AUTOPLUS AG – Von der Kfz-Werkstatt zum digitalen Automobil-Dienstleister

Von Hans-Martin Barthold | 15.11.2020

Karoline Hecker hält bei der AUTOPLUS AG alle Personalfäden in der Hand (Foto: privat)

Im Vokabular der Betriebswirtschaftler ist die AUTOPLUS AG ein sogenannter Filialist. Ein sehr erfolgreicher dazu. 26 Filialen sind es insgesamt. Alle bestehen aus Kfz-Werkstätten mit Ersatzteile- und Zubehörverkauf sowie Gebrauchtwagenhandel und EU-Neuwagenvertrieb. Die meisten davon befinden sich in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt entlang der Autobahn A2 sowie in Berlin und in Rheinland-Pfalz. Gesteuert werden sie aus der Systemzentrale in Wolfsburg. Der Auftritt der Filialen ist einheitlich und unverwechselbar. Auch das Dienstleistungsangebot folgt einem stringenten einheitlichen Konzept. Corporate Design nennt man das in der Fachsprache. „Natürlich achten wir darauf, dass alle Filialen wirtschaftlich arbeiten“, erklärt die Prokuristin Karoline Hecker.  „Doch wie sie dieses Ziel erreichen, entscheiden die Filialen in eigener Verantwortung. Schließlich kennt keiner die regionalen Besonderheiten besser als die Mitarbeiter vor Ort“, weiß die Personalchefin. Die Filialleiter sind also angestellte Unternehmer im Unternehmen.

Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein werden freilich auch von allen anderen Mitarbeitern erwartet. Die Filialen haben durchschnittlich 12 „Mit-Unternehmer“, in der Mehrzahl Kfz-Mechatroniker (Siehe hierzu auch: “Kfz-Mechatroniker – Wir machen Mobilität möglich”; https://www.berufsreport.com/kfz-mechatroniker-wir-machen-mobilitaet-moeglich/), dazu einige Automobilkaufleute, eine überschaubare und familiäre Struktur. Das gilt auch für das Team in der Zentrale und die hier tätigen 30 Mitarbeiter. Gut ausgebildete und berufserfahrene Kfz-Mechatroniker sind momentan Mangelware. Aber nicht nur deshalb ist die Ausbildungsquote der AUTOPLUS AG mit dreißig Prozent und insgesamt 90 Azubis verteilt über alle drei Ausbildungsjahre hoch. „Wir legen großen Wert darauf, dass die Mitarbeiter unsere Unternehmensphilosophie kennen und sich mit ihr identifizieren“, drückt es die Personalchefin aus. Führungsfunktionen werden deshalb in der Regel mit eigenen Leuten besetzt. Trotz der Rechtsform einer Aktiengesellschaft wird das Unternehmen familiär geführt. Denn der gesamte Vorstand sowie zahlreiche leitende Angestellte sind auch Aktionäre der Gesellschaft, also Mitinhaber.

Technischer Ehrgeiz und automobile Leidenschaft

Die AUTOPLUS AG hat mit Frauen in technischen Berufen beste Erfahrungen (Foto: Autoplus)

Wie für alle Familienunternehmen sind auch für die AUTOPLUS AG ebenso leistungsfähige wie leistungsbereite Mitarbeiter ihr wichtigstes Kapital. Auf die Auswahl der Auszubildenden verwendet Karoline Hecker deshalb viel Zeit und Engagement. Schließlich müssen die Neuen schnell auf eigenen Füßen stehen lernen und in ebenso kurzer Zeit persönlich souverän werden. Denn immer geht es um die Zufriedenheit der mehr als 100.000 Kunden. Schulnoten seien vor diesem Hintergrund nicht unwichtig. „Entscheidender aber sind Ehrgeiz und Leidenschaft für den Beruf“, formuliert die Personalchefin, wonach sie sucht. Auf Eignungstests verzichtet sie. Umso genauer schaut sie sich die Lebensläufe an. Stimmen die Grundvoraussetzungen, lädt Hecker die Bewerber zum Gespräch und bei positivem Ergebnis anschließend zu einer ein- oder mehrtägigen Probearbeit ein. „Wir haben nur wenige Ausbildungsabbrecher und nur wenige Prüfungswiederholer“, fühlt sie sich in ihrem Vorgehen bestätigt, bei dem sich beide Seiten gegenseitig beschnuppern können.

