Workshop Bewerbung – „Jetzt kann ich Azubi“

Festgehalten von Hans-Martin Barthold | 15. November 2012

Es ist Samstagfrüh 8:30 Uhr, letzter Ferientag. Gerade noch rechtzeitig fliege ich im Wolfsburger Berufsinformationszentrum ein. Dort warten schon fünfzehn andere Abis. Manche scheinen noch genau so müde wie ich. Was treibt einen am Wochenende bloß mitten in der Nacht schon aus dem Bett? Ach ja, wir haben uns für einen Workshop zum Thema Bewerbung und Vorstellungsgespräch angemeldet. Die meisten Teilnehmer befinden sich wie ich bereits mitten in der heißen Phase der Auswahlverfahren um Lehrstellen oder duale Studienplätze. Einige wurden auch schon zur Vorstellung eingeladen. Einen Ausbildungsplatz aber hat bislang noch keiner. Klar, sonst wären sie ja nicht hier.

Obwohl ich meine Betriebstemperatur noch immer nicht ganz erreicht habe, bin ich doch neugierig. Die Überlebensinstinkte gewinnen langsam die Oberhand. Ich will wissen, warum die Unternehmen diese und jene Fragen stellen, weshalb die Personalmanager gerade das und nicht etwas anderes interessiert, wie man sich erfolgreich präsentiert, ohne rumzuschwindeln, und wie man sich auf all das schließlich gezielt vorbereiten kann, um endlich eine Zusage zu erhalten.

Abi alleine reicht nicht

Gespannte Aufmerksamkeit (Foto: hmb)

Gespannte Aufmerksamkeit (Foto: hmb)

Organisiert haben die ganze Sache zwei Berufsberater von der Arbeitsagentur. Machen einen ganz netten Eindruck. Sie geben zunächst eine kurze Einführung ins Thema, zeigen wie man die Bewerbungsunterlagen zusammenstellt, erzählen was zum weiteren Verfahren. Einige kannten das schon von einer Infoveranstaltung an ihrer Schule. Für mich war es neu und, ich muss es zugeben, sehr informativ. Ich hatte mir bis jetzt keinen großen Kopf gemacht. Abi, das wird doch schließlich reichen, dachte ich. Sieht aber anscheinend etwas anders aus.

Dann stellt sich der Ausbildungsleiter eines Ingenieurbüros vor. Labert vielleicht ein bisschen lange, was für ein tolles Unternehmen sie sind. Aber sei‘s drum. Die unvermeidlichen Werbeblöcke eben. Anschließend wird es ernst. Jetzt kommt das Training von Vorstellungsgesprächen. Freiwillige vor. Ich jedenfalls erst einmal nicht, verlege mich lieber aufs Zuschauen.

Persönlichkeit gefragt

Aber der Typ macht das wirklich gut. Echt Spitze. Ich hatte die fiesesten Fangfragen erwartet und gefürchtet, der will einen als Bewerber aufs Kreuz legen. Aber nichts dergleichen. Stattdessen ist das Gespräch ziemlich locker und der Typ kommt echt cool rüber. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Allerdings bin ich doch ganz schön überrascht, wie genau der erklärt haben möchte, warum man sich für gerade diesen Beruf beworben hat. Man eh, ich brauch ne Lehrstelle, reicht das nicht? Nee, lacht der. Sein Job sei es, die besten Fachinformatiker einzufangen und im Übrigen sei sein Unternehmen nicht das Sozialamt. Deshalb könne er niemanden gebrauchen, der eigentlich viel lieber Bankkaufmann werden möchte. Na ja, kann man von seiner Seite nachvollziehen.

Volle Konzentration beim Face to Face (Foto: hmb)

Volle Konzentration beim Face to Face (Foto: hmb)

Und dann, wie viel der so auch aus dem privaten Bereich wissen will. Ob man im Sportverein ist. Was man an den Wochenenden und in den Ferien macht. Ob man ein Instrument spielt. Und was weiß ich noch alles. Alter, was hat das mit dem Berufswunsch Fachinformatiker zu tun? Der soll doch programmieren und muss dafür nicht Klavier spielen oder die 100 Meter in Weltrekordzeit laufen können.

Vorbereitung ist alles

Kurze Pause. Es gibt Kaffee und Kekse. Edel. Nun bin ich gespannt auf die Auswertung und Begründung. Vielleicht doch nur heiße Luft? Mal sehen, wie er die Gesprächsauswertung macht. Die rein fachlichen Sachen sind ja klar. Also dass er sicher sein will, dass es mit Mathe keine Probleme gibt. Und dass man in der IT ohne Englisch nicht auskommt, leuchtet auch ein. Dass Musik machen für ihn eine Aussage über Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin ist, da könnte was dran sein. Wollte das mit dem Gitarrenspiel ja auch schon ein paar Mal hinschmeißen. Dass man im Sportverein mit vielen unterschiedlichen Leuten, darunter regelmäßig ein paar Bekloppten, klar kommen muss, stimmt ebenfalls irgendwie.

Jedenfalls wird mir nun einiges tatsächlich verständlicher. Der Typ will wissen, passt der Bewerber wirklich zum Beruf, den er machen will, und passt er auch in unsere Firma. So als Mensch, meine ich. Wenn man es weiß, kann man sich ja drauf einstellen. Das ein bisschen vorzubereiten, scheint allerdings echt wichtig. Denn als ich dran war, habe ich gemerkt, dass man da nicht erst im Gespräch drüber nachdenken kann. Keine Chance, weil keine Zeit. Das Gespräch hat zwar nur eine halbe Stunde gedauert, aber ich war hinterher ziemlich alle. Da musst Du voll konzentriert sein, sonst hast Du verspielt. Der Vormittag hat also doch gelohnt. Haben die beiden Berufsberater eigentlich prima hinbekommen. Respekt! Gab im Übrigen noch ein cooles Handout. Ich kann’s ehrlich weiterempfehlen. Denn jetzt kann ich Azubi!