Zollfahnder – Die Spürnasen für Zoll- und Steuervergehen

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2018

Ruth Haliti (Foto: privat)

An den Zollfahnder Kressin aus frühen Tatortzeiten kann sich heute kaum mehr einer erinnern. Und das ist auch gut so. Doch nicht etwa, weil die Leistung des Darstellers Sieghardt Rupp so miserabel gewesen wäre. Im Gegenteil. Seine Fangemeinde wuchs von Folge zu Folge. Neun wurden es insgesamt. Am Ende genoss die Filmfigur Kressin sogar Kultstatus. Und über das Hauptzollamt in Köln ergoss sich bei jedem neuen Auftritt eine weitere große Bewerbungswelle. Mit der beruflichen Realität eines Zollfahnders aber hatte das, was Kressin vor der Kamera zelebrierte, schlichtweg nichts zu tun. Und das keineswegs nur, weil er seine Fälle mit ruppigen Umgangsformen, deftigen Prügelszenen, oft fernab seines Dienstsitzes und garniert von zahllosen Liebeleien mit schönen, reichen Frauen löste. Als besonders wirklichkeitsfremd erweisen sich zwei weitere Details. Kressin ermittelte als einsamer Wolf. Teamarbeit war ihm ein Gräuel. Und stets schnappte er nicht bloß die kleinen Fische, sondern auch die mächtigen Hintermänner im eleganten Nadelstreifenanzug.

Dass der Job als Zollfahnder zwar ganz anders, aber dennoch ein spannender ist, weiß kaum eine besser als Ruth Haliti. Sie hat mehrere Jahre beim Zollfahndungsamt in Essen gearbeitet. Heute ist sie Pressesprecherin des Zollkriminalamts der Generalzolldirektion. Nach Realschule, Gymnasium, Abitur und kaufmännischer Ausbildung bewarb sie sich für ein duales Studium im gehobenen Zolldienst. Das war nicht lediglich der Tatsache geschuldet, dass sie zu diesem Zeitpunkt vom Job eines Zollfahnders noch keine Kenntnis hatte. Denn auch wenn ihr der bekannt gewesen wäre, hätte sie das Ziel nur über den von ihr gewählten (Um)Weg erreichen können. Zollfahnder ist schließlich kein eigenständiges Berufsbild, weswegen es auch keine eigens dafür konzipierte Ausbildung gibt. Der Zollfahndungsdienst ist Teil der Bundeszollverwaltung. Die Zollfahnder rekrutieren sich allesamt aus den Reihen der „normalen“ Zollbeamten. Im Zollkriminalamt und den ihm unterstellten acht Zollfahndungsämtern arbeiten insgesamt rund 2.500 Zollfahnder und Zollfahnderinnen.

Gesetze bestimmen den Spielraum der Ermittler

Nur die vergitterten Fenster lassen an diesem Gebäude in Köln Dellbrück das Zollkriminalamt vermuten (Foto: Wikimedia/Nicola)

Nach Abschluss ihres Studiums an der Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung, Fachbereich Finanzen in Münster begann Ruth Haliti ihre Karriere in der Betriebsprüfung des Hauptzollamtes Köln. Im Gegensatz zu den Kollegen von der Finanzverwaltung arbeiten die Betriebsprüfer des Zolls immer grenzorientiert, besser: orientiert auf das, was die Grenzen der Bundesrepublik überschreitet – hinaus und hinein. Gleichwohl geht es auch bei ihnen meist um Steuern und deren korrekte Abführung an den Fiskus, wenngleich jeweils eng fokussiert auf den grenzüberschreitenden Waren- und Außenwirtschaftsverkehr. Zu den Aufgaben der Zollfahnder gehört auch die Bekämpfung der international organisierten Geldwäsche sowie des Drogen- und Waffenschmuggels. In der Folge wurden das Außenwirtschaftsgesetz und die Außenwirtschaftsverordnung zu Ruth Halitis bevorzugter Lektüre. Für den angestrebten Wechsel in die Zollfahndung erwiesen sich die Prüferfahrungen ebenso wie ihre kaufmännische Ausbildung als gute Vorbereitung.

