Annekathrin Bürger – Die Leidenschaft zum Beruf gemacht

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2016

Die ehemalige DDR brachte viele begabte Schauspieler hervor. Annekathrin Bürger war eine davon. Sie sei die Brigitte Bardot der DDR gewesen, wird Frank Castorf, der Intendant und eigenwillige Regisseur der Berliner Volksbühne, im Rückblick einmal sagen. Tatsächlich stand sie mit vielen der ganz Großen zusammen auf der Bühne und vor der Kamera. Sie spielte mit Armin Mueller-Stahl, mit Angelika Domröse, mit Manfred Krug, um nur die bekanntesten zu nennen. Sie stand ganz oben, sie war ein Star. Bis die Geschehnisse um die Ausbürgerung Wolf Biermanns die Ostberliner Community in alle Winde zerstreute. Während die einen blieben, packten die anderen ihre Koffer und gingen. Das, was die einen mit den anderen von nun an verbinden sollte, waren die Erfahrungen von Macht, Verrat, Neid, Häme, Verlust, Einsamkeit und einem zweiten Karriereanlauf.

Annekathrin Bürger (Foto: Barbara Köppe Fotodesign)

Annekathrin Bürger (Foto: Barbara Köppe Fotodesign)

An ihrem Können kam da wie dort freilich niemand auf Dauer vorbei. Ihr oftmaliger Partner Armin Mueller-Stahl eroberte sogar Hollywood. Annekathrin Bürger gehörte zu denen, die blieben. Ein leichter Weg war das nicht. Für ein langes Gespräch mit Erich Honecker zog sie ihre Unterschrift unter eine Petition für den ausgebürgerten Wolf Biermann und dessen Wiedereinreise aus taktischen Erwägungen zurück. Bewirkt hat es nichts. Die Würfel waren gefallen. Biermann blieb weiter ausgesperrt. Der Alltag mit allen seinen unsinnigen Nachwirkungen des 11. Plenums des ZK der SED, dem fast eine ganze DEFA-Produktion zum Opfer fiel, ging weiter. Härter traf es ihren Mann Rolf Römer, mit dem sie bis zu dessen Unfalltod 34 Jahre verheiratet sein sollte. Römers großer schauspielerischer Erfolg im Film „Jahrgang 45“ kam auf Eis und erlebte seine Uraufführung erst nach der Wende 1990, 25 Jahre später.

Gleichwohl führte Römer drei Jahre nach „Jahrgang 45“ in „He, Du!“ erneut Regie, schrieb für „Mit mir nicht, Madame!“ und „Tecumseh“ die Drehbücher. In all diesen Filmen spielten sie im Übrigen zusammen, Rolf Römer und Annekathrin Bürger. Allerdings sollte Römers dritter eigener Film aus der Reihe Polizeiruf 110 „Schuldig“ bereits seine letzte Regie sein. Er hatte die Ursachen für den Selbstmord des Haupthelden als gesellschaftliche Schuld inszeniert. Das aber gab es nicht im Sozialismus. Der Film verschwand vom Sender. In den Augen der Zensoren wurde Römer damit zum Wiederholungstäter. Denn schon zwei Jahre zuvor hatte er in seinem Spielfilm „Hostess“, einem großen Publikumserfolg, die Beziehungen von Mann und Frau zu wenig sozialistisch dargestellt. Römer wurde als Regisseur kalt gestellt. Da war er gerade einmal 43 Jahre alt. So wichen Römer und Bürger in dieser Zeit auf ihre satirischen Programme und poetischen Konzerte aus, womit sie auch bei Auftritten in den alten Bundesländern sehr erfolgreich waren.

