Entwicklungshelfer – Zuhören, Vertrauen schaffen, gemeinsam nach Lösungen suchen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2020

Jacqueline Kallmeyer ist bei AGIAMONDO für die Auswahl der Entwicklungshelfer zuständig (Foto: privat)

Die Realität hat die Begrifflichkeit längst überholt. Dennoch sind die Bezeichnungen Entwicklungshilfe und Entwicklungshelfer/Entwicklungshelferin noch immer überall gebräuchlich. Sogar das Gesetz, das diesen Beruf regelt, heißt nach der letzten Novellierung von vor drei Jahren weiterhin „Entwicklungshelfer-Gesetz (EhfG)“. Und auch wir haben uns nach langen Überlegungen wegen des besseren Wiedererkennungswertes für eine teilweise Verwendung dieses Begriffes entschieden. Bewerber aber sollten schon bei der Zusammenstellung ihrer Unterlagen zeigen, dass sie auf der Höhe der Zeit sind und um den programmatischen Wandel in diesem Berufsfeld wissen. Das Selbstverständnis der hier tätigen Fachleute lässt sich schnell zusammenfassen: Niemand ist im Besitz der absoluten Wahrheit und keiner hat die perfekte Lösung. „Deshalb“, bringt es Jacqueline Kallmeyer treffend auf den Punkt, „geht es nicht mehr um Entwicklungshilfe, sondern um internationale Zusammenarbeit.“

Jacqueline Kallmeyer ist Referentin in der Personalgewinnung des staatlich anerkannten katholischen Personaldienstes AGIAMONDO und weiß deshalb genau, wovon sie spricht. Besserwisser und Alleskönner sind in der Entwicklungsarbeit mithin so fehl am Platz, wie es der berüchtigte Elefant im Porzellanladen ist. Entwicklungszusammenarbeit ist schon lange kein einseitiger Wissenstransfer mehr auf einer Einbahnstraße von Nord nach Süd. Es ist vielmehr eine solidarische Begegnung auf gleicher Augenhöhe sowie ein reflektierter Umgang mit bestehenden Machtungleichgewichten. Es ist eine Begegnung, die den örtlichen Verhältnissen angepasste Lösungsmöglichkeiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit einem jeweils anderen Erfahrungshintergrund ausleuchtet. So jedenfalls lautet die Formulierung des Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) in einer Studie aus dem Jahr 2015. „Als Fachkraft in der Entwicklungszusammenarbeit muss man deshalb zu allererst zuhören und hinschauen können, welches die konkreten Bedürfnisse wie auch die Möglichkeiten der Menschen vor Ort sind“, weiß David Bühlmeier aus eigener Erfahrung.

Vertrauen muss wachsen

Ein Bambara-Mädchen aus Mopti in Mali – Auf die Jugend setzen auch die entwicklungspolitischen Projekte (Foto: Wikimedia/Ferdinand Reus)

Bühlmeier  war von 2015 bis 2018 als Trainer und Berater bei der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der Diözese Gbarnga in Liberia tätig. Seit seiner Rückkehr zeichnet er in der Kölner Zentrale von AGIAMONDO als Referent für verschiedene Länder im Programm Ziviler Friedensdienst verantwortlich. Den Vertrag für seinen Einsatz in Liberia unterschrieb der gelernte Soziologe vor fünf Jahren just zu dem Zeitpunkt, als die Ebola-Epidemie das westafrikanische Land in den Ausnahmezustand versetzte. Seine Ausreise wurde deswegen verschoben. Dadurch verlängerte sich seine Vorbereitungszeit auf neun Monate. Im Normalfall ist dafür nur ein Vierteljahr vorgesehen. In Liberia angekommen, brauchte er dennoch Zeit, um voll handlungsfähig zu werden. „Beziehungen zu den Mitarbeitern der einheimischen Partnerorganisation herzustellen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, geht nicht von heute auf morgen“, beschreibt er seine Erfahrungen.