Kressin arbeitete in den Tatortfilmen, wie er wollte. Dienstvorschrift ließ er oft genug Dienstvorschrift sein. Wenn es nur dem Ermittlungserfolg diente. Die Tätigkeit der wirklichen Zollfahnder wird stattdessen durch die Vorschriften des Zollfahndungsdienstgesetzes und der Strafprozessordnung bestimmt. „Auch wenn man deswegen oft an ermittlerische Grenzen kommt, die das Überführen der Täter schwierig machen“, formuliert es Ruth Haliti, „sind diese Regelungen absolut richtig. Immerhin leben wir in einem Rechtsstaat.“ So dürfen Zollfahnder Personen keinen ganzen Tag einfach so observieren, nur im Ausnahmefall, und längerfristig  sowieso nur mit richterlicher Genehmigung. Beides freilich ausschließlich nur bei Anhaltspunkten für eine schwere Straftat. Noch größer sind die Hürden, wenn das Post- und Fernmeldegeheimnis aufgehoben werden sollen. Da muss beispielsweise ein Verdacht auf Verstoß gegen das Außenwirtschaftsrecht oder ein anderes schweres Delikt vorliegen. Das Anfertigen von Tonaufzeichnungen, also das Abhören von Verdächtigen oder das Überwachen der Wohnungen von Beschuldigten sind ebenfalls nur mit richterlicher Genehmigung zulässig.

Ohne penible Aktenführung kein Erfolg

Werden Zöllner wie hier am Flughafen Hamburg mit Antiquitäten aus der Antike fündig, übernehmen den Fall anschließend die Kolleginnen und Kollegen von der Zollfahndung. (Foto: Zoll)

All das und noch vieles mehr gilt es, aktenkundig zu machen. In der täglichen Arbeit geht es vor allem um Datenauswertung, die Vernehmung Verdächtiger, gegebenenfalls auch Hausdurchsuchungen, dazu den umfangreichen Schriftverkehr mit der zuständigen Staatsanwaltschaft. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Klar ist, Zollfahnder stehen und fallen mit einer jederzeit gerichtsverwertbaren Aktenführung. Nicht selten ist die Zahl der Aktenordner zwei-, in großen Wirtschaftsstrafsachen auch dreistellig. Der Eindruck trügt nicht, Zollfahnder verbringen große Teile ihrer Arbeitszeit an Schreibtisch und Computer. Eine Ausnahme bilden die Kontrollbeamten im Außendienst, die bei einem der 43 Hauptzollämter arbeiten. Das sind mehrheitlich Mitarbeiter aus dem mittleren Dienst, die sich nach dem Realschulabschluss für eine zweijährige Ausbildung direkt bei einem der Zollämter entschlossen haben. Zollfahnder besitzen bei der Strafverfolgung die gleichen Rechte und Pflichten wie Polizeibeamte. Und wie diese sind sie Ermittlungsorgan der Staatsanwaltschaft.

„Wir sind gewissermaßen die Kriminalpolizei des Zolls“, bringt es die ehemalige Zollfahnderin Haliti prägnant auf den Punkt. Wie alle, die in den Zollfahndungsdienst wechseln, wurde auch Ruth Haliti in einer mehrmonatigen speziellen Weiterbildung auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet. Darüber hinaus stand ihr die ersten zwei Jahre in dieser neuen Funktion stets ein erfahrener Kollege zur Seite. Viele Fälle sind nicht nur kompliziert, sondern auch hoch komplex, die Gegner selten nur biedere Kleinkriminelle als vielmehr clevere und gesellschaftlich gut vernetzte Geschäftsleute oder Berufsverbrecher. Deshalb gilt: Über je mehr Menschenkenntnis, Lebenserfahrung und analytische Fähigkeiten ein Zollfahnder verfügt, umso besser. Auch ein gerüttelt Maß an Frustrationstoleranz sollte nicht fehlen. Denn oft genug ist die Arbeit in der Zollfahndung wie ein Katz-und-Maus-Spiel. „Nicht immer gelingt es uns, die Beweisketten sofort lückenlos zu schließen“, erklärt Ruth Haliti, „dann muss man manchmal lange auf Fehler der Beschuldigten warten (können).“

Spezialisierung unabdingbar

Auch ein Fall für die Zollfahndung – Ecstasy in Kaffeedosen (Foto: Zoll)

Deshalb bedürfen Zollfahnder unbedingt auch großer Geduld und des absoluten Willens, am Ende besser sein zu wollen als die Verdächtigen. Haliti nennt es die Sherlock Homes-Mentalität, die eine überdurchschnittliche Selbstmotivation mit einschließt. „Denn“, begründet Ruth Haliti diesen Aspekt, „die Zollfahnder organisieren ihre Arbeit sehr eigenverantwortlich.“ Auch müssen Zollfahnder trotz aller Geradlinigkeit flexibel und bereit sein, erfolglose Ermittlungsansätze wieder fallen zu lassen, einen Sachverhalt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in Augenschein zu nehmen und nötigenfalls auch Unwahrscheinliches oder um die Ecke zu denken. Korrektiv bei all diesen Tätigkeiten sind die Kollegen. Umfangreichere Fälle werden stets von Ermittlungskommissionen bearbeitet. Zollfahndung ist eine Mannschaftsdisziplin. Da hat jeder seine Aufgabe und jeder muss den anderen in seinem So-Sein akzeptieren. Und natürlich immer wieder pushen.

Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften. Schließlich können Zollfahnder ein Verfahren erst dann eröffnen, wenn die Staatsanwaltschaft nach Prüfung eines ihnen vorgelegten Verdachtes grünes Licht für weitere Ermittlungen gibt. „Dabei sehen wir die Fälle mit dem Blick eines Ermittlers“, formuliert es die Zollfahnderin Haliti, „die Staatsanwälte bewerten den Sachverhalt vor allem juristisch.“ Die dafür erforderlichen Schriftsätze ebenso schlüssig wie überzeugend formulieren zu können, ist eine Kunst, die Zollfahnder in großer Perfektion beherrschen sollten. „Das sind Fertigkeiten, die niemandem in die Wiege gelegt werden, die man aber üben kann“, ist Haliti überzeugt. Was die Delikte betrifft, gibt es in den Zollfahndungsämtern eine Spezialisierung in Sachgebiete wie Drogen, Waffen, Geldwäsche, Markenpiraterie, Zigaretten- und Alkoholschmuggel oder die organisierte Form der Schwarzarbeit. Gute Kenntnisse und Interesse an der modernen Kommunikationstechnologien sollten trotz entsprechend spezialisierter Kollegen möglichst nicht fehlen.

Arbeitgeber mit großer Aufgabenvielfalt

Auf der Zoll-Jahrespressekonferenz informiert sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz über Markenpiraterie (Foto: Zoll)

In der gesamten Zollverwaltung sind zwei von fünf Mitarbeitern Frauen. Stolz verweist man auf die Zertifizierung als familienfreundlicher Arbeitgeber durch die berufundfamilie Service GmbH. Die geringere Frauenquote in der Zollfahndung, wo jeder vierte Zollfahnder eine Zollfahnderin ist, erklärt sich mit den besonderen Arbeitsbedingungen in den Zollfahndungsämtern. Da geben die Ermittlungen den Arbeitsrhythmus vor. Eigene Terminplanungen haben sich dem unterzuordnen. „Manchmal auch kurzfristig anberaumte nächtliche Observationen oder Zugriffe im Morgengrauen lassen sich nicht immer gut mit Familienpflichten vereinbaren“, weiß Haliti aus eigenem Erleben. Auch sonst ist ein verständnisvoller familiärer Unterbau hilfreich. „Immerhin steht man oft sehr motiviert in den Ermittlungen.“ Soll heißen, dass man von Fall zu Fall die Anspannung doch irgendwie mit nach Hause nimmt oder sich Überstunden einfach nicht vermeiden lassen. Ein Partner, der darum weiß, erleichtert vieles.

„Und wenn ein Funktionswechsel zur Aufladung des eigenen Akkus doch einmal notwendig wird“, bedeutet Ruth Haliti, „gibt es in der Zollverwaltung immer eine Möglichkeit.“ Welche? Die vormalige Zollfahnderin gibt mit ihrer Karriere ein gutes Beispiel. Nach vielen Jahren als Betriebsprüferin und bevor sie zur Zollfahndung kam, wechselte sie im Rahmen einer EU-Friedensmission und zur Unterstützung der palästinensischen Verwaltung für drei Jahre in den Gaza-Streifen und nach Israel. Zu einer ihrer Aufgaben dort zählte die Unterbindung des Waffen- und Geldschmuggels für die Hamas. Die Schutzweste wurde in dieser Zeit zu ihrem ständigen Begleiter, die Not der Menschen zu einem allgegenwärtigen Erlebnis. Andere Zollbeamte sind in der Ukraine, wegen der Brexit-Verhandlungen in Brüssel oder als Zollverbindungsbeamte in verschiedenen Botschaften, im Rahmen von EU-Partnerschaften, den sogenannten Twinnings, bei Beitrittskandidaten zum Aufbau einer funktionstüchtigen Zollverwaltung.

