Drehbuchautoren – Die Geschichtenerfinder

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2018

Alle wissen es. Aber nicht alle sagen es auch. Drehbuchautoren sind die wahren Kreativen des Showgeschäfts. Ohne sie gäbe es keinen einzigen Kinofilm, keine Fernsehspiele, keine Daily Soaps, auch keine Hörspiele. Sie ganz alleine sind die Erfinder der Geschichten und Figuren. Sie sind es, die den Akteuren die schönsten Sätze in den Mund legen. Und doch sind Drehbuchautoren noch immer die Underdogs der Filmindustrie. Ihre Namen kennen nur die wenigsten. Zwar werden auch Oscars an die besten Drehbuchautoren vergeben. In der medialen Berichterstattung über diese wichtigste Preisverleihung der Branche bleiben sie freilich regelmäßig unerwähnt. Die Erklärung ist so einfach wie ernüchternd. Für Produzenten und Regisseure ist das Skript, wie das Drehbuch auch noch genannt wird, kein eigenständiges Werk. Viele verstehen es lediglich als Arbeitsfläche, aus dem sich ein Film gestalten lässt, als Steinbruch, aus dem man sich ganz nach Belieben bedient. Manche Regisseure sollen Drehbuchautoren sogar schon als „sprechende Schreibmaschinen“ verunglimpft haben. Die sich nach der Fertigstellung des Drehbuchs gefälligst nicht mehr blicken lassen und schon gar nicht einmischen sollen.

Wie töricht diese Einstellung ist und welche Bedeutung den Drehbuchautoren in Wirklichkeit zukommt, zeigte vor einigen Jahren der Streik der 12.000 in der Writers Guild of America organisierten US-amerikanischen Drehbuchautoren. Als sie sich gemeinsam vom Katzentisch erhoben und mutig gegen den Wind stemmten, mussten die Studios in Hollywood schon nach wenigen Tagen die meisten Produktionen einstellen. Den Fernsehsendern blieb nur noch die Ausstrahlung von Wiederholungen. Den Redakteuren, Produzenten, Regisseuren, Schauspielern, Kameraleuten und Szenenbildnern fehlten schlicht die Geschichten, die sie hätten ins rechte Licht setzen können. Inzwischen regt sich auch hierzulande Widerstand. Schon 200 Drehbuchautoren haben sich in der Gruppe „Kontrakt 18“ zusammengeschlossen und verlangen Mitspracherechte auf Augenhöhe.

Drehbücher brauchen einen Produzenten

Kerstin Ramcke – Geschäftsführerin der Hamburger Nordfilm GmbH und Produzentin (Foto: privat)

Kerstin Ramcke, Geschäftsführerin der Nordfilm GmbH, einer Tochterfirma der Studio Hamburg Production Group, hält viele der Forderungen von „Kontrakt 18“ für berechtigt und unterstützt sie. Die Produzentin von über sechzig Tatorten für den NDR aber auch Kinofilmen, tut das nicht uneigennützig. Sie ist überzeugt, dass nur eine ebenso enge wie vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Drehbuchautoren, Redakteuren, Produzenten und Regisseuren am Ende einen guten Film entstehen lässt. „Die Erstellung eines Drehbuchs“, sagt sie, „ist immer Ergebnis eines intensiven Diskussionsprozesses.“ An dessen Anfang freilich die in ein Exposé gegossene Idee des Drehbuchautors steht. Angesichts dessen weiß sie: „Gute Drehbuchautoren sind unser Kapital.“ Das heiße gleichwohl nicht, dass jedes Drehbuch auch umgesetzt werden könne. „Es gibt immer wieder Fälle, wo man nicht zueinander findet oder sich trennen muss.“ Doch bemühe sie sich dabei stets um einen fairen und respektvollen Umgang. „Schließlich muss man sich beim nächsten Projekt wieder in die Augen sehen können.“