Die teilt er mit den meisten anderen Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit, auch solchen, die, wie die Deutsch-Amerikanerin Inge Lempp, schon mehrere Einsätze hinter sich haben. Die auf Sumatra/Indonesien geborene Sozialpädagogin und Theologin hat lange in den USA, dem Heimatland ihrer Mutter gelebt, und arbeitet bereits seit über zwanzig Jahren in Timor-Leste, hierzulande unter dem Ländernamen Ost-Timor bekannt, 15 Jahre davon für AGIAMONDO. „Vertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg“, hat sie immer wieder erlebt. Und sie besitzt großes Verständnis, dass die Mitarbeiter der Partnerorganisation(en) als allererstes wissen wollen, wie weit der Entwicklungshelfer wirklich an ihnen, ihrem Leben und ihren Problemen interessiert ist. Das wird umso bedeutsamer, als zahlreiche Entwicklungsprojekte in sogenannten Post-Konflikt-Ländern verortet sind. Das gilt sowohl für Timor-Leste wie für Liberia. „Im Arbeits- und Lebensalltag kommt man dort immer wieder mit traumatisierten Menschen in Kontakt“, erklärt David Bühlmeier. „Um in einem hoch konfliktiven und gewaltsamen Umfeld überleben zu können, haben sie ihr Verhalten den Verhältnissen angepasst. Damit umgehen zu lernen, ist eine große Herausforderung.“

Jeder Einsatz beginnt bei null

Inge Lempp arbeitet seit 20 Jahren als Entwicklungshelferin in Timor-Leste (Foto: AGIAMONDO)

Umgekehrt müssen Fachkräfte der Entwicklungszusammenarbeit freilich ebenso schnell herausfinden, wie die Menschen vor Ort miteinander kommunizieren und wie sie ihre sozialen, unternehmerischen als auch politischen Entscheidungen treffen. „Das ist an jedem Ort immer wieder anders“, betont Inge Lempp. Womit Erfahrung für die Arbeit im Entwicklungsdienst eine durchaus ambivalente Funktion erhält. Einerseits erleichtert sie das Bemühen, schnell arbeitsfähig werden zu können. Andererseits birgt sie die Gefahr zur Selbstüberschätzung. „Bereits in Bosnien oder Ruanda unter schwierigen Bedingungen mit Erfolg gearbeitet zu haben, garantiert noch lange nicht, in Kambodscha ebenso erfolgreich zu sein“, formuliert es Inge Lempp. Tatsächlich unterscheiden sich die Bedingungen an jedem Standort und in jeder Partnerorganisation voneinander. Allen  gemeinsam ist freilich: Die Menschen, mit denen und für die die vermittelten Fachkräfte arbeiten, sind stets einmalig und individuell geprägte Persönlichkeiten.

So wichtig die sozialen Kompetenzen also sind, sollten die Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit ihr fachliches Handwerkszeug doch sicher beherrschen. Die Anforderungen der Partnerorganisationen steigen jedenfalls beständig. Je nach Projekt erstrecken sich die gesuchten Qualifikationen über die gesamte berufliche Bandbreite, auch wenn derzeit friedensstiftende und konfliktschlichtende Aufgaben dominieren. Allein guter Wille reicht jedenfalls nicht. Ebenso sollte das Ziel nicht darin bestehen, vollkommen in den örtlichen Strukturen aufzugehen, gar ein Teil von ihnen zu werden. Immer gilt es, eine angemessene Distanz zu wahren. David Bühlmeier spricht von der produktiven Fremdheit oder der Spannung von Anpassung und Distanz. „Ich muss den Blick dessen behalten, der von Außen aufs Geschehen blicken kann“, sagt er. „Nur so vermag ich Ideen einzubringen, was anders besser gemacht werden könnte.“ Es gehe darum, die unterschiedlichen Horizonte der Beteiligten zusammenzuführen. Der Horizont der Menschen vor Ort sei tiefgehend aber lokal begrenzt, der der Fachkräfte ein globaler, dafür aber weniger detailliert.

Zeitlich begrenzter Lebensabschnitt

Entwicklungshelfer in einem Dorf in Malawi (Foto: Wikimedia/Gerhard Knühl)

