Ausbildung und Abitur – Zwei in einem

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2019

Gemeinsam lassen sich die hohen Anforderungen von „Ausbildung und Abitur“ erfolgreich meistern (Foto: Porsche Leipzig GmbH)

Gesucht werden ebenso intelligente wie leistungsbereite Schüler mit dem Mittleren Bildungsabschluss. Dass sie noch unentschlossen darüber sind, ob sie für ihre spätere berufliche Karriere eher auf eine Ausbildung oder doch lieber auf ein Studium setzen wollen, nimmt man ihnen nicht krumm. Denn das eigens für sie entwickelte Projekt gibt ihnen dazu ganz bewusst noch vier Jahre Bedenkzeit und anschließend die Option für beides. Das Bildungsangebot hat viele Namen. In Sachsen heißt es „Duale Berufsausbildung mit Abitur Sachsen (DuBAS)“, Baden-Württemberg nennt es „Ausbildung und Abi-tur“, die Bayern titeln „Duale Berufsausbildung und Fachhochschulreife (DBFH)“, in Berlin firmiert es unter „Duales Abitur/ BerufsAbitur“, Nordrhein-Westfalen entschied sich für den Begriff „BerufsAbitur“, Hamburg bezeichnet es als „Dual Plus“. Was sich hinter all diesen Begriffen verbirgt, ist schnell erklärt. Das Bildungsangebot mit den vielen Namen verknüpft eine duale betriebliche Ausbildung mit dem Erwerb der Fachhochschulreife oder des Abiturs.

Zusätzlich zu den eben genannten Bundesländern soll es dieses Angebot derzeit auch noch in Niedersachsen geben. In welcher Form, lässt sich leider nicht klären. Das zuständige Bildungsministerium ließ mehrfache Anfragen unbeantwortet. In der Mehrzahl der Länder befindet sich dieser Bildungsgang derzeit noch im Status von Modellversuchen. Allein Sachsen, das 2011 als erstes Bundesland begann, sowie Hamburg haben es inzwischen als reguläres Bildungsangebot in ihren jeweiligen Schulgesetzen verankert und eine flächendeckende Infrastruktur aufgebaut. Obgleich schulgesetzlich noch kein Regelangebot, ist dieses Bildungsmodell derzeit auch schon in Bayern landesweit verfügbar. Konzentriert sich das Berufsspektrum in den meisten anderen Bundesländern vielfach ausschließlich auf technische Ausbildungsberufe, bieten Bayern und Sachsen das Modell darüber hinaus auch im kaufmännischen Bereich an. Berlin praktiziert es mit den Ausbildungsberufen Hotelfachmann sowie Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizungs- und Klimatechnik.

Als Marketinginstrument genutzt

Noch sind die Hoffnungen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) auf mehr Azubis durch „Ausbildung und Abitur“nicht aufgegangen (Foto: Wikimedia/Jörg Zägel)

Die Initiative für die Kombination einer betrieblichen Ausbildung mit dem parallelen Erwerb der Fachhochschulreife beziehungsweise des Abiturs ging vor knapp zehn Jahren vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) aus. Die Kultusministerkonferenz (KMK) stieg wenig später mit ins Boot. „Wir wollen damit leistungsstarke Bewerber auf das Handwerk aufmerksam machen, die sich ohne den Bonus einer zeitgleichen Studienzugangsberechtigung nie und nimmer für eine Lehre entscheiden würden“, erklärt André Weiß vom ZDH die Motive der Spitzenvertretung des Handwerks. Das Modell scheint für Meister und Geschäftsführer von Handwerksbetrieben also vor allem Marketinginstrument und weniger eines, das von (berufs)pädagogischen Einsichten bestimmt wird. Gleichwohl ändert diese Feststellung nichts an der Tatsache, dass inzwischen nachweislich immer mehr Ausbildungsplätze mangels Bewerbern unbesetzt bleiben. Ebenso wie die Qualität der verbleibenden Bewerber zunehmend öfter zu wünschen übrig lässt.

