Wolfgang Schaupensteiner – Ein Staatsanwalt in der Hitze der Gesellschaft

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2017

In Reihen der Journalisten und für die Öffentlichkeit zählte Wolfgang Schaupensteiner über lange Jahre zu einem der bekanntesten Staatsanwälte Deutschlands. Unter seinesgleichen gilt er noch heute als einer ihrer besten. Und die, die es mit ihm qua Amt zu tun bekamen, die im Sumpf der Korruption verstrickten Manager, Unternehmer und Beamten lernten schnell, ihn ernst zu nehmen, zu respektieren und manchmal auch zu fürchten. Sein Scharfsinn, seine Hartnäckigkeit und seine Unbestechlichkeit machten ihn jedenfalls zu einem Gegner, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Vor allem dann nicht, wenn der Verdacht im Raume stand, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Seine ebenso systematisch-analytische wie präzise Beweiserhebung war geradezu sprichwörtlich. In keinem einzigen Verfahren, das Wolfgang Schaupensteiner zur Anklage brachte, kassierte er einen Freispruch.

„Wenn du eine Straftat aufklären willst“, versucht er eine Begründung seines Erfolgs, „musst du die Handlungsmuster der Verdächtigen entschlüsseln.“ Was bei Wirtschaftskriminellen ganz besonderer Anstrengungen bedarf. Immerhin sind sie im Gegensatz zum Drogendealer aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel oder dem Zuhälter in der Herbertstraße von St. Pauli intelligent, gebildet, in der Handhabung der feinen bürgerlichen Umgangsformen und ungeschriebenen Verhaltenscodes ebenso sicher wie sie in den Kreisen der wirtschaftlichen und politischen Eliten bestens vernetzt sind. Sie beherrschen das Legen falscher Fährten, den punktgenauen Einsatz öffentlicher Emotionen, dazu die zielorientierte Aktivierung ihrer in aller Regel unsichtbaren Paten. „Jeder Fall war für mich deshalb wie ein (denk)sportlicher Wettbewerb“, beschreibt Wolfgang Schaupensteiner rückblickend seine berufliche Motivation.

Handlungsmuster entschlüsseln

Wolfgang Schaupensteiners Lebnsmaxime - Am Frankfurter Justizzentrum in Stein gehauen (Foto: Wikipedia/Dontworry)

Wolfgang Schaupensteiners Lebnsmaxime – Am Frankfurter Justizzentrum in Stein gehauen (Foto: Wikipedia/Dontworry)

Was den späteren Oberstaatsanwalt vor Hochmut bewahrte, der ja bekanntlich vor dem Fall kommen soll, war freilich noch etwas anderes. Für ihn waren Beschuldigte weder Feinde noch Unpersonen, schon gar keine seelenlosen Monster. Und mochte die Korruption, derer sie verdächtigt wurden, auch schwindelerregende Millionenhöhen erreichen, so blieben sie für ihn doch stets Menschen. Und genauso begegnete er ihnen. Aufmerksamkeitsheischende Headlines wie „Einmal Jäger, immer Jäger“ oder „Der dunkle Ritter“ mögen zwar die Auflagen der Magazine in die Höhe getrieben haben. Mit der Wirklichkeit und Wolfgang Schaupensteiners Selbstverständnis hatten sie indessen nur wenig zu tun. Und dass die seit zwanzig Jahren zum Straftatbestand erhobene Korruption nicht gleich Korruption ist, keiner weiß das besser als er. Gewiss gibt es die, die die simple Gier treibt. Aber es gibt genauso die, die aus Sorge um den Bestand ihres Unternehmens, aus Angst vor dem Verlust des Jobs, wegen der Gefahr des Öffentlichwerdens eigenen Versagens oder auch nur aus Bequemlichkeit zum vermeintlich letzten Strohhalm greifen lässt, der früher Beziehungen hieß und den man heute Korruption nennt.

