Berufssportler/Profisportler – Zum Siegen verdammt

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2019

Usain Bolt – Siege geben Selbstbewusstsein (Foto: Wikimedia/Erik van Leeuwen)

Es stimmt schon. Jeder Beruf ist anders. Jeder hat seinen eigenen Spirit. Und dann gibt es da noch Berufe, die scheinen vollkommen anders als alle anderen, die scheinen absolut unvergleichlich. Der des Profisportlers zum Beispiel. Oder etwa doch nicht? Ist am Ende auch bei diesem Beruf alles so wie immer? Nur intensiver, lauter, schriller, bunter, komprimierter? Wir haben lange und umfangreich recherchiert. Aber die Datenlage ist dürftig. Noch nicht einmal die Zahl derer, die ihn ausüben ist bekannt. Geschweige denn, dass es eine Differenzierung nach Sportarten gäbe. Nein, nichts von alledem lässt sich finden. Dabei setzt die Branche Milliarden um, auch wenn weithin im Dunkeln bleibt, wer die Gewinne am Ende auf seinem Konto verbucht. Trotz einiger Großverdiener mit Jahresgehältern im zweistelligen Millionenbereich wie dem Fußballer Christiano Ronaldo, dem Basketballprofi Stephen Curry, dem Eishockeyspieler John Tavares oder dem ehemaligem Sprintstar Usain Bolt scheinen die allermeisten Athleten in diesem Spiel nur jederzeit austauschbare Schachfiguren, selten Akteure auf gleicher Augenhöhe.

Studien oder Analysen über Arbeitsbedingungen, Einkommen, Anforderungen und Arbeitsverträge ergeben eine komplette Fehlanzeige. So haben wir uns auf das konzentriert, was wir am besten können, nämlich nachzufragen bei denen, die diesen Job ausüben oder ihn ausgeübt haben. Denn wer sollte ihn besser kennen und unsere Fragen authentischer beantworten können als die, die selbst in den Stadien und Hallen auflaufen oder -liefen. Die Suche gestaltete sich gleichwohl schwierig. Nicht wenige antworteten auf unsere Anfrage gar nicht. Einige fanden das Projekt zwar spannend, aber entschuldigten sich mit fehlender Zeit. Wieder andere wollten nur gegen ein Honorar mit uns sprechen. Die Einen wie die Anderen werden ihre Gründe haben. Denen, die uns uneigennützig halfen und sich dem Gespräch Face to Face stellten, umso größeren Dank! Alle bestätigten sie, dass sich der Beruf des Profisportlers in den grundlegenden Dingen kaum von einem zivilen Beruf unterscheidet. Ich bin mir unsicher, ob das positiv für den Berufssport ist oder doch eher ein Menetekel für die bürgerliche Berufswelt. Unabhängig voneinander hören wir von allen, wie sehr sie diesen Beruf lieb(t)en.

Irgendwann ist man Profi

Der Basketballprofi David Arigbabu spielte für 10 Vereine in 6 Ländern (Foto: privat)

Tatsächlich sind da wie dort Talent, Leistungsbereitschaft, Selbstdisziplin, Fleiß, Teamfähigkeit, der Wille zum Erfolg, dazu im Sport Verständnis für Taktik und Spielsysteme, zugleich freilich auch die Bereitschaft zum Verzicht, Demut und Bescheidenheit unabdingbare Voraussetzungen. Alle diese Eigenschaften haben einen positiven Klang und zählen auch in der ganz normalen Berufswelt. Arbeitgeber wissen das hoch zu schätzen. Aber darüber hinaus sind dann doch im Profisport einige Dinge anders. Im Folgenden wollen wir nicht die Glamour-Stories der Hochglanzmagazine wiederholen, sondern, ohne zu werten, den Berufsalltag schildern. „Profisport kann man nicht (er)lernen“, bringt der langjährige Basketballspieler David Arigbabu die erste Erkenntnis auf den Punkt. „Man kann bloß irgendwann Profi sein.“ In der Tat gibt es statt einer Ausbildungsordnung nur den Trainingsplan. Wie der gestaltet wird, ist Sache des Athleten und seiner Trainer. Die einen machen es so, die anderen so. An die Stelle einer Prüfung mit Noten treten der Wettkampf mit Sieg oder Niederlage und irgendwann dann vielleicht ein Vertragsangebot.

