Christel Bienstein – Die Grande Dame der Pflegewissenschaft

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2018

Christel Bienstein (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Dass der Bundespräsident ihr für ihre Verdienste in der Pflegewissenschaft dereinst das Bundesverdienstkreuz verleiht und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) sie einmal zur „Pflege-Päpstin“ erheben würde, ließ sich am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1951 noch nicht erahnen. An diesem Tag erblickte Christel Bienstein in Bottrop das Licht der Welt. Absehbar war beides auch nicht, als sie nach dem Abschluss der Pflegevorschule in Münster und gerade 17 Jahre alt ihre Krankenpflegeausbildung begann und dafür ins Schwesternheim nach Marl zog. Aufgewachsen ist Christel Bienstein in der 35 Kilometer von Bottrop entfernt gelegenen Kleinstadt Schermbeck im Niederrheinischen. Dort ist die Landschaft flach wie ein Tisch, schon Hügel von fünfzig Metern Höhe werden als Berg bezeichnet. Die niedrigen Häuser ducken sich gegen den Wind. Die Menschen benötigen einen festen Schritt, um Raum zu gewinnen. Die Landwirtschaft dominiert das Wirtschaftsgeschehen.

Was Christel Bienstein auf ihrem langen Weg in die Pflegewissenschaft auszeichnet, ist ein ganzes Bündel von Eigenschaften. Wichtig und typisch für die Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder und Großmutter von bereits vier Enkeln, jede einzelne Eigenschaft steht mit den anderen in Verbindung wie die bekannten kommunizierende Röhren. Da ist der weite Blick nach vorn, auch der nach rechts und links des Weges, verbunden mit unbändiger Neugier und einem ideologiefreien Pragmatismus. Da ist die Bodenhaftung und die Standfestigkeit bei allen Wetterlagen, aber gleichzeitig auch die Bereitschaft, neues zu wagen, genauso wie die zum Kompromiss, wenngleich nie zu einem faulen. Und da ist der unternehmerische Geist, der Wille zum Gestalten einmal als richtig erkannter Ideen. Schließlich aber auch die Bereitschaft zur Umkehr, wenn sich der eingeschlagene Weg als Sackgasse erweist.

Hinschauen und Zuhören

Seit 1994 gehörte Christel Bienstein zum Staff der Universität Witten/Herdecke (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Jetzt, wo Christel Bienstein im 67. Lebensjahr beginnt, sich peu à peu von dem zu lösen, was sie bisher mit viel Liebe und Engagement getan und was ihre Tage ausgefüllt hat, kommt eine weitere Eigenschaft hinzu. „Ich kann gut loslassen“, sagt sie. Tatsächlich verrät ihre Stimme statt Trauer über den Verlust Freude auf das, was nun kommt. Allem voran die größere Selbstbestimmung über Zeit, Raum und Inhalte. Noch aber ist es nicht so weit. Zwar hat sie mittlerweile die Leitung des Departments Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke nach 23 Jahren abgegeben. Mit einer 20-Prozent-Stelle aber wird sie bis zum September dieses Jahres dort noch weiter lehren und zwei von ihr initiierte Projekte zu Ende führen. Bis 2020 steht sie darüber hinaus dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) als Präsidentin vor. Anspruchsvoll das eine wie das andere. Sie kann freundlich, aber bestimmt überzeugen. Und so kommen keine Zweifel auf, wenn sie davon spricht, dass auch das Leben nach dem Berufsleben lebenswert ist.

Doch rücken wir zur Entschlüsselung des Erfolges der „Pflege-Päpstin“ noch einmal auf „Start“ zurück. Eigentlich hieß der Berufswunsch der aufgeweckten Schülerin Christel Bienstein Erzieherin. Die zeitweilige Betreuung von vier Kindern einer befreundeten Familie gelang ihr nicht nur gut, sie begeisterte sie sogar. Der Berufswunsch Erzieherin ergab sich also nahezu folgerichtig. Was die Kinder umgekehrt an Christel Bienstein faszinierte, war deren Gabe, Geschichten liebevoll zugewandt und spannend wie keine andere erzählen zu können. Dass das Fundament dafür freilich genaues Hinschauen und Zuhören ist, reflektierte die Schülerin Christel zu jener Zeit noch nicht. Sie tat es intuitiv. Allerdings halfen ihr diese beiden Fähigkeiten bei ihrem Weg in die Pflegewissenschaft, viele Herzen öffnen und so manches Problem schnell und effizient lösen zu können. Denn am Ende blieb der Beruf Erzieherin ein Traum. Seine Verwirklichung scheiterte am Schulgeld, das die Eltern nicht übrig hatten.