Damit unterscheidet sich das Konzept „Ausbildung und Abitur“ deutlich von dem des dualen Studiums. Beim dualen Studium ist das primäre Ziel ein akademischer Berufsabschluss. Die auch hier parallele betriebliche Ausbildung samt Facharbeiterprüfung dient lediglich einer Vervollständigung des erwünschten Qualifikationsprofils. Arbeitserfahrungen und Kenntnisse über betriebliche Abläufe, so die Idee hinter dem dualen Studium, erhöhen die Berufsfähigkeit von Ingenieuren und Betriebswirten. Darüber hinaus verhilft ihnen beides zu einer effizienteren Studienorganisation. „Ausbildung und Abitur“ verfolgt indessen eine andere Absicht und wendet sich an eine andere Zielgruppe. Zwar wirbt man mit dem Bonus der zusätzlichen Studierfähigkeit. Gleichwohl hofft man insgeheim, dass am Ende nur wenige davon Gebrauch machen werden. Der Wunsch ist vielmehr, dass viele Gefallen an einer handwerklichen Tätigkeit finden und sich am Ende fürs Bleiben entscheiden. „Die Betriebe werden ihnen dafür natürlich attraktive Perspektiven anbieten müssen“, formuliert André Weiß den am Ende wohl unauflösbaren Zielkonflikt, in dem Unternehmen wie Auszubildende stehen.

Nichts für Weicheier

Ausbildungsleiter im Porsche-Werk Leipzig Kay Franke (Foto: Marco Prosch/Porsche Leipzig GmbH)

Unternehmen aus der Industrie schauen mit einem anderen Blick auf das Modell „Ausbildung und Abitur“. Und die Optionen, die sie bieten können, sind sehr viel vielfältiger als die des Handwerks. Ein Beispiel dafür ist das Porsche-Werk in Leipzig. Vor vier Jahren stellte man erstmals zwei Azubis für eine Berufsausbildung zum Industriemechaniker mit Abitur ein. Dieses Jahr waren es bereits sechs. „Unsere Erfahrungen mit dieser Form der Ausbildung sind überaus positiv“, erklärt Kay Franke. Obwohl er einen signifikanten organisatorischen Mehraufwand bestätigt. Franke ist bei Porsche in Leipzig Ausbildungsleiter. Mehr noch ist er des Lobes voll über seine „Spezial“azubis. „Sie sind sehr ehrgeizig, sehr zielorientiert und vor allem sehr leistungsbereit.“ Das müssen sie auch sein. Denn Ausbildung und Abitur in einem Rutsch bewältigt man nicht im Schlurfschritt. Die Schultage können bis zu zehn Unterrichtsstunden lang sein. An die Stelle von Ferien tritt lediglich der im Ausbildungsvertrag fixierte Erholungsurlaub.

Und auch bei den Abschlussprüfungen werden weder im Praktischen noch im Theoretischen Abstriche gemacht. Da ist bis zum letzten Ausbildungstag voller Einsatz angesagt. „Zu Beginn müssen sich alle neuen Azubis an die intensive Gangart dieser Ausbildung erst gewöhnen“, beobachtet Ausbildungsleiter Kay Franke.  Doch der Einsatz lohnt. „Wer sich für ein anschließendes Studium entscheidet“, berichtet er, „erhält vom Unternehmen eine Freistellung samt Rückkehrberechtigung.“ Klar ist, Ingenieure mit einem solchen Qualifikations- und Kompetenzprofil, die darüber hinaus alle Handlungsprozesse eines Industrieunternehmens aus eigener Erfahrung kennen, nimmt nicht nur Porsche mit Handkuss. Wer dagegen die Berufspraxis einem Studium vorzieht, dem winken ebenfalls gute Aufstiegschancen, angefangen mit einer Funktion als Teamsprecher, nach einer einschlägigen Weiterbildung vielleicht sogar als Meister. Damit dürfte sich am Ende der höhere Einsatz auch für Porsche rechnen.