Die Währung heißt von nun an Erfolg. „Dem siegreichen Sportler“, erklärt Arigbabu, „gelingt es, in Situationen extremen Drucks die richtigen Entscheidungen zu treffen und, wichtiger noch, sie auch umzusetzen.“ Der Trainingsaufwand unterscheidet sich zwar von Disziplin zu Disziplin. Hoch aber ist er überall. „Ich musste mir alles hart erarbeiten“, wirft der ehemalige Fußballprofi und 46malige Nationalspieler Carsten Ramelow, der heute Mitinhaber einer Eventagentur und Vizepräsident der Spielergewerkschaft VDV ist, einen Blick zurück. Auch wenn es bei den Stars alles ganz leicht aussieht, bleiben selbst ihnen Schweiß und Mühen nicht erspart. Christiano Ronaldo, erzählen die Insider, übe oft jetzt noch, im Alter von 34 Jahren (!), nach dem offiziellen Mannschaftstraining Freistöße um Freistöße. Und tatsächlich werden die Spielpläne in den Top-Ligen immer enger. Spitzenspieler kommen im Fußball nicht selten auf über 70 Spiele und 100.000 Flugkilometer.

Überhaupt ist Zeit für Berufssportler ein knappes Gut. Den Spaß am Beruf trübt das dennoch nicht. „Meine Arbeitszeit bei Bayern München“, erinnert sich der ehemalige Fußballnationalspieler Tobias Rau, „umfasste sieben Tage die Woche, wovon ich in der Saison immer drei Tage zu Auswärtsspielen in der Bundesliga und Champions League unterwegs war.“ Dazu in der Saisonvorbereitung Trainingslager. Nach der Saison für die besten der besten die großen Turniere wie Olympia,  Europa- oder Weltmeisterschaften. Und wenn sich die Wünsche aufs Endspiel erfüllen, heißt es vier Wochen im Hotel leben, fokussiert immer nur auf den nächsten Einsatz, immer umlagert von der Presse und den Fans, ansonsten aber viel Leerlauf. Beim ersten Mal macht es noch Spaß, beim vierten Mal wird es fad. Dazu Termine mit Sponsoren und Ausrüstern, Zeit für das Abdrehen neuer Werbespots, Fotoshootings.

Immer wieder trainieren und üben

Marco Pantani beim Anstieg nach Alpe d’Huez während der Tour de France 1997 (Foto: Wikimedia/Hein Ciere)

„Profisport besteht überwiegend aus Wiederholungen von Bewegungsabläufen und, bei Ballsportarten, von Spielzügen“, blickt Arigbabu zurück, „der Rest ist Kopfsache.“ Was übrigens sowohl in Mannschafts- wie Einzeldisziplinen gilt. Tobias Rau bestätigt das. Rau, der heute als Lehrer an einer Gesamtschule arbeitet und im Aufsichtsrat seines Heimatklubs Eintracht Braunschweig sitzt, spielte in seiner Karriere auch beim VfL Wolfsburg, Bayern München, zuletzt bei Arminia Bielefeld und auf dem Höhepunkt seiner Karriere auch in der Nationalmannschaft. „Talent ist die unverzichtbare Grundlage“, formuliert er ohne langes Zögern, „doch Ehrgeiz und Trainingsfleiß müssen zwingend dazu kommen.“ Abhängig von der Disziplin und/oder der Mannschaftsposition gilt das auch für die körperlichen Voraussetzungen. Die Innenverteidiger im Fußball sollten wegen der Luftkämpfe möglichst hoch gewachsen sein. Radrennfahrer, allzumal Bergspezialisten wie der an einer Überdosis Kokain verstorbene Marco Pantani oder der diesjährige Tour de France-Sieger Egan Bernal, dürfen, anders als Bobfahrer, keine Riesen und müssen Leichtgewichte sein.