Menschen helfen wollen

Christel Bienstein (Foto: Sabine Reschke/UWH)

So begann die Suche nach Alternativen. Das Leitkriterium der Schülerin Bienstein hieß: Menschen helfen zu wollen. Dass die Wahl auf eine Ausbildung zur Krankenschwester fiel, hatte drei Gründe. Wo anders ließ sich Menschen besser helfen als in diesem Beruf. Zumal dann, wenn das Helfen dazu führen sollte, dass Menschen körperlich gesunden sollten. Und Christel Bienstein verstand es genau in diesem Sinne. (Siehe dazu auch den Beitrag: „Gesundheits- und Krankenpfleger – Ein Beruf fürs Leben“; https://www.berufsreport.com/gesundheits-und-krankenpfleger-ein-beruf-fuers-leben/). Das zweite Argument wies auf die besseren Realisierungschancen. Krankenschwesternschülerinnen erhielten eine für die damalige Zeit lukrative Ausbildungsvergütung. Den letzten Ausschlag gab ein modisches Accessoire ihrer besten Freundin, die sich bereits in der Ausbildung zur Krankenschwester befand. Die attraktive Pelerine deren Schwesterntracht ließ alle ohnehin nur noch in geringen Resten vorhandenen Vorbehalte gegen diesen Beruf wie Schnee in der Frühjahrssonne schmelzen.

Sie bewarb sich, wurde angenommen und begann 1969 die Ausbildung in der Krankenpflege, die sie drei Jahre später mit großem Erfolg abschloss. Die zu ihrem ursprünglichen Berufswunsch Erzieherin viel näher liegende Alternative Kinderkrankenschwester hatte sie bewusst ausgeschlossen. „Die hohe Spezialisierung in der Kinderkrankenpflege“, begründet sie, „war mir zu eingeschränkt.“ Da war noch nicht abzusehen, dass die Zahl der Kinder ebenso wie Zahl der Krankenhäuser mit einer eigenen Kinderabteilung dramatisch sinken sollte. Mehr noch, dass Kinder den konventionellen Stationen zugeordnet werden, und ihre Pflege in die Verantwortung ganz normaler Gesundheits- und Krankenpfleger fällt. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Freude Christel Biensteins über das jüngst beschlossene Pflegeberufegesetz. Auf dessen Grundlage wird es ab 2020 eine gemeinsame zweijährige Grundausbildung geben. Die Ausrichtung auf Kinder-, Alten- oder Gesundheits- und Krankenpflege erfolgt erst im dritten Ausbildungsjahr.

Pflegearbeit ist Teamwork

Christel Bienstein (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Die über die Ausbildung fernab des Elternhauses neu gewonnene Freiheit genoss Christel Bienstein in vollen Zügen. Die Gemeinschaft mit den anderen Schwesternschülerinnen ebenfalls. Der Unterricht, obwohl gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern anspruchsvoll, fiel ihr leicht. Anders die ersten Schritte in den praktischen Ausbildungsabschnitten auf Station. „Auf Schwerstkranke und Sterbende waren wir nicht vorbereitet“, erinnert sie sich. Das Zusammensein im Wohnheim, wo ausnahmslos alle Schülerinnen wohnten, und der intensive Austausch untereinander halfen bei der Bewältigung des Erlebten sehr. Auch die Verpflichtung zum Tagebuchschreiben und die sich daraus ergebenden Gespräche mit der erfahrenen Ausbildungsschwester. „Dabei“, sagt sie, „war die damalige Patientenstruktur viel weniger belastend als heute, der Patientendurchlauf ein viel geringerer.“ Vor diesem Hintergrund sollte das Eintrittsalter in die Pflegeausbildung auf keinen Fall weiter abgesenkt werden, ist sie deshalb überzeugt.