Haltung statt Kampf

Im Theater Bernburg begann Annekathrin Bürgers Karriere (Foto:

Im Theater Bernburg begann Annekathrin Bürgers Karriere (Foto: Wikipedia/Joeb07)

Annekathrin Bürgers und Rolf Römers Liebe zueinander tat all das keinen Abbruch. Bis auf die blonden Haare und ihre weibliche Figur war sie eben doch anders als Brigitte Bardot, kein Model, schon gar kein Playmate und nicht nur im Filmgeschäft erfolgreich, sondern für Film und Theater ausgebildete Schauspielerin. Dazu eine mit Ansprüchen und einer Haltung, kein Alphatier zwar, keine Jeanne d‘Arc, aber eine Frau mit aufrechtem Gang. „Ich wollte immer gut sein“, sagt sie, „doch der Erfolg um jeden Preis, schon gar nicht zu dem opportunistischer Anpassung, das war nicht mein Ding.“ Da bleiben bei ungezählten Erfolgen zwangsläufig auch Niederlagen nicht aus. Dennoch hadert sie nicht mit dem, was war. Im Gegenteil, sie scheint mit sich im Reinen. Ihr Blick auf die Karriere, auf die Menschen, denen sie während ihres langen Weges begegnete, ist einer in Dankbarkeit, wie sie betont. Und es ist keiner, der durch den Filter der Altersmilde weich gezeichnet wurde. Nein, so ist sie. Annekathrin Bürger begriff schon früh, es gibt keinen Gewinn ohne Verlust.

Dabei hätte sie durchaus gute Gründe für einen Blick zurück im Zorn. Denn Verluste gab es bereits in ihrer frühesten Kindheit viele. Die Ehe ihrer Eltern zerbricht, da geht sie noch nicht einmal zur Schule. Ihr Vater ist Tiermaler und Illustrator und arbeitet später als Art Director am Deutschen Zeichentrickfilmstudio. Das förderten die Nazis als Konkurrenz zu Walt Disney, gaben es aber aus Geldnot schon bald wieder auf. Nach dessen Schließung zeichnete ihr Vater im Kabarett der Komiker am Kurfürstendamm. Doch bald beginnen Krieg und Militärdienst. Der Soldat Rammelt, so  auch Bürgers Geburtsname, muss an die Ostfront. Die Mutter, Primaballerina an der Berliner Volksoper, geht eine andere Beziehung ein. Da ist die kleine Annekathrin im Wege. Die Mutter gibt sie deshalb in ein Kindeheim ins böhmische Brünn, dem heutigen Brno. Bald erreicht der Krieg die von den Deutschen besetzteTschechoslowakei. Es folgen Flucht und eine neue Mutter. Annekathrin nimmt es, wie es kommt. Zu hassen schafft sie nicht. Zum Jammern lässt der Kampf ums Überleben keine Zeit. Das Kind freut sich an den kleinen Dingen. Unglücke sind Unglücke, keine Weltuntergänge.

Hinschauen, verstehen, spielen

Annekathrin Bürger als Eileen in „Tecumseh“ 1972 (Foto: DEFA-Stiftung/Eckhart Hartkopf, Joachim Zillmer)

Annekathrin Bürger als Eileen in „Tecumseh“ 1972 (Foto: DEFA-Stiftung/Eckhart Hartkopf, Joachim Zillmer)

Was sie von da ab ihr ganzes Leben begleiten wird? Genau hinzuschauen, besonders auf die Menschen, denen sie begegnet, was sie tun und warum sie es tun, auch ob Reden und Handeln übereinstimmen. Theoriediskussionen um des Kaisers Bart bleiben ihr ein Graus, bis heute. Der Satz des polnischen Lyrikers Stanislaw Jercy Lec könnte auch von ihr stammen: „Es gibt große Worte, die so leer sind, dass man ganze Völker darin gefangen halten kann.“ Mit Ideologen, gleich welcher Couleur, vermochte sie damals und vermag sie noch immer wenig anzufangen. Sie mag es stattdessen konkret. So hat sie sich stets auch ihren Rollen genähert, mit detektivischem Spürsinn eingefühlt, wie sie es formuliert. „Ich muss nicht die Person werden, die ich spiele“, sagt sie, „aber ich muss sie verstehen.“ Das dann auf der Bühne oder vor der Kamera darzustellen, sei nur noch Handwerk. Eines, das freilich gelernt sein will. Ein Lachen, Verzweiflung, Tränen in der jeweils szenenangemessenen Authentizität schütteln auch die begnadetsten Mimen nicht aus dem Ärmel.