Hohes Engagement bei Azubis wie Ausbildungsbetrieben notwendig

Hier residiert die IHK Stuttgart (Foto: IHK Region Stuttgart/Wilhelm Mierendorf)

Um massentauglich werden zu können, stellt „Ausbildung und Abi-tur“ aber offensichtlich zu hohe Leistungsansprüche – an Auszubildende wie Unternehmen. Die zuständige Referatsleiterin der Industrie- und Handelskammer Stuttgart, Ulrike Weber, formuliert es diplomatisch so: „Auf Initiative unseres vormaligen Landesministers für Finanzen und Wirtschaft haben wir dieses Ausbildungsmodell allen Unternehmen der Region ausführlich vorgestellt. Die Resonanz war gering.“ Weswegen derzeit keine weiteren Aktivitäten geplant seien. Ähnlich die Aussage vom Geschäftsbereichsleiter Ausbildung der IHK Ostwürttemberg André Louis. „Das Modell funktioniert nur mit sehr engagierten Unternehmen“, ist er überzeugt. Er hat im Sommer den ersten vier Azubis mit Abitur eines mittelständischen metallbearbeitenden Unternehmens aus Abtsgmünd im Ostalbkreis zum erfolgreichen Doppelabschluss gratuliert. „Die Prüfungsleistungen waren exzellent.“

Am stärksten berufspädagogisch durchdacht und am weitesten professionalisiert ist das Modell „Ausbildung und Abitur“ in Sachsen. Nicht nur praktiziert man es dort schon seit 2011. Man kann auch an die Bekanntheit dieser Ausbildungsform aus Vorwendezeiten anknüpfen. „Viele Eltern kennen das noch aus der eigenen Schulzeit“, berichtet Steffen Sommer von der Industrie- und Handelskammer Dresden. Als ehemaliger Ausbildungsberater weiß er, dass die meisten damit positive Erfahrungen verbinden. „Mit diesem Hintergrund unterstützen sie ihre Kinder, sodass die Abbrecherquoten gering sind.“ Es gibt freilich noch einige andere Faktoren, die den Erfolg der Sachsen bestimmen. DuBAS wird sowohl für handwerkliche (Elektroniker, Metallbauer) als auch industrielle Ausbildungsberufe (Fachinformatiker, IT-Systemelektroniker, Industrie- sowie Zerspanungsmechaniker und Industriekaufmann) mit starker Nachfrage und guten Zukunftschancen angeboten. Wichtig für den Erfolg ist darüber hinaus, dass die Beruflichen Gymnasien für jeden Beruf eigene Klassen nur für die DuBAS-Azubis zusammenstellen.

Sachsen mit den meisten Erfahrungen

Das Porsche-Werk in Leipzig praktiziert „Ausbildung und Abitur“ bereits seit mehreren Jahren (Foto: Marco Prosch/Porsche Leipzig GmbH)

In diesen leistungsmäßig homogenen Klassenverbänden werden die berufsschulischen und gymnasialen Unterrichtsinhalte über eine Ausbildungszeit von vier Jahren gezielt verknüpft und kombiniert vermittelt. Das ermöglicht ein gleichmäßig hohes Lerntempo und verhindert inhaltliche Überschneidungen ebenso wie unnötige Zeitverluste. Je nach Länge der durch das Berufsbildungsgesetz vorgeschriebenen Ausbildungszeit (3 oder 3,5 Jahre), umfassen wegen des Ausbildungsbeginns bei dreieinhalb jähriger Ausbildungszeit Anfang Februar die ersten sechs Monate oder bei dreijähriger Ausbildungszeit das gesamte erste Ausbildungsjahr ausschließlich Theorieunterricht am Beruflichen Gymnasium. In kluger Voraussicht haben die Sachsen auch an die Möglichkeit des Scheiterns von Azubis gedacht und deshalb in ihr Modell entsprechende Wechselmöglichkeiten für Auszubildende eingebaut. Die, die den Anforderungen der Praxis oder umgekehrt der Theorie nicht gewachsen sind, können am Ende des ersten Ausbildungsjahres ans normale Berufliche Gymnasium oder in die konventionelle Ausbildung wechseln, ohne die Schule verlassen zu müssen.

