Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland (BÖB) – Allianz mit bildungsökonomischen Ambitionen

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2020

Die ökonomischen Bildungslücken von Schülern sind nicht selten groß wie ein Scheunentor. Daran gibt es keinen Zweifel, auf keiner Seite der bildungspolitischen Frontlinien. Die Vorsitzende des Ende September gegründeten Bündnisses Ökonomische Bildung Deutschland (BÖB), Verena von Hugo, möchte das ändern. Mit dabei sind neben vielen Einzelpersonen bereits mehr als fünfzig Organisationen. Zu den Initiatoren der ersten Stunde zählen der Deutsche Lehrerverband, der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte, die Joachim Herz Stiftung sowie das Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg, aber auch die Deutsche Börse AG. Das, was sie zusammenführt, ist nichts weniger als die Überzeugung, Deutschland brauche eine nationale Strategie für ökonomische Bildung. In allen Bundesländern müsse Wissen um ökonomische Zusammenhänge mit mindestens 200 Unterrichtsstunden in den Curricula aller weiterführenden Schulen vermittelt werden, lautet die Kernforderung des Bündnisses.

Sven Schumann (Foto: Thorsten Jansen)

Sven Schumann als Co-Vorsitzender liefert die Begründung für diese Forderung. „Zur Zukunftssicherung unseres Landes brauchen wir mehr denn je ökonomische Kompetenzen in allen Bereichen der Bevölkerung. Die Basis hierfür wird in der Schule gelegt.“ Auf diese Feststellung hat Sven Schumann allerdings keinen Alleinstellungsanspruch. Ob er darüber traurig ist? Wohl eher nicht. Immerhin sucht und benötigt er Verbündete und Gleichgesinnte. Kerstin Pohl von der Bundeszentrale für Politische Bildung stellte schon vor einem Jahr fest: „Für eine gute ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen gibt es überzeugende Gründe. … weil immer mehr Lebensbereiche ökonomisiert werden und durch die zunehmende ökonomische Globalisierung auch staatliche und suprastaatliche politische Akteure weiter in die Abhängigkeit von Märkten geraten …“ (Kerstin Pohl: Brauchen wir ein eigenes Unterrichtsfach Wirtschaft?, 29.11.2019)

Ökonomische Bildung braucht qualifizierte Lehrkräfte

Freilich ist diese Forderung nach einer angemessenen ökonomischen Bildung bereits Jahrzehnte alt und zahlreiche Initiativen haben sich daran schon die Zähne ausgebissen. Ohne nennenswerten Erfolg, sonst hätte das neue Bündnis keinen solchen Widerhall ausgelöst. Doch wird das BÖB zeigen müssen, ob es im Gegensatz zu seinen Vorgängerinitiativen nun endlich den für das Schloss passenden Schlüssel gefunden hat oder finden kann. Darüber zu urteilen, ist es zu früh. Immerhin hat das Bündnis seit seiner Gründung als gemeinnütziger Verein noch keine hundert Tage auf dem Buckel. Die Forderung nach angemessenen Unterrichtsanteilen für wirtschaftliche Bildungsinhalte mit der nach einer verbesserten Lehrerausbildung zu verknüpfen, liegt nahe, ist klug und stellt das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland auf eine neue Exzellenzstufe. Ob es die Erfolgschancen erhöht, steht freilich auf einem anderen Blatt. Schließlich eröffnet man so neben den Kultus- beziehungsweise Schulministerien und den örtlichen Schulen mit den Wissenschaftsministerien und den wissenschaftlich selbstbewussten Universitäten einen weiteren Schauplatz. Viel Feind, viel Ehr.

Bildungspolitik ist ein schwieriges Pflaster. Nicht allein, weil es wie kaum ein anderes Thema ideologisch aufgeladen ist. Nein, es ist auch eines der wenigen Felder, in dem die Länder noch ganz allein bestimmen, jedes einzelne ganz autonom, und der Bund nicht mehr als Empfehlungen aussprechen kann. Empfehlungen, die die Länder in der Vergangenheit ebenso machtbewusst wie regelmäßig ignoriert haben. Darauf müssen auch Verena von Hugo, Sven Schumann und ihre Mitstreiter Rücksicht nehmen. Schaut man auf die Mitgliederliste, wird schnell klar, dass es auch in den eigenen Reihen eine große Meinungsvielfalt über das Wie der Umsetzung geben dürfte. Diese Vielfalt sei gewollt, das Bündnis verstehe sich als ein Netzwerk aus Netzwerken, erklärt Verena von Hugo. Als Zentralpunkt zeichnet sich aber die Frage ab, ob die ökonomischen Inhalte in einem eigenen Unterrichtsfach gebündelt oder in ein thematisch angrenzendes Fach integriert werden sollen. Für beide Varianten gibt es gute Argumente. Bis jetzt hat außer Baden-Württemberg allerdings kein einziges Bundesland ein separates Unterrichtsfach Wirtschaft installiert. Die Inhalte finden sich in Fächern wie Politik/Wirtschaft, Gemeinschafts- oder Sozialkunde wieder. Die Bezeichnungen sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Kann das funktionieren?

