42 Wolfsburg – Hogwarts für Software Ingenieure

Von Dr. Max Senges, Ralph Linde und Dr. Ralf Brunken

Zu den Autoren

Dr. Max Senges ist Diplom-Wirtschaftsinformatiker und Doktor der Philosophie. Nach zwei Startups im Bildungsbereich und 10 Jahren bei Google übernimmt er jetzt die Leitung der 42 in Wolfsburg als CEO und Rektor.

Ralph Linde leitet die Volkswagen Group Academy, die Dachorganisation für Bildung im Volkswagen Konzern. Er hat das Konzept der 42 für Volkswagen entdeckt und die Umsetzung vorangetrieben. Er ist Präsident des 42 Wolfsburg e.V.

Dr. Ralf Brunken blickt auf mehr als 20 Jahre Berufserfahrung im Bereich Softwareentwicklung und IT-Management u.a. als IT-Leiter Region Indien/ASEAN sowie CIO bei Continental und Skoda. Seit 2018 ist er Leiter der AutoUni mit Fokus auf digitale Transformation. Er ist Vizepräsident des 42 Wolfsburg e.V.

Hinweis: Die Autoren haben uns den Text, der zuerst auf „Medium.com“ (https://medium.com/42-wolfsburg/42-wolfsburg-hogwarts-f%C3%BCr-software-ingenieure-678a930e88a3) erschien, freundlicherweise zum Nachdruck zur Verfügung gestellt. Wir geben ihn ungekürzt wieder. Der Text verwendete im Original die gendergemäßen Berufsbezeichnungen. Der besseren Lesbarkeit wegen verzichten wir gemäß unserer Redaktionsrichtlinien im Impressum (https://www.berufsreport.com/impressum/) darauf.

 

 

Unterstützt von Volkswagen haben wir die französische École 42 in Wolfsburg gegründet, eine Software-Akademie, von der viele junge Entwickler träumen. Sie dürfen lernen, was sie wollen.

Lichtdurchflutete großzügige Unterrichtsräume (Foto: 42Wolfsburg)

Stellen wir uns vor: Es gibt einen Ort, an dem junge Menschen gemeinsam auf höchstem Niveau Software-Entwicklung lernen. Es gibt keine Seminare und Vorlesungen und auch keine Professor, dafür aber hochmotivierte Mentoren aus Startups, Tech-Unternehmen und IT-Abteilungen, die die Studierenden individuell coachen. Die Studentinnen und Studenten lernen an diesem Ort voneinander in Projekten und wachsen gemeinsam in ihren Teams mit ihren Aufgaben. Es gibt ein durchdachtes und zugleich flexibles Curriculum. Die Studierenden bestimmen weitgehend selbst, wann und mit welchen Methoden sie lernen. An diesem neuen Bildungsort zählen Talent und Können, nicht formale Vorbildung und optimierter Lebenslauf. Jeder Mensch zwischen 18 und 80 Jahren kann sich für die Ausbildung an diesem Ort bewerben, auch ohne Abitur. Der Campus ist bestens ausgestattet und die Studierenden müssen keine Studiengebühren zahlen. Der Abschluss weist den Weg in ein selbstbestimmtes Arbeitsleben als gut gebuchte Freelancer, digitale Nomaden, Startup-Gründer — oder zu einem gut bezahlten Job in der (Automotive-)Industrie. Wir stellen vor: Die 42 Wolfsburg.

Code-Könner

Anfang kommenden Jahres öffnet in der Markthalle Wolfsburg in Partnerschaft mit Volkswagen und der gemeinnützigen École 42 aus Frankreich eine Mischung aus Hogwarts und dem MIT Media Lab gepaart mit Ferdinand Porsches Innovationsgeist. Bei vollem Betrieb werden 600 Studierende auf dem Campus ihre Lernreise zu Meister-Codern antreten. Die Reiseroute folgt dem erprobten Konzept von inzwischen 33 Schulen weltweit mit mehr als zehntausend erfolgreichen Absolventen – und das auch in unserer neuen deutschen Schwesterschule, der 42 Heilbronn, unter Leitung von Thomas Bornheim gelehrt wird. Für Thomas ist der 42 Ansatz mit Maria Montessoris Pädagogik verwandt und er betont, dass speziell der Fokus auf Eigenständigkeit und Mündigkeit adäquat ist um Coder auszubilden.

