Zentrale Studienberatung – Kompetenzzentren für Studium und Hochschule

Von Martin Scholz | 15. Februar 2017

Zum Autor: Martin Scholz leitet die Zentrale Studienberatung (ZSB) der Leibniz Universität Hannover und ist zugleich Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen (GIBeT)

 

Die Zentrale oder auch Allgemeine Studienberatung – sowohl die Institution als auch ihre einzelnen Mitarbeiter – versteht sich als zentrale Anlaufstelle bzw. Ansprechperson für alle Fragen und Anliegen rund um ein Studium sowie für alle an einem Studium interessierten Personen. Gemäß dem Beratungsverständnis der Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen (GIBeT – www.gibet.de), dem Bundesverband der Studienberater, ist studienberaterisches Handeln der Verschwiegenheit verpflichtet, ergebnisoffen, freiwillig und klientorientiert. Sie unterstützt die Klienten, eine sachgerechte Entscheidung zur Studienwahl, zum Studienort und zur Studienorganisation zu treffen, bei der die individuelle Situation der Klienten, ihre Ziele und Fähigkeiten maßgeblich sind. Studienberatung stärkt die Selbstkompetenz der Ratsuchenden, nimmt diesen aber keine Entscheidung ab.

Martin Scholz (Foto: privat)

Martin Scholz (Foto: privat)

Wenngleich die Tätigkeit „Studienberatung“ auch in anderen Beratungseinrichtungen (z. B. der Erwachsenenbildung oder auch der Agentur für Arbeit) eine Rolle spielt, so ist sie dennoch genuine Aufgabe der Hochschulen. Auf diese Weise ist sie als solche anerkannt und auch in vielen Landeshochschulgesetzen verankert. Die Zentrale Studienberatung ist dabei Teil eines ebenso umfassenden wie dicht gewobenen Informations- und Beratungsnetzwerkes an den Hochschulen. Dazu gehören die Webseiteninformationen, ServiceCenter, Infodesks, Hotlines, die verschiedenen Beratungsangebote der Zentralen Studienberatung, der psychologischen therapeutischen Beratung, der Career Services wie auch die Fachberatungen in den Fakultäten und Instituten, dort angedockt an die Lehrtätigkeit. Alle Mitarbeiter sind miteinander in stetigem Austausch, so dass die in Zentralen Studienberatungsstellen tätigen Kollegen auf ein tragfähiges Netzwerk in der Hochschule wie auch hochschulübergreifend miteinander im Austausch stehen. Hochschulübergreifend sind das insbesondere Netzwerke und Verbünde wie die GIBeT oder auf Landesebene solche Institutionen wie etwa in Niedersachsen die Koordinierungsstelle für Studieninformation und Beratung (kfsn, www.studieren-in-niedersachsen.de).

Anlaufstelle für alle Fragen rund ums Studium

Dieser sehr umfassende Ansatz mit dem entsprechenden Selbstverständnis ist der Auffassung einer Grundversorgung für alle Anliegen von Studierenden oder Studieninteressierten geschuldet. Gleichfalls steckt in diesem Selbstverständnis auch ein Servicegedanke: Wer nicht weiter weiß, ist bei der Studienberatung schon mal gut aufgehoben. Studienberater wissen selbstverständlich nicht alles, können aber in jedem Fall bei der Konkretisierung eines zuweilen diffusen Anliegens, bei der Planung der folgenden Schritte, bei der Suche nach den richtigen Ansprechpartnern oder auch einfach erst einmal beim Finden der richtigen Frage unterstützend tätig sein. Auch sei hier dem Vorurteil der ausschließlichen „pro-domo-Beratung“ an den Hochschulen entgegen getreten. Selbstverständlich sind die Kenntnisse über die eigene Hochschule detaillierter. Dennoch verstehen sich die meisten Studienberatungsstellen dem Selbstverständnis verpflichtet, auch über die Grenzen der eigenen Hochschule hinaus zu beraten.