Diese Erfolge fallen freilich auch bei AUTOPLUS nicht vom Himmel. Und tatsächlich ist die aufwändige Suche nach qualifizierten Auszubildenden nur ein Teil der Erklärung. Gezielte Ausbildungsanstrengungen über das von der Kammer allen Ausbildungsbetrieben vorgeschriebene Normalmaß hinaus, erweisen sich als zweiter wichtiger Faktor für die gute Performance des Unternehmens. Neben zahlreichen Übungseinheiten in den örtlichen Filialen zieht AUTOPLUS seine Azubis aus allen Filialen zwei- bis dreimal pro Ausbildungsjahr in der  Wolfsburger Zentrale zusammen. In eintägigen Ausbildungstrainings werden die Nachwuchskräfte in Themen wie Motor, Motordiagnose, Inspektion und Reifen, Zahnriemen und Steuerkette, Fahrerassistenzsysteme und E-Mobilität bis hin zu Grundlagen der Kommunikation eingeführt. Ähnliches gilt, wenn auch mit anderen Inhalten, für die angehenden Automobilkaufleute.

Kfz-Mechatroniker für alle Fälle

Zufriedene Kunden sind das Ziel aller Mitarbeiter der AUTOPLUS AG (Foto: Autoplus)

Noch etwas zeichnet die Ausbildung bei der AUTOPLUS AG aus. „Unser Leitbild sind generalistisch ausgebildete Fachkräfte“, beschreibt es Karoline Hecker. „Wir legen also Wert darauf, dass jede unserer Fachkräfte alles kann.“ Darin spiegeln sich nicht nur die Unternehmensphilosophie ganzheitlichen Arbeitens, sondern auch die Arbeitsbedingungen in einer sogenannten Freien Werkstatt. Anders nämlich als in markengebundenen Autohäusern besteht die Kundschaft bei AUTOPLUS aus Besitzern von Fahrzeugen ganz unterschiedlicher Hersteller, inzwischen auch solche mit Batterieantrieb sowie Plug-Ins. AUTOPLUS ist beispielsweise Vertragswerkstatt für die Elektroflotte der Deutschen Post. Aus diesem Grund werden bei den Kfz-Mechatronikern Ausbildungsverträge der modernen Zeit folgend auch mit dem Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik angeboten.

In der noch immer „männerdominierten Autowelt“ werden bei AUTOPLUS gleichermaßen Frauen im derzeit noch frauenuntypischen Beruf des Kfz-Mechatronikers ausgebildet und gegebenenfalls zur Kfz-Meisterin fortgebildet. „Für uns spielt das Geschlecht auch in den Werkstattberufen keine Rolle“, beantwortet die Personalchefin meine Nachfrage, die für sie eigentlich keiner Nachfrage bedarf.

Doch noch einmal kurz zurück zu den Besonderheiten einer Freien Werkstatt. Anders als ihre Kollegen in den Markenwerkstätten müssen sich die Kfz-Mechatroniker in den AUTOPLUS-Filialen bei allen Fabrikaten gut auskennen. „Wir bieten für jedes Modell die Gewährleistung nach Herstellervorgaben, so dass die Herstellergarantie voll erhalten bleibt“, erklärt Karoline Hecker. Das verlangt den Mitarbeitern ein hohes fachliches Können ab. Flexibilität, Neugier und eine stete Lernbereitschaft sind deshalb neben handwerklicher Geschicklichkeit Eigenschaften, die für die Personalchefin bei der Suche nach neuen Azubis ganz oben auf ihrer Wunschliste stehen. „Wir wollen und wir müssen mit innovativen unternehmerischen Ideen auf den Wandel in der Mobilitätswirtschaft ganz allgemein und im Kfz-Handwerk im Besonderen reagieren“, beschreibt Hecker ihr und ihrer Mitarbeiter Umfeld. Das fordert den Mitarbeitern täglich die Bereitschaft ab, neue Wege gehen zu wollen. Es garantiert ihnen darüber hinaus auch eine stabile berufliche Zukunft.

Ausbildung mit Augenmaß und hohen Ansprüchen

Servicetechniker haben ein Ohr für Kundenbedürfnisse (Foto: Autoplus)

Der unternehmerische Weg der AUTOPLUS AG ist für diese Entwicklung bestes Beispiel. Alles begann vor 60 Jahren mit der Gründung der Karl-Heinz WESTEN KG. Man verkaufte am zunächst einzigen Standort Wolfsburg Kfz-Ersatzteile und Autozubehör an gewerbliche und private Kunden. Das Geschäft entwickelte sich nicht zuletzt durch die Grenzöffnung zu einem überregionalen Grohandelsbetrieb. 1994 wird mit AUTOPLUS  das Einzelhandelsgeschäft um die Werkstattdienstleistung erweitert und rechtlich verselbständigt. In den folgenden 25 Jahren wurden 25 Filialen eröffnet. Parallel baute man das Werkstattgeschäft aus. 2013 fusionierte AUTOPLUS mit dem Werkstattbetreiber und Filialisten Caro-Autoteile GmbH.