Alle Studienbewerber der 42 Wolfsburg machen einen Online-Test, in dem vor allem logisches Talent (so genanntes algorithmisches Denken) gefragt ist. Programmierkenntnisse sind nicht erforderlich. Wer besteht, wird zu einem vierwöchigen Bootcamp nach Wolfsburg eingeladen, dem sogenannten „Piscine“. Im „Schwimmbecken“ erlernen Bewerber die Grundlagen des Programmierens und bekommen ein gutes Gespür dafür, was ein Studium an der 42 Wolfsburg ausmachen wird: das Lernen lernen. Selbstbestimmt lernen. Von und mit Peers lernen. Und übergreifend: Probleme zu lösen. Nach den Abschlusstests und Evaluierung von drei “Piscines” im Februar, März und April werden dann 150 Studierende ihr Studium beginnen. Beim Auswahlprozess werden wir auf eine hohe Diversität unter den Studierenden achten und sicherstellen, dass sich Frauen von unserem Angebot besonders angesprochen fühlen. Das Studium an der 42 Wolfsburg dauert je nach individuellem Lerntempo und erwünschter Spezialisierung zwei bis fünf Jahre.

Die Architektur unterstützt die Freiheit des Denkens und Lernens (Foto: 42Wolfsburg)

Alle Studierenden müssen zunächst die wichtigsten Felder moderner Programmierung durchschreiten. Hierzu zählen u.a. die wichtigsten Programmiersprachen, der Aufbau von Softwarearchitekturen und die Grundlagen des Maschinellen Lernens. Rund die Hälfte ihres Studiums verbringen die Studierenden in Praxisprojekten in Partnerunternehmen, ähnlich wie in klassischen dualen Studiengängen in Deutschland. In den Praxisphasen begleiten erfahrene Entwickler als Mentoren die Lernreise der Studierenden intensiv. Die Erfahrung aus internationalen Standorten der École 42 zeigt: In den Unternehmen lernen die Studierenden nicht nur, welches Können beim Coden wirklich zählt und wie agile Entwicklerteams heute zusammenarbeiten. In den Partnerunternehmen knüpfen sie viele wertvolle Kontakte für die Zeit nach dem Studium. Mehr als die Hälfte der Studierenden bekommt nach dem ersten Praxisprojekt bereits ein konkretes Job-Angebot — die meisten aber entscheiden sich weiter zu studieren. Nach dem Abschluss kommen allerdings viele auf Angebote aus den Praktika zurück.

Innovate Learning –Learning innovation

Die 42 Wolfsburg ist eine pädagogische Innovation und eine wertvolle Ergänzung für den Bildungsstandort Deutschland. Digitale Veränderung beschleunigt das Innovationstempo auf allen Ebenen. Unternehmen aller Branchen suchen händeringend nach gut ausgebildeten, intrinsisch motivierten und teamfähigen Software-Entwicklern, die digitale Veränderung in Europa vorantreiben.

Die deutsche Hochschullandschaft ist in der formellen IT-Bildung nicht so schlecht aufgestellt, wie viele behaupten. Aber ihre Angebote sind nicht zwingend gut für alle. Wir haben in Deutschland nicht nur zu wenige Software-Ingenieure, wir haben auch ein Problem mit teilweise starren Bildungsstrukturen und Zugangskriterien zu Bildung, die nicht meritokratisch sind, sondern die Begünstigten begünstigen. Deshalb müssen wir auch in der höheren Bildung neue Konzepte und Lernmethoden in dieses System im großen Stil integrieren. Nur dann können wir allen Talenten eine Chance geben, sich heute selbst zu bilden und morgen die Software-Entwicklung in Europa voran zu treiben.

Blick auf den Haupteingang (Foto: 42Wolfsburg)

Die Welt der IT war schon immer etwas bunter als andere. Wir können und sollten auf junge und zugleich erprobte Modelle aus Programmierschulen anderer Länder aufbauen und sie für unsere Industrien anpassen. In einer innovativen Software-Schule in Wolfsburg – mit Volkswagen als Co-Initiator – wird die digitale Zukunft des Automobils natürlich eine große Rolle spielen, genauso wie offene Standards für Interoperabilität in unseren mobilen Ökosystemen. Die Zukunft der europäischen Automotive-Industrie hängt von unserer Fähigkeit ab, bei Software-Plattformen und der Steuerung der Datenströme in Autos an der Spitze der Innovation mitzufahren. Zugleich ist es der Anspruch der 42 Wolfsburg, mit den Studierenden von Anfang an die sozialen und ethischen Dimensionen ihrer Arbeit mit Code zu reflektieren. „Software eats the world“ lautet ein Mantra im Silicon Valley. Das stimmt. Doch wie stellen wir sicher, dass Software den Menschen nicht ebenfalls auffrisst, sondern Technologie uns Menschen dabei unterstützt, besser zusammenzuarbeiten, Demokratie zu stärken und Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit zu finden.

Welchen Teil von 101010 haben Sie nicht verstanden?