Warum braucht es überhaupt Beratung? Reichen die richtigen Informationen zur richtigen Zeit nicht aus? In Abgrenzung zwischen Informations- und Beratungsformaten ist zu konstatieren, dass die Mehrzahl der studieninteressierten Menschen wie auch der Studierenden ohne professionelle Beratung zu einer Entscheidung kommen. Üblicherweise steht vor einer Entscheidung die Informationsrecherche, die sehr unterschiedlich betrieben wird, jedoch zumindest das Webangebot der favorisierten Hochschule in Betracht zieht. Und auch dahinter stehen nicht selten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studienberatungen. Sie stellen die Inhalte dieser online-Informationen zusammen und halten sie aktuell. Weniger häufig, aber immer noch zahlreich nutzen Studieninteressierte und Studierende Informationsveranstaltungen zum Studienangebot, über weiterführende Studiengänge, für Absolventen, für Zweifler. Und auch Printinformationen und Bildungsmessen finden, wenngleich mit sinkender Nachfrage, immer noch einen Platz im Spektrum der Informationsgewinnung.

Beratungsdienst für Studieninteressierte und Studierende

Hochschulinformationstag (Foto: Mona Stumpe/ZSB der Universität Hannover)

Hochschulinformationstag (Foto: Mona Stumpe/ZSB der Universität Hannover)

Darauf aufbauend greift eine Informations- und Beratungskaskade von Vorträgen, Gruppenangeboten und Workshops, über das persönliche Gespräch bei Informationsveranstaltungen bis hin zum face-to-face-setting in der Einzelberatung. In diesem Spektrum der verschiedenen und auch zielgruppenspezifischen Angebote können und sollen sich Studieninteressierte wie auch Studierende das für sie passende Angebot heraus suchen. Informationen sind Fakten, die zunächst mit dem Individuum nichts zu tun haben. In der Beratung wird der Einzelne dabei unterstützt, diese Informationen für sich zu interpretieren, zu bewerten und daraufhin vor dem Hintergrund seiner spezifischen Situation, seinen Zielen, Fähigkeiten etc. Schlüsse zu ziehen und am Ende Entscheidungen zu treffen.

Wie beschrieben richtet sich die Studienberatung sowohl an Studieninteressierte als auch an Studierende. Dabei vereint die Gruppe der Studieninteressierten sicher die bei weitem größte Zahl der Klienten der Studienberatungen auf sich. Unter den Studierenden teilt sich die Zahl noch einmal in zwei Gruppen auf. Die größere Gruppe ist die der in der Studieneingangsphase, das heißt der in den beiden ersten Semestern befindlichen Studierenden. Die kleinere Gruppe sind Studierende aus höheren Semestern. Ebenso unterscheiden sich die Anliegen dieser Klienten. Bei Studieninteressierten steht die Frage der Studienwahl mit sämtlichen Begleitumständen – Zugang, Voraussetzungen, soll ich oder soll ich nicht, Anforderungen, Finanzierung, Wohnen, Aussichten der Berufstätigkeit u.v.a.m. – im Vordergrund. Studierende suchen häufiger Hilfe für mehr oder minder schwere krisenhafte Studienverläufe, bei Lern- und Arbeitsstörungen, Prüfungsangst, aber auch Fragen für einen eventuellen Fachwechsel, weiterführende Studienangebote (Masterstudium) oder Übergänge an andere Hochschulen, und immer wieder auch, wenn ein Studienabbruch droht.

Orientierung in unüberschaubarem Gelände

Die bei weitem größte Gruppe unter den Studieninteressierten sind Schüler. Die anderen Gruppen sind kleiner und auch deutlich heterogener. Nicht erst seit der Proklamation der „offenen Hochschule“ gehört die Beratung über den Hochschulzugang ohne Abitur zu den Aufgaben der Studienberater. Das Konzept der „offenen Hochschule“, das  die Zulassung zum Studium beim Nachweis einer entsprechenden beruflichen Vorbildung, Weiterbildung und/oder einschlägiger Berufspraxis ermöglicht, hat diese Nachfragen allerdings stark gesteigert. Darüber hinaus gehört auch die Beratung über berufsbegleitende Studienangebote zu den Arbeitsthemen der Studienberatungen. Die Zahl derer, die mit diesem Bildungshintergrund ein Hochschulstudium anstrebt, wächst, ist aber immer noch eine Minderheit. Allerdings sind die Fragen und Anliegen dieser Gruppe häufig komplexer, vor allem wegen der sozioökonomischen Bedeutung einer Studienaufnahme nach einer ersten oder während der Berufstätigkeit.

Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Hauptgebäude (Foto: Wikipedia/Firefeichti)

Im Hauptgebäude der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover residiert die ZSB (Foto: Wikipedia/Firefeichti)

Die schier unüberschaubare Informationsflut macht auch vor den Hochschulen nicht halt. Inzwischen zählt die Datenbank der Hochschulrektorenkonferenz (www.hochschulkompass.de) nahezu 10.000 sogenannter Erststudiengänge (ca. 19.000 insgesamt). Orientierung als Beratungsleistung bleibt somit eine wichtige Aufgabe. Gleichwohl geht es zunehmend nicht mehr nur darum, überhaupt Informationen zu finden, sondern die für die nachfragenden Klienten richtigen und entscheidenden, also passgenauen Informationen zu finden. Dabei geht es um Kriterien, viel öfter um die Entwicklung von Kriterien wie auch um die Bewertung der Informationsquellen und die Recherchemenge. Wie viel Information ist genug Information? Nicht minder wichtig ist die Entscheidungsfindung. Studieninteressierte treffen sie häufig nicht autonom, sondern unterliegen stattdessen einer Vielzahl von Einflüssen. Darüber hinaus sind sie bei dieser Entscheidung selten unabhängig. Wichtiger noch, sie erleben diese Situation überhöht und emotional wie auch sozioökonomisch aufgeladen.

Helfer für Information und Selbstreflexion

Zudem befinden sich die typischen Studieninteressierten in einer klassischen Übergangsphase. Mit einem Bein stehen sie noch in einem Leben als Schüler. Sie leben noch bei den Eltern, deren verlässlicher Fürsorge sie vertrauen und mit denen sie einen Teil der Lebensentscheidungen weiterhin gemeinsam verantworten. Doch immer öfter treffen sie bereits vielfältige eigene Entscheidungen und bewegen sich mit großer Intensität auf ein voll umfänglich selbstverantwortetes Leben zu, das geprägt ist von weitgehender Autonomie in der Entscheidungsfindung. Die bislang geteilte Verantwortung flackert im Ablösungs- und Transformationsprozess aber immer noch einmal auf, dann etwa, wenn die tatsächlichen oder auch nur vermeintlich autonomen Entscheidungen insbesondere vor der Familie/den Eltern verantwortet werden sollen oder müssen. Die Studienwahl der studieninteressierten Schülerinnen und Schüler fällt genau in diese Entwicklungsphase.

 ... Wir haben die Antwort (Foto: Mona Stumpe/ZSB der Universität Hannover)

… Wir haben die Antwort (Foto: Mona Stumpe/ZSB der Universität Hannover)

Typische Szenarien dieser Phase sind elterliche Antworten auf die Frage nach einem passenden Studiengang in vielfältiger Form. Die reicht von: „Das musst du jetzt selbst wissen!“ über eine stringente Empfehlung wie: „Lehrer wäre doch was für Dich. Du konntest immer so gut mit Kindern umgehen!“ bis hin zu der vergifteten Freiheit: „Du entscheidest selbst, was Du studierst, aber bitte keine brotlose Kunst!“ und die von der Intention ablehnende vermeintlich interessierte Nachfrage: „Das möchtest du studieren? Und was wird man damit hinterher?“ Neben Informationen über Anforderungen, Inhalte und gegebenenfalls auch mögliche Berufsfelder bietet Studienberatung hier deshalb vor allem Unterstützung für den Entscheidungsprozess der Studieninteressierten. Mit Blick auf die vorgenannten Beispiele bedeutet das vor allem, den Reflexionsprozess der studieninteressierten Person so zu unterstützen, dass den Studieninteressierten bewusst wird, wer aus dem sozialen Umfeld mit welcher Intention an der Studienwahlentscheidung teilhat. Neben den Eltern können dies auch andere Verwandte und Freunde sein.

