Azubi-Speed-Dating – Bewerber ohne Illusionen und Lehrstellen von der Resterampe

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2020

Ob sie jemand vermisst? Ob ihnen jemand nachtrauert? Ob gar irgendwelche Probleme ungelöst bleiben, wenn sie in Zeiten der Corona-Krise, wo die Unternehmen gerade keinen Personalbedarf haben, nicht stattfinden? Jetzt, wo ihre Saison wäre. Die Rede ist von den Azubi-Speed-Datings, von kritischen Zeitgenossen auch weniger ehrfürchtig als moderne Sklavenmärkte bezeichnet. „In 10 Minuten zur Lehrstelle …“ titeln zahlreiche Industrie- und Handelskammern landauf landab. Sogar das Bundesministerium für Bildung und Forschung glaubt, dass für eine so wichtige Entscheidung wie einen Ausbildungsvertrag 10 Minuten ausreichen. Und empfiehlt den Lehrstellen suchenden jungen Menschen deshalb: „Weil die Zeit also knapp ist und der Ausbildungsbetrieb Dich und Deine Interessen und Fähigkeiten trotzdem gut kennenlernen soll, musst Du die wichtigsten Infos über Dich gut auf den Punkt bringen.“

Es geht also um den überzeugenden Eindruck. So, wie auch die Betriebe alles aufbieten, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Ob es Unternehmen wie Bewerbern freilich gelingt, innerhalb von nur 10 Minuten hinter die Fassaden des einen wie des anderen schauen und bis zur beiderseitigen Wirklichkeit vordringen zu können, bleibt eine spannende, gleichwohl unbeantwortete Frage. Denn eine wissenschaftlich seriöse Evaluierung dieses Personalinstrumentes liegt auch nach über einem Jahrzehnt dessen Einsatzes noch immer nicht vor. Bis heute weiß mithin niemand, wie viele Ausbildungsverträge durch Azubi-Speed-Datings überhaupt zustande kommen, wie haltbar sich diese Ausbildungsverhältnisse erweisen und wie hoch die Dropout-Quote ist. Ebenso wenig ist bekannt, wie zufrieden Azubis und Ausbilder mit ihrer Spontanentscheidung am Ende geworden sind. Mit dem Ausbildungsberuf, dem Ausbildungsbetrieb und dem Auszubildenden.

Plattform für Verlierer

Dennoch wird unverdrossen, in der Jugendsprache: cool, an diesem Rekrutierungsinstrument festgehalten. Ein Ruhmesblatt für nachhaltige Personalwirtschaft sieht wohl anders aus. Bleibt zum Vergleich nur der Blick zu den Geburtshelfern. Speed Datings sind schließlich eine Erfindung von Partnerbörsen und Beziehungsmaklern. Unter deren Kunden und Kundinnen ist die Veranstaltungsform allerdings heftig umstritten. Die Kritik vieler Nutzer füllt inzwischen ganze Online-Portale. Lob findet sich eher selten. Die Mehrzahl der Kommentare ist negativ. Für eine tragfähige Partnerschaft brauche es mehr als 10 Minuten Small Talk, ist am häufigsten zu hören. Erfolgreich sind lediglich die halbseidenen Seitensprung-Portale, deren Nutzer einen One-Night-Stand suchen. Sie erleben einen regelrechten Boom. Die Bewertung durch ihre Nutzer erreicht oft genug ein Trippel A. Verwunderlich? Aber nein doch. Schließlich ist am nächsten Morgen alles wieder vorbei. Es geht um nichts Dauerhaftes.

Das ist beim Abschluss eines Ausbildungsvertrages freilich ganz anders. Da verbringt man immerhin die nächsten drei Jahre miteinander. Seriöse Unternehmen und kluge Bewerber bereiten eine solche Ausbildungsliaison deshalb gut vor und überlassen nichts dem Zufall. Dafür bleibt im Format der Azubi-Speed-Datings freilich kein Platz. Auf der Reste-rampe kommen die Verlierer der letzten Monate zusammen. Betriebe, die ihre Ausbildungsplätze schlechter Planungen, eines unattraktiven Berufes oder anderer Handicaps wegen nicht besetzen konnten und nun noch einen letzten verzweifelten Versuch wagen. Bewerber, die den Start verschlafen haben oder infolge schlechter Zeugnisse bislang kein Vertragsangebot erhielten und nun, der Not gehorchend, zu allem bereit sind. Auf jeder der beiden Seiten weiß man, es gilt die Form zu wahren und so zu tun als ob. Die Ähnlichkeiten zu den Speed Datings der Partnerbörsen sind nicht nur an dieser Stelle überraschend groß.

Format für gering qualifizierte Berufe

Ein Blick auf die Liste der teilnehmenden Unternehmen wie auch der angebotenen Berufe bestätigt diese Analyse nachdrücklich. Großkonzerne mit nachgefragten Berufen beteiligen sich eher selten und wenn, dann vornehmlich aus PR-Gründen. Sie haben sich schon vor vielen Wochen mit den Bewerbern auf den Abschluss eines Ausbildungsvertrages geeinigt. Praxisplätze für ein duales Studium sind trotz eines auch hier abnehmenden Bewerberangebots gänzlich Fehlanzeige. Wo die Investitionen in die Qualifizierung neuer Mitarbeiter hoch und deren anschließende Verantwortung im und für das Unternehmen groß sind, schießen auch die Betriebe nur ungern aus der Hüfte. Gut Ding will Weile haben, weiß der Volksmund. Mit 10 Minuten ist es jedenfalls nicht getan. Speed Datings stehen in engem Zusammenhang mit der Philosophie des Hire an Fire in gering qualifizierten Berufen. Oder hat jemand schon einmal von einem Speed Dating für die Besetzung der Geschäftsleitungsfunktion oder eines Vorstandspostens gehört?