Die 42 Wolfsburg wird ein IT-Bildungsort wie kein anderer in Deutschland werden. Hier werden selbstbestimmtes Lernen und kompetentes Mentoring, gemeinschaftlicher Spaß und individueller Leistungsanspruch, großzügige Campus-Ausstattung und berufliche Perspektiven zusammenfinden. Mit dem Umbau der Markthalle in Wolfsburg wird ein magischer Ort wie Hogwarts entstehen, an dem junge Menschen “hinreichend fortgeschrittene Technologie” entwickeln, “die von Magie kaum zu unterscheiden ist”, um es mit einem Bild des Science Fiction Autors Arthur C. Clarke zu beschreiben.

Wer möchte, kann hier den Code für die Zukunft der Mobilität mitschreiben. Aber natürlich sind die Studierenden auf dem Fahrersitz und entscheiden selbst, ob und wenn ja, für welche Branche, sie sich spezialisieren wollen.

Die 42 Wolfsburg ist auf der einen Seite ein großes Experiment für die deutsche MINT-Bildungslandschaft. Und zugleich ist der Erfolg dieses Experiments vor allem eine Umsetzungs- und Weiterentwicklungsfrage, denn die Lernmethoden sind umfassend international erprobt. Weltweit hat sich in wenigen Jahren eine große Gemeinde von 42-Alumni gebildet, die sich gegenseitig stützt und Software-Entwicklung in allen Branchen vorantreibt. Über die Absolventen heißt es oft: Sie haben das richtige Mindset, die digitale Zukunft zu gestalten. Denn sie haben gelernt, wie die oder der Einzelne im Team immer dazu lernen kann, um ein technisches Problem zu lösen. Die 42er denken unternehmerisch und verstehen, dass jene, die den technischen Wandel gestalten, auch immer eine hohe gesellschaftliche Verantwortung tragen. Und natürlich wissen sie, wofür in binärem Code die Ziffernfolge 101010 steht. Die Antwort ist übrigens 42 (mehr dazu auf Wikipedia).

 


Hochschulporträt

  • Die erste 42 Schule wurde 2013 in Paris gegründet. Heute gibt es 33 Schulen auf der ganzen Welt, die das Curriculum anbieten und weiterentwickeln.
  • Insgesamt haben sich mehr als 10.000 Studierende mit dem Ansatz zu Software-Entwicklern ausgebildet.
  • Volkswagen fördert den gemeinnützigen Verein 42 Wolfsburg e.V. zunächst mit 3,7 Millionen Euro für das erste Jahr.
  • Die 42 Wolfsburg wird jährlich 150 Newcomer aufnehmen und in der Endausbaustufe insgesamt 600 Lernende zählen.
  • Interessenten können sich über www.42wolfsburg.de bewerben.

 

(„Berufsreport“/bart.) Die 42Wolfsburg besitzt keinen Hochschulstatus. Trotz ihrer privaten Trägerschaft ist sie kostenfrei. Mit Blick auf die BAföG-Fähigkeit der Ausbildung wird der Status als Ergänzungsschule angestrebt. Die Abschlüsse sind (derzeit) staatlich nicht anerkannt. Das völlig neue Ausbildungskonzept der 42Wolfsburg sieht keine Dozenten und keinen klassischen Unterricht vor. Im Mittelpunkt steht das autonome und kooperative Lernen, in dem sich die Lernenden gegenseitig motivieren und coachen. Dadurch kommt die 42Wolfsburg mit extrem wenig Personal aus. Um die insgesamt 600 Lernenden werden sich am Ende nicht mehr als 6 Angestellte kümmern. Das Studium ist baumartig aufgebaut. Zunächst werden Algorithmen und Computerkenntnisse erworben. Die Spezialisierung erfolgt anschließend.

Vor diesem Hintergrund benötigen die Lernenden eine höhere Eigeninitiative und Selbstorganisation als in den klassischen hochschulischen wie betrieblichen Ausbildungsmodellen. Die Freude am Lernen, die Freude nach neuen Erkenntnissen sollte deshalb stark ausgeprägt sein, ebenso eine überdurchschnittliche Kooperations- und Teamfähigkeit.  Die Begutachtung der Lernfortschritte in den Projekten sowie die dokumentierten Login-Zeiten in das 42Wolfsburg-Netzwerk stellen sicher, dass die Lernenden kontinuierlich am Ball bleiben. Ein pädagogischer Leiter steht bei Bedarf zur Hilfe zur Verfügung. Bereits nach einem Jahr, ergänzt durch ein anschließendes Praktikum, können die Lernenden die 42Wolfsburg als „Junior-Entwickler“ verlassen. Die Regelausbildungszeit erstreckt sich allerdings auf drei bis fünf Jahre.

 

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