Einsatz und Leistung lohnen sich

Zollfahnder des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg stellten im vorletzten Jahr 1,2 Tonnen Elfenbein im Marktwert von über 4 Millionen Euro sicher (Foto: Zoll)

Seit ihrer Rückkehr aus Gaza macht Ruth Haliti Zollfahndungs- und Pressearbeit und erklärt jedem, der es wissen will, wie die Arbeit in einer Zollverwaltung und in der Zollfahndung aussieht. „Ich habe in meinen zahlreichen Berufsjahren so viele unterschiedliche Aufgaben wahrgenommen und doch nie den Arbeitgeber wechseln müssen“, blickt Ruth Haliti auf ihre Karriere zurück. Ich würde meine Entscheidung für den Zoll immer wieder so treffen.“ Einen Wunsch aber hat sie, um noch bessere Arbeit abliefern zu können: mehr interessierte, neugierige Nachwuchskräfte für den Zoll. Dass Einsatz und Leistung trotz des engen Korsetts einer Verwaltung durchaus wahrgenommen und belohnt werden, zeigt sich an den Aufstiegsmöglichkeiten, sogar in eine höhere Laufbahn. Gegenwärtig bereiten sich 24 Beamte des mittleren Dienstes auf die Übernahme einer Tätigkeit in den gehobenen Dienst vor, 7 Mitarbeiter des gehobenen Dienstes werden demnächst auf Dienstposten des höheren Dienstes angesetzt. Ruth Haliti ist stolz auf ihren Arbeitgeber. „Als Behörde, die für die meisten inländischen Verbrauchssteuern verantwortlich ist“, sagt sie, „erwirtschaften wir mehr als 40 Prozent des Bundeshaushaltes.“ Und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren unseres Staatswesens.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01. Juli 2018)

Berufstätige Zollfahnder: 2.537 (Frauenanteil: 23 %). Davon befinden sich im:

  • höheren Dienst: 16 (Frauenanteil: 31 %)
  • gehobenen Dienst: 1.151 (Frauenanteil: 24 %)
  • mittleren Dienst: 1.331 (Frauenanteil: 22 %)
  • einfachen Dienst: 39 (Frauenanteil: 8 %)

Berufstätige Beamte in der Zollverwaltung insgesamt: 37.914 (Frauenanteil: 38 %). Davon befinden sich im:

  • höheren Dienst: 618 (Frauenanteil: 45 %)
  • gehobenen Dienst: 12.274 (Frauenanteil: 42 %)
  • mittleren Dienst: 23.927 (Frauenanteil: 36 %)
  • einfachen Dienst: 1.096 (Frauenanteil: 35 %)

Ausbildungsplätze/Einstellungen in der Zollverwaltung insgesamt:

  • höherer Dienst: 25
  • gehobener Dienst: 500
  • mittlerer Dienst: 900

Einkommen: Die Zuordnung eines Beamten zu einer Besoldungsgruppe richtet sich nach Ausbildung, Laufbahn, Alter und zum Teil auch nach Leistung. Dabei gilt:

  • höherer Dienst: ab Besoldungsgruppe A13
  • gehobener Dienst: Besoldungsgruppe A9 bis Besoldungsgruppe A13
  • mittlerer Dienst: Besoldungsgruppe A5 bis Besoldungsgruppe A9
  • einfacher Dienst: Besoldungsgruppe A2 bis Besoldungsgruppe A5

Im Einzelnen siehe dazu die Besoldungstabelle Bund: (https://www.beamtenbesoldung.org/images/pdf/2018/Bund_2018.pdf)

Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten: Zollfahnder werden aus der Mitarbeiterschaft der allgemeinen Zollverwaltung rekrutiert. Sie müssen sich einem internen Auswahlverfahren stellen und werden dann über verschiedene Lehrgänge auf ihren künftigen Einsatz in der Zollfahndung vorbereitet.

Über die einzelnen Ausbildungsmöglichkeiten in der Zollverwaltung siehe: http://www.zoll.de/DE/Der-Zoll/Beruf-und-Karriere/Ausbildung/ausbildung_node.html;jsessionid=47AC1D48079673F9C5F14ACF0C3BC3F1.live4411

Weiterführende Informationen: Eine Übersicht über die Aufgaben und Tätigkeiten beim Zoll findet sich unter: http://www.zoll.de/DE/Der-Zoll/Aufgaben/aufgaben_node.html;jsessionid=78DFA7AE9D672B4E20AE63FCAC81F99B.live4411

 

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