Der Einzelhandel mit Ersatz- und Zubehörteilen hat inzwischen stark an Bedeutung verloren. „Lediglich ein Fünftel unseres Umsatzes erwirtschaften wir heute noch mit dem Ladengeschäft“, berichtet Karoline Hecker. Weshalb der Bedarf an Automobilkaufleuten gegenüber den unternehmerischen Anfängen stark gesunken ist. Gebraucht werden heute für das wachsende Werkstattgeschäft stattdessen Kfz-Mechatroniker, auf die die Mehrheit der 34 neuen Ausbildungsplätze in diesem Jahr entfiel. „Trotz der hohen Ausbildungsquote bilden wir ausschließlich nach Bedarf aus“, erklärt Karoline Hecker. So darf jeder Azubi von einem Übernahmeangebot ausgehen. Es sei denn, der Himmel würde doch auf die Erde fallen, was auch die Personalchefin nicht gänzlich ausschließen kann. Der Elektromobilität Rechnung tragend, hat die Personalchefin in diesem Jahr erstmals einen Elektrikermeister eingestellt, so dass bei AUTOPLUS nun auch eine Ausbildung zum Elektroniker der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik möglich ist.

Die Digitalisierung fest im Blick

Alle Filialen präsentieren sich in einem einheitlichen Design (Foto: Autoplus)

Die digitale Transformation zahlreicher Geschäftsprozesse erfordert zunehmend professionelles Knowhow im IT-Bereich. Dafür sorgen die innerbetrieblichen Prozesse der Lagerhaltung und Ersatzteilbeschaffung ebenso wie die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation mit den Kunden bis an den Werkstattplatz. Die können ihre Werkstatttermine bereits jetzt online buchen und den Reparaturfortschritt verfolgen. Doch damit nicht genug. „Wir planen die Erweiterung unserer IT-Infrastruktur, damit die Autos unserer Kunden möglichst bald direkt mit den Diagnosestationen unserer Werkstätten kommunizieren können“, wagt die Diplom-Kauffrau Karoline Hecker einen Blick in die Zukunft. Die europäische Gesetzgebung soll in Kürze sicherstellen, dass jeder Autofahrer über diese Daten verfügen kann. Hierauf will man bei der AUTOPLUS AG vorbereitet sein. Auf einem anderen Feld ist man schon mittendrinn. Seit kurzem unterstützt man E-Auto-Besitzer durch die Installation der zum Laden erforderlichen Wallboxen in deren heimischer Garage. Allerdings belässt man es nicht nur beim Blick auf die Hardware. Die Personalchefin weiß, zum Erfolg wird die Digitalisierung des Unternehmens nur, wenn man die Mitarbeiter auf diesem Weg mitnimmt.

Das habe man schon bisher getan und werde es ganz gezielt auch weiterhin tun, lässt die Personalchefin keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Zukunftsplanung(en). So unterstütze man etwa gezielt die Weiterbildung der Mitarbeiter bei der Einführung neuer Technologien und fördere auch die Aufstiegsqualifikation zum Meister. „Wir sind als Unternehmen schließlich nur so gut, wie die Fachkenntnisse unserer Mitarbeiter auf dem jeweils neuesten Stand und ihre Leistungsbereitschaft für den Kunden überzeugend genug sind.“ Wohl wahr. Und auch im Marketing geht man mutig neue Wege. Um es für den Kunden einfach und übersichtlich zu machen, werden für Inspektionen und die Reparatur einzelner Baugruppen Paketpreise an. Für Autofahrer ist AUTOPLUS eine Meisterwerkstatt mit  solider Qualität zu festen günstigen Preisen. Das ist ein unternehmerisches Wagnis, denn manchmal kommen erst bei der Reparatur weitere Mängel zum Vorschein. Dann braucht es eine fachlich wie menschlich überzeugende Kommunikation. Doch die AUTOPLUS AG hat sich noch nie gescheut, neue Wege zu gehen.



Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.11.2020)

Firmengründung: 2000 hervorgegangen aus der Karl-Heinz WESTEN KG (AUTO plus GmbH & Co. KGaA); 2013 Fusion mit der Caro-Autoteile GmbH zur AUTOPLUS AG.
Sitz der Unternehmenszentrale: Maybachweg 4, 38446 Wolfsburg.
Niederlassungen: 26; zu finden unter: https://autoplus.de/filialen.
Mitarbeiter: 300.
Umsatz: 25 Millionen Euro in 2019.
Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Kfz-Mechatroniker/-in, Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik
  • Kfz-Mechatroniker/-in, Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik (geplant)
  • Automobilkaufmann/-frau
  • Elektroniker/-in, Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik
  • Fachinformatiker/-in, Fachrichtung Systemintegration (im dreijährigen Abstand)
  • Kaufmann/-frau für Büromanagement (im zweijährigen Abstand)

Duales Studium: Betriebswirtschaft. Fachrichtung je nach Bedarf.
Bewerbungen:  Herbst des Vorjahres.
Schülerpraktika: ja.
Kontaktmöglichkeiten: Nathalie Nestler, Personalwesen: bewerbung@autoplus.de
Internet: https://autoplus.de

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com