Zur Ausbildung nach Hongkong – Lernen im Auge des Taifuns

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2014

Die himmelhohen Türme des Lippo Centre sind Sitz der deutschen Auslandshandelskammer in Hongkong (Foto: AHK Hongkong)

186 m hoch ragen die Türme des Lippo Centre, Sitz der deutschen Auslandshandelskammer in Hongkong, in den Himmel. (Foto: AHK Hongkong)

Hongkong, zu Deutsch „duftender Hafen“, ist eine Stadt der Superlative. Die ehemalige britische Kronkolonie, seit 1997 zu China gehörend, besitzt den weltweit größten Frachtflugterminal und den viertgrößten Containerhafen, ist einer der bedeutendsten globalen Textilexporteure, zählt zu den wichtigsten internationalen Finanzzentren und verfügt über eine U-Bahn mit der höchsten Verkehrsleistung. Svenja Osmers, eine junge Frau aus einem kleinen Ort nahe Verden in Niedersachsen, hat seit 2012 in dieser Stadt gelebt. Jetzt, es ist Anfang Juli, geht es zurück nach Deutschland. Der Flug ist gebucht. die Wohnung aufgelöst, alle Möbel verkauft. Vor wenigen Tagen hat sie ihre Ausbildung zur Kauffrau Groß- und Außenhandel bei der Eurogroup Far East Ltd. mit Prüfung vor der Deutschen Auslandshandelskammer Hongkong erfolgreich abgeschlossen. In wenigen Wochen wird sie an der Hochschule Bremen ein Studium „Angewandte Wirtschaftssprachen und internationale Unternehmensführung“ aufnehmen.

Sie erinnert sich noch genau, als sie vor zwei Jahren in der Stadt am Perlflussdelta ankam. Wie in den Sommermonaten immer war es Taifunzeit. Nach einem langen Zwölfstundenflug landete die Maschine auf dem etwas außerhalb gelegenen Hong Kong International Airport. Mit steifen Gliedern stieg sie aus dem Flieger, passierte ohne große Wartezeit die Zoll- und Passkontrolle. Mit dem Airport Express ging es anschließend in die City. Ihr erster Gedanke an diesem Tag, hier betreibt jemand eine Riesensauna mit einem permanenten Wasseraufguss. Bei mehr als dreißig Grad Hitze schien ihr die gefühlte Luftfeuchtigkeit die Hundert-Prozent-Marke bereits überschritten zu haben. Das schlimmste jedoch, es gab kein Entrinnen. Dazu Hektik, Lärm, Gedränge, die Dieselschwaden der Busse, Millionen Handys im Dauerbetrieb, laut brummende Airconditions. Und das alles auf kleinstem Raum. Kommen in Deutschland 230 Menschen auf einen Quadratkilometer, sind es in Hongkong 28 Mal so viele.

Reifeprozess im  Zeitraffer

Svenja Osmers (Mitte untere Reihe) mit weiteren deutschen Azubis und einheimischen Kollegen bei einer Benefizveranstaltung (Foto: privat)

Svenja Osmers (Mitte untere Reihe) mit weiteren deutschen Azubis und einheimischen Kollegen bei einer Benefizveranstaltung (Foto: privat)

Svenja Osmers hat sich wie die übrigen zwanzig Azubis aus Deutschland an all das dann doch schnell gewöhnt. „Die Erfahrungen, die ich während meiner Ausbildung hier gemacht habe“, sagt sie im Rückblick, „möchte ich auf keinen Fall missen.“ Auch wenn sie nicht vorhat, beruflich noch einmal nach Hongkong zurückzukehren, so sehe sie die Welt jetzt doch aus einer völlig neuen Perspektive. Ursprünglich diente das Ausbildungsmodell der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) der Qualifizierung einheimischer Fachkräfte für die Niederlassungen deutscher Unternehmen. Ein Teil der AHK’s sucht wie die in Hongkong inzwischen aber gezielt auch deutsche Bewerber. Sabine Florian, stellvertretende Geschäftsführerin der AHK Hongkong und als solche auch verantwortlich für die Organisation der Ausbildungen in der ehemaligen britischen  Kronkolonie nach deutschem Muster, formuliert das Einmalige dieses Angebotes so: „Die jungen Menschen lernen nicht lediglich einen Beruf, sondern sie durchlaufen einen persönlichen Reifeprozess allerbester Qualität.“ Svenja Osmers plant, diesen Mehrwert nach ihrem Studium im mittleren Osten zu nutzen.