Kaum ein Drehbuchautor würde Kerstin Ramcke widersprechen wollen. „Natürlich bedarf ein gutes Drehbuch intensiver Teamarbeit, ist es nicht Endprodukt, sondern Teil des Prozesses“, bestätigt Rainer Butt, „ein hervorragender Film sowieso.“ Butt ist Schöpfer zahlreicher „Tatort“-, „Die Ermittler“-, „SOKO LEIPZIG“-, „Großstadtrevier“- „Polizeiruf 110“- und „K3“-Folgen. Allerdings, so seine Erfahrungen, gelinge eine solche Zusammenarbeit lange nicht immer und erlebten sich die Drehbuchautoren im negativen Fall trotz ihres unersetzlichen Erfindergeistes stets als schwächstes Glied in der Arbeitskette. Berufsanfänger leiden darunter in besonderer Weise. Bei Nichtgefallen verpflichten die meisten Verträge sie in der Regel zu einer dreimaligen Korrektur des eingereichten Drehbuchs. Entspricht es auch dann noch nicht den Vorstellungen des Auftraggebers, kann der die Annahme verweigern und einen anderen Autoren beauftragen.

Scheitern gehört zum Beruf

„Dann hat der arme Mensch für 7.000 Euro brutto ein Buch geschrieben, für das er mehrere Monate aufwenden musste. Seine Idee ist weg, und ein anderer macht das Ding fertig. Und er (Anm. d. Red.:  der junge Autor) hat keinerlei Rechte“, schimpft der renommierte deutsch-österreichische Drehbuchautor Uli Brée jüngst in einem Interview der Wochenzeitschrift Die Zeit (19.07.2018). Tatsächlich findet sich kein einziger Drehbuchautor, der auf seiner Festplatte nicht das eine oder andere abgelehnte Buch gespeichert hat. Und gar nicht selten sind es sogar viele. Wer an Enttäuschungen zu zerbrechen droht, sollte sich deshalb lieber einen anderen Beruf suchen. „Nach Niederlagen den Schalter schnell wieder zur Lust auf die Gestaltung einer neuen Idee und einer neuen Geschichte umlegen zu können, erweist sich als ganz wichtige Voraussetzung für unseren Beruf“, formuliert es das Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren (VDD) Uwe Petzold. Aber nicht nur das. Genauso wichtig ist das aktive „Sich-selbst-Vermitteln“, manche sagen auch Verkaufen. Petzold kennt die Szene genau. Er war unter anderem Storyeditor für „Rote Rosen“ und Chefautor für „Marienhof“, beides Serien der ARD, später bei SAT1 Headautor für die Reihen „Schicksale“ und „In Gefahr“.

Uwe Petzold – Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren VDD (Foto: privat)

Was aber sind die Gründe, dass es eine steigende Zahl von Drehbüchern nie bis auf die Kinoleinwände oder die Fernsehbildschirme schafft, und dass Berufsanfängern der Start immer schwerer fällt? Der VDD-Mann Petzold sieht die Probleme zu allererst in einer zunehmenden Übersättigung des Marktes. „500 jährlich sicher finanzierten Drehbüchern“, erklärt er, „stehen 500 bis 800 etablierte Drehbuchautoren gegenüber. Dahinter drängen sich ungezählte Absolventen obskurer Bildungsanbieter mit Zertifikaten der Art ‚So schreibe ich ein Drehbuch‘.“ Das Auftragsvolumen aber wächst nicht im gleichen Tempo mit. Deshalb ist die Konkurrenz beinhart und die Notwendigkeit für Autoren ohne Namen und Expertise groß, auf eigenes Risiko in Vorleistung gehen zu müssen. Was sich oft als wenig erfolgversprechend erweist. „Wir sind Lieferanten ohne Abnahmegarantie“, so Petzold.. Weshalb das Schlüsselwort für den Erfolg Zielgruppe heißt. Produzenten werden an Zuschauerzahlen und Einschaltquoten gemessen. „Vor diesem Hintergrund muss die Geschichte, die ich anbiete, zum Sender, ins Programm und auf den konkreten Sendeplatz passen“, weiß Rainer Butt. So seien bei Großstadtrevier die Hälfte der „Konsumenten“ älter als 50, kämen gerade von der Arbeit und schauten gleichzeitig noch die Lokalzeitung durch.