Die Ausbildungszeiten auf den verschiedenen Stationen nutzt Christel Bienstein zielorientiert für die Planungen ihres weiteren Berufsweges. Sie entscheidet sich für die Intensivpflege. Hier erstarrt die pflegerische Tätigkeit weniger in Routine, sondern verlangte jeder einzelne Fall eine berufliche Qualifikation auf höchstem Niveau. Mehr noch gelingt Heilung nur durch die enge Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegefachkräften.  Auf Ihre Bewerbungen erhält sie mehrere Zusagen. Ein Krankenhaus bietet ihr sogar die pflegerische Leitung der gerade neu eröffneten Intensivstation an. „Das war verlockend“, schildert sie ihre damaligen Empfindungen, „aber völlig unrealistisch, denn ich war ja soeben erst mit der Ausbildung fertig geworden und hatte noch keinerlei Berufserfahrung.“ Ihre Wahl fällt schließlich auf ein Essener Krankenhaus. Die Tätigkeit in der Intensivpflege förderte ihre fachlichen Kompetenzen mit Siebenmeilenstiefeln, fordert ihr aber auch viel ab. Rückblickend war es eine glückliche Zeit.

Ende und Neuanfang

Christel Bienstein (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Die hätte durchaus noch ein paar Jahre so weitergehen können, wenn sich da nicht zwei Allergien gegen Penicillin und Formaldehyd einem dauerhaften Verbleib entgegen gestellt hätten. Überlegungen, die bisher nur vage im Nebel der Zukunft schlummerten, werden nun von einem Tag auf den anderen akut. Den Arbeitsbereich Pflege will die an Lebensjahren noch junge Krankenschwester nicht verlassen. „Die Arbeit hier“, erklärt Christel Bienstein ihre Entscheidung von damals, „hatte mich gefangen genommen.“ Was freilich die Entscheidungsmöglichkeiten auf nur wenige Optionen reduziert. Zumal sie in der Zwischenzeit auch eine Partnerschaft und Ehe eingegangen ist. Ihr Mann studiert. Eine Funktionsstelle im Pflegemanagement lockt sie wenig. Eine Tätigkeit in der Lehre an einer Krankenpflegeschule schon viel mehr. Was also tun? Studiengänge, wie die später genau dafür konzipierte Medizin- oder Pflegepädagogik, gab es noch nicht.

Jemand empfiehlt ihr den Weg über ein Lehramtsstudium. So weit, so gut. Doch kennen die Hochschulgesetze Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch keine Zulassung besonders qualifizierter Berufstätiger. Also bereitet sich Christel Bienstein über zehn lange Monate auf die sogenannte Immaturenprüfung vor. Nach deren Bestehen belegt sie an der Universität Essen die Fächer Geschichte und Germanistik fürs Lehramt an Grundschulen. Beides für sich sind bereits Riesenschritte. Die gleichzeitige Geburt ihres Sohnes erhöht die Anforderungen an die damals 25jährige noch einmal exponentiell. Immerhin verschwenden die Hochschulen in jenen Jahren keinerlei Gedanken an besondere Erleichterungen für Studierende mit Kindern. Doch ist die junge Mutter gut organisiert, zielorientiert und ehrgeizig. Sie schafft den Studienabschluss in der Regelstudienzeit. Und sieht gleichzeitig der Geburt ihres zweiten Kindes, einer Tochter, entgegen.

In stürmischen Zeiten Kurs halten

Hier begann ihre Karriere – Christel Bienstein mit ehemaligen Schwesternschülerinnen vor dem Marienstift in Marl (Foto: Sabine Reschke/UWH)

So müssen wohl Powerfrauen aussehen. Beruflich startet sie ohne Pause in ein zweites Studium. Sie schreibt sich in der Diplom-Pädagogik ein. Den Gewinn für das, was sie später beruflich machen wird, stuft sie im Rückblick als eher gering ein. „Persönlich aber hat mich dieses Studium sehr bereichert.“ Das gilt besonders für Lehrveranstaltungen aus der Psychologie und Soziologie. Daneben profitiert sie von den vielen Nachtdiensten, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer fachlichen Kompetenz und wegen der stets klammen Familienkasse an den Wochenenden und in der vorlesungsfreien Zeit in einer Gelsenkirchener und Essener Klinik leistet. „Die Sicht auf das Geschehen in der Pflege aus der Distanz“, formuliert sie ihre Erfahrungen, „schärfte meinen Blick für die Problembereiche professioneller Pflege und für den zunehmenden Handlungsbedarf.“ Nach Abschluss des Pädagogikstudiums arbeitet sie von 1981 an beim Bildungszentrum des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe in Essen als hauptamtliche Lehrkraft in der Weiterbildung.

