Berufsberatung am Scheideweg – Digitalisierung statt Dialog und Lenkung statt Entscheidung?

Von Rainer Hoppe | 15. November 2018

Hinweis: Das digitale Zeitalter wird auch die Dienstleistung der Berufsberatung verändern. Der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA) nimmt dafür sogar einiges Geld in die Hand. Der Druck von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden wächst. Immerhin werden Auszubildende wie Hochschulabsolventen inzwischen wieder händeringend gesucht. Was allerdings angesichts wachsender (finanz)wirtschaftlicher Probleme nicht dauerhaft in Stein gemeißelt sein muss. Für die schnelle Besetzung freier Ausbildungs- und Arbeitsplätze setzt man da wie dort auf die Digitalisierung des Beratungsgeschäfts. Zugleich  ist man in der Nürnberger Zentrale der BA ganz offensichtlich bereit, alte Tugenden wie den Primat der Passgenauigkeit von Person und Beruf über Bord zu werfen. Die Auswirkungen auf die Orientierung und Beratung junger Menschen schildert unser Autor in einem sehr persönlichen Erlebnisbericht. Er ist Berufsberater für akademische Berufe in der Arbeitsagentur Vechta. Eine Bemerkung noch am Rande: Wie die Testinstitute mit den Daten der Probanden datenschutzrechtlich umgehen, bleibt intransparent und weitgehend im Dunkeln. (bart.)

 

The same procedure as every year! Viele Schülerinnen und Schüler haben dieses wiederkehrende Ritual in der gymnasialen Oberstufe schon erlebt. Die anderen werden es demnächst noch über sich ergehen lassen müssen. Jahrgangsweise lädt die Schule ihre Schüler zum Berufswahltest. 20 Euro kostet die der Spaß. Die Testanbieter sind schließlich kommerzielle Institute. Wohltaten haben sie nicht zu verschenken. Oftmals wird dieser Test von den Lehrern vorab weder thematisiert noch wird erörtert, welchen Nutzen Schüler aus einem solchen Test ziehen können beziehungsweise was sich daran anschließen sollte, müsste. Die Schüler bekommen ja ein Testergebnis. Das reicht. Basta, aus. Nur wenige Schüler haben den Mut, kritische Nachfragen zu stellen. Im Gegenteil, gar nicht wenigen kommt es entgegen, die Studien- und Berufswahl an einem Vormittag abhaken zu können. Und auch für die Institute ist es ein lukratives Geschäft.

Meist werden die Schüler in die Mensa eingeladen, wo der Test unter Aufsicht eines Lehrers stattfindet, der zugleich als Zeitnehmer und Ansager funktioniert. Oft beobachte ich, dass diese Veranstaltung gelegentlich zu einer Mordsgaudi oder auch einem Happening ausartet. Dieser Kollateralschaden lässt sich offenbar nicht immer verhindern. Nach vier oder fünf Stunden werden die Tests eingesammelt und an das Testinstitut zur Auswertung gesandt. Nach mehreren Wochen, während deren man sich mit der Thematik „Studien- und Berufswahl“ nicht weiter beschäftigt hat, erhält die Schule alle Testergebnisse und  -interpretationen zugesandt. Meist gibt sie die unkommentiert an die Schüler weiter. Manchmal bin ich als Berufsberater in irgendeiner Form in das Projekt eingebunden. Doch graust mir jedes Mal davor, noch mehr vor den Ergebnissen.

Betroffen machen geht anders

Dabei finde ich diesen Test prinzipiell gar nicht mal schlecht. Immerhin ist es einer der wenigen seiner Art, die Interessen, Neigungen und Fähigkeiten, das heißt persönliches Können, der Testteilnehmer sorgfältig hinterfragt und in Beziehungen zueinander setzt. Aber klar ist natürlich, Tests geben stets nur Auskunft über die Tagesform am Testtag. Ist ein solcher Test jedoch nicht ausreichend – von der Schule! – vorbereitet worden oder akzeptieren die Schüler die Notwendigkeit eines solchen Tests nicht, wird das Ergebnis ohne Aussagewert und damit bedeutungslos bleiben. Spaßveranstaltungen, bei denen das eigene Vergnügen oder gar das gemeinsame Event im Mittelpunkt stehen und die wenigen Interessierten permanent vom Test und der damit verbundenen Selbsterkundung abgelenkt werden, sind nach meiner Einschätzung (zu) teuer bezahlte Kirmesbesuche.