Gestaltung für den Kommerz

Tiefgründige Charakterstudien passen da im wahren Wortsinn nicht ins Bild. Manch einen Drehbuchautoren lässt das verzweifeln und einige sogar den Job aufgeben. Der in München lebende Schweizer Urs Aebersold ist so einer. Nach dem Abitur in Biel, einer Ausbildung an der Schauspielschule in Paris und Studien an der Universität Bern sowie der Hochschule für Film und Fernsehen München debütierte er 1973 mit dem viel gelobten Kinofilm „Die Fabrikanten“. Anschließend schrieb er als freier Autor mehrere Drehbücher für die Reihe Tatort. Dann ein erster schmerzhafter Einschnitt. Ein ambitioniertes Kinoprojekt scheitert spät an der ausbleibenden Restfinanzierung. Nun wird Aebersold Redakteur in der Spielfilmabteilung des Bayerischen Rundfunks. Wenn schon nicht eigene Stoffe realisieren, dann vielleicht junge Talente entdecken. Es gelang ihm. Als Co-Produzent des HFF-Abschlussfilms „Abgeschminkt“ verhalf er der Regisseurin/Autorin Katja von Garnier zum Studenten-Oscar und Carolin Link mit „Jenseits der Stille“ zur Oscar-Nominierung als bester nicht-englischsprachiger Film. Heute schreibt er nur noch Prosa. Sehr erfolgreich, wie die Auszeichnung seines 2016 erschienenen Psychothrillers „Blut wird fließen“ durch die in Beverly Hills ansässige WriteMovies Company zeigt.

Der Schweizer und Wahlmünchner Drehbuchautor Urs Aebersold (Foto: privat)

Aebersolds Kritik an den Arbeitsbedingungen von Drehbuchautoren beschränkt sich freilich nicht allein auf die Ungleichheiten in deren Beziehungen zu Redakteuren, Produzenten und Regisseuren. Ihm geht es um Stoffe und Inhalte, gleichsam um die Partitur von Filmen. Dabei teilt er die Einschätzung von Uli Brée über die Auftraggeber. Brée im bereits erwähnten Zeit-Interview: „Nicht selten redet man mit Eunuchen über die Liebe.“ Wer davor nicht kapitulieren will, braucht so etwas wie eine unbedingte Besessenheit. Er habe, sagt Aebersold, in der industriellen Filmproduktion seine Vorstellungen eines guten Drehbuches immer weniger verwirklichen können. „Kino und Filme“, gewährt er einen tiefen Einblick in sein Innerstes, „haben für mich etwas Anarchisches. Deshalb gleicht jeder Film einem Kamikaze-Projekt.“ Was er damit meint und wodurch sich seiner Meinung nach ein gutes Drehbuch auszeichnet, sei die Darstellung der Intensität des Lebens, dessen Höhepunkten und Abgründen, der Dramen von Liebe, Treue und Verrat, der unter einer gutbürgerlichen Contenance brodelnden menschlichen Konflikte, kurz die Entwicklung von Figuren – trotz aller erforderlichen Verdichtung aber ohne Klischees und bis in die letzte Nuance fein ziseliert. Aebersold ist ob seines Ausscheidens nicht verbittert. Er ahnt, nein er weiß es, die Sicht der Zuschauer auf die Welt wird von den Zeitläufen bestimmt.