Genau an dieser Stelle wird es schwierig. Denn solange die ökonomische Bildung nicht den Rang eines eigenständigen Unterrichtsfaches erreicht, wenn vielleicht auch nur epochal unterrichtet, wird es auch keine separate Facultas Wirtschaft und damit keine Veränderungen in der Lehrerausbildung geben. Doch selbst wenn, würde den Hochschulen wohl dasselbe widerfahren wie weiland denen in Niedersachsen mit dem Unterrichtsfach Englisch für die Primarstufe. Da nährte das Kultusministerium die Überlegungen, Englisch könne bald Unterrichtsfach in der Primarstufe werden. Und hoffte insgeheim, wenn die solcherart qualifizierten Lehrer erst einmal vor den Schultüren stünden, würde der noch notwendige politische Beschluss für die Aufnahme ins Curriculum ein Selbstläufer. Die Universitäten sprangen nicht ganz uneigennützig auf den Zug auf und nahmen das Fach in ihre Lehrpläne auf. Die Hoffnung aber trog. Der Versuch und die Einführung des Unterrichtsfaches Englisch scheiterten und die solcherart ausgebildeten Lehrer hatten ein Einstellungsproblem.

Daraufhin blieben die Bewerber aus. Die Universitäten tilgten Englisch als Studienfach für das Grundschullehramt und haben bis heute keinen neuen derartigen Anlauf gewagt. Aus Schaden wird man bekanntlich klug. Bei aller berechtigten Anfangseuphorie scheint das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland also gut beraten, die Situation in den Schulen realistisch in den Blick zu nehmen. Die Schulleiter und Kollegien dort plagen bereits seit geraumer Zeit viele andere Probleme. Die heißen: unbesetzte Planstellen, Unterrichtsausfall in schwindelerregendem Umfang, wirklichkeitsfremde ministeriale Erlasse, mit der Einführung des Verkehrsunterrichts und des Berufswahlvorbereitenden Unterrichts, der aufwändigen Integration von Schülern mit Förderbedarf sowie die Digitalisierung fachlicher Vermittlungsprozesse, schließlich eine in weiten Bereichen verunsicherte, gar nicht selten demotivierte Lehrerschaft quer durch alle Altersstufen. Probleme, mit denen sich Schulen und Lehrer lange schon vor Corona herumschlugen.

Zu wenig bildungsökonomische Lehrstühle

Verena von Hugo (Foto: Marcus Becker)

Das Bündnis hat in dieser Frage bewusst einen differenzierten Standpunkt bezogen. Ob separates Fach oder in ein anderes Fach integriert, sei nachrangig, heißt es. Was zähle, seien Umfang und Qualität der ökonomischen Bildung. Entscheidend sei indessen die Forderung nach einer verbesserten Lehrkompetenz. Denn, so Verena von Hugo, weil es viel zu wenige qualifizierte Lehrkräfte gebe, würden ökonomische Bildungsinhalte zu oft von fachfremden Lehrern unterrichtet. Aber auch die Lehrer mit der für das Fach Politik/Wirtschaft passenden Lehrbefähigung, ist ihr zweiter Kritikpunkt, seien für die Vermittlung ökonomischer Sachverhalte mit ihrer spezifischen Fachdidaktik in der Regel wenig gut vorbereitet. Was nicht am Willen und Fleiß der einzelnen Lehrer liege, sondern ein strukturelles Problem sei. Es gebe nur wenige Lehrstühle für ökonomische Bildung. „Für die Ausbildung des Lehrernachwuchses für das Fach Politik/Wirtschaft“, so von Hugo, „sind deshalb fast überall die politikwissenschaftlichen Lehrstühle verantwortlich.“

Das ist denn auch für die Vorsitzende des Bündnisses das eigentliche Problem. Die ökonomischen und politikwissenschaftlichen Lehranteile seien längst nicht überall paritätisch verteilt. Meist zum Nachteil der Wirtschaftswissenschaften. Im Übrigen besäßen beide Fächer eine unterschiedliche methodische Tradition. Die Politikwissenschaften seien verballogisch orientiert, die Wirtschaftswissenschaften auch analytisch und anwendungsbezogen. Auch wenn es nicht direkt formuliert wird, ist klar, dass diese Überlegungen auf die Ausbildung der Lehrer für die ökonomischen Bildungsanteile an den wirtschafts- und nicht mehr an den politikwissenschaftlichen Fachbereichen hinauslaufen würden. Ob die davon betroffenen Ordinarien den Verlust an Studierenden samt inneruniversitärem Bedeutungsschwund widerspruchslos hinnehmen, wird sich zeigen.

Butter bei die Fische

Von der Hoffnung, mit anders sozialisierten Quereinsteigern und deren Berufserfahrung außerhalb von Schulen und Hochschulen könne ein frischer Wind durch die Kollegien wehen, sprechen sogar die Kultusminister nicht mehr. Die Gründe sind vielfältig. Doch ist hier nicht der Platz, sie auszuführen. Und die engagierten Lehrkräfte, die da sind, stellen noch zwei weitere Fragen. Welches sind die ökonomischen Inhalte, die in einem Fach Wirtschaft vermittelt werden sollen, lautet die erste. Und die zweite besitzt kaum weniger Sprengkraft. Wenn neue Bildungsinhalte in die Curricula aufgenommen werden sollen, müssen alte weichen. Das gilt unabhängig davon, ob Wirtschaft als eigenes Fach oder in andere Fächer integriert unterrichtet wird. Welche Fächer beziehungsweise Fachinhalte werden das sein? Und wie wird man deren Reduzierungen begründen? Dazu wird die Politik Antworten finden müssen. Ein Bündnis wie das BÖB kann an so einer Entscheidung nur beratend mitwirken, braucht dafür aber ebenfalls eine eigene Agenda. Der Hinweis, hierbei auf dem Boden des Beutelsbacher Konsenses und dem darin vereinbarten strikten Neutralitätsgebot zu stehen, ist löblich. Aber es braucht mehr. Norddeutsche würden sagen, es braucht Butter bei die Fische.



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