Den schon in Hongkong aufgewachsenen Julian Falkenberg hat die Stadt indessen, anders als Svenja Osmers, nicht mehr losgelassen. Er ist nach seiner Ausbildung zum Kaufmann Spedition und Logistikdienstleistung bei der Emirates Shipping Line und einem Studium am University College Dublin zurückgekehrt. Heute arbeitet er in der Hongkonger Niederlassung der Hamburg Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft GmbH, von den Insidern als auch den eigenen Mitarbeitern kurz nur Hamburg Süd genannt. „Meinem Arbeitgeber hat die Ausbildung hier schon sehr imponiert“, berichtet er. Nicht nur stehe sie für die  exzellente Vermittlung der notwendigen kaufmännischen Grundlagen, sondern gelte auch als Ausdruck einer guten persönlichen Selbstorganisation und hoher Leistungsbereitschaft. Im Übrigen garantiere sie die von allen Firmen gesuchten Kenntnisse der hiesigen Wirtschaftsstrukturen. Julian Falkenberg plant seine nächsten Karriereschritte jedenfalls vor Ort. Für Logistiker ist das nachvollziehbar, gilt Hongkong weltweit doch als ein Knotenpunkt des internationalen Handels und wichtiges Tor nach China.

Learning bei doing

Sabine Florian, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Auslandshandelskammer Hongkong (Foto: privat)

Sabine Florian, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Auslandshandelskammer Hongkong (Foto: privat)

Doch zurück zur Ausbildung. Sie beginnt jeweils am 1. September und folgt den deutschen Ausbildungsordnungen. Allerdings ist die Ausbildungszeit von drei Jahren auf 22 Monate verkürzt. Während in den Unternehmen überwiegend Englisch als Geschäftssprache gesprochen wird, findet der Berufsschulunterricht im Business College der Deutsch-Schweizerischen Internationalen Schule (GSIS) vollständig in Deutsch statt. Bei Svenja Osmers wechselten sich wöchentlich dreieinhalb Tage im Betrieb mit eineinhalb Tagen Berufsschule ab. Wenn auch nicht alle, so praktizieren aber einige Unternehmen in Hongkong davon abweichend eine 6-Tage-Woche. „Auch das schafft man“, macht Svenja Osmers interessierten Schülern Mut. Immerhin sei das Umfeld für alles aufgeschlossen und die Kollegen im Ausbildungsbetrieb sehr hilfsbereit. Dennoch sollten sich Bewerber frühzeitig auf die enorme Dynamik dieser Stadt einstellen, empfiehlt Sabine Florian. „Die Einstellung der Menschen hier lautet, ohne Einsatz kein Erfolg“, weiß keiner besser als die inzwischen seit über zwanzig Jahren in Asien lebende Deutsche, zunächst in Shanghai und seit 1999 in Hongkong.

Tom Gerigk, Geschäfstführer beim Spielwarenunternehmen Dickie Toys, ist stolz auf seine deutschen Azubis. „Die meisten besitzen bereits Auslandserfahrungen. Sie integrieren sich problemlos und innerhalb kürzester Zeit.“ Gregor Gates, jetziger Azubi bei Dickie Toys, ist dafür ein gutes Beispiel.  Der studierte Volkswirt Gerigk mit Abschluss an der Universität Osnabrück legt Wert auf eine hohe Ausbildungsqualität. Deshalb durchlaufen die Auszubildenden von Dickie Toys auch sämtliche Abteilungen des Unternehmens und werden vom ersten Tag an, ihrem jeweiligen Leistungsvermögen entsprechend, in die ganz normalen Arbeitsabläufe eingebunden. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Svenja Osmers. Durch die sofortige Integration in die Arbeitsprozesse lerne man die Dinge viel schneller und intensiver, blickt sie zurück. „Ich durfte nicht nur zuschauen“, erzählt sie, „sondern selbst aktiv werden. Deshalb musste mir niemand mühsam erklären, wofür ich das Wissen bei der täglichen Arbeit brauchte. Das habe ich gesehen.“ Umgekehrt heißt das freilich auch, schon früh Verantwortung übernehmen zu müssen.

Beste Ausbildungsqualität, aber hohe Kosten

Tom Gerigk (r.) und Gregor Gates (m.) vom Unternehmen Dickie Toys (Foto: privat)

Tom Gerigk (r.) und Gregor Gates (m.) vom Unternehmen Dickie Toys (Foto: privat)

Zwar zahlen die Ausbildungsbetriebe auch in Hongkong eine Ausbildungsvergütung. Die erreicht im ersten Jahr rund 750 und im zweiten Jahr 850 Euro. Das ist nicht schlecht, reicht gleichwohl bei weitem nicht zur Deckung aller Unkosten. Für ein kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft muss man gut 550 Euro veranschlagen. Die ersten vierzehn Tage zahlte Svenja Osmers Firma ihr ein Hotelzimmer, damit sie in Ruhe eine Wohnung suchen konnte. Das war ein erster Härtetest, denn nur wenige Makler sind im unteren Preissegment des Englischen mächtig. „Da verhandelt man mit Armen und Beinen“, erinnert sich die junge Norddeutsche noch heute schmunzelnd an ihre Suche in der Millionenmetropole. Im zweiten Jahr zog sie noch einmal um – in den 59. Stock eines Hochhauses. Als weitere feste Monatskosten ist das Schulgeld in Höhe von 350 Euro einzuplanen. Da alle Auszubildenden nur über ein Traineevisum verfügen, scheidet ein Nebenerwerb aus. Allein Nachhilfe in Deutsch zu geben, ist erlaubt. „Pro Stunde“, weiß Svenja Osmers, „kann man damit die klamme Haushaltskasse mit zehn bis fünfzehn Euro aufbessern.“

Ohne elterliche Unterstützung, darauf verweist Sabine Florian von der AHK nachdrücklich, ist das Abenteuer einer Ausbildung in Hongkong deshalb nicht zu schultern. Die meisten Eltern überweisen ihren Kindern deshalb noch einmal zusätzlich jeden Monat rund 600 Euro. Dennoch ist sie überzeugt, dass das Geld gut investiert ist. Sich ganz alleine in der Ferne behaupten zu können, sein Englisch perfektioniert und passabel Chinesisch gelernt zu haben, nach zwei Jahren ein Gespür für die Mentalität und Gepflogenheiten fremder Märkte zu besitzen, das wird für gute Fachkräfte und einer wachsenden Bedeutung des chinesischen Marktes in Zukunft immer wichtiger werden. Schwierigkeiten zäh und zielorientiert, vor allem aber den lokalen Problemlösungsmustern angepasst, zu überwinden, das formt ein Leben lang. Weniger in der täglichen Arbeit, umso mehr im Alltagsleben darf man gleichwohl keine mitteleuropäischen Maßstäbe anlegen. „Dass man bei Fragen keine Antwort erhält, ist selten“, erinnert sich Svenja Osmers, „dass es die richtige ist, freilich auch.“ Mit Unwissenheit und Fehlern geht man in Asien bekanntermaßen anders um.

Gesucht: weltoffene Bewerber mit ersten Auslandserfahrungen

Julian Falkenberg von der Hamburg Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft GmbH (Foto: privat)

Julian Falkenberg von der Hamburg Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft GmbH (Foto: privat)

Die Bewerbungsunterlagen sind etwa ein dreiviertel Jahr vor Ausbildungsbeginn, spätestens aber bis zum 31. März an die Deutsche Auslandshandelskammer zu senden. Die stellt sie in einen Bewerberpool ein, auf den die Unternehmen Zugriff haben. Die Bewerberzahlen für die jährlich dreißig Ausbildungsplätze erreichen regelmäßig das Drei- bis Vierfache. Die meisten Unternehmen führen dann, so wie es auch Tom Gerigk macht, mit ihren Favoriten Telefoninterviews, vielfach auch über Skype. Nur ganz wenige Ausbildungsbetriebe laden die Bewerber zum Vorstellungsgespräch in ihre deutsche Zentrale ein. Die Voraussetzungen sind denkbar einfach, gleichwohl nicht von allen erreichbar. „Noten spielen für mich eine eher untergeordnete Rolle“, erklärt Gerigk. „Ich suche weltoffene und neugierige Teamspieler, keine Leute, die schon für alles eine Antwort haben.“ Damit haben junge Leute, die schon einmal über den Tellerrand des Schullebens hinausgeschaut haben, die besten Karte in der Hand. Unter achtzehn Jahren und ohne gutes Englisch geht freilich nichts.