Obschon Annekathrin Bürger ein gerüttelt Maß an komödiantischer Intelligenz vom Vater erbte, blieb auch ihr eine wichtige Erfahrung nicht erspart. Begabungen müssen aufwändig gepflegt werden. Zunächst jedoch absolviert sie eine Ausbildung zur Gebrauchswerberin. Mit gutem Erfolg, aber nicht mit Herzblut. Sie will ans Theater. Der Vater unterstützt sie in ihrem Wunsch um ein Praktikum am Theater Bernburg. Seine Überlegung, sie soll wissen, worauf sie sich einlässt. Schon nach wenigen Wochen wächst in ihr die Gewissheit, gefunden zu haben, was sie sucht. Als sie dann kurzfristig die Stelle der erkrankten Requisiteurin übernimmt, fühlt sie sich angekommen. Ist sie doch nun Abend für Abend hautnah beim Bühnengeschehen dabei und kann sie darüber hinaus ihr Gehalt mit Engagements als Statistin aufbessern. Doch sie will mehr. Denn das richtige Leben am Theater, ist sie überzeugt, findet auf der Bühne statt, nicht dahinter. Achtzehnjährig bewirbt sie sich an der Schauspielschule in Berlin – und fällt durch. Ihre Erkenntnis: „Auf der Bühne zu stehen, ist eine einzige Übertreibung.“

Traumhafter Beginn

Annekathrin Bürger als Henriette „Jette“ Wagner in „Hostess“ 1976 (Foto: DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger)

Annekathrin Bürger als Henriette „Jette“ Wagner in „Hostess“ 1976 (Foto: DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger)

Was dann folgt, klingt fast wie die im Showgeschäft üblichen Legenden, in denen die Dramaturgie immer der des Märchens von Aschenputtel folgt. Annekathrin Bürgers Geschichte aber ist wahr. Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts sucht der Regisseur Gerhard Klein, dem Annekathrin Bürger schon beim Vorspiel an der Berliner Schauspielschule gegenüberstand, für seinen Film „Eine Berliner Romanze“ verzweifelt nach der Hauptdarstellerin, Uschi ihr Name. Keine erfüllt seine Vorstellungen. Er entschließt sich zu einem Casting, für die damalige Zeit und die DDR ein ungewöhnlicher Schritt. 14.000 junge Frauen bewerben sich. Wieder dabei: Annekathrin Bürger. Und wieder fällt sie durch, schon bei der Vorauswahl. Annekathrin weiß nicht so recht weiter. Da ruft ihr Vater an. Für einen populärwissenschaftlichen Film, Titel „Gebirge und Meer“, wird eine Jugendgruppenleiterin gesucht. Der Vater arbeitet inzwischen in Berlin als Illustrator. Der Regisseur des Films fragt den Vater bei einem Treffen im berühmten Ost-Berliner Pressecafe, ob nicht seine Tochter diese Rolle spielen möchte. Und der Vater kann seine Tochter damit glücklich machen.

Man trifft sich und kurze Zeit später dreht Annekathrin an der Ostsee. Währenddessen sucht Gerhard Klein seine Uschi noch immer und klappert einigermaßen frustriert die Strände Rügens ab. Der Drehbeginn steht kurz bevor. Er braucht eine Lösung, unbedingt. Eines Tages landet er auch in Göhren, dort wo Annekathrin gerade „Gebirge und Meer“ dreht. Die Filmleute kennen sich. Er solle sich die junge Frau doch noch einmal anschauen, gibt man ihm zu verstehen. Ohne Begeisterung lässt Klein sie vorspielen, erst im Hotelzimmer, dann auf der Strandpromenade, am nächsten Tag im Studio Wismar vor der Kamera. Sie spielt sich die Seele aus dem Leib. Klein gibt ihr die Rolle. Klein ist ein Perfektionist. Annekathrin wird in diesem Film viel lernen, neben dem Spielen auch, sich zu überwinden, bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Manche Szene wird wieder und wieder gedreht, bis sie Kleins Erwartungen entspricht.