Susanne Meerheim, Sprecherin des sächsischen Kultusministeriums, weist noch auf ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Sachsen hin. „Wir lassen das neue Ausbildungsmodell vom Institut für Berufspädagogik der Technischen Universität Dresden wissenschaftlich begleiten.“ Eine der wichtigsten Erkenntnisse fasst die wissenschaftliche Mitarbeiterin Rita Musch in einem ersten Bericht so zusammen. Zu Beginn geben über drei Viertel der Azubis an, die schulischen wie praktischen Anforderungen sehr gut bewältigen zu können. Im weiteren Verlauf sinkt dieser Wert allerdings signifikant. Im vierten Ausbildungsjahr beträgt die Quote lediglich noch 53 Prozent. „Es wurde im Verlauf … deutlich“, so Musch, „dass die Schüler/-innen etwa ab der Hälfte der Ausbildungszeit mit Erschöpfung zu kämpfen haben.“ Als Grund geben die Azubis vor allem zunehmenden Stress und abnehmende Leistungsreserven an. Das sei ernst zu nehmen und darüber gelte es nachzudenken, so Rita Musch.

Zahlreiche unterschiedliche Modelle

Die Kultusministerkonferenz (KMK) ist einer der Geburtshelfer von „Ausbildung und Abi-tur“ – Bonner Zentrale der KMK (Foto: Wikimedia/Sir James)

Eine Arbeitsgruppe aus Experten von ZDH und KMK stellten 2016 zwei weitere Modellvarianten von „Ausbildung und Abitur“ vor. Eine davon bieten Baden-Württemberg und Hamburg an. Anders als das in Sachsen praktizierte integrative, also parallele, Modell handelt es sich hier um ein gemischt konsekutives, aufeinander aufbauendes Modell. Dabei erwerben die Auszubildenden begleitend zum Berufsschulunterricht durch einen wöchentlich sechs- bis siebenstündigen Zusatzunterricht die Fachhochschulreife. Abhängig von deren Gesamtnotendurchschnitt können sie, sofern gewünscht, anschließend in das zweite Jahr der Teilzeit-Berufsoberschule einsteigen. Nach erfolgreicher Prüfung erhalten sie die Fachgebundene oder beim zusätzlichen Nachweis einer zweiten Fremdsprache die Allgemeine Hochschulreife. Die Schwundquote ist in der ersten Phase, mit Zusatzunterricht an zwei Tagen wöchentlich von 18 bis 20.30 Uhr, enorm hoch. Das Hamburger Institut für Berufliche Bildung beziffert sie in der Hansestadt auf 50 Prozent. Der Vorteil dieses Modells ist seine große Flexibilität, denn es kommt ohne berufsspezifische Klassenverbände aus, verlangt umgekehrt dem einzelnen Schüler allerdings eine hohe motivationale Eigenverantwortung ab.

Bayern geht pädagogisch wie formal einen davon abweichenden Weg. Das Modell „Ausbildung und Abitur“ endet bereits mit dem Erwerb der Fachhochschulreife. Der Schritt bis zum Abitur ist im Bayerischen Modell nicht vorgesehen. Im deshalb auch so benannten Angebot „Duale Berufsausbildung und Fachhochschulreife (DBFH)“ wird die Ausbildungszeit in ausgewählten Berufen auf zweieinhalb Jahre verkürzt. An den Standorten Altötting, Dingolfing, Erlangen, Ingolstadt, Kronach, München und Regensburg werden eigene Klassen gebildet, in denen die Berufsschulinhalte und die Fächer der Fachhochschulreife vermittelt werden. An die Facharbeiterprüfung schließt sich ein halbjähriger Vollzeitunterricht an der Fachoberschule zur Vorbereitung auf die Prüfung zur Erlangung der Fachhochschulreife an. Die Erfahrungen aller Beteiligten, so das Bayerische Kultusministerium, seien durchgängig positiv. Die Erfolgsquote liege mit 90 Prozent weit über dem Durchschnitt. Selbstverständlich aber können die Absolventen auch in Bayern das Arbeitsverhältnis beenden und anschließend die Berufsoberschule zum Erwerb des Abiturs besuchen.

Bewerberaufkommen oft gering

Während Bayern  das Modell „Duale Berufsausbildung und Fachhochschulreife (DBFH)“ aktuell mit den Berufen Bankkaufmann, Elektroniker für Automatisierungstechnik, Elektroniker für Betriebstechnik, Elektroniker für Geräte und Systeme, Fertigungsmechaniker, Industriekaufmann, Industriemechaniker, Informatikkaufmann, Informations- und Telekommunikationssystem-Kaufmann, Kfz-Mechatroniker – System- und Hochvolttechnik sowie Mechatroniker anbietet, beschränkt sich das Angebot in Berlin auf die Berufe Hotelfachmann sowie Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizungs- und Klimatechnik. Das Berliner Modell streckt die Ausbildung auf vier Jahre, weshalb das Ausbildungsjahr hier 16 Monate umfasst. Formalrechtlich ist die Ausbildung eine Teilzeitausbildung mit einer zwölfmonatigen Ausbildungszeitverlängerung (Grund: Abitur). Praktische Ausbildung und schulischer Unterricht am Beruflichen Gymnasium verteilen sich paritätisch auf jeweils 26 Wochen pro Ausbildungsjahr. Schulischer Abschluss ist das Abitur.

Am Kölner Heumarkt bündelt die Handwerkskammer zu Köln die Kräfte des ortsansässigen Handwerks (Foto: Wikimedia/Raimond Spekking)

Aus Niedersachsen sind bislang keine Details bekannt. In Nordrhein-Westfalen wurde im Raum der Handwerkskammer zu Köln eingangs das Modell „Duale Fachoberschule“ erprobt, das in vier Jahren zum Gesellenbrief Elektroniker, Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik sowie der allgemeine Hochschulreife führt. „Wir haben über zwei Jahre versucht, ein Modell mit eigenen Klassen zu etablieren“, berichtet der Abteilungsleiter Ausbildung bei der Handwerkskammer zu Köln, Roberto Lepore, „hatten am Ende aber jedes Mal zu wenige Bewerber, um einen eigenen Klassenverband realisieren zu können.“ Interessierte Betriebe habe es dagegen zahlreiche gegeben. So setzt man jetzt wie Baden-Württemberg und Hamburg auf den altbekannten Zusatzunterricht zur Berufsschule. Wer sich nicht mit der Fachhochschule bescheiden möchte, kann nach der Ausbildung die einjährige Berufsoberschule im Vollzeitunterricht anschließen und die Abiturprüfung ablegen. Ein Versuch der Handwerkskammer Südwestfalen platzte im letzten Jahr ebenfalls mangels zu geringer Bewerberzahlen. Auch daran zeigt sich die Schwierigkeit bei der Rekrutierung entsprechend geeigneter Bewerber.

Aus Azubis werden Persönlichkeiten

Bei genauem Hinsehen erweist sich das als das Kernproblem des neuen Ausbildungsmodells. Und es zeigt, dass es als bloßes Marketinginstrument zur Erhöhung des Bewerberaufkommens völlig ungeeignet ist. Denn in den Strukturen des jetzigen Schulsystems gibt es für „Ausbildung und Abitur“ keine spezielle Zielgruppe. Die ebenso intelligenten wie leistungsstarken Bewerber, die für diese elitäre Ausbildung benötigt werden, finden sich unter den Realschulabsolventen nur in Ausnahmefällen. Die haben sich bei der Weichenstellung für die weiterführenden Schulformen schon für das Gymnasium entschieden und werden sich nur selten zum Wechsel überreden lassen. Die leistungsbereiten Schüler, die nicht nur wissensdurstig sind, sondern das Wissen zugleich auch praktisch anwenden wollen, würde es bereits viel früher und eventuell auch auf anderem Weg abzuholen gelten. Das dürfte allerdings wohl nur gelingen, wenn „Ausbildung und Abi-tur“ verstetigt und als ein, wie auch immer organisiertes, reguläres Bildungsangebot etabliert würde – bundesweit unter einheitlichem Label. Einem Label, das diese Form der (Aus)Bildung im umfassenden Sinn als neu begreift.

Ausbildungsleiter Kay Franke weiß, was Azubi-Herzen höher schlagen lässt (Foto: Marco Prosch/Porsche Leipzig GmbH)

Das Neue besteht in der Hybridisierung von Wissen und Können, umgangssprachlich als die Verbindung von Theorie und Praxis beschrieben. Wissen schafft hier einen doppelten Mehrwert. Es generiert eine hohe Urteilskraft und Entscheidungskompetenz ebenso wie es zum Machen (können) befähigt. So werden die Absolventen dieses Ausbildungsmodells für jeden Arbeitgeber zum Juwel. Denn der Vorteil von “Ausbildung und Abitur” gegenüber dem dualen Studium besteht auch darin, dass die Absolventen sich im anschließenden Studium zum einen ganz auf die Durchdringung der akademischen Lehrinhalte konzentrieren können und es zum anderen immer mit ihrem berufspraktischen Erfahrungshorizont auf Anwendbarkeit zu überprüfen vermögen. Wissen ist in diesem Ausbildungsmodell deshalb nicht nur theoretische Konstruktion, sondern besitzt stets einen intensiven Realitätsbezug. Doch erschöpft sich das hier vermittelte Wissen nicht in der Herstellung von Beschäftigungsfähigkeit. Das Wissen, das vorrangig ein Orientierungswissen ist, vermittelt eine universale Problemlösungskompetenz für bis dahin unbekannte Arbeitssituationen. Freilich wird sich dieses Ausbildungsmodell nur dann durchsetzen können, wenn die Unternehmen sich zu diesen Zielen bekennen und deutlich machen, an welcher Stelle sie solcherart hybrid ausgebildete, selbstbewusste und urteilsfähige Fachkräfte benötigen – mit einem anschließenden Studium genauso wie ohne akademischen Abschluss.

Auch wenn „Ausbildung und Abitur“ zum Volumenmodell nicht taugt, sondern eher eines fürs Premiumsegment ist, wird es im viel beschworenen digitalen Zeitalter unabdingbar, es bundesweit als reguläres Ausbildungsangebot zu etablieren. Schließlich könnten Schüler wie Eltern nur dann diese Option frühzeitig in den Blick nehmen. Ganz entscheidend, es würde dann auch das Image eines Vehikels zur Personalbeschaffung los werden, was heute noch zahlreiche Bewerber abstößt. Dazu muss man freilich berufspädagogisch denken. Marketingüberlegungen jedenfalls führen in die Sackgasse. „Ausbildung und Abitur“ stellt ebenso hohe kognitive wie praktisch-technische Ansprüche an die Zielgruppe. Das Fazit, das Rita Musch vom Institut für Berufspädagogik und Berufliche Didaktiken der Technischen Universität Dresden zieht, weist denn auch auf den damit verbundenen hohen Mehrwert. „Durch den regelmäßigen Kontakt mit dem Arbeitsalltag in einem Unternehmen reifen die Schüler rasch zu gestandenen Persönlichkeiten heran.“

 


Weiterführende Informationen

 Allgemeine Informationen:
https://abi.unicum.de/abi-und-dann/ausbildung/berufsabitur-ausbildung-und-abitur-in-einem
und
https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/bwp/show/8205

Baden Württemberg: https://wm.baden-wuerttemberg.de/de/service/publikation/did/ausbildung-und-abitur/?tx_rsmbwpublications_pi3%5Bministries%5D=37&cHash=4d62dadb5c6f79a121792c95a1db0d04

Bayern: https://www.mangfall24.de/region/mangfalltal/bad-aibling-ort28271/ausbildung-abitur-einem-jahre-fuers-berufsabitur-8679523.html

Berlin: https://www.berlin.de/sen/bildung/schule-und-beruf/berufliche-bildung/berufliche-schulen/duale-ausbildung/

Hamburg:  https://hibb.hamburg.de/bildungsangebote/hoehere-bildungsabschluesse/dual-plus-fachhochschulreife-2/

Sachsen:
https://www.bildungsmarkt-sachsen.de/ausbildung/berufseinstieg/abitur-und-lehre-modellversuch.php
und
https://tu-dresden.de/gsw/ew/ibbd/bp/ressourcen/dateien/Abschlussbericht_DuBAS.pdf?lang=de

 

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