Show don’t tell

Und diese Sicht war in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts, als der Schweizer begann, eine andere. Heute sollen und müssen Produzenten ihren Zuschauern folgen. Und sie tun es. Die einen kritiklos, die anderen mit einem tiefen Stöhnen. Urs Aebersold kennt noch die Tage von Rainer Werner Fassbinder, Claude Chabrol oder Federico Fellini, wo die Reihenfolge zumindest hin und wieder noch eine umgekehrte war. Unberührt davon sind die beruflichen Anforderungen an Drehbuchautoren weitgehend die gleichen geblieben. Natürlich müssen sie schreiben und mit Sprache umgehen können. Uwe Petzold entdeckte seine Liebe zur Literatur schon in frühen Schuljahren. Auf Rainer Butts Zeugnissen fand sich im Fach Deutsch immer ein „sehr gut“. Urs Aebersold schrieb schon als Pennäler erste kleine Drehbücher. Doch ist das Schreibvermögen nur die Grundvoraussetzung. Zuvor braucht es die Fähigkeit, eine Geschichte spannend und mit einer klaren Dramaturgie erzählen zu können. Filmisch zu erzählen, wie Rainer Butt bemerkt.

Drehbuchautor Rainer Butt lebt und arbeitet in Hamburg (Foto: privat)

Was das heißt, frage ich den Wahlhamburger. „Als Drehbuchautor musst du in Handlungen denken“, erklärt er. „Während man in einem Roman die Gefühle eines Menschen in vielen Sätzen wunderbar beschreiben kann, muss ich sie im Film in eine Aktion übertragen.“ Gar nicht selten sogar in eine wortlose. Drehbuchautoren müssen also nicht bloß fesselnde Dialoge formulieren können. Ihnen muss es vor allem gelingen, emotionale Zustände wie Glück, Hoffnung, Angst, Zorn, Verzweiflung, Hass oder Neid zu veräußerlichen, wie es in der Szene genannt wird. Denn Filme haben in aller Regel keine Innenperspektive. „Unter den amerikanischen Kollegen“, so Butt, „heißt es deshalb kurz und bündig: Show don’t tell.“ An diesem Punkt, an dieser Fähigkeit scheidet sich in der Community die Spreu vom Weizen. Denn nur den guten Drehbuchautoren gelingt es, Geschichten zu erzählen und Handlungen zu entwerfen, die die vielfältigen Widersprüche menschlichen Lebens in ihrer ganzen Tiefe erfassen und so das Chaos der Welt zu entschlüsseln vermögen.

Lebenserfahrung als wichtigste Voraussetzung

Das setzt Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und Lebenserfahrung voraus. So viele und so viel als nur irgend möglich! Mehr als die Spanne gelebter Jahre zählt dabei die Intensität gelebten Lebens. Wer nicht neugierig ist, wer sich nicht aufs Leben mit all seinen Risiken einlässt, wird deshalb nie ein guter Story-Teller werden. So lebte Rainer Butt nach einem mit Auszeichnung abgeschlossenem Lehramtsstudium zunächst einige Monate in New York, absolvierte dann an einer Bremer Schule das Referendariat, arbeitete anschließend als Redakteur für Regionalzeitungen in Dortmund und Hamburg, wechselte später als Reporter zum ersten privaten Hamburger Radiosender OK Radio und berichtete zuletzt als Polizeireporter für Hamburg Radio. Uwe Petzold wiederum erlernte zuerst den Beruf des Bergbautechnologen, arbeitete danach mehrere Jahre als Aufnahmeleiter für Spielfilme und im Anschluss an ein Studium der Film- und Fernsehwissenschaften sieben Jahre als Konzeptentwickler für PR- und Industriefilme.