Begabung braucht solide Ausbildung

„Liebe ist das schönste Gift“ – Annekathrin Bürger im Konzert mit (vlnr). Fred Symann und Christoph Georgie (Foto: atelier-LHR.de)

„Liebe ist das schönste Gift“ – Annekathrin Bürger im Konzert mit (vlnr). Fred Symann und Christoph Georgie (Foto: atelier-LHR.de)

Und doch wird Annekathrin Bürger nie wieder einen Regisseur so gut finden wie diesen Mann. Vielleicht aber auch gerade deswegen! Der Film wird ein Kassenschlager. Ihr Gesicht ziert die Covers aller Filmzeitschriften und Illustrierten. Sie ist von einem Tag auf den anderen bekannt. Sie ist glücklich, doch sie hebt nicht ab, dafür ist sie zu geerdet. Führt der Weg erfolgreicher Schauspieler normalerweise von der Hochschule zum Film, ist es bei Annekathrin Bürger umgekehrt. Sie macht erst einen Film und geht dann an die Filmhochschule, und zwar die in Potsdam-Babelsberg. Wegen der Dreharbeiten verpasst sie sogar das erste Semester. Und muss deswegen die Ärmel hochkrempeln, um den Anschluss zu finden. „Das Studium war wichtig für meine Karriere“, ist sie überzeugt. „Richtig atmen, sprechen und sich bewegen können, ist das Handwerkszeug, ohne dass kein Schauspieler auskommt.“

Während des Studiums dreht sie drei weitere Filme. In sechs Berufsjahrzehnten werden es über 150 Spiel- und Fernsehfilme sein. Und noch scheint die Liste nicht abgeschlossen. Ein weiteres Projekt ist in der Planung, Titel „Die Anfängerin“. Es geht um Träume, es geht darum, dass man mit Leidenschaft und Ausdauer sogar im vorgerückten Alter einen Neuanfang wagen kann. Ein Thema, dass ihr auch persönlich am Herzen liegt. Doch noch ist nichts in trockenen Tüchern. Annekathrin Bürger ist die Rolle einer zänkischen Mutter in einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung angeboten worden. Sie müsste also ein richtiges Biest mimen, eine Rolle, die sie so zum ersten Mal spielen würde. Sonst bevorzugte sie eher Rollen, die weiblich und komisch sind. „Ich freue mich auf dieses Projekt“, sagt sie. Das Drehbuch gebe ihr Raum, zeigen zu können, was sie drauf habe. „Diese Chance erhält man als ältere Schauspielerin nicht mehr so oft.“ Sie klagt nicht an. Sie weiß, das ist in ihrem Job unausweichlich. Weh tut es wohl doch.

Ängste weggespielt

Wichtige Karrierestation - Theater der Bergarbeiter Senftenberg, heute Neue Bühne Senftenberg (Foto:

Wichtige Karrierestation – Theater der Bergarbeiter Senftenberg, heute
Neue Bühne Senftenberg (Foto: Wikipedia/Steffen Rasche)