Mit der Leiterin des Bildungszentrums, Renate Reimann, teilt sie eine tiefe fachliche Leidenschaft. Reimann ist für Bienstein berufliches Vorbild und Mentorin in einem. Es lässt sie fachlich wie persönlich entscheidend reifen. Als Renate Reimann 1990 das Rentenalter erreicht, wird Christel Bienstein ihre Nachfolgerin. Drei Jahre lang wird sie das Bildungszentrum des DBfK leiten. Doch überschlagen sich während dieser Zeit die Dinge, persönlich wie beruflich. Zuerst zerbricht ihre Ehe am Wunsch auf eine eigene berufliche Karriere. Doch während andere in solchen Situationen den Boden unter den Füßen verlieren, vergewissert sich Christel Bienstein ihres Weges und ihrer Ziele. Die Leitungsfunktion ist in hohem Maße Organisation und Management. Sie sieht die Notwendigkeit zur intensiven fachlichen Durchdringung der Pflege und dass ihr der Alltag dafür viel zu wenig Raum lässt. 1993 entschließt sie sich deshalb zur Kündigung in Essen. Sie will promovieren.

Den weiten Horizont wagen

Christel Bienstein (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Kaum hat sie damit begonnen, macht ihr Konrad Schily, der Präsident der privaten Universität Witten/Herdecke, ein einmaliges Angebot. Fünfzehn Jahre früher hatten sie bereits schon einmal Kontakt, verloren sich aber wieder aus den Augen. Das von ihr mitentwickelte Curriculum für einen einschlägigen Studiengang hatte keine Umsetzung gefunden. Nun bietet Schily ihr die Gründung und Leitung eines Departments Pflegewissenschaft an. Schily muss sie nicht lange überreden. Schließlich treffen sich hier zwei Seelenverwandte. Der Mediziner Schily ist überzeugt, dass die ärztliche Heilkunst erst dann erfolgreich sein kann, wenn die professionelle Pflege gleiche Augenhöhe, also wissenschaftliches Niveau, erreicht. Christel Bienstein, die von der Pflege her denkt, ist der selben Überzeugung. Sie willigt ohne langes Zögern ein. Das zeitgleiche Angebot einer Fachhochschule schlägt sie aus. „Die Uni Witten bot den weiteren Horizont.“

Freilich bewahrte der sie nicht vor den Mühen der Ebene. Doch die Unternehmerin, als die sich Christel Bienstein Zeit ihres Lebens verstand, lässt sich von den zahlreichen kleinen und großen Problemen nicht entmutigen. Obschon sie zugibt, die managementbezogenen Aufgaben, vor allem die zur Sicherstellung der Finanzen für das Departement, zunächst unterschätzt und nie wirklich mit Herzblut erledigt zu haben. Doch sieht sie die Notwendigkeit ein und erledigt diese lästige Pflicht mit großer Disziplin und am Ende des Tages gutem Erfolg. Heute zählt die Universität Witten/Herdecke in der Pflegewissenschaft zu den Topadressen. Und Christel Bienstein hat daran einen wesentlichen Anteil. Dabei stand das Projekt zu Beginn auf Messers Schneide. Als die ersten Studierenden 1996 begannen, fehlte noch die Anerkennung des Studiengangs durch das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium.