Oftmals verteilen die Schulen die Testergebnisse, wie schon erwähnt, unkommentiert. Die Schüler werden mit den Ergebnissen und sich selbst allein gelassen. Die zu erwartende Reaktion kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Schüler werfen einen kurzen Blick auf die nicht immer selbsterklärenden und teilweise auch unplausiblen Ergebnisse und legen das Ganze schnell zur Seite. Wieder ein Pflichtprojekt abgehakt. Persönliche Betroffenheit, die wichtigste Währung für eine tragfähige Berufsentscheidung, entsteht so nicht. Und wenn Lehrer doch den Versuch machen, die Testergebnisse zu erläutern, erinnert das Procedere an die Rückgabe einer Klausur. Man sieht zuerst ans Ende der Auswertung, wo anstelle der erreichten Klausurpunkte die Hitliste der Berufs- beziehungsweise Studienvorschläge steht. Über die möge sich der Schüler nun alleine bitte informieren. Das ist für mich als Berufsberater jedes Mal ein Stich ins Herz.

Wer programmiert die Tests mit welchen Zielen

Warum? Weil vor dieser Liste sehr umfangreiche Erläuterungen zu den genannten Interessen und Neigungen stehen, zu den Wünschen und Zukunftsvorstellungen, aber auch zu den erhobenen Testleistungen. Weil auch auf Missverhältnisse zwischen der eigenen Einschätzung und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit hingewiesen wird. Doch all das wird oft nicht einmal ansatzweise thematisiert. Und doch halte ich gerade diesen Teil der Testauswertung für besonders wichtig. Die Liste der vorgeschlagenen Berufe und Studiengänge interessiert mich dagegen wenig und wenn, dann erst viel später. Zumal die manchmal schon etwas skurril sind. Vor drei Jahre habe ich es an einem Gymnasium erlebt, dass man mehr als der Hälfte eines Jahrgangs empfahl, sich ausführlicher mit einer Ausbildung zum Bootsbauer zu befassen. Und das bei uns auf dem platten Land, kein Wasser weit und breit, mehr als 100 km bis zur Nordsee und folglich ohne einschlägige Unternehmen in der Nähe.

Ob die Oberbürgermeister aus Emden oder Leer dem Testinstitut bei Zunahme der Einwohnerzahlen einen Erfolgsbonus versprochen hatten, wer weiß. Ich hege allerdings einen anderen Verdacht. Ich habe den Test schon öfter selber bearbeitet. Mal etwas ernsthafter, mal aber auch nur just for fun. Vertragsgemäß wurden meine recht widersprüchlichen Testergebnisse jedes Mal ausführlich kommentiert. Und, wie schon beschrieben, erhielt ich natürlich auch eine Liste mit Berufs- und Studienvorschlägen, über die ich mich anschließend intensiv informieren sollte. Obwohl ich alle Fragen so beantwortet habe, wie es jemand tun würde, der mit anderen Menschen nichts am Hut hat, wurden mir Berufe wie Erzieher und Lehrer empfohlen. Ups! Aber wer für solch einen Test 20 Euro bezahlt, hat auch das Recht auf ein Ergebnis. Das wird vom Testinstitut geliefert – und sei es auch noch so absurd! Langgediente Berufsberater berichten Ähnliches. Einige Testanbieter mussten deshalb ihre Programme auch schon vom Markt nehmen.

Tests als Feigenblatt fürs Nichtstun

Warum aber entscheiden sich so viele Schulen für diese Berufswahltests? Ganz einfach, weil sie es müssen! Das niedersächsische Kultusministerium verpflichtet die Gymnasien per Erlass, in der Kursstufe der Oberstufe mindestens 25 Stunden für die Studien- und Berufsorientierung anzubieten. Wie füllt man diese Stunden? Mit Angeboten der zuständigen Berufsberater. Mit Betriebs- und Hochschulbesuchen. Mit Informationsveranstaltungen ehemaliger Schüler, die über ihren Werdegang berichten. Und dem zuvor beschriebenen Test natürlich. Der von nur einem Lehrer für 100 Schüler in immerhin 5 Unterrichtsstunden durchgeführt werden kann, also aus schulischer Sicht ein hervorragendes Kosten/Nutzenverhältnis besitzt. Mit all diesen Aktivitäten erfüllt man die Auflagen des Kultusministeriums ohne den Einsatz eigener Ressourcen. Richtig, so etwas nennt man eine echte Win-win-Situation. Für wen es kein Gewinn wird, sind die Schüler.