Sandra Hüller und Bjarne Mädel in der 2016 ausgestrahlten Tatortreiniger-Folge „Özgür“ (Foto: Thorsten Jander)

In früheren Jahren waren solche Quereinstiege in den Beruf die Regel. Seit geraumer Zeit aber bieten die Filmhochschulen sowohl grundständige als auch Masterstudiengänge Drehbuch an. Was die Frage aufwirft,  welcher denn der erfolgversprechendste Weg in den Beruf ist? Unter Insidern wird diese Frage überaus kontrovers diskutiert. Die einen, wie etwa Kerstin Ramcke, sehen die Absolventen einschlägiger Studiengänge im Vorteil. „Der Beruf hat sich stark professionalisiert“, so ihre Begründung. Und ergänzt: „Bei aller Genialität ist das Drehbuchschreiben vor allem Handwerk.“ Rainer Butt ist indessen überzeugt, dass es die wichtigste Kompetenz von Drehbuchautoren ist, etwas erzählen zu können. „Das aber lernt man an der Universität ebenso wenig wie die Neugier auf Menschen, die guten wie die schlechten.“ Uwe Petzold misst der Lebenserfahrung ebenfalls einen hohen Stellenwert zu, plädiert aus ganz pragmatischen Erwägungen aber auch für ein Studium. „Dort wächst man ganz natürlich in die für Drehbuchautoren so wichtigen Netzwerke hinein“, weist er auf einen wichtigen Punkt.

Erzählungen präzise auf den Punkt bringen

Doch müssen Drehbuchautoren nicht nur das professionelle Träumen beherrschen. Aus Träumen allein, und mögen sie auch einmalig sein, lässt sich noch kein gutes Drehbuch erstellen. Drehbuchautoren bedürfen gleich wichtig einer stringenten Rationalität. Denn wie bei der Errichtung eines Hauses steht bei genauem Hinsehen auch hinter jedem guten Drehbuch ein Bauplan. Dessen Ziel darin besteht, den Zuschauer in den Bann der Geschichte zu ziehen. Was nur gelingt, wenn die Ideen so miteinander verknüpft sind, dass sie zu einem rauschenden Strom werden, stark genug, jeden mitzureißen, der sich an seine Ufer wagt. So ähneln Drehbuchautoren Architekten. Beide entwerfen, aber führen nur selten selbst aus. Eine Ausnahme bilden lediglich die sogenannten Autorenfilme, wo der Drehbuchautor gleichzeitig Regie führt oder umgekehrt. Müssen die einen dafür deshalb mit Bauingenieuren, Statikern und anderen technischen Spezialisten zusammenarbeiten, haben die anderen bei Produktionen fürs Fernsehen mit den bereits mehrfach erwähnten Produzenten, Redakteuren und Regisseuren, bei Kinofilmen darüber hinaus zusätzlich mit den mächtigen Vertretern der Filmförderung zu kooperieren.

Katrin Wichmann und Axel Milberg 2018 im Tatort Kiel „Borowski und das Glück der anderen“ (Foto: Christine Schröder)

Freilich bedarf die Kunst des Drehbuchschreibens noch einiger weiterer Fähigkeiten. Die erste: kurz und prägnant formulieren zu können. Dialoge dürfen nicht zu Predigten ausufern. In der Kürze liegt die Würze. „Als Radiojournalist“, sagt Rainer Butt, „habe ich gelernt, komplexe Sachverhalte in 1:30 Minuten auf den Punkt zu bringen.“ Für Uwe Petzold bekommt an dieser Stelle die Forderung nach Kreativität eine ganz eigene Bedeutung. „Kreativ zu sein“, beschreibt er das, „bedeutet für Drehbuchautoren, in der Beschränkung etwas Besonderes zu erschaffen.“ Dafür sind viel Geduld, Ausdauer, eine eiserne Disziplin sowie die Fähigkeit zur effizienten Selbstorganisation unabdingbar. Drehbuchautoren sind Freiberufler und bestimmen somit ganz alleine, wann sie wie viel arbeiten. Kein Vorgesetzter kontrolliert das. Wie auch? Sie haben ja keinen. Klar ist allerdings, zum vertraglich vereinbarten Abgabetermin muss das Drehbuch fertig sein.

Das Drehbuch ist ein Film auf Papier

Wer Geschichten erzählen will, muss mit wachen Augen durch die Welt gehen. Vor dem Schreiben kommt deshalb das Beobachten. Auch das von Filmen. „Ich habe seit meiner Jugend und berufslebenslang ein Meer von Filmen angeschaut“, erzählt Urs Aebersold. „Das verschaffte mir einen riesigen Vorrat an möglichen menschlichen Entwicklungen.“ Noch etwas. Wer Drehbücher schreibt, sollte sich mit Entscheidungen nicht allzu schwer tun. Immerhin hat er unaufhörlich welche zu treffen. Wie ist der Lauf der Geschichte? Wie sind diese oder jene Szenen zu gestalten? Welche Aktionsorte transportieren die Botschaften visuell am überzeugendsten? Welche Spannungsbögen erfordert die Dramaturgie? Wo müssen die Plot-Points, die dramaturgischen Wendepunkte, gesetzt werden? Die Aufzählung ist lange nicht vollständig.

Zu bedenken ist ein weiterer Aspekt. Müssen sich Drehbuchautoren auf gewisse Genres spezialisieren? „In jedem Fall sollten sie nur über das schreiben, was sie wirklich kennen und können“, glaubt Rainer Butt. Urs Aebersold und Uwe Petzold sehen das ebenso. Doch unabhängig vom Genre folgt das Schreiben eines Drehbuches immer gleichen Regeln. Am Anfang steht das Exposé. Es ist eine komprimierte Aufstellung des Handlungsablaufes, der Zeit, Orte, Hauptfiguren, Erzählperspektive und Konflikte. Dem schließt sich ein ausführlicheres Treatment an, das die bereits in Szenen gegliederten wesentlichen Handlungslinien, aber noch keine Dialoge beinhaltet. Erst wenn auch dies Gnade vor den Augen des Produzenten findet, folgt in einem dritten Schritt die Erstellung des eigentlichen Drehbuches. Neben der Schilderung der Handlungsabläufe und Dialoge enthält es auch Regie- und Kameraanweisungen sowie Anmerkungen zu Requisiten, Kostümen, Licht und der Geräuschkulisse. Das Drehbuch ist also ein Film auf Papier.

In der Einsamkeit des Schreibens teamfähig bleiben

Urs Aebersold (ganz links) während einer Drehpause seines ersten Spielfilms „Die Fabrikanten“ (Foto: privat)

Dem folgen vielerlei Besprechungen, weswegen Drehbuchautoren den Willen wie auch die Fähigkeit zum Kompromiss benötigen, ohne dabei jedoch die eigene Geschichte zu verraten. Vor diesem Hintergrund wird ihnen trotz der Einsamkeit des Schreibens ein gerüttelt Maß Teamfähigkeit abverlangt. Bei den Daily Soaps arbeiten sogar meist mehrere Serienautoren an einem Buch. Die „Lindenstraße“ beschäftigt fünf feste Autoren! Ihr Vorteil ist die Kenntnis der Rollenbesetzung. Butt mit der Erfahrung vom Großstadtrevier: „Das erlaubt ein zielgerichtetes Schreiben. Ich weiß, wie ´Dirk Matthies` tickt und wie Jan Fedder ihn spielt.“ Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten minimiert eine thematisch breite Ausrichtung die ökonomischen Risiken. Doch vermag in der Realität kaum ein Drehbuchautor alles. „Ich kann zum Beispiel nicht Komödie“, gibt Butt freimütig zu. Unbestreitbar sind Kriminalfilme auftragsmäßig das größte Marktsegment. Es prägt aber eben auch. „Du hast ja bisher nur Krimi gemacht“, heißt es dann schon mal.