Pantani, von seinen Fans nur der Pirat genannt, wog auf dem Höhepunkt seiner Karriere lediglich 56 kg und gewann als einer der ganz wenigen mit der Tour de France sowie dem Giro d’Italia die wichtigsten Grand Tours in einem Jahr. Sportwissenschaftler können den Effekt, der daraus entsteht genau berechnen – und tun das auch. Pantani brachte bei der berüchtigten Auffahrt nach Alpe d‘Huez 6,5 Watt/kg auf die Pedale. Chris Froome, Tour de France-Sieger aus dem vorletzten Jahr, schaffte es lediglich auf 6,2 Watt/kg. Der sich daraus ergebende Zeitunterschied beträgt beim knapp 14 km langen Anstieg nach Alpe d‘Huez nicht weniger als 3 Minuten. Doch es gibt auch die Gegenbeispiele. Die freilich, zumindest für die Mannschaftssportarten, noch ein Weiteres deutlich machen. Die Abhängigkeit der Profis von Trainern und Coaches. Böse Zungen sprechen deswegen bei ihnen auch von Angestellten, während Athleten in Einzelsportarten wie Unternehmer denken müssen. Andrea Pirlo jedenfalls, italienischer Fußballspieler, wurde zu Beginn seiner Karriere von Inter Mailand ausgemustert.

Karriere beginnt immer früher

Schon in der D-Jugend (hier: FC Wacker gegen MTV 1879 München) geht es um Sieg oder Niederlage (Foto: Wikimedia/Usien)

Begründung: mit 1,77 m Körpergröße und weniger als 70 kg Lebendgewicht viel zu schmächtig. Erst Trainer Carlo Ancelotti vom Stadtrivalen AC Mailand erkannte seine Stärken und wagte, ihn dorthin zu stellen, wo der Kopf wichtiger ist als die Physis. So konnte Pirlo zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt werden. Und dann gibt es noch die Begnadeten. „Dirk Nowitzki war so einer“, schwärmt David Arigbabu. „Nowitzki“, sagt Arigbabu, „hatte mit 2,11 m die Größe eines Grizzlys, aber die Wendigkeit eines Wiesels.“ Das Problem ist allerdings, dass die Karriere eines Profisportlers meist bereits im Kindesalter beginnt oder besser: begonnen werden muss. Zu einem Zeitpunkt also, wo noch niemand sicher vorherzusagen vermag, welche Körpermaße dereinst einmal im Erwachsenenalter erreicht werden, ob Muskeln und Gelenke die erforderliche Stabilität erreichen und ob das dann zur gewählten Sportart passt. Die Ausbildung an oft hunderte Kilometer vom Elternhaus entfernten Akademien und Jugendleistungszentren erfordert eine immer frühere Selektion. Sport ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden mit zunehmend industriellen Strukturen. Das Echo der Community über diese Entwicklung ist allerdings auch anderer Gründe wegen ein geteiltes.

Auf der einen Seite hilft es, die sich immer wiederholenden Bewegungsabläufe bis ins Unterbewusstsein abzuspeichern und damit jederzeit und unkompliziert abrufbar zu machen. Doch hat das auch eine dunkle Seite. „Wenn Jugendliche im schlimmsten Fall bereits mit 13 Jahren karriereentscheidende Verletzungen verarbeiten müssen“, sagt Niklas Lütcke, heute Rechtsanwalt in Berlin, früher Basketballprofi in Gießen, Bamberg und Frankfurt, „ist das viel zu früh.“ Tatsächlich begann Dirk Nowitzki erst in diesem Alter mit dem Basketball und schaffte es trotzdem zu einem der besten in der US-amerikanischen NBA (National Basketball Association). „Er hatte ausreichend Zeit, sich sportlich wie persönlich entwickeln zu können“, glaubt Lütcke, die Begründung für so viel Erfolg gefunden zu haben. Doch was wird aus denen, die auf dem Weg nach ganz oben auf der Strecke bleiben? „Im Volkssport Fußball gelingt von 1.000 Jugendlichen allenfalls drei der Sprung nach ganz oben“, deutet der Spielerberater Volker Struth auf das Risiko (Talkshow Markus Lanz vom 03.07.2019). Struth sollte es wissen. Seine Agentur SportsTotal gehört zu den ganz Großen der Branche. Aber auch er spricht nicht über die namenlose Mehrheit derer, die scheitern.

