;BERUFENETJSESSIONID=MvEVxW0dR1_TNCoWUhuhoZrnaCZj-S1vphP7nMhks3ZwWorTrLEQ!2101329929?path=null/kurzbeschreibung&dkz=8779

 

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