Doch zurück zu den Anfängen. Das Studium schließt Annekathrin Bürger als 22-Jährige mit Bravour ab – und erhält sofort ein Engagement am Deutschen Theater in Berlin. Das kommt einer Auszeichnung gleich. Nein, das ist eine Auszeichnung! Schließlich gilt das DT als eine der ersten Adressen für alle die, die auf den Brettern, die ihnen die Welt bedeuten, Karriere machen wollen. Ein Jahr später allerdings wechselt sie in die Provinz nach Senftenberg ans Theater der Bergarbeiter, heute Neue Bühne Senftenberg. Ein Schritt, den Uneingeweihte nur schwer verstehen. Sie selbst gibt Aufklärung. Erstens hätten die Erwartungen am DT schwer auf ihren noch jungen Schultern gelastet. Und Senftenberg sei gewissermaßen die Fohlenelf des Deutschen Theaters, also dessen Nachwuchsleistungszentrum gewesen. „Ich konnte da in Ruhe wachsen und reifen“, blickt sie zurück. „Und die Atmosphäre an diesem kleinen Haus war einfach wunderschön.“

Parallel dreht sie weiter Filme. Vor der Kamera fühlt sie sich berufslebenslang wohler als auf der Bühne. „Theater ist härter als Film“, sagt sie, „denn du hast keine Möglichkeit zur Korrektur. Und auf der Bühne kann dir keiner helfen.“ Der Familienmensch Annekathrin Bürger liebt die Gemeinschaft der Filmleute, die Teamarbeit beim Dreh. Wichtiger vielleicht noch, privat lernt sie in Senftenberg Rolf Römer kennen, der erst ihre große Liebe und dann ihr Mann wurde. Beruflich führt sie ihr Weg nach drei Spielzeiten in Senftenberg für zwei Jahre zum Fernsehen. Anschließend gehört sie 38 Jahre zum Ensemble der Volksbühne Berlin. Und immer wieder steht sie vor der Kamera. Dazu macht sie Lesungen, irgendwann auch ihr erstes eigenes Chanson-Programm. Die aktuellen heißen „Liebe ist das schönste Gift“ und „Weisheiten der Liebe“. Ein Leben ohne Kunst? Nein, das kann sie sich nicht vorstellen. Das wäre wie der vorweggenommene Tod. Im Übrigen will auch das Publikum nicht auf sie verzichten.

„Es hat sich so entschieden“

Theater "Volksbühne" Hier spielte sie 38 Jahre lang – Volksbühne Berlin (Foto:

Theater “Volksbühne” Hier spielte sie 38 Jahre lang – Volksbühne Berlin (Foto: Wikipedia/Ansgar Koreng)

„Senftenberg“, sagt sie nach einer Pause, „half mir, meine Versagensängste zu überwinden.“ Ob Unsicherheit für eine Schauspielerin nicht ein schlechter Begleiter sei, frage ich. Ein kurzer Blick, eine präzise Antwort. „Nein, denn sie bewahrt vor Größenwahn!“ Schauspieler seien schließlich nur Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger, wichtig, aber nicht unersetzlich. So sind denn Talent und  Begabung unverzichtbare Voraussetzungen für den Erfolg. Doch erst der unbedingte Wille und die Bereitschaft zu harter Arbeit führen nach ganz oben. Die inneren Konflikte einer Person darzustellen, fordert einen Schauspieler nicht selten bis an den Rand der Selbstaufgabe. Dem hat sie sich nie entzogen. Dafür gibt es Lob aus berufenem Mund. „Annekathrin Bürger hatte stets eine große Leinwandpräsenz“, adelt sie Armin Mueller-Stahl. So wurde sie in der Welt zum Gesicht des DDR-Films. Dabei hat sie nie eine Karriereplanung gemacht. Sie wollte einfach nur spielen. „Alles andere hat sich so entschieden“, erklärt sie mit einem Lachen.