Spagat zwischen Planung und Coolness

Profis spielen stets mit vollem Einsatz (Foto: Wikimedia/Steindy)

Denn der Sport braucht Helden! Doch die stehen auf den Schultern vieler Arbeitsbienen. Gleich, welche Rolle dem Einzelnen im System einer Mannschaft zugewiesen wird, muss er sich damit arrangieren und in die Hierarchie der Mannschaft einfügen. „Überhaupt“, ist Niklas Lütcke überzeugt, „ist Sport keine Demokratieveranstaltung. Einer muss das Sagen haben.“ Genau dieser Punkt birgt freilich ein hohes Maß an Konfliktpotential. Denn Spieler wissen heute mehr als in der Vergangenheit, im Showgeschäft, und der Profisport ist ein Teil davon, bleiben die in Erinnerung, die in den entscheidenden Spielen die Big Points setzen und in den letzten Sekunden den entscheidenden Dreier werfen. Das erhöht den eigenen Marktwert.  Der, der in die Defensive beordert wurde und der zuvor zwei todsichere Chancen des Gegners verhinderte, ist dagegen schnell vergessen. So beginnt die strategische Karriereplanung von Sportlern, ihren Eltern und Beratern immer früher. „Nicht selten aber zum Preis der Lockerheit“, weist der heute als Marketing-Spezialist arbeitende David Arigbabu auf einen Aspekt, der im Beruf eines Profis existenziell ist. „Nur die Freude am Sport bewahrt dich vor dem Verkrampfen.“ Das umso mehr, als Sport eine überaus emotionale Angelegenheit ist.

Profis müssen mit ihren Gefühlen umgehen lernen aber genauso auch Abstand zu ihnen halten können. Schließlich ist Sport in allen Disziplinen immer eine emotionale Achterbahnfahrt. „Heute Weltklasse, morgen Kreisklasse“, beschreibt es Carsten Ramelow. Fans wie Medien kennen nur Top oder Flop. Für Differenzierungen bleibt da nur selten Raum. Dabei kann nationaler Meister, Champions League-Sieger oder Goldmedaillengewinner stets nur einer werden. Obschon auch der fünfte eine große Leistung vollbracht hat. Gleichwohl würdigen Zuschauer und Journalisten das  eher selten. Da sind Berufssportler dann ganz auf sich zurückgeworfen. „Du musst deine eigene Leistung selbst einschätzen können“, formuliert es Ramelow. „Nur so gelingt es dir, die wirklich wichtigen Momente im Leben festzuhalten und nicht am ausbleibenden Meistertitel zu zerbrechen.“ Ramelow spielte auf der Sechserposition, von der aus man eher selten Tore schießt, und war mit Bayer Leverkusen insgesamt acht Mal „nur“ Vizemeister. Geliebt hat er seine Arbeit, das Fußballspielen, dennoch über alles.

Stabiles soziales Umfeld unverzichtbar

Carsten Ramelow spielte 46 Mal für Deutschland (Foto: privat)

Freilich gehörte Ramelow einer Generation an, in der ein natürliches Hineinwachsen und damit das Reifen der Persönlichkeit noch ohne größere Zwänge möglich waren. „Wir besaßen den Luxus, uns einfach nur durch die Freude am Spiel motivieren zu dürfen“, bringt es Niklas Lütcke auf den Punkt. „Das geht verloren, wenn schon im frühen Jugendalter Karrierepläne aufgestellt werden, wann du in welcher Liga spielen musst, um später ein Vertragsangebot von Bayern München oder den Dallas Mavericks erhalten zu können.“ Tobias Rau bestätigt das. „Ich war 12, als ich das erste Mal in der Niedersachsenauswahl spielte“, erzählt er. Ab dann begann der Druck. „Die Gefahr ist, dass dadurch die Faszination am Spiel verloren geht.“ Leichtathleten, Schwimmer, Turner, Tennisspieler oder Golfer könnten wahrscheinlich ganz Ähnliches berichten. Carsten Ramelow weist noch auf einen weiteren Punkt, der damit in engem Zusammenhang steht. Es ist die Bedeutung des sozialen Umfeldes.