Ebenso stetige wie üppige Honorare lassen sich in den Produktionen von Daily Soaps verdienen. Doch ist der Arbeitsprozess für Drehbuchautoren hier ein durch und durch industrialisierter. Die Charaktere und Handlungsmuster sind fest vorgegeben, die Zeittakte eng, der Tiefgang eher gering, die Halbwertszeit flüchtig. Fernsehsender zahlen für normale Produktionen durchschnittlich zwischen 10.000 bis 50.000 Euro pro Drehbuch. Freilich sollte man wissen, dass die Arbeit an einem Drehbuch von der ersten Idee, über selbstfinanzierte Recherchen, mehrere Exposés, Treatments und Dialogbuchentwürfe bis zu zwei Jahren und manchmal sogar noch länger dauern kann. Üblich sind Staffelverträge, wo häufig die Hälfte des vereinbarten Honorars erst zu Drehbeginn ausgezahlt wird. „Von den rund 500 bis 800 professionellen Drehbuchautoren“, erzählt VDD-Vorstandsmitglied Petzold, „verdienen ein Drittel gut bis sehr gut. Bei einem Drittel reicht es gerade so zum Leben. Das letzte Drittel kommt nicht ohne Zusatzjob aus.“ Auftraggeber sind  Film- und Fernsehproduktionsfirmen, Rundfunkanstalten, Drehbuchagenturen und Medienverlage. Überall bleiben die Drehbuchautoren im Schatten des Backstags. Das Rampenlicht bleibt Schauspielern und Regisseuren vorbehalten. Damit sollte man umgehen können.

Vor sich selbst bestehen

Umgehen können müssen Drehbuchautoren auch mit einer geringen Dosis öffentlicher Anerkennung. „Sie erhalte ich im Grunde nur aus mir selbst“, gibt Rainer Butt zu bedenken. Und weiß nach vielen Berufsjahren, echtes von unechtem Lob zu unterscheiden. Aus dieser notwendigen Selbstbezogenheit dürfe freilich kein Autismus werden. Urs Aebersold drückt das Gleiche in anderen Worten aus. „Du musst unbeirrt deinen Weg gehen“, formuliert er es in der Sprachmelodie der Schweizer Berge. Das gilt ohne Einschränkungen auch für den Berufseinstieg. Rainer Butt kam über einen guten Freund zum Drehbuchschreiben. Ihm gelang, was nur wenigen gelingt. Gleich seine ersten beiden Drehbücher wurden verfilmt. Beim dritten folgte die harte Landung. Die später wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue verurteilte ehemalige Fernsehspielchefin des NDR, Doris Heinze, befand, noch nie so ein schlechtes Drehbuch gelesen zu haben. „In solchen Situationen versuche ich, mit etwas Abstand noch einmal drüber zuschauen“, sagt er. „Und meistens gibt es ja tatsächlich noch dieses und jenes zu verbessern.“ Drei Jahre später bekam es ein Regisseur in die Hand, war begeistert und verfilmte es.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 15.10.2018)

Berufstätige Drehbuchautoren: nach Schätzungen des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren ca. 500 bis 800.

Altersstruktur berufstätiger Drehbuchautoren:  keine Angaben vorhanden.

Arbeitslose Drehbuchautoren: aufgrund der Freiberuflichkeit keine Angaben vorhanden. Die Zahl der Aufträge ist abhängig vom Bekanntheitsgrad und des Umfangs der Aufträge.

Einkommen: keine Angaben möglich, da die Honorare individuell ausgehandelt werden.

Studienmöglichkeiten: https://www.hochschulkompass.de/studium/studiengangsuche/erweiterte-studiengangsuche/search/1/studtyp/3.html?tx_szhrksearch_pi1%5Bfach%5D=Drehbuch&tx_szhrksearch_pi1%5Bresults_at_a_time%5D=25

Weiterführende Informationen:

https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index;BERUFENETJSESSIONID=RrXDTYFhNwcS6ZwdX8wM7rjEssIkdMYvDb4yQ3p7KaaVZLDyOFr2!-1123988125?path=null/kurzbeschreibung&dkz=59034&such=Drehbuchautor%2Fin
und
https://www.drehbuchautoren.de/

 

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