Speed Datings sind freilich auch politische Alibi-Veranstaltungen. Die Personalmanager, die Kammern und die Arbeitsagenturen zeigen noch einmal vollen Einsatz. Wenn die Ausbildungsstelle trotz dieser Anstrengungen unbesetzt bleibt, an ihnen soll es nicht gelegen haben. Dafür sind die Akteure bereit, alle sonst hochgelobten Personalgrundsätze außer Acht zu lassen. Dass die Anforderungen der Berufe mit den Talenten der Bewerber eine möglichst hohe Deckung erreichen sollten, dass es mit der Chemie zwischen Ausbilder und Auszubildenden stimmen muss, dass die Zukunftsperspektiven von Beruf, Branche und Ausbildungsbetrieb mit den Vorstellungen der Bewerber übereinstimmen, das alles in einem vertrauensvollen Gespräch abzuklären, reichen 10 Minuten halt nicht. Doch kommt das Format der Azubi-Speed-Datings vielleicht beiden Seiten entgegen? 10 Minuten eignen sich für die einen wie die anderen bestens zum Versteckspielen. In der Maskerade kann offenbar jeder sein Gesicht wahren.

Strukturierter Input der Veranstalter dringend erforderlich

Aber weshalb dann dieser Mummenschanz? Immerhin kostet er alle Beteiligten eine ganze Menge Zeit und Geld. Könnte es sein, dass Azubi-Speed-Datings nicht bloß politische Alibi-Veranstaltungen, sondern auch Ausdruck personalbezogener Hilflosigkeit sind? Warum folgt auf die Klagen so vieler Unternehmen über die Unkenntnis der Bewerber ebenso wie über deren geringe Motivation das Angebot eines Azubi-Speed-Datings? Rechtfertigt die Hoffnung auf die Besetzung der Ausbildungsstellen in letzter Minute den Verzicht auf jedweden Qualitätsanspruch? Sinn machte eine solche Veranstaltung doch nur dann, wenn am Ende die Schnittmenge zwischen beruflichen wie betrieblichen Anforderungen einerseits und spezifischen persönlichen Begabungen andererseits genügend groß ausfällt. Ein paar Tische und Plakatwände aufzustellen und sich gegenseitig 10 Minuten in die Augen zu schauen, reicht da gewiss nicht.

Einige Veranstalter und Unternehmen haben das inzwischen begriffen und verstehen so ein Speed Dating nur als Kick-off-Event, an das sie ein seriöses Eignungs- und Auswahlverfahren anschließen. Nur so könnte sich die Resterampe Azubi-Speed-Dating zu einem seriösen Personalrekrutierungsinstrument mausern. Aber eben auch nur so! Schwierig ist die Situation der Berufsberater der örtlichen Arbeitsagenturen. Sie halten wie nur noch wenige am Anspruch fest, dass nur eine passgenaue Vermittlung den Unternehmen ebenso leistungsfähige wie zufriedene Fachkräfte sichert. Und zwar nicht nur für den Systemelektroniker, sondern auch den Maurer, den Straßenwärter und die Verkäuferin, den Tischler, den Schwimmmeister, die Altenpflegerin. Denn nur zufriedene Mitarbeiter liefern schließlich eine gute Arbeitsleistung. Und klar ist, dass gerade die Bewerber, die auf die Azubi-Speed-Datings hoffen müssen, einer besonders intensiven Unterstützung bedürfen.

Die Geschäftsleitungen der örtlichen Arbeitsagenturen aber stehen unter hohem politischen Druck. Dazu kommt die intellektuelle Engführung ihrer verwaltungsorientierten Sozialisation. Für sie zählen nur die vom Dienstherrn vorgegebenen Zahlen, die der beteiligten Unternehmen wie auch der teilnehmenden Schüler, die echten, und wenn die nicht reichen, auch die manipulierten. Qualität? Was ist das? Deshalb können sich Berufsberater nur selten gegen eine Teilnahme an den Speed Datings wehren. Und müssen entgegen ihrer Überzeugung gute Miene zu bösem Spiel machen. Dabei sei angemerkt, Azubi-Speed-Datings sind nicht per se schlecht. Doch muss der Rahmen stimmen, in den sie gestellt werden. Sonst ist alles nur Show und hilft weder den Unternehmen noch den Bewerbern. Freilich dürfte das Interesse der bisherigen Protagonisten an solchen Veranstaltungen aktuell ohnehin stark nachlassen. Immerhin steht zu befürchten, dass Lehrstellen in der auf die Corona-Krise folgenden Rezession erst einmal zur Mangelware werden. Im Übrigen wird das Geld für die Finanzierung solcher Veranstaltungen dringend anderweitig benötigt. Die überregional bekannte Ideenexpo in Hannover als Europas größtes Jugendevent für Technik und Naturwissenschaften ist jedenfalls gerade abgesagt worden. Volker Schmidt, Aufsichtsratschef der Trägergesellschaft und Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Niedersachsen-Metall begründet diese Entscheidung in der Hannoverschen Allgemeinen (HAZ) vom 12. Mai jedenfalls wie folgt: “Für viele teilnehmende Firmen sei es angesichts der aktuellen Probleme nun aber vorrangig, ‘Zahlungsfähigkeit und Liquidität sicherzustellen und die Kosten in den Griff zu bekommen’, …” In solchen Zeiten braucht es deshalb vorerst auch keine Azubi-Speed-Datings mehr.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com