„Meine Frau hat mir vor der Karriere das Ja-Wort gegeben und nicht etwa dem gut verdienenden Fußballprofi Ramelow.“ Auch Tobias Rau betont, wie wichtig es für ihn war, dass die Eltern immer wieder Druck von ihm nahmen und für eine gesunde Erdung sorgten. Ein stabiles soziales Umfeld scheint aber auch deswegen wichtig, weil Sport ein Augenblicksgeschäft ist. Allen hehren Sonntagsreden zum Trotz, ist David Arigbabu überzeugt, gehe es immer um den Erfolg im Jetzt, Hier und Heute. Geduld ist in den Managementetagen der Vereine deshalb ein Fremdwort. Darüber hinaus hat es in einem solchen Biotop eine vertrauensvolle Gesprächskultur schwer. Die Absprache von gestern kann sich bereits einen Tag später schon wieder in Schall und Rauch aufgelöst haben. Für die Athleten gilt daher das ungeschriebene Gesetz: Nicht fragen, machen! Die klugen unter ihnen wissen, der Trainer, der Sportvorstand, die Präsidenten sind, wie sie selbst, oft auch nur Getriebene in einem Geschäft, wo es an erster, an zweiter und auch an dritter Stelle vor allem um den Gewinn geht.

Überdurchschnittliche Anpassungsfähigkeit

Tobias Rau, ehemals Bayern München, arbeitet heute als Lehrer an einer Gesamtschule (Foto: Wikimedia/Dimitri Burdjonow)

Vielleicht auch deswegen findet intern oft überhaupt keine Kommunikation statt. Tobias Rau erinnert sich seiner Zeit bei Bayern München. Nach einer Verletzung hatte er wieder ein gutes Spiel abgeliefert. Aber nur wenige Tage später stand der Franzose Bixente Lizarazu als seine Ablösung in der Kabine. Rau wusste von nichts. Wie auch. Gesprochen hatte mit ihm niemand. Gegenüber der Presse und in den sozialen Medien wird freilich die Beherrschung freundlichen Small Talks erwartet, oft genug unmittelbar nach einem kräftezehrenden Match. Zu hören sind dann allerdings oft genug die immer gleichen inhaltsleeren, vorgestanzten Platituden. Redet einer wirklich Klartext, lässt der erhobene Zeigefinger des Vereins in aller Regel nicht lange auf sich warten. Profis müssen sich also auch auf die Show und ein paar flotte Sprüche verstehen. Sport ist inzwischen Unterhaltung. Rekorde und Siege bilden nur noch die unbedingt notwendigen Ingredienzien. Deswegen ist im Vorteil, wer unverbindlich zu plaudern vermag, die Scharade beherrscht, mit unschuldigem Blick falsche Fährten legen kann und für den das Dementi, das nichts dementiert, sondern alles bestätigt, ein Leichtes ist.

Der „ewige“ Golfprofi Bernhard Langer (Foto: Wikimedia/Keith Allison)