Freilich kennt sie auch die Kehrseite künstlerischen Ruhms. Denn nichts ist vergänglicher als der Beifall von gestern. Die Wende 1989 war so ein tiefer Einschnitt. Am 4. November feierten die Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz sie noch für ihr Lied „Worte eines politischen Gefangenen an Stalin“. Sie widmete es dem von der SED verfemten ehemaligen Leiter des Aufbau-Verlages Walter Janka. Es war ein Blick in den Abgrund und zugleich ein Versprechen. Das Vergangene nicht noch einmal! 500.000 Menschen – und doch hätte man eine Münze fallen hören. Ihre letzte große weibliche Rolle ist die Marianne in dem Fernsehfilm „Der Rest, der bleibt“. Der Film erhält wunderbare Kritiken, doch in den Wirren des Umbruchs geht er unter. Schon bald macht Annekathrin Bürger die Erfahrung, wie viele Rollen man spielen kann, die wenig später schon vergessen sind. Nach mehreren wenig ruhmreichen Versuchen der Treuhand zur Sanierung der DEFA wurde diese 1992 an den französischen Mischkonzern Compagnie Générale des Eaux (CGE) verkauft. Es bedeutete das Ende einer langen Tradition. Heute verwaltet die DEFA-Stiftung die Rechte am Filmbestand.

Dankbarkeit für ein unvollendetes, aber erfülltes Leben

ADN-ZB Link 4.11.89 Berlin: Demonstration 500.000 Bürger beteiligten sich an Am 4. November 1989 sang Annekathrin Bürger für Walter Janka vor 500.000 Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz (Foto: Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-050)

Am 4. November 1989 sang Annekathrin Bürger für Walter Janka vor
500.000 Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz (Foto: Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-050)

Die bestehenden Netzwerke des Filmgeschäfts wachten argwöhnisch über ihre Pfründe. Die Kollegen aus den neuen Bundesländern, allesamt gut ausgebildet, wurden nicht selten als lästige Konkurrenten geschnitten. Die ganz großen Angebote hat auch Annekathrin Bürger seitdem nicht mehr erhalten. Ein Hauch von Wehmut huscht über ihr Gesicht. Verbittert ist sie gleichwohl nicht. Sie hat weiter gespielt. In den Leipziger Tatort-Folgen als Frederike, die Freundin des Kommissars in ihrem Waschsalon. In vielen Fernsehfilmen, wie „Mord mit Aussicht“ und „Soko Stuttgart“. Und sie hat auch in der zweiten Reihe brilliert. Daneben Hörspiele, Lesungen und Gesangsauftritte. Der Umgang mit Sprache hat sie seit ihren frühesten Anfängen fasziniert. Da ist sie ähnlich perfektionistisch wie ihr erster Regisseur Gerhard Klein. Die Verwahrlosung der Sprache auch auf der Bühne und vor der Kamera beobachtet sie mit Unbehagen.

Am Ende aber überwiegt die Dankbarkeit – Bürger typisch emotional, doch ohne Sentimentalität. „Die Kritiker schauten genau hin“, erinnert sie sich, „aber weder lobten sie uns nach dem ersten Film über den grünen Klee, noch zerrissen sie uns bei Anfängerfehlern. So erhielten wir ein Feedback, das uns eine natürliche Entwicklung ermöglichte.“ Das ließ Qualität entstehen, das bewahrte vor selbstzerstörerischen Achterbahnfahrten. Es waren Zeiten, wo Journalisten sich den gegebenen Antworten noch verpflichtet fühlten und nicht selbst welche dazu erfanden. Es war eine Zeit, wo trotz hoher Arbeitsbelastungen kollegiale Freundschaften wuchsen, die lebenslang hielten. Was bleibt? „Die Hoffnung, die geschenkte Zeit weiter sinnvoll nutzen zu können“, sagt sie. Und vermittelt raumfüllend, was sie damit meint. In einem ihrer wunderschönen Lieder formuliert sie ihren Wunsch. „Pflanze tief in mein Herz deinen Schmerz. Hast Du Angst? Ich hab sie auch. Kann sein, dass ich Dich brauch. … Halt mich warm und halt mich wach.“ Sie selbst hat es mit den ihr Nahestenden stets so gehalten.

 


Weiterführende Informationen:
http://www.annekathrin-buerger.de/