Compagnons du Devoir – Wo aus Handwerkern Fachleute und mündige Bürger werden

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2020

Benjamin Bigot mit der Schärpe der Compagnons du Devoir (Foto: Philipp Jordan)

Ich erreiche sie in Berlin, in Pforzheim und in München. Ihre Namen: Justus Matthias, Benjamin Bigot und Damien Thieffenat. Sie arbeiten als freischaffender Architekt, Lehrbeauftragter an der Hochschule Pforzheim für den Studiengang Accessoire Design und als selbständiger Bauleiter im Anlagenbau. Alle drei begannen sie ihren Berufsweg mit einer handwerklichen Ausbildung: als Tischler, Schuhmacher und Mechaniker. Was sie verbindet ist freilich nicht nur ihr berufliches Herkommen. Sie alle gehören zu den Compagnons du Devoir. Die sind so etwas wie der Adel des europäischen Handwerks. Die in Deutschland allerdings kaum einer kennt. Was nicht überrascht. Schließlich gilt das Handwerk hier wie in vielen anderen Ländern auch beruflich als Resterampe für jene, bei denen es für einen Job in der Zukunftsbranche IT nicht reicht. Kaum jemandem käme es in den Sinn, sie mit dem Begriff Elite in Verbindung zu bringen. Und doch sind sie genau das!

Die Compagnons du Devoir engagieren sich als gemeinnütziger Verein vor allem in der Aus- und Weiterbildung junger Handwerker. In 57 Ausbildungszentren und mehr als 30 Berufen führen die Compagnons heute jedes Jahr über 10.000 Jugendliche zu einem Berufsabschluss. Doch das ist erst eine neuere Entwicklung. Wer will, kann daran die viel ältere Compagnonnage, die mehrjährige Wanderschaft, anschließen. Wegen ihrer exzellenten fachlichen Expertise besitzen die Compagnons in ihrem Heimatland Frankreich einen hohen Bekanntheitsgrad. Als Belohnung dafür nahm sie die Conférence des grandes écoles CGE (Verband der französischen Hochschulen) 2014 in ihre Reihen auf. Diese Ehre wird nur wenigen nichtakademischen Institutionen zuteil. Was die Compagnons du Devoir so einzigartig macht, ist freilich nicht nur die Vermittlung von fachlichem Wissen und Knowhow auf höchstem Niveau. „Wir denken Arbeit und Beruf ganzheitlich“, lenkt Daniel Imhoff den Blick auf etwas, was für die Compagnons zentrale Bedeutung hat.

Weiterbildungsprogramm der Extraklasse und …

Daniel Imhoff ist Sprecher der Compagnons du Devoir in Deutschland (Foto: privat)

„In unseren Ausbildungswerkstätten und Wohnheimen geht es deshalb auch um soziale Kompetenzen wie Solidarität, Brüderlichkeit und Großzügigkeit“, erklärt der Sprecher der Compagnons du Devoir in Deutschland. Compagnon zu sein, ist eine Lebenseinstellung. „Wir üben unseren Beruf mit Freude und Ehrgeiz aus. Und das nicht nur, weil wir damit unseren Lebensunterhalt verdienen müssen“, bringt es Daniel Imhoff auf den Punkt. „Eigenbrötler und Egoisten werden nie ein richtiger Compagnon“, formuliert es Damien Thieffenat mit seinen Worten. Drei der Gesprächspartner kommen aus dem Nachbarland, verfügen aber über beste deutsche Sprachkenntnisse. Justus Matthias ist geborener Berliner. Alle vier nutzten das Weiterbildungsangebot der Compagnons, die Compagnonnage. Die ist so etwas Ähnliches wie die Walz deutscher Handwerksgesellen. Nur eben strukturierter, von professionellen Ausbildern begleitet sowie um theoretische wie praktische Weiterbildungsmodule angereichert. Da fließen dann auch die Ergebnisse einer Beobachtungsgruppe von Compagnons ein, die die Entwicklung der Arbeits- und Berufswelt analysieren. Die Compagnonnage darf im Übrigen nur der beginnen, der mit der Präsentation eines zweiten Gesellenstückes dafür als würdig erwiesen hat.

Bevor die Teilnehmer der Compagnonnage die Insignien eines Compagnon du Devoir, die Schärpe und den Wanderstock, erhalten – je nach Berufsfamilie in blau, rot, gelb, grün oder weiß – müssen sie zunächst eine Art Meisterstück anfertigen. Abhängig vom Beruf sind die Teilnehmer zwischen vier bis sieben Jahren unterwegs. Bei den Steinmetzen können es auch schon einmal zehn Jahre werden. Gegenwärtig befinden sich 415 Handwerksgesellen, darunter immer auch eine Handvoll Deutsche, in 66 Ländern weltweit auf Tour. Normalerweise alle sechs Monate, mindestens aber jedes Jahr wechseln sie Region, Ort und Betrieb. Eine Auslandsstation ist verpflichtend. „Bei den Compagnons du Devoir sind das Reisen ebenso wie die betrieblichen Veränderungen ein immanentes Element der fachlichen Weiterbildung“, beschreibt Benjamin Bigot das Besondere dieser Zeit. Tatsächlich sei es eine einzigartige Erfahrung, erinnert sich Justus Matthias seiner Compagnonnage. Die führte ihn in Frankreich von Toulouse nach Dijon und Strasbourg, später nach Irland und Griechenland. Als letzte Station wählte er Köln, weil er dort gleichzeitig noch die deutsche Meisterprüfung ablegen wollte.

… echte Persönlichkeitsbildung

Was Compagnons sonst noch auszeichnet? Es ist ihre generationsübergreifende Dialogfähigkeit ebenso wie die Kompetenz zur fachlichen Verständigung über die Grenzen der einzelnen Gewerke hinweg. Wer sich, so wie die Compagnons, im Beruf permanent verbessern will, muss neugierig sein, muss fragen, zuhören und anschließend umsetzen können. Die Teilnehmer der Compagnonnage leben während der Tour in aller Regel in den Häusern der Compagnons du Devoir. Die Wohnmöglichkeiten sind seriös. Luxusappartements aber gibt es nicht. Dreibettzimmer sind die Regel. Die enge Gemeinschaft in den Häusern der Compagnons ist Schutz und Herausforderung zugleich. Benjamin Bigot hat beides erlebt. „Ich habe dort immer jemanden gefunden, der an mich geglaubt und mir den Rücken gestärkt hat“, blickt er zurück. Zugleich aber muss man die Dichte und Intensität der Gemeinschaft aushalten können. „Sogar dann, wenn zwei Menschen irgendwie nicht zusammen passen“, weiß er aus eigener leidvoller Erfahrung.

„Die Teilnehmer der Tour sollen lernen, in verschiedenen Umgebungen zu arbeiten, genauso wie sie üben sollen, mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen und Verantwortlichkeiten produktiv umzugehen“, beschreibt Daniel Imhoff das fachliche Weiterbildungsziel der Compagnonnage. Doch gehe es darüber hinaus auch um Persönlichkeitsentwicklung, um die Bereitschaft zur Integration, das Verständnis für andere Kulturen und um die Erweiterung der Sprachkenntnisse. „Compagnons sollen und wollen nämlich nicht nur erstklassige Handwerker, sondern unbedingt auch selbständig denkende Mitglieder einer demokratischen Bürgergesellschaft sein“, ergänzt Justus Matthias. Die Verbote der Compagnons du Devoir während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und zuvor schon unter Napoleon hatten genau hierin ihren Grund. Fairness und Vertrauen prägen auch das Arbeitsklima in den Häusern und Werkstätten der Compagnons.

Handwerker, die über den Tellerrand schauen

Auch in den Handwerksbetrieben muss man sich behaupten lernen. Lange nicht alle Chefs sind selbst Compagnons. Doch schätzen sie die hohe fachliche Kompetenz und Leistungsbereitschaft derer, die in der Compagnonnage unterwegs sind. Ebenso wie sie um die Erfahrung dieser jungen Fachkräfte aus ganz verschiedenen Arbeitsfeldern und noch mehr um deren fast schon sprichwörtliche Wissbegierde wissen. Damien Thieffenat, der vor seiner 6 ½ Jahre währenden Compagnonnage in Reims eine Ausbildung zum Mechaniker abschloss, reparierte etwa in St. Etienne Gabelstapler, in Nantes Bootsmotoren und in Nimes Lastkraftwagen. Dadurch erweiterte er seine mechanischen Kompetenzen um Kenntnisse aus der Elektrotechnik/Elektronik sowie der Hydraulik und Pneumatik. Heute plant, organisiert und überwacht er als selbständiger Bauleiter Wartungs- und Reparaturarbeiten in Müllbeseitigungsanlagen, wo die moderne technische Entwicklung dieses Vielfachwissen inzwischen zur zwingenden Notwendigkeit gemacht hat.

Bei den Compagnons du Devoir ist eine Malerin viel mehr als nur eine Anstreicherin (Foto: Thierry Caron/Divergence)

Justus Matthias berichtet Ähnliches. Während seiner Ausbildung als Tischler dominierten der Bau von Fenstern, Türen und Treppen. Während der Compagnonnage arbeitete er dann aber auch in Möbeltischlereien, im Yachtbau und in Betrieben, die Musikinstrumente herstellen. „In jedem Betrieb gab es nicht nur neue Kollegen, sondern auch andere Maschinen und eine je unternehmensspezifische Arbeitsorganisation“, erinnert er sich. „Das Positive speichert man ab“, erzählt Matthias, „das kann einem keiner mehr nehmen.“ Eine Zeit derart verdichteter beruflicher Erfahrungen erlebe man nicht oft, weiß der heutige Architekt. Die Compagnonnage bietet sie im Übermaß. Als Meisterstück fertigte Justus Matthias zusammen mit einem weiteren Compagnons als Gemeinschaftsarbeit einen Spieltisch in Form eines ausdrehbaren Weltkugel. Ein echtes Schmuckstück. Das jahrelang im Museum der Compagnons in Troyes ausgestellt war. Und oft bleiben aus diesen Jahren auch tiefe Freundschaften. „Die Compagnonnage begleitet einen ein Leben lang“, schwärmt Matthias.

Gute Karriereaussichten

Für Benjamin Bigot war die Tour von Marseille über Lyon, Toulouse, Strasbourg und Paris bis nach Freiburg aber noch mehr. „Ich habe mich dabei selbst gefunden“, schaut er dankbar auf die Zeit seiner Wanderschaft zurück. Und die Compagnonnage zahlt sich auch beruflich aus. Jeder zweite Compagnon steht später in leitender Funktion oder führt ein eigenes Unternehmen. Gar nicht wenige entscheiden sich schließlich für ein Studium und machen Karriere als Ingenieure, Architekten oder Lehrer. „Compagnons sind motiviert, ständig dazu zu lernen“, drückt es Damien Thieffenat aus, „sie haben Stehvermögen und sie sind das Kämpfen gewohnt.“ Doch nicht nur das. Compagnons haben auch gelernt, Verantwortung für ihr berufliches Tun ebenso wir für ihr Leben zu übernehmen. Das beginnt ganz unbürokratisch schon in den Wohnheimen. Dort werden die hauswirtschaftlichen Aufgaben wechselnd auf mehrere Schultern verteilt. Über die Erledigung wacht dabei nicht etwa der Prévôt, der Herbergsvater, sondern die Gemeinschaft der Mitbewohner, die monatlich Bilanz zieht.

Die geöffnete Weltkugel von Justus Matthias macht das Spiel zugänglich (Foto: Justus Matthias)

Damien Thieffenat weist in diesem Zusammenhang noch auf einen weiteren Aspekt. Das ist die Betonung der Selbständigkeit. „Bei den Compagnons du Devoir gibt es kein Règlement, sondern nur eine Règle“, sagt er. Soll heißen, es gibt keine par ordre du mufti festgelegten und bis zur vierten Hinterkommastelle ausformulierten Bestimmungen. Es gibt nur allgemeine Regeln, die von den Beteiligten in jedem Einzelfall neu zu verhandeln und entsprechend der jeweiligen Situation auszulegen sind. Das lässt schnell erwachsen werden. Denn in diesem Prozess gilt es, sich als Person und Persönlichkeit einzubringen. Darüber hinaus braucht es die Bereitschaft, sich auf Menschen einlassen zu wollen. Und zwar unabhängig von deren Vorbildung, sozialem Herkommen und kultureller Prägung. So spielen für die Aufnahme in die Compagnonnage Noten oder etwa religiöse Orientierungen keine Rolle. Umso mehr aber Neugier, Motivation und Leistungsbereitschaft. Interessenten sollten sich mit Daniel Imhoff in Verbindung setzen. Der bittet dann zum Gespräch – persönlich nach Köln oder per Skype. Wenn weder das eine noch das andere möglich ist, leitet er es an einen der über 70 in ganz Deutschland sesshaften Compagnons weiter. Kenntnisse über die Compagnons du Devoir und die Compagnonnage helfen den Bewerbern wie den Compagnons, ein modernes Abenteuer zu einem einmaligen Erlebnis werden zu lassen.

 


Weiterführende Informationen

www.compagnons-du-devoir.de

www.compagnons-du-devoir.com

Ansprechpartner in Deutschland: Daniel Imhoff, Tel.: 0173 – 5131278, Email: deutschland@compagnons-du-devoir.com

 

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