Clearingstelle für die bildungsorientierte Selbstfindung

Ebenso wichtig ist es für die Studieninteressierten zu identifizieren, welchen Ansprüchen Studiengang und Studienort genügen sollen. Das können sein: gesellschaftliches/mediales Ansehen eines bestimmten Studiengangs oder Studienortes, Verdienst- und Einstellungsaussichten nach Studienabschluss, Studieninhalte und Studienschwerpunkte, Heimatnähe und vieles andere mehr. Letztlich geht es in der Entscheidungsberatung darum, die für die Klienten bestimmenden Aspekte der Entscheidung herauszuarbeiten und gleichzeitig Kriterien zu entwickeln, um entscheidungsfähig zu werden. Ist die Studienwahl getroffen und sind die Bewerbung sowie die Immatrikulation erfolgreich verlaufen, beginnt der Studienalltag, der für die neuen Studierenden vollständiges Neuland ist. Mag das Studium auch für eine Vielzahl von Abiturienten die konsequente Fortführung ihres bisherigen Bildungsweges sein, so ist es doch mitnichten bloße Fortsetzung von Schule oder einer Berufsausbildung nur mit anderen Mitteln.

Face to Face die passende Lösung finden (Foto: Mona Stumpe/ZSB Universität Hannover)

Face to Face die passende Lösung finden (Foto: Mona Stumpe/ZSB Universität Hannover)

Zuweilen scheitern erfolgreiche Schüler zu Beginn ihres Studiums in ihren einstigen Paradedisziplinen. Ein Grund liegt in den meisten Fällen in deutlich höheren Anforderungen an Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Hiervon betroffene  Ratsuchende wenden sich häufig mit einem stark diffusen oder auch verborgenen Anliegen an die Zentrale Studienberatung, etwa mit der Frage nach einem Fachwechsel oder Hinweisen auf Prüfungsängste. Studierende aus höheren Fachsemestern wenden sich mit sehr vielfältigen Anliegen an die Studienberatung. Ein großer Teil befindet sich im Sprachgebrauch von Studienberatern in einem „krisenhaften Studienverlauf“. Die Spannbreite ihrer Probleme reicht dabei von ungesicherter Studienfinanzierung und nicht bestandenen Prüfungen über Lern- und Arbeitsstörungen, einem Fachwechsel oder Studienabbruch bis hin zu psychosozialen Anliegen wie Kontaktschwierigkeiten und/oder familiären sowie partnerschaftlichen Beziehungsproblemen.

Wegweiser für spezialisierte Beratungseinrichtungen

Aber auch das weiterführende Master-Studium, die Aufnahme eines Promotionsverfahrens oder die Planung der Studienausgangsphase und der Einstieg in die Erwerbstätigkeit sind Themen, die in der Studienberatung erörtert werden. Diese Vielfalt der Anliegen bedingen ein sehr belastbares Beratungsnetzwerk mit zahlreichen Kooperationen und einer gut funktionierender Verweispraxis. Darum sind alle Studienberater bemüht. Die Zentrale Studienberatung ist zwar in vielen Fällen die erste, wenn nicht gar „die“ Anlaufstelle. Doch auch die generalistisch arbeitenden Studienberater vermögen selbstverständlich nicht jedes Problem zu lösen. Dann verweisen sie und leiten an spezialisierte Beratungseinrichtungen weiter, etwa an die Psychotherapeutischen Beratungsstellen, die örtlichen Studentenwerke oder den Career Service.

So unterschiedlich die Hochschulen in ihren jeweiligen Profilen sind, so unterschiedlich ist auch das Angebot der Zentralen Studienberatungen. Der überwiegende Teil ist dabei sicher dem von mir skizzierten Selbstverständnis verpflichtet und handelt entsprechend. Gleichwohl sind die Hochschulen in der Ausgestaltung ihrer Beratungsangebote autonom. Das betrifft auch die Zentralen Studienberatungen. So sind sie an einigen Hochschulen als zentrale Einrichtung organisiert, in anderen Hochschulen wiederum sind sie Teil eines größeren Dezernates. An manchen Standorten sind sie ausschließlich mit Beratungsaufgaben betraut, an anderen übernehmen sie zusätzliche Projekttätigkeiten, insbesondere im Umfeld des Hochschulmarketings. Immer aber sind die Mitarbeiter der Zentralen Studienberatungen Fachleute für alle Fragen rund ums Studium.