Autobahnmeisterei Braunschweig-Rüningen – Die täglich den Weg frei machen

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2019

Einfahrt in den Werkhof zur Autobahnmeisterei Braunschweig-Rüningen (Foto: hmb)

Es ist Freitagabend. Ich bin mit Christian Heskamp verabredet. Er ist Leiter der Autobahnmeisterei Braunschweig-Rüningen und damit Chef von knapp 40 Mitarbeitern. Die Uhr rückt auf 20 Uhr vor. Alle Büros und Werkstätten sind menschenleer. Im Winter, wenn es schneit oder der Regen zu Glatteis gefriert, sieht das anders aus. Dann gibt es hier hektische Betriebsamkeit. Dann müssen die Straßenwärter mit ihren Räumfahrzeugen ausrücken, wenn erforderlich rund um die Uhr. „Die Autobahn muss frei sein und der Verkehr rollen können. Das ist unser Job“, hat mir Christian Heskamp vor wenigen Tagen erklärt. Heute aber ist es ein warmer Sommerabend, der Himmel grau und zur Freude von Landwirten und Kleingärtnern regnet es. Plötzlich steht ein roter Wagen mit gelber Rundumleuchte und Aufschrift Autobahnmeisterei neben mir. Christian Heskamp steigt aus und begrüßt mich freundlich. Seine ungekünstelte Herzlichkeit lässt keinen Frust über Arbeit zu so später Stunde erkennen.

Der Bauingenieur Christian Heskamp ist Chef der Autobahnmeisterei Rüningen (Foto: hmb)

Wir fahren am Autobahndreieck Braunschweig Südwest auf die A39 in Richtung Autobahnkreuz Süd. Die umgekehrte Fahrtrichtung ist voll gesperrt. Der Verkehr wird über die A36 umgeleitet. Mehrere Baumaschinen bewegen sich ähnlich wie Mähdrescher auf großen Weizenfeldern versetzt im Schritttempo vorwärts. Sie fräsen den OPA-Belag (Offenporiger Asphalt) ab. Unzählige Muldenkipper stehen zur Abfahrt des gefrästen Straßenbelages bereit, werden beladen und machen sich auf den Weg in die Wiederaufbereitungsanlage. Das wird sich bis zum frühen Morgen hinziehen. Samstag soll dann die neue Straßendecke aufgebracht werden. Ab Montagfrüh muss der Verkehr wieder rollen können. Die Abläufe werden sich an den nächsten drei Wochenenden in den weiteren Bauabschnitten wiederholen: Baubeginn Donnerstag, ab Freitagabend Vollsperrung, Freigabe Montagfrüh 5 Uhr. Wir gehen über die Baustelle. Alles läuft wie von Geisterhand geführt. Alle kennen ihren Platz, jeder seine Aufgabe.

Kein Einsatz wie der andere

Jede Autobahnbaustelle verlangt eine generalstabsmäßige Planung (Foto: hmb)

Von den 33 Straßenwärtern der Autobahnmeisterei Rüningen ist auf der Baustelle keiner zu sehen. „Bauvorhaben dieser Größenordnung gehören nicht mehr zu unseren Aufgaben“, erklärt mir der gelernte Bauingenieur Christian Heskamp. Planung, Konstruktion, Berechnung und Vergabe liegen in der Verantwortung der übergeordneten Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Mit diesen Aufgaben sind dort wie auch in den 13 regionalen Geschäftsbereichen Bauingenieure, Betriebswirte und Juristen betraut. Die Realisierung der Projekte wird ausgeschrieben und an Unternehmen der Bauwirtschaft vergeben. Bei normalen Instandsetzungsprojekten kontrollieren die Leiter der jeweils örtlich zuständigen Autobahnmeistereien den Fortlauf der Arbeiten. Jedenfalls bislang noch. Denn ab 2021 wird die Zuständigkeit an die vom Bund neu gegründete Autobahn GmbH übergehen. Der werden dann alle Autobahnmeistereien zugeordnet. Auch Christian Heskamp und seine Mannen werden übernächstes Jahr also einen neuen Arbeitgeber bekommen.

Christian Heskamp (Mitte) Freitagabend kurz vor 22 Uhr auf der Baustelle (Foto: hmb)

Beim vier Millionen Euro teuren Bauprojekt auf der A39 muss Christian Heskamp immer wieder nach dem Rechten sehen. Auch, wie heute, nach Feierabend und an den Wochenenden. Beim aktuellen Projekt hat er es mit einer Arbeitsgemeinschaft zu tun, die aus drei Baufirmen besteht, die ihrerseits wieder mehrere Subunternehmen mit Teilaufgaben beauftragt haben. Und sogleich muss er entscheiden, ob tiefer als die vorgegebenen 4,5 cm abgefräst werden soll. Der Untergrund ist an einigen Stellen noch zu locker. Das könnte die Stabilität des neuen Belages beeinträchtigen. Er bespricht sich mit den ebenfalls vor Ort befindlichen Bauleitern. Und natürlich geht es da auch und vor allem um Zeit, Termine sowie Kosten. Christian Heskamp bleibt ruhig. Er kennt das. Es ist nicht seine erste Baustelle. Montagfrüh warten schon wieder ganz andere Probleme. Dann geht es wieder um den ganz normalen Betriebsdienst.

Selbständigkeit und Verantwortung

Aufteilung der Arbeiten einer Straßenmeisterei (Foto: Wikimedia/G.Dillbahner)

Die Autobahnmeisterei Rüningen ist eine von 16 in ganz Niedersachsen. Sie ist zuständig für alle 3er Autobahnen im südöstlichen Niedersachsen. Ihr Verantwortungsbereich reicht von der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt im Süden, der Anschlussstelle Salzgitter Lichtenberg im Westen bis zum derzeitigen Ende der A39 nördlich der VW-Stadt Wolfsburg. „Insgesamt müssen wir auf 115 Autobahnkilometern dafür sorgen, dass der Verkehr ungehindert laufen kann“, beschreibt Christian Heskamp die Aufgaben seiner Dienststelle. Die zeichnet sich durch eine ganz flache Hierarchie aus. Neben 33 Straßenwärtern und Straßenwärtermeistern arbeiten ihm im Backoffice nur noch zwei Verwaltungsfachangestellte zu. Heskamp als Chef muss also nicht lediglich vom Schreibtisch aus exzellent planen können. Er muss auch stets für die ganz praktischen Probleme eine Lösung finden. Was ihm bislang gut gelungen scheint. Wenn er über den Betriebshof in die Werkstätten geht, muss er nicht angestrengt den Vorgesetzten raus kehren. Es wird auch so schnell deutlich: Er ist derjenige, bei dem die letzte Entscheidung liegt.

In ihrer täglichen Arbeit müssen Straßenwärter freilich auch vieles selbständig bewältigen. Im täglichen Einsatz auf den Autobahnen sind sie zu allererst auf sich gestellt. Zu Unrecht gerät dieser Beruf deshalb so selten in das Blickfeld von Berufswählern. Christian Heskamp jedenfalls hat jedes Jahr Mühe, seine Ausbildungsplätze mit geeigneten Bewerbern besetzen zu können. Manchmal bleiben einige sogar leer. Er sucht Schulabgänger mit Sinn fürs Praktische, die gleichwohl auch mit moderner Technik umgehen können müssen. Die einen Draht zum Verkehr und Auto haben. Die sich dem öffentlichen Gemeinwohl verpflichtet fühlen. So wird beispielsweise die Mischung von kristallinem Salz und Salzlauge etwa für winterglatte Straßen heute computergesteuert und geschwindigkeitsabhängig aufgetragen. „Neben der Verkehrssicherheit hat Umweltschutz bei uns schon seit Jahren eine hohe Bedeutung“, weist Heskamp auf einen ihm auch persönlich wichtigen Punkt. Und Vorauszudenken müssen Straßenwärter natürlich auch in der Lage sein. Die Gefährdung für Leib und Leben auf Autobahnen ist immerhin extrem hoch.

Immer und überall für freie Fahrt sorgen

Von Autofahrern gefürchtet, aber für die Straßenerhaltung unverzichtbar (Foto: Wikimedia/ Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), Referat V1, W. Tautz/S. Fürneisen)

Die allermeisten Autofahrer sehen die orangefarbenen Overalls der Straßenwärter auf Autobahnen nur ungern. Sie vergessen dabei, was wäre, wenn es sie nicht gäbe. Da würden verlorene Ladungsteile und geplatzte Autoreifen die Ölwannen ihrer Fahrzeuge aufreißen. Da würden ihre Autos auf unfallverursachten Öllachen ins Schleudern geraten. Da würden nicht gewartete, verdreckte, kaputte oder veraltete Vorwegweiser und Verkehrsschilder nicht mehr zu erkennen sein. Da würden die Sträucher bis auf die Fahrbahnen wuchern und die Sicht versperren. Da würden die Mülltonnen auf den Rasthöfen überquellen. Da würde bei Regen wegen verstopfter Abflussschächte das Wasser zentimeterhoch auf den Fahrstreifen stehen und das gefürchtete Aquaplaning verursachen. Da würde keine Unfallstelle mehr abgesichert sein. Da würden keine Brücken und keine Tunnels mehr auf ihre Trag- und Funktionsfähigkeit überprüft. Auf den Autobahnen würde das Chaos herrschen. Auch die Straßenwärter der Braunschweiger Autobahnmeisterei sorgen dafür, dass es so weit nicht kommt.

Zuletzt wurden deutschlandweit 537 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Christian Heskamp beabsichtigt in den kommenden Jahren jeweils drei Auszubildende einzustellen. Ob er sie findet? Schließlich ist nicht jeder für den Beruf des Straßenwärters geboren. Und bis sie fertig sind, vergehen immerhin drei Jahre. „Wir brauchen Bewerber, die über eine schnelle Auffassungsgabe verfügen, die eine Affinität zum Straßenverkehr besitzen, die in komplexen und hektischen Situationen wie dem Hochgeschwindigkeitsverkehr auf einer Autobahn nicht in Panik geraten, die als Person schon gefestigt sind“, zählt er seine wichtigsten Wünsche auf. Dass der Berufsnachwuchs ins Team passen muss, ist mit dem Blick auf die Strukturen einer Autobahnmeisterei eine Binse, nichtsdestotrotz aber von ebenfalls großer Bedeutung. So besitzt die Autobahnmeisterei für die Pflegearbeiten einschließlich des Winterdienstes zwei Großkolonnen. Da greift bei den Arbeiten ein Rädchen ins andere, und muss deshalb jeder bereit, willens und in der Lage sein, seine Teilaufgabe zügig abzuarbeiten. Sonst gerät das Gefüge der ganzen Mannschaft in Schieflage.

Moderne Technik stellt hohe Ansprüche

Der Winterdienst fordert den Straßenwärtern alles ab (Foto: Wikimedia/Heidas)

Neben diesen beiden Großkolonnen verteilen sich die Straßenwärter auf zwei weitere, allerdings kleinere Brückenkolonnen, eine verantwortliche Elektrofachkraft, die Zwei-Mann-Teams der Streckenkontrolle, die zwei Kollegen umfassende Rufbereitschaft der Tunnelwarte sowie die für den Einsatz in der Fahrzeugwerkstatt eingeteilten Schlosser. Wie alle Autobahnmeistereien muss auch die Autobahnmeisterei Rüningen einen 24-Stunden-Unfalldienst organisieren. So stehen außerhalb der normalen Arbeitszeit, also nachts sowie an Wochenenden und Feiertagen, jeweils drei Straßenwärter unter Rufbereitschaft. Bei Unfällen werden sie von der Polizei zur Absperrung der Unfallstelle, zur Beseitigung von verkehrsgefährdenden Verschmutzungen und/oder Verkehrshindernissen gerufen. Da gilt es, sich schnell einen Überblick zu verschaffen, zügig zu entscheiden, was zu tun ist, und anschließend das Notwendige umzusetzen.

Es ist unschwer zu erkennen, dass sowohl während des Bereitschaftsdienstes als auch im regulären Betriebsdienst Straßenwärter sehr eigenverantwortlich arbeiten (müssen). Genau das aber ist es, was sie an ihrem Job so lieben. Und wer meint, der Beruf wäre etwas fürs Grobe, der sollte sich schnell korrigieren. Gewiss muss auch kräftig zupacken können, wer sich für die Tätigkeit in einer Autobahnmeisterei entscheidet. Doch das allein reicht schon lange nicht mehr. Die moderne Technik hat auch in den Alltag der Straßenwärter längst Einzug gehalten – zur Bedienung der Fahrzeuge und Maschinen, aber auch zur Dokumentation ihrer Arbeit. Die Straßenwärter verfügen deshalb über Tabletts, mit denen festgehalten wird, welche Arbeiten an welchem Streckenabschnitt wann durchgeführt wurden. „Für unsere Planungen brauchen wir einen Überblick über den Straßenzustand, die bereits durchgeführten Erhaltungsmaßnahmen und wo demnächst eine Grundsanierung ansteht“ erklärt Christian Heskamp.