Schaupensteiner begegnete zahlreichen persönlichen Tragödien und blickte in viele menschliche Abgründe. Da nicht weg-, sondern hinzuschauen, selbst wenn es schauderte, nach dem Warum zu fragen, ohne die Erkenntnisse über die jeweiligen Handlungsmuster anschließend schematisch auf den nächsten Fall zu übertragen, auch dies begründet seinen Erfolg. „Will ich eine Person und ihre Tatmotive verstehen, muss ich eine Beziehung zu ihr aufbauen“ beschreibt der in Frankfurt aufgewachsene und inzwischen pensionierte Staatsanwalt eine der größten und spannendsten Herausforderungen seines Berufes. Deshalb hat er viele Vernehmungen selbst geführt. Er hätte sie zur eigenen Arbeitsentlastung auch an ihm unterstellte Staatsanwälte delegieren können. Aber natürlich war der Mann mit dem stets korrekt gescheitelten Haar klug genug zu wissen, dass genau diese Methode einer Gratwanderung im Hochgebirge gleichkommt. Schließlich gilt es, ohne Ansehen der Person einen justiziablen Sachverhalt aufzuklären und nicht der Gefahr zu erliegen, die Gefühle des Beschuldigten zu seinen eigenen werden zu lassen.

Regeln fürs Zusammenleben

Sein Studium begann Wolfgang Schaupensteiner an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität im Jahr 1968. Es waren unruhige Zeiten. „Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren“ hieß eine der eingängigsten Parolen der deutschen Studentenbewegung. Das zu ändern, entschieden sich die meisten Studienanfänger für Soziologie, Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, die Politologie, ein Lehramtsstudium oder ausgefallene Spezialisten auch für die Anthropologie. Anders Wolfgang Schaupensteiner. Er schrieb sich in den Rechtswissenschaften ein. „Jura nahm meine Vorstellungen von klaren Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben am umfänglichsten auf“, blickt er zurück. „Darüber hinaus bot die generalistische Ausrichtung dieses Studiums den Vorzug, für die endgültige Berufsentscheidung Zeit zu gewinnen und zugleich die Erfahrungen des Studiums dafür noch nutzen zu können.“ Dazu zeichneten sich alle juristischen Arbeitsfelder durch eine klare und übersichtliche Berufsperspektive aus.

Wolfgang Schaupensteiner (Foto: privat)

Wolfgang Schaupensteiner (Foto: privat)

Noch etwas unterschied den Studenten Wolfgang Schaupensteiner von seinen 68er-bewegten Kommilitonen. „Ich wollte keine Zeit verlieren“, erinnert er sich seiner Ziele, „und konzentrierte mich deswegen voll auf das Studium.“ Freilich ohne dass aus ihm ein introvertierter, gar blasshäutiger Streber wurde. Im Gegenteil. „Ich war jederzeit gut integriert.“ Nach nur acht Semestern meldete er sich zum Examen, bestand es und wechselte in den praktischen Vorbereitungsdienst des Landes Hessen, das Referendariat. Das war eine Meisterleistung. Immerhin lag die damalige durchschnittliche Studienzeit in den Rechtswissenschaften zwischen 13 bis 14 Semestern.  Die politischen Ziele der 68er teilte Wolfgang Schaupensteiner. Was ihn dennoch Abstand wahren ließ, weil es seinem strukturierten Denken entgegen stand, waren die Unordnung und das Chaos, das sie verbreiteten.

Wichtiges und Nebensächliches

Da imponierte ihm ein Mann wie Willy Brandt deutlich mehr. Seinetwegen entschloss er sich zur Mitgliedschaft in der SPD. Vielleicht aber auch, weil ihm der Lebens- und Erfahrungshintergrund dieses Mannes dem seiner Eltern nahe schien. Weniger in den konkreten Umständen, als in der unverstellten Natürlichkeit dessen Blickes auf die Welt. Das einigende Band war die Erfahrung von Menschen, die mit dem zweiten Weltkrieg den Atem der Hölle gespürt hatten. Die nicht zuletzt deswegen ein Gespür besaßen für das, was wichtig war und was nebensächlich. Die darüber nicht erst mit der ideologisch ebenso aufgeladenen wie verkrampften Attitüde selbsternannter Weltverbesserer stundenlang diskutieren mussten. Die frei von Arroganz ein Feeling dafür besaßen, was zu tun und was zu lassen war. Natürlich hatte auch der Architekt der Entspannungspolitik geostrategische Konstellationen im Blick. Ganz oben aber stand für den Mann mit dem Geburtsnamen Herbert Frahm der Wunsch nach Aussöhnung und nach einem friedlichen Miteinander.