Pflege neu denken

Universität Witten/Herdecke 2006 – Christel Bienstein hält die Festrede zum zehnjährigen Bestehen des Departments Pflegewissenschaft (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Und die Ministerialbeamten in Düsseldorf legten keine Eile an den Tag. Witten /Herdecke und Christel Bienstein wollten mit ihrem Curriculum Pflegewissenschaft schließlich etwas etablieren, was es so noch nicht gab. Für Pflegemanagement und Pflegepädagogik existierten schon Angebote. Aber Pflegewissenschaft? So verging die Zeit. Für die Studierenden rückte das Ende des Studiums näher. Christel Bienstein fürchtete das Schlimmste. Der krisenerfahrene Konrad Schily aber beruhigte sie. Er setzte sich in den Flieger und verhandelte mit der amerikanischen Eliteuniversität Harvard. Und kam mit deren Zusage zurück, die Wittener Studierenden, wenn erforderlich, examinieren zu wollen. Auch die belgische Katholische Universität Leuven bot Hilfe an. Dann aber schließlich die Erlösung. Vier Wochen vor den Prüfungen kam die Genehmigung aus Düsseldorf. Die Beharrlichkeit hatte sich ausgezahlt. Doch es war knapp.

Konrad Schily wusste genau, weshalb er Christel Bienstein zu seiner Mitstreiterin machte. Weil ihre Entschiedenheit nicht in simpler Sturheit, sondern in der Erkenntnis gründete. Noch heute ist sie überzeugt, welche große Lücke das von ihr konzipierte akademische Ausbildungsangebot Pflegewissenschaft schließt. „Die Fachkräfte in der Pflege brauchen dieses Wissen“, erklärt sie freundlich, aber mit Nachdruck. Und nennt dafür als wichtigstes die Aufgaben im Wund- und Schmerzmanagement sowie in der Palliativpflege. „Unser Studiengang zeichnet sich durch eine konsequente Patientenorientierung aus. Wir wollen, dass es den Kranken besser geht.“ Gleichwohl scheint es ein langer Weg, die Kostenträger davon zu überzeugen, dass dies auch ökonomisch klug ist. Dafür nennt sie ein Beispiel. Wurden früher von fünf Frühgeburten drei künstlich beatmet, half die wissenschaftlich basierte Pflege, diese Zahl inzwischen zu halbieren.

Abschied ohne Zorn

Christel Bienstein (Foto: Sabine Reschke/UWH)

Diese Beispiele bestätigen Christel Bienstein in der Auffassung, dass nichts praxisorientierter ist als Wissenschaft und Forschung. Allerdings weiß sie auch, dass der Fortschritt sich oft genug als Schnecke präsentiert, ebenso dass sich Richtiges nur selten im Alleingang durchsetzt. Kaum etwas geht ohne die Unterstützung Gleichgesinnter. Deshalb engagiert sie sich bereits früh berufspolitisch und pflegt enge Kontakte zu Kollegen. Wer Strukturen verändern will, allzumal im Gesundheitswesen, bedarf politischer Macht. Die freilich gewinnt man nur über die Köpfe und Herzen der Menschen. Seit 2012 führt sie den Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) als Präsidentin, 2016 wurde sie in dieser Funktion bestätigt. 2020 aber soll auch damit endgültig Schluss sein. „Nichts ist schlimmer, als wenn Pensionäre weiter mitbestimmen wollen.“ Sie will sich dann anderen Dingen widmen. „Ein Beratungsinstitut“, sagt sie lachend, „werde ich jedenfalls nicht gründen.“

Dabei weiß sie, die Pflegewissenschaften haben noch ein gutes Stück Weg vor sich. „Die Digitalisierung stellt uns vor große Aufgaben.“ Den Rückstand begründet sie mit dem geringen Anteil männlicher Pflegefachkräfte. Dazu kommt die Veränderung der Patientenstruktur. Alle Pflegegruppen werden sich je länger je mehr auf unterschiedliche kulturelle Herkommen ihrer Patienten einzustellen haben. Auch die Qualitätssicherung ist noch nicht dort, wo sie die Profis wie Christel Bienstein gerne hätten. Doch verlässt sie den Beruf ohne Befürchtungen. 30 der knapp 500 Wittener Absolventen sind inzwischen selbst in einer Professur eingemündet. „Und sie sind sehr gut“, lobt sie anerkennend. Christel Biensteins eigene wissenschaftliche Leistung fand ihre Würdigung in der Verleihung einer Honorarprofessur durch das Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen. Wie heißt es doch? Was einen Menschen ausmacht, lässt er zurück, wenn er geht. Christel Bienstein lässt eine Menge zurück – an Wissen, Haltung und Engagement.

 

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