Für die Mehrheit der einschlägigen Fachkräfte ist die Tätigkeit in der Entwicklungshilfe kein Beruf, sondern ein Dienst auf Zeit, in dem sie ihre Qualifikation und bisherige Berufserfahrung, wie es im Entwicklungshelfer-Gesetz heißt, ohne Erwerbsabsicht mindestens für ein, in der Regel aber für zwei bis drei Jahre zur Verfügung stellen. Statt eines Gehaltes bekommen sie ein Unterhaltsgeld. Die Höhe richtet sich nach Familienstand, Unterhaltsverpflichtungen für Angehörige, Berufsabschluss und Berufserfahrung. Zusätzlich erhalten sie ein umfassendes Versicherungspaket, einschließlich einer Kranken- und Rentenversicherung. AGIAMONDO übernimmt schließlich auch die Kosten für die Unterkunft vor Ort, inklusive der Kosten für Energie und Wasser sowie nach der Rückkehr eine Wiedereingliederungsbeihilfe. Das unterscheidet Entwicklungshelfer von den übrigen Experten, die in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind (http://www.bmz.de/de/ministerium/beruf/arbeitsmoeglichkeiten_ausland/fachkraefte.html), und natürlich auch von den Expats privatwirtschaftlicher Unternehmen. Somit ist die Tätigkeit als Entwicklungshelfer eine besondere Form gesellschaftlichen Engagements. Drei Viertel aller Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit sind keine Entwicklungshelfer, sondern Experten mit normalen Arbeitsverträgen und berufstypischen Gehältern. Entwicklungshelfer wie Experten nehmen überwiegend beraterische Funktionen oder solche als Trainer und Coach wahr. Zwar nicht bei AGIAMONDO, aber sonst oft erfolgt der Einsatz von Entwicklungshelfern zumeist auf Kreis- und Provinzebene, immer wieder aber auch auf nationaler Ebene.

Die Qualität der vom Bundesminister anerkannten Entwicklungsdienste wird vom Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit durchaus kritisch beurteilt. Bewerber sollten deshalb bei der Wahl ihrer Entsendeorganisation große Sorgfalt walten lassen. Nicht alle sind so gut aufgestellt wie AGIAMONDO. Defizite bestünden vor allem bei der Erarbeitung tragfähiger Partnervereinbarungen sowie der Personalauslese. Wir machten bei unseren Recherchen ähnliche Erfahrungen. Mancher Referent für Personalmarketing, wie der von Brot für die Welt etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, kennt nicht einmal die im EhfG festgelegten Rahmenbedingungen. Auf unseren Einwand hin wurde der Mann schmallippig und verwies uns auf eine unbenannte Ausführungsverordnung. Eine Nachfrage beim zuständigen Ministerium sorgte schnell für klare Verhältnisse. Das Gesetz schreibe weder eine bestimmte Berufsqualifikation vor noch gäbe es irgendeine Ausführungsverordnung, hieß es von dort.

Mit Herz und kühlem Verstand

David Bühlmeier arbeitete als Entwicklungshelfer im westafrikanischen Sierra Leone (Foto: AGIAMONDO)

Dass die beruflichen Anforderungen den Bedarfen der einzelnen Projekte folgen, steht freilich auf einem anderen Blatt und ist nachvollziehbar. Ohne Hochschulabschluss stehen die Entsendechancen bei vielen Stellenausschreibungen tatsächlich schlecht. Allerdings werden immer mal wieder auch Berufspraktiker gesucht, so wie aktuell von AGIAMONDO ein Radiotechniker. Oft werden darüber hinaus auch Berufserfahrungen gewünscht. David Bühlmeier entschied sich beispielsweise schon in seinem Soziologiestudium für den Schwerpunkt Entwicklungszusammenarbeit. Anschließend vervollkommnete er sein Profil mit einem Postgraduiertenstudium „Internationale Zusammenarbeit für Nachhaltige Entwicklung“ am in Fachkreisen gut beleumundeten Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) in Berlin. Immer wieder aber kommen die Persönlichkeit der Bewerber und ihre Haltung zum gesellschaftlichen Zusammenleben ins Spiel. „Wir suchen Menschen, die bereit sind sich auf andere Kulturen einzulassen, die zum Kompromiss fähig sind und sich in Hierarchien einfügen können“, formuliert es die Personalrecruiterin Jacqueline Kallmeyer. „Je nach Aufgabengebiet und Stellenprofil ist darüber hinaus viel Geduld nötig. Im Übrigen bedarf es der Bereitschaft, seine eigenen Werte zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen.“