Darin fühlte sich der junge Student, der zusammen mit drei Geschwistern in der Obhut liebevoller Eltern aufwuchs, dem Mann, der als uneheliches Kind den Härten des Lebens bereits früh ausgesetzt war, eng verbunden. Schließlich ging es auch in der Entspannungspolitik Willy Brandts um die Überwindung machtpolitischer Anarchie durch verlässliche Regeln für einen fairen Umgang zwischen Völkern und Staaten, sogar solchen unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen. Darin bestand die verbindende Schnittmenge. Auf materiellen Rosen war Wolfgang Schaupensteiner während Schule und Studium nicht gebettet. Sein Vater stammte aus Ostpreußen, wurde als Berufsoffizier im Krieg schwer verwundet, strandete als Vertriebener irgendwann in Frankfurt und musste im demilitarisierten Nachkriegsdeutschland beruflich völlig neu beginnen. Er entschied sich für eine Schreinerlehre und arbeitete später als Handelsvertreter für Baumaterialien.

Leistungsträger und Autoritäten

Wolfgang Schaupensteiner (Foto: Holger Schüppel)

Wolfgang Schaupensteiner – Der Wind blies ihm oft ins Gesicht (Foto: Holger Schüppel)

Klagen hat er seinen Vater über all das nicht gehört. Und auch später, als er und sein älterer Bruder zum Studium an die Universität gingen, die jüngeren Zwillingsschwestern sich für eine kaufmännische Karriere entschieden, enthielten sich die Eltern jedes Neidreflexes. Das war nicht selbstverständlich, blieben ihnen selbst doch das eine wie das andere in den schwierigen Kriegs- und Nachkriegszeiten verwehrt. Und noch etwas prägte Wolfgang Schaupensteiner entscheidend. Es war der aufrechte Gang seiner Eltern. Korruption war in der Bauwirtschaft schon damals kein unbekanntes Phänomen. „Ich weiß von einschlägigen Angeboten an meinen Vater“, erinnert sich der Sohn. „Doch er lehnte stets ab.“ Eine zusätzliche Geldspritze hätte ohne Zweifel manches im Leben der Familie erleichtert. Der Vater aber widerstand der Versuchung und hielt an seinen Überzeugungen von Anstand und Ehrlichkeit fest. Die Mutter, die als Gutssekretärin  auf einem der großen landwirtschaftlichen Betriebe in Brandenburg gearbeitet hatte, stärkte ihm den Rücken. Wolfgang Schaupensteiner ist auf beide noch heute stolz.

Bewahrt aus dieser Zeit hat er insbesondere zwei Dinge. Da ist zum einen die Hochachtung gegenüber den Leistungsträgern, den bekannten wie den unbekannten, die fest zupacken und nicht ständig klagen oder sich in Ausreden flüchten. Zurückhaltung prägt indessen sein Verhältnis zu den sogenannten Autoritäten – bis in die Gegenwart. Die Konfrontation mit ihnen sollte für den Berufsanfänger nicht lange auf sich warten lassen. Nachdem sich Pläne zur Karriere in einer auf Wirtschaftsrecht spezialisierten Sozietät zerschlugen, begann er nach einem persönlichen Gespräch mit dem Staatssekretär des hessischen Justizministeriums als Richter in der Staatsschutzkammer des Frankfurter Landgerichts. Die war unter anderem auch zuständig für die von Hessen aus zu führenden Strafprozesse gegen Mitglieder der „Rote Armee Fraktion“ (RAF). Diesem Gericht wurde Wolfgang Schaupensteiner, noch nicht dreißigjährig, als Beisitzer zugewiesenen.

Die Niederungen der Justiz

Das Erleben des Berufsnovizen hier war ein Doppeltes. Zum ersten Mal beobachtet er die Szenerie nicht mehr nur als Zuschauer, sondern taucht als beteiligter Akteur in die Niederungen richterlicher Entscheidungen ein, wie er es in der für ihn typischen Zurückhaltung und Geradlinigkeit formuliert. Sein Erschrecken ist nicht eben gering und geht weit über den viel zitierten Praxisschock hinaus. „Manche Richter“, beobachtete er, „reflektierten ihr berufliches Tun und seine Folgen allenfalls sporadisch.“ Das hatte er sich ganz anders vorgestellt. Die zweite Erkenntnis ist eine systemische. „In Strafprozessen“, formuliert es Schaupensteiner, „müssen Richter Beweise, Indizien und Zeugenaussagen würdigen, gilt es, Kausalitäten zu bewerten.“ Neben sicheren Rechtskenntnissen bedarf ein Richter dafür auch umfangreicher Berufs- und Lebenserfahrung, was es Berufsanfängern nicht leicht macht.