Selbstbewusstsein wächst aus Leistung und Erfolg

So wenig befahren sind die Autobahnen im Bereich der Autobahnmeisterei Rüningen nur selten (Foto: Wikimedia/Daniela Kloth)

Im Übrigen müssen Autobahnmeistereien im Hinblick auf eventuelle Regressansprüche von Unfallbeteiligten stets in der Lage sein zu beweisen, dass die Autobahn zu einem möglichen Unfallzeitpunkt an diesem Streckenabschnitt in einem betriebsfähigen Zustand war. Und wenn es Einschränkungen gab, durch einschlägige Hinweisschilder darauf aufmerksam gemacht wurde. Gibt es noch weitere Anforderungen an den Berufsnachwuchs? Ja, und zwar eine stabile Gesundheit. Immerhin sind sie ganzjährig on the road, bei Hitze und Kälte, bei Regen und Sturm – aber manchmal eben auch beim schönsten Sonnenschein. Noch gibt es nur wenige Straßenwärterinnen. Gerade mal drei Prozent der Beschäftigten sind nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Frauen. Bei den Azubis liegt die Zahl inzwischen bei über fünf Prozent. Die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei Rüningen hätten wohl nichts gegen eine Kollegin. Im Gegenteil. Doch würde sie ihr Los einer geringen öffentlichen Wertschätzung dessen, was sie tun, teilen müssen.

Ansonsten aber stehen die Beschäftigungschancen gut. Schon jetzt gelingt es oft nicht, freie Stellen zu besetzen. Darüber hinaus hat fast jeder zweite Straßenwärter den fünfzigsten Geburtstag bereits hinter sich. Was große Nachfrage erwarten lässt, denn die dadurch frei werdenden Stellen müssen irgendwann aufgefüllt werden. Die Ausbildungsvergütung mit 850 Euro im  Monat ist attraktiv, das spätere Einkommen mit ca. 2.600 Euro brutto zuzüglich Zulagen für die Bereitschaftsdienste immerhin akzeptabel, auch wenn die immer öfter beklagte aggressive Anmache, Beschimpfungen und Pöbeleien noch nicht mit eingepreist sind. Und sie kommen nicht bloß aus billigen Kleinwagen. Sondern immer öfter auch aus den teuersten und edelsten Karossen. Da hilft nur Gelassenheit. Ich möchte ein letztes Wissen. Wie könnte die berufliche Entwicklung nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung aussehen?

„Einige spezialisieren sich fachlich“, erzählt Christian Heskamp, „etwa zur Elektrofachkraft oder zum Tunnelwart.“ Denen, die Führungsverantwortung anstreben, bleibt die Funktion als Kolonnenführer oder, nach entsprechender Weiterbildung, die Einmündung in einer Meisterstelle. Und welche Alternativen tun sich auf, wenn nach der Ausbildung keine Übernahme möglich ist? „Die Straßenmeistereien, die für die Landesstraßen zuständig sind, nehmen die von uns ausgebildeten Nachwuchskräfte ebenso gerne wie die Straßenbauabteilungen der Landkreise, Städte und Gemeinden“, weiß Heskamp. Und auch die Unternehmen aus dem Bereich des Baustellenabsperrservice bieten gute Beschäftigungsmöglichkeiten. Überall hier sorgen Straßenwärter für freie Fahrt – Christian Heskamps Rüninger Mannschaft auf den Autobahnen Südostniedersachsens.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.08.2019)

Gründung: 2016.

Anschrift: Westerbergstraße 85-87, 38122 Braunschweig

Mitarbeiter: 36

Ausbildungsmöglichkeiten: Straßenwärter

Schülerpraktika: ja

Kontaktmöglichkeiten: Christian Heskamp, christian.heskamp@nlstbv.niedersachsen.de

 

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