Noch etwas müssen Profisportler beherrschen: Sich schnell auf veränderte Situationen einstellen können. Und das keineswegs nur im Wettkampf. In jeder neuen Saison hat die Mannschaft durch Zu- und Abgänge, nicht selten auch der Trainerstab und das Management ein anderes Gesicht. Oder der Spieler wechselt selbst den Verein und muss sich dann auf vieles Neue einlassen. David Arigbabu spielte in seiner Karriere immerhin für zehn verschiedene Vereine in sechs Ländern.  Der Fußballer Nick Proschwitz steht im Alter von 33 Jahren gar schon beim zwanzigsten (!) Verein unter Vertrag. Wie die früheren Söldner sind Profis deshalb gut beraten, den Gegner nicht als Feind, sondern lediglich als Konkurrenten zu sehen, der demnächst ein Mannschaftskamerad sein könnte. Und der einem den Ball zum Torschuss vorlegen muss. Was Berufssportlern schwerer fällt, ist das Ende ihrer Karriere zu akzeptieren. In den meisten Sportarten dauert sie kaum länger als zehn Jahre. Der Golfer Bernhard Langer, der mit 62 Lebensjahren seine inzwischen 43. Saison spielt, stellt eine absolute Ausnahme dar.

Während der Karriere für das Danach planen

Ulf Baranowsky ist Geschäfstführer der Spielergewerkschaft VDV (Foto: VDV/firo sportphoto)

Dass nur wenige schon am Karriereanfang deren aufgrund einer eventuellen Verletzung sogar frühes Ende bedenken und, schlimmer noch, nicht vorbereiten, davon kann Ulf Baranowsky viele Geschichten erzählen. Baranowsky ist Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Die Ergebnisse der im letzten Jahr veröffentlichten Bildungstendenzstudie sprechen eine klare Sprache. Zwar verfügt mehr als jeder zweite Fußballprofi aus der ersten und zweiten Bundesliga sowie aus der 3.Liga inzwischen über das Abitur oder die Fachhochschulreife. Doch nur einer von vier Profis kann auf eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein abgeschlossenes Studium verweisen. Noch beängstigender aber ist, über die Hälfte aller Profifußballer besitzt keine Berufsqualifikation und ist auch nicht dabei, eine solche zu erwerben. Die überwiegende Zahl der Profis strebt nach Karriereende einen Job im Sportbusiness als Trainer (siehe hierzu auch: „Trainer/Übungsleiter – Zwischen Hingabe und Besessenheit“), Sportdirektor oder Spielervermittler an – und glaubt sich dafür gut geeignet. Professor Dirk Marzurkiewicz von der Hochschule Koblenz, der die Studie geleitet hat, hält das für eine gefährliche Fehleinschätzung. Denn der Markt biete nur wenig Stellen und der Leistungsdruck sei hoch. Ein ehemals berühmter Name reiche vielleicht für ein Praktikum, für mehr aber nicht.

Nur drei Prozent der befragten Spieler geben an, finanziell ausgesorgt zu haben. Ulf Baranowsky hat Verständnis, dass die Spieler zunächst alles auf die Karriere konzentrieren. Denn ohne diese Bereitschaft und ohne die Fähigkeit, alles andere auszublenden, gibt es keinen Erfolg. Um dem Nachdruck zu verleihen, machen Vereine, Sponsoren, Werbepartner und Ausrüster ihre Geldzahlungen von der vereinbarten Zielerreichung abhängig. Wer sich verletzt, krank wird oder, wie unabhängig voneinander die amerikanischen Leichathletinnen Phoebe Wright und Allyson Felix berichten, schwanger ausfällt, wird mit reduzierten oder ausbleibenden Zahlungen sofort und unmissverständlich daran erinnert.  Die absolute Erfolgsorientierung ist immanenter Bestandteil des Profisports. „Aber wir sagen den Spielern dennoch immer und immer wieder, versucht trotzdem einen Plan für die Zeit nach dem Sport zu machen und euch möglichst schon während der Karriere weiterzubilden.“ Tatsächlich schaffen mehr Profis als allgemein angenommen den Übergang in eine zivile Berufskarriere nicht oder nur unter großen Problemen. Privatinsolvenzen wie die von Schwimmweltmeisterin Sandra Völker, die ihre gesamte Medaillensammlung versteigern musste und zeitweise auf Sozialleistungen angewiesen war, sind keine Einzelfälle. Und windige Anlageberater haben vielen Profisportlern den Finanzhimmel auf Erden versprochen, aber weniger als nichts gehalten. Und auch die Psyche muss sich umstellen. Denn die Aufmerksamkeit der Umwelt aus Erfolgszeiten lässt schnell nach. Nicht selten sind Depressionen die Folge.

Freud und Leid eng beieinander

Die Schmerzen des Argentinischen Läufers Federico Bruno beim Marathon der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro (Foto: Wikimedia/André Motta, Brasil 2016.gov.br)

Noch etwas. Vor den körperlichen Verschleißerscheinungen bei Berufssportlern sollte sich niemand Illusionen machen. Der Profisport fordert gerade bei den Hidden Champions seinen Tribut. Für den Bruder von Niklas Lütcke, Basketballer wie er und langjähriger Nationalspieler, kam das Aus nach dem dritten Kreuzbandriss im Alter von 29. Boris Becker lebt heute mit zwei künstlichen Hüftgelenken. Steffi Graf klagt über arthritisch kaputte Knie. Wer glaubt, der Körper eines Profis sei durch das viele Training gestählter und weniger verletzungsanfällig, irrt. Im Gegenteil. Der Körper von Berufssportlern ist wie jeder andere, aber, weil hoch getunt, viel gefährdeter. Die meisten Profis wissen darum. Doch beißen sie lieber auf die Zähne, als ihren Stammplatz zu verlieren oder sich kampflos aus dem Wettbewerb zu verabschieden und die mögliche Siegprämie sausen lassen zu müssen. Mit Schmerzen, lernt jeder Profi, früh umzugehen. Und notfalls wirft er eine Tablette ein. Schlimmer noch, viel zu oft fordern sie ihrem Körper nach Verletzungen viel zu früh wieder Höchstleistungen ab. Dann, wenn es für den Verein um ein wichtiges Spiel geht oder eine internationale Meisterschaft auf dem Terminplan steht.

Von seinen Fans nur The Wall genannt: Jaap Stam (Foto: Wikimedia/Flovries)

Ein allerletztes. „Sport“, formuliert es Niklas Lütcke, „heißt, immer an die eigenen Leistungsgrenzen und möglichst bald auch an die der sportartspezifischen Community zu gehen, mehr noch: diese Grenzen verschieben zu wollen. Das ist der Sinn von Profisport.“ Die Versuchung, dem nicht nur durch noch mehr Training, sondern chemische Substanzen nachhelfen zu wollen, ist offensichtlich groß, die Bereitschaft von Vereinen und Verbänden, sich dem außer ein paar medienwirksamen Aktionen für die Galerie wirkungsvoll entgegenzustellen, eher gering. Wer macht sich schon gerne sein eigenes Geschäft kaputt. Ich frage Niklas Lütcke nach dem niederländischen Fußballspieler Jaap Stam, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere wegen der Einnahme von Nandrolon für ein halbes Jahr gesperrt wurde. Warum riskiert jemand, der zu seiner Zeit als einer der weltbesten Abwehrspieler galt und deshalb von allen nur The Wall genannt wurde, warum riskiert so einer seinen Namen und seine Reputation? „Und wenn es umgekehrt war und er nur mit diesen Mitteln so gut spielen konnte“, fragt Lütcke zurück. Er hält jedenfalls die Dunkelziffer des Dopings auch in den Ballsportarten für hoch. Im Berufssport, so viel sollte am Ende jeder wissen, stehen Freud und Leid eng beieinander. Und gerade die, die ihm alles unterzuordnen bereit sind, die ihr Herzblut geben, sind seinen Gefahren wohl am intensivsten ausgesetzt.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 15.07 2019)

Es liegen keinerlei Daten für den Beruf des Profisportlers vor.

Weiterführende Informationen:

Die VDV-Bildungstendenzstudie ist zu finden unter: https://www.spielergewerkschaft.de/de/VDV/Aktuelles/Detail/872/VDV-Bildungstendenzstudie%20offenbart%20Handlungsbedar.htm

FIFPro-Report über Arbeitsbedingungen von Profifußballern: https://fifpro.org/en/projects/2016-fifpro-global-employment

 

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