Die Meinung, dass Bewerber sich möglichst schon ab der Grundschulzeit mit entwicklungspolitischen Themen beschäftigt haben sollten, wie es der eine oder andere Ideologe in Entwicklungsdiensten proklamiert, mögen allerdings lange nicht alle Experten teilen. Für manch einen verbirgt sich dahinter nur die Arroganz des alten Denkens: Wir sind die Experten und wir wissen es besser. Doch ist Engagement und Haltung eine Sache von Qualität, nicht von Quantität. Im Übrigen werden ein klarer Verstand wie auch die Fähigkeit zur rationalen Analyse benötigt. „Ich sollte weder die Arbeit romantisieren noch die Menschen idealisieren“, sind die Erfahrungen David Bühlmeiers, „denn das verstellt den Blick auf die Wirklichkeit.“ Inge Lempp formuliert es etwas salopper. „Die Menschen sind überall, wie sie sind“, sagt sie. „Dennoch müssen wir glaubwürdig und demütig sein.“ Das ist oft gar nicht leicht. „Denn“, erklärt sie, „so mancher in der Entwicklungszusammenarbeit möchte schnell Ergebnisse erzielen.“ Der selbst gemachte Druck, in der begrenzten Vertragszeit etwas vorzeigen oder ‚hinterlassen‘ zu wollen, sei deshalb groß. „Wo es doch nur darum geht, gemeinsam mit dem lokalen Partner nach neuen Wegen und Lösungen zu suchen“, so Lempp. Das allerdings brauche Zeit – zum Kennenlernen und zum Vertrauen schaffen. Das westliche Denken sei viel zu oft einseitig auf Produktivität und Effizienz ausgerichtet. „Das tut der Beziehung zwischen lokaler Partnerorganisation und der Fachkraft nicht immer gut“, weiß sie.

Auf kulturelle Unterschiede einstellen

Berufserfahrene Experten sind in der Entwicklungszusammenarbeit gerne gesehen – SES-Experte August Jäger im Einsatz in Kamerun (Foto: SES)

Frustrationen bauen sich aber auch an anderen Stellen auf. Seltener, weil dieses oder jenes nicht auf Anhieb funktioniert und das überbordende Berichtswesen eine Menge Zeit und Kraft bindet, die an anderer Stelle sinnvoller einzusetzen wären. Nein viel öfter, weil die Kommunikation andernorts eher indirekten und vielfach sehr verschlungenen Pfaden folgt. Das verkompliziert das Arbeiten nicht selten stark. Viele Dienstreisen zu den oft übers ganze Land versprengten Projektpartnern machen die Kommunikation und Beziehungspflege nicht leichter und verschlingen viel wertvolle Zeit. Darüber hinaus müssen die Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit schnell lernen, dass die Menschen vor Ort andere Prioritäten setzen (müssen) und die Entwicklungshelfer sich mit ihrem Projekt dem unterzuordnen oder anzupassen haben. „Ehrenamtliche Tätigkeiten“, zitiert Bühlmeier ein geflügeltes Wort aus der Community, „bringen schließlich kein Essen auf den Tisch.“ Wo das materielle Überleben der eigenen Familie im Fokus steht, brauche es viel Kreativität, um Menschen für ehrenamtliche Aktivitäten zu gewinnen.

Noch etwas sollten an einer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit Interessierte nicht unterschätzen. Die klimatischen Bedingungen in zahlreichen Einsatzländern fordern ihnen fernab eines Gesundheitswesens deutschen Standards oft genug alles ab. Ein Blick auf die Blogs vieler Entwicklungshelfer lässt daran keinen Zweifel. Ohne tragfähige und belastbare Motive für die Wahl dieser beruflichen Station drohte dann erneut Frust. Die geringe Aussteigerquote beweist freilich das hohe Engagement. Und zwar unabhängig, ob die Fachkräfte von staatlichen oder nichtstaatlichen Entwicklungsdiensten entsandt sind und unabhängig von ihrem Lebensalter. Jacqueline Kallmeyer vermittelt gerne auch ältere Fachkräfte und sogar den einen oder anderen, der schon im Rentenalter ist. Sie alle verbindet vor allem eines, die Freude an der Aufgabe, weniger der Benefit für die weitere Karriere. Obschon der für einen Einstieg bei internationalen Organisationen wie der UNO keineswegs unbedeutend ist.

Job inmitten vieler Interessen

Auch so kann ein Job in der Entwicklungszusammenarbeit aussehen – SES-Expertin Sabine Brombach im Einsatz in Marokko (Foto: SES)

Bleibt ein Letztes, womit Fachkräfte in der Entwicklungshilfe umgehen lernen müssen. Sowohl die vermittelten Fachkräfte vor Ort als auch die Manager in den deutschen Zentralen der Entsendeorganisationen. Entwicklungszusammenarbeit findet bis auf wenige Ausnahmen stets im Spannungsfeld geopolitischer Ziele statt. Sie gibt den Rahmen vor und stellt nicht selten deutsche Interessen über die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen in den Partnerländern. So finden sich derzeit viele ausgeschriebene Stellen in Projekten, die sich mit der Bekämpfung oder Vorbeugung von Fluchtursachen umschreiben lassen. Als Beispiel bot Gerd Müller, Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, jüngst an, die IS-Kämpfer in Mali durch eine verstärkte Entwicklungshilfe für die dortige Landwirtschaft besser als durch eine Verstärkung der Bundeswehreinheiten zurückdrängen zu können. Es steht außer Frage, dass eine leistungsfähigere Landwirtschaft für die Menschen in Mali trotz dessen ein Segen wäre.

Doch bleibt die Frage, warum Länder, deren Landwirtschaft ebenfalls der Hilfe bedürften, von denen indessen kein Flüchtlingsdruck ausgeht und vor deren Küsten keine Öl-oder Gasfelder vermutet werden, dem Minister weniger Aufmerksamkeit wert sind. Oft erfolgen die Eingriffe der Politik aber noch viel direkter. Wovon die staatlichen Dienste stärker betroffen scheinen als die nichtstaatlichen. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist anschauliches, wenn auch nicht bestes Beispiel dafür. Ihr Vorstand dient seit langem als Entsorgungsmöglichkeit für verdiente aber gleichermaßen erfolglose Politiker. Weder Tanja Gönner (CDU) noch Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) fielen vor ihren Berufungen durch eine einschlägige entwicklungspolitische Kompetenz auf. Das prägt die Arbeitsatmosphäre offenkundig bis in den operativen Bereich. Ein Mitarbeiter fasste auf dem Arbeitgeberbewertungsportal „kununu.de“ seine Erfahrungen bei der GIZ so zusammen: „Arbeitgeber mit intransparenter Personalpolitik und schlechten Führungskräften. Motivations- und Engagementkiller.“ Und er ist, wie die Plattform zeigt, mit dieser Einschätzung nicht allein.

Hauptsitz der GIZ in Bonn (Foto: Wikimedia/Eckhard Henkel, CC BY-SA 3.0 DE)

Ob unsere Anfrage um ein Mitarbeiterinterview solcher Dinge wegen abschlägig beschieden wurde? Wir wissen es nicht. Die offizielle Begründung der Pressestelle lautete diplomatischer: Es fände sich einfach kein Mitarbeiter, der Zeit für uns erübrigen könne. Keiner von mehreren tausend deutschen Beschäftigten, auch wenn davon nicht alle Erfahrungen aus der aktiven Entwicklungszusammenarbeit besitzen? Wir erlebten auch das Gegenteil. Inge Lempp telefonierte mit uns sogar während des Kofferpackens für die Ausreise zum nächsten Einsatz. Nach einem 18-monatigen Inlandsvertrag, der dem Erfahrungstransfer nach Deutschland dient, geht es in diesen Tagen erneut nach Timor-Leste. So viel Engagement wissen sie bei AGIAMONDO aber auch in den Partnerorganisationen in Timor-Leste zu würdigen, ebenso wie sie ihm Raum dafür geben. Und vielleicht erlebt sie ja wieder diesen Glücksmoment. „Wenn die Menschen vor Ort kommen und dich um Rat fragen“, erzählt Inge Lempp in Erinnerung daran mit strahlenden Augen, „dann bist du akzeptiert.“

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.02.2020)

Berufstätige Entwicklungshelfer: Die Zahl der pro Jahr entsendeten Entwicklungshelfer beträgt nach DEval rund 1.250. Das entspricht laut DEval etwa einem Viertel aller Fachkräfte, die im Rahmen der staatlichen und nichtstaatlichen deutschen Entwicklungszusammenarbeit entsandt werden.

Altersstruktur berufstätiger Entwicklungshelfer: keine Daten vorhanden.

Einkommen: Entwicklungshelfer, die auf Grundlage des Entwicklungshelfer-Gesetzes angestellt sind, erhalten abhängig von Familienstand und Alter ein Unterhaltsgeld.

Studienmöglichkeiten: Das Online-Portal „Hochschulkompass“ bietet verschiedene Möglichkeiten zur Suche nach Studiengängen für die Entwicklungszusammenarbeit.

Gesuchte Berufe für eine Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit:
http://www.bmz.de/de/ministerium/beruf/arbeitsmarkt/berufe.html

Weiterführende Informationen:
Über den Beruf:
https://www.deval.org/files/content/Dateien/Evaluierung/Berichte/2015_DEval_Evaluierung%20EntwicklungshelferInnen.pd
und
http://www.bmz.de/de/ministerium/beruf/arbeitsmoeglichkeiten_ausland/enwicklungshelfer.html
Übersicht über Institutionen in der Entwicklungshilfe:
https://www.bmz.de/de/mitmachen/internetadressen/organisationen.html

 

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