In der Zwischenzeit gibt es einige Tests, die zu dem hier geschilderten durchaus sinnvolle Alternativen darstellen. Vor Monaten hat die Bundesagentur für Arbeit auf ihrem Web-Portal kostenlose Selbsterkundungsprogramme für Ausbildungsberufe und Studiengänge eingestellt, die allerdings nur am Rechner zu bearbeiten sind. Und in welcher Schulmensa stehen schon 100 Rechner? Das Selbsterkundungsprogramm für Studiengänge finde ich ebenso anspruchsvoll wie leistungsfähig. Es bietet zumindest eine gute Orientierungshilfe. Das Selbsterkundungsprogramm für Ausbildungsberufe erachte ich indessen für zu undifferenziert und zu oberflächlich. Gymnasiasten sollten durch genaueres Nachdenken auf dessen Ergebnisse eigentlich auch ohne die Hilfe dieses Tests kommen können.

Passgenauigkeit braucht persönliche Zuwendung

Allerdings haftet all diesen Tests und Selbsterkundungsprogrammen die gleiche Schwäche an. Allein ihre Bearbeitung gewährleistet noch lange keine fundierte Studien- und Berufswahlentscheidung. Bestenfalls erhalten die Schüler einige Orientierungsempfehlungen, die im Anschluss mit einer umfangreichen Informationssuche und einer intensiven Selbstanalyse zu unterlegen sind. Denn kein Rechner kann über die eigenen Wünsche, Träume, Präferenzen und Abneigungen sowie über sinnvolle Umsetzungsstrategien Auskunft geben. Hier helfen nur eigene zielorientierte Recherchen und eine zeitaufwendige Beschreibung der eigenen Ziele. Hier helfen nur gut vorbereitete Gespräche mit Eltern, Freunden, Beratern und Experten. Und natürlich gilt: Eine Entscheidung über die eigene Zukunft kann nur jeder selber treffen. Kein Rechner, und sei seine Speicherkapazität auch noch so groß, vermag sie abzunehmen!

Dass Testinstitute ihre Tests mit hohem Aufwand bewerben und mit Gewinn verkaufen wollen, ist ihr gutes Recht. Sie wissen natürlich um die Nöte der Abiturienten. Denn die stehen vor einem riesigen Berg an Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten. Die passende Wahl fällt vielen schwer. Die Datenbank „Hochschulkompass“ weist über 10.000 grundständige Studiengänge aus, auch wenn sie sich bei genauem Hinschauen auf gerade einmal 120 echte Alternativen reduzieren. Die Datenbank „BERUFENET“ beinhaltet mehr als 400 betriebliche und noch einmal so viele schulische Ausbildungsberufe. Dazu listet die Datenbank „Wegweiser für duale Studiengänge“ über 1.000 verschiedene duale Studienangebote auf. Da kehrt sich die Freiheit der Berufswahl um in eine Qual der Wahl. Deshalb verstehe ich die Not der Schüler und Ihrer Eltern. Ich verstehe ihre Suche nach Hilfe. Ich verstehe ihre Hoffnung auf eine moderne, digitalisierte Unterstützung.

Geringe Transparenz

Doch möchte ich an dieser Stelle an die Aussagen von Professor Christian Papsdorf in dieser Ausgabe des Berufsreport (siehe dazu: „Treffen Roboter die besseren Entscheidungen?“) anknüpfen. Die digitale Zukunft hat ihre Tücken. Nicht einmal meine Kollegen und ich besitzen Einblick in alles, was derzeit auf den Markt angeboten wird. Die Programme sind auch für uns in weiten Teilen eine Blackbox. Mit welchen Algorithmen arbeitet dieses oder jenes Programm? Ich wüsste es gerne, aber ich weiß es nicht. Schlimmer allerdings, mir scheint, auch die Bundesagentur für Arbeit tappt im Nebel. Ein Konzept, wie die individuelle persönliche Beratung mit den ebenso anonymen wie abstrakten digitalisierten Tools verzahnt und optimiert werden können, vermag ich nicht zu erkennen. Und ich befürchte, dass die Macher in der Nürnberger Zentrale zum wiederholten Mal der Versuchung erliegen, die Kostenreduzierung vor die Qualität zu stellen. Das könnte uns Berufsberater endgültig zum Push-button-Operator degradieren. Dabei wäre mit der Digitalisierung ein echter Quantensprung möglich.

Damit im Zusammenhang steht eine weitere Entwicklung, die ich mit großer Sorge betrachte. Testinstitute sind keineswegs die Einzigen, die Schülern ihre Unterstützung andienen. Es ist in den letzten Jahren ein ganzer Beratungsmarkt entstanden. Hier werden gegen Gebühren (!) das Formulieren von Bewerbungsanschreiben geübt, Vorstellungs- und Auswahlgespräche simuliert, Auslandstudienplätze gemakelt, individuell beraten und natürlich getestet, getestet, getestet und immer wieder getestet. Und wenn sie nicht gestorben sind … In Bremen etwa verlangt ein privates Beratungsunternehmen 1.500 Euro pro Schüler, zuzüglich Hotelunterbringung und Verköstigung. Besonders lukrativ für derartige Unternehmen sind, wen verwundert das, Schulveranstaltungen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn denn die Qualität stimmte. Aber genau das ist der Punkt. So tingelt etwa schon seit Jahren ein Beratungsunternehmen durch Schulen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Mehr Schein als Sein

Es macht dort, von Hauptschulen bis zu Gymnasien, immer wieder mit dem gleichen Programm Bewerbungstrainings. Vom Bewerbungsanschreiben bis zum Vorstellungsgespräch, fünf Stunden lang. Finanziert wird das Ganze von einer Bankengruppe mit 50 Euro pro Teilnehmer. Kein schlechter Schnitt. Dafür werden aber sogar das Anklopfen und der Händedruck zur Begrüßung im Vorstellungsgespräch geübt! Nebenbei dienen diese Veranstaltungen auch noch als Plattform  zur Akquise individueller Bewerberberatungen an. Kostenpunkt: 150 Euro pro Kopf. Kein schlechtes Geschäftsmodell. Erst Ende August nahm ich an einem Gymnasium an der Veranstaltung eines privaten Bildungsträgers teil. Sie dauerte drei Tage und hatte einen großen Titel „Studien- und Berufsfindung. Zielgruppe waren die Schüler des 11. Jahrgangs (G9). Über Vorinformationen verfügten die Schüler nicht. Den Zuschlag für diese Veranstaltung hatte das niedersächsische Kultusministerium erteilt.

Das Kultusministerium in Hannover hat dafür jüngst eine eigene Stabsstelle zur Koordinierung der Berufsorientierung in den Gymnasien eingerichtet. Die finanziert solche Veranstaltungen zur Hälfte. Die andere Hälfte übernimmt die Bundesagentur für Arbeit, die sich bekanntlich aus den Beitragsgeldern von Arbeitnehmern und Betrieben speist. Pikant dabei ist, weder die Schulen noch die Arbeitsagenturen werden bei der Auswahl der Bildungsanbieter einbezogen. Diese Entscheidung behält sich die Stabsstelle im KUMI vor. Doch zurück zur Veranstaltung. Zum Kick-off kam der Geschäftsführer höchst persönlich. Er ermahnte die Schüler, die bis zum Abitur noch drei Jahre vor sich hatten, mit ernstem Blick und wiederholt, sich endlich Gedanken über ihre berufliche Zukunft zu machen. Dazu pries er sich als erfahrener Personalmanager an, der in Fragen der Personalauswahl mit mehr als 300 Unternehmen zusammenarbeite. Die Schüler erwarteten Großes.

Fehlende Professionalität

Nach dieser Philippika folgte Gruppenarbeit, in denen die Schüler in verschiedenen Übungen ihre Neigungen und Fähigkeiten erkunden sollten. In Stillarbeit musste jeder Schüler innerhalb 30 Minuten schriftlich Auskunft über seine Fähigkeiten geben. Nein, man verschwendete keine Zeit mit Erläuterungen oder einem zeitraubenden Gespräch, gar mit einer Einführung in das Thema. Für die Erwartungen der Schüler blieb bei so viel missionarischem Eifer kein Platz. Hinsetzen, schreiben und anschließend vorlesen. Entsprechend gequält wirkten die Schüler. Für mich eine eher surreale Situation. Schließlich bin ich der Meinung, die Beschäftigung mit der eigenen (beruflichen) Zukunft sollte Freude machen und keine neuen Ängste züchten. Die selbst ernannten Personalprofis aber nahmen darauf keine Rücksicht. Das blieb so den ganzen Tag!

Der nächste Morgen versprach mehr Abwechslung. Die Schüler konnten drei von vier Arbeitsgruppen wählen. Es ging erneut um die schriftliche Bewerbung, das Vorstellungsgespräch, das Bewerbungsportfolio (?) und das Studium im Ausland. Das Studium an deutschen Hochschulen, woran zweifellos viel mehr Schüler interessiert gewesen wären, wurde nicht thematisiert, Alternativen zu Studium oder Ausbildung ebenfalls nicht. Aber auch sonst waren die Inhaltslücken groß. Gesetzliche Grundlagen, Zulassungsverfahren, finanzielle Förderungsmöglichkeiten und vieles andere Wichtige blieben ebenso unerwähnt wie unerklärt. Groß auch die Kompetenzlücken der offenbar eher zufällig (?) und unter Kostenminimierungsaspekten angeheuerten Referenten. Allesamt Studierende, fachlich wie pädagogisch noch selbst lernend. Eine Studentin, die selbst gerade mal ein Semester im Ausland war, ließ die Schüler über 30 Minuten eine schriftliche Begründung darüber schreiben, warum sie an einer ausländischen Hochschule, die ungenannt blieb, das Fach, welches genauso unbestimmt blieb, studieren wollten.

Hoher Aufwand, geringer Nutzen

Das und noch ein paar andere Dinge werfen ein bezeichnendes Licht auf die Qualität solcher Veranstaltungen. Schlimmer aber, unabhängig von der Qualität ging die ganze Konzeption der Veranstaltung an den Bedürfnissen der Schüler vorbei, und zwar komplett. Zufall, Dilettantismus, Absicht? Ich habe keine Erklärung. Immerhin hatten lediglich drei von 20 Gruppenteilnehmern Interesse an einem Auslandsstudium geäußert. Bevor die Situation eskalierte, flehte die Referentin die Schüler an, dann doch wenigstens eine schriftliche Bewerbung für einen Aushilfsjob in einer ausländischen Kneipe zu schreiben. Erneutes Kopfschütteln an den Schülertischen, aber kaum noch offener Widerstand. Fatalismus machte sich breit. In der Gruppe unter Leitung des Geschäftsführers liefen die Dinge kaum besser. Von Professionalität keine Spur. Die Schüler erhielten ein Handout mit einem Musterlebenslauf. Darin: „2014 – Ausbildung zum Schülerlotze“. Sic! Sorgfalt ist eine Zier, doch …

Am dritten Tag waren ortsansässige Arbeitgeber eingeladen, sich und ihre Personalstruktur vorzustellen. Darunter immer dieselben Verdächtigen. In vorderster Linie, auch das wundert nicht, Privat- und Krankenversicherungen. Der Personalbedarf dort unterscheidet sich zwar kaum von anderen Unternehmen. Im Gegenteil. Die Adressen potentieller Neukunden aber sind immer willkommen. Und der Bildungsträger füllt Stunden, ohne dafür eigene Personalressourcen einsetzen zu müssen. Die Veranstaltung kostete dem Kultusministerium und der Bundesagentur für Arbeit einen fünfstelligen Betrag. Die Aufwendungen des Bildungsträgers stehen demgegenüber in keinem Verhältnis. Umso höher der Gewinn. Am nächsten, auf den Mammuttest folgenden Schulsprechtag fragte ich die Schüler augenzwinkernd: „Warum wollen Sie nicht Bootsbauer werden?“ Das führte bei nahezu allen zu einer ebenso heiteren wie lockeren und offenen Gesprächsatmosphäre. Wir verstanden uns auf Anhieb und zugleich waren wir sofort mittendrin: Was ist mir wichtig und was nicht? Also doch noch alles gut! Wenn auch der Aufwand bis dahin sehr hoch war.

 

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