Svenja Osmers war das wie auf den Leib geschneidert. Sie konnte auf einen Schüleraustausch nach Bolivien, nach der Fachhochschulreife acht Monate Australien und einen anschließenden Job bei der Hamburger Au Pair-Vermittlung magoo international verweisen. Das kam den Idealvorstellungen der Ausbilder in Hongkong schon sehr nahe. „Viele Unternehmen sind an einer Übernahme der Azubis interessiert“, weiß Sabine Florian zu berichten, „und jeder Dritte Azubi bleibt tatsächlich hier.“ Viele andere aber entscheiden sich, den Mehrwert dieser Ausbildung mit einem anschließenden Studium zu veredeln. Wer nicht zurück nach Deutschland und Zeit sparen möchte, dem bieten die Northumbria University/Newcastle Business School und die National University of Ireland/University College Dublin eine Anrechnung der Ausbildung auf das Studium an, womit sich die Zeit bis zum Bachelor of Honours in Newcastle auf zwei, beim University College Dublin, das eigens dafür eine Kooperation mit dem in Hongkong ansässigen Kaplan Institute eingegangen ist, gar auf eineinhalb Jahre verkürzt. Damit kann man innerhalb von nur vier Jahren neben einem Berufs- auch einen Hochschulabschluss erwerben, Auslands- und Arbeitserfahrungen inklusive.

Svenja Osmers während der Inspektion bei einem Lieferanten in der chinesischen Provinz (Foto: privat)

Svenja Osmers während der Inspektion bei einem Lieferanten in der chinesischen Provinz (Foto: privat)

Die Dynamik des Melting Pot Hongkong aufnehmen

Welchen Tipp hat Svenja Osmers für zukünftige Bewerber? „Zwar merkt man Hongkong seine britische Vergangenheit noch immer an und ist es deshalb nur China light“, sagt sie, „dennoch ist es eine asiatische Stadt und nicht Europa.“ Darauf gelte es sich vorzubereiten. Was sie damit meint? „Die sozialen Umgangsformen sind andere“, sagt sie. Für den Freiherrn von Knigge wäre in der Tat sicher manches sehr gewöhnungsbedürftig. Zum Naserümpfen aber besteht dennoch kein Anlass und sollte man tunlichst verzichten. Andere Länder, andere Sitten. Mehr noch, Hongkong ist ein Melting Pot. „Wer hier beruflich mit Erfolg gelernt und gearbeitet hat, der setzt sich überall durch“, ist Tom Gerigk überzeugt. Sabine Florian kann sich in den vielen Jahren ihrer Tätigkeit in Hongkong an nur zwei Ausbildungsabbrüche erinnern. Das spricht für sich! Wer also eine solche Herausforderung schon nach dem Abitur sucht, der sollte sich die Möglichkeit in Hongkong und anderen Orten, an denen die deutschen Auslandshandelskammern ähnliche Möglichkeiten anbieten, nicht entgehen lassen.

 


Weiterführende Informationen
Ausbildung in Hongkong (Berufe, Ausbildungsbetriebe, Bewerbungsunterlagen): http://china.ahk.de/services/recruitment-training-vocational-training/vocational-training-hong-kong
und
http://mygsis.gsis.edu.hk/de/learning/business/
Kontakt: Sabine Florian, Tel. 00852 – 25321285, EMail florian.sabine@hongkong.ahk.de
Ausbildung in Kooperation mit den AHK’s weltweit: http://ahk.de/ahk-dienstleistungen/ahk-berufsbildung/duale-berufsausbildung/

 

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