Wolfgang Schaupensteiner - Nur eine vorurteilsfreie Analyse führt zur zutreffenden Erklärung (Foto: privat)

Wolfgang Schaupensteiner – Nur wer vorurteilsfrei analysiert, findet die richtige Erklärung (Foto: privat)

Es folgte ein Ereignis, dass seinen Berufsweg in eine Richtung lenken sollte, die er bis zu diesem Zeitpunkt kategorisch ausgeschlossen hatte. Die Beweisaufnahme in einem der zahlreichen RAF-Prozesse ist abgeschlossen. Die Kammer zieht sich zum Abstimmungsverfahren, das heißt zur Urteilsfindung zurück. Unter den Richtern auch der junge Wolfgang Schaupensteiner. Die politische Verortung des vorsitzenden Richters ist weithin bekannt. Der rechnet mit einer schnellen Einigung, denn für ihn ist der Fall klar. Womit er sich täuschen sollte. Er wird überstimmt und muss anschließend ein Urteil verkünden, das nicht seines ist. Er bebt vor Wut. Schaupensteiner gehört zu denen, die anderer Meinung waren als der Vorsitzende. Er fühlt sich der Wahrheit verpflichtet – ohne die Einengung ideologischer Scheuklappen! Zwar gab es keine offizielle Begründung. Doch folgt die Versetzung zur Staatsanwaltschaft in einem engen zeitlichen Zusammenhang. Überall wollte er arbeiten, nur nicht als Staatsanwalt. Jetzt aber findet er sich genau hier wieder.

Der Tag X im Leben des Wolfgang Schaupensteiner

Gegen die war arbeitsrechtlich kein Kraut gewachsen, befand sich Wolfgang Schaupensteiner doch noch in der Probezeit. Im Übrigen dachte er stets pragmatisch, ohne freilich je die Grenze zum Opportunismus zu überschreiten. Und mit der Zeit lernte er die Tätigkeit eines Staatsanwalts sogar zu schätzen. „Trotz der Weisungsgebundenheit dieses Jobs besaß ich in der täglichen Arbeit große Entscheidungsfreiheiten“, blickt er zurück. „Über den Ablauf eines Ermittlungsverfahrens entschied ich ganz alleine.“ Interessant auch die Arbeitskontakte zur Polizei, zum Opfer einer Straftat, zum Beschuldigten, zu beider Rechtsanwälten, zu Zeugen, von Fall zu Fall auch zur Presse. Die Tage und Wochen vergingen. Schaupensteiner gewann berufliche Souveränität. Die zu bearbeitenden Fälle waren spannend. Doch das Gefühl, dass einer darunter sein könnte, der wie bei den vielen Abenteuern von Asterix und Obelix den Himmel auf die Erde fallen lässt, dieses Gefühl kam je länger je weniger auf.

Dann allerdings ein Tag, der alles verändern sollte und an den sich Wolfgang Schaupensteiner erinnert, als wäre er erst gestern gewesen. Als Urlaubsvertreter eines Kollegen flatterte ihm die Akte eines Insolvenzdeliktes auf den Schreibtisch. Nichts daran schien spektakulär, ein Fall wie hundert andere. Was stimmte und worin gerade seine ungeahnte Brisanz liegen sollte! Schaupensteiner blättert mit Blick auf eventuell einzuhaltende Termine die Akte routinemäßig durch – und stolpert über einen Vermerk. Der sorgte dafür, dass im Bauamt der Stadt Frankfurt schon bald kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Auf dem Höhepunkt sitzt dessen Leiter auf der Anklagebank, Schaupensteiner ihm gegenüber. Die Presse spricht von der „Taunus-Mafia“ und davon, dass sizilianische Verhältnisse nun auch nördlich der Alpen Einzug gehalten hätten. Später heißt es sogar, dass das Bauamt regelrecht entvölkert worden sei.

Ein Mann findet sein Lebensthema

Die Stadt der Bankentürme – Über drei Jahrzehnte die berufliche Heimat für Wolfgang Schaupensteiner (Foto: visitfrankfurt/Holger Ullmann)

Die Stadt der Bankentürme – Über drei Jahrzehnte die berufliche Heimat für Wolfgang Schaupensteiner (Foto: visitfrankfurt/Holger Ullmann)

Was war passiert? Der Inhaber einer Baufirma wird im Rahmen eines Insolvenzverfahrens der Untreue beschuldigt. Der Vorwurf lautet auf unberechtigte Geldentnahme aus dem Firmenvermögen zur persönlichen Bereicherung. So der Verdacht. Das Unverständnis des Beschuldigten ist groß und, wichtiger noch, nicht einmal geheuchelt. Der Mann versteht die Welt nicht mehr, in der es gang und gäbe ist, zur Ankurbelung des Geschäftes den zuständigen Beamten  des Bauamtes ein, dem jeweiligen Auftragsvolumen entsprechendes, Bakschisch zukommen zu lassen. Das war schon immer so, das machte doch jeder. Und alle nahmen es an. Wolfgang Schaupensteiner erschrickt bis ins Mark. Denn das Anfüttern von Beamten ist in seinen Augen eine grobe, dazu eine vorsätzliche Regelverletzung. Mit Anfüttern bezeichnen Juristen das Herstellen von Abhängigkeiten und Verpflichtungen nach dem Patenprinzip durch die fortlaufende Gewährung von kleineren und größeren Aufmerksamkeiten,  Sein Handicap, Korruption als Straftatbestand gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Anklage erheben kann die Staatsanwaltschaft nur beim Verdacht auf Untreue. Obendrein durften Schmiergelder zu jener Zeit sogar höchst offiziell als Betriebsausgaben von der Steuer abgesetzt werden und verschafften so der Korruption die Attitüde eines vom Staat subventionierten Kavalierdelikts.

Tatsächlich war die Justiz auf diesen Aspekt gesellschaftlicher Wirklichkeit nur schlecht bis überhaupt nicht vorbereitet. Das Bewusstsein für die zerstörerischen Folgen von Korruption begann sich erst langsam zu entwickeln. Einer, der nicht müde wird, die Sinne dafür nachhaltig zu schärfen, ist der Frankfurter Oberstaatsanwalt. Ungeplant wie unbeabsichtigt wird Wolfgang Schaupensteiner irgendwann zum Gesicht des Kampfes gegen die Korruption. 1997 verabschiedete der Bundestag endlich das Gesetz zu deren Bekämpfung, abgekürzt KorrBekG. Was zu nicht geringen Teilen sein ganz persönlicher Erfolg ist. Zwar ist Schaupensteiner ein Mann mit Sinn für Formen und Farben. Er weiß um deren Bedeutung für Eindruck und Wirkung. Tadellos sitzende Anzüge wurden zum Markenzeichen des Mannes, der in Schülertagen einmal kurzzeitig mit einer Karriere als Designer geliebäugelt hatte. Zur großen Show wie zur pfauenhaften Selbstdarstellung aber fehlen ihm Talent und Wille. Weshalb er von den eigenen Leistungen lieber andere sprechen lässt.

Grenzen des Erfolges

In der Folge erhält Schaupensteiner den Auftrag, eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Korruption aufzubauen, die erste in Hessen, die erste bundesweit! Er versteht das als Auszeichnung. Und genau so ist es. Obgleich in diesem Gelände so manche Tretmine liegt, leitet er sie viele Jahre lang mit großem Erfolg. An politische Einflussnahme kann er sich nicht erinnern. Wohl aber schon an ein väterlich-freundschaftliches Gespräch mit seinem Vorgesetzten, dem hessischen Generalstaatsanwalt. Das der sibyllinisch mit den Worten schließt: „Machen Sie keine Fehler!“ Doch erkennt Wolfgang Schaupensteiner schnell, dass noch so viele gewonnene Prozesse nicht ausreichen, das Übel mit der Wurzel ausreißen zu können. Denn wo es um viel Geld geht, ist auch die allseitige Versuchung groß. Und er spürt, wie sich die Betroffenheit ob dieses Krebsgeschwürs in der Öffentlichkeit und unter den politischen Mandatsträgern viel zu schnell wieder verflüchtigt. Er muss sich selbst eingestehen, dass seinen juristischen Waffen die letzte entscheidende Schärfe fehlt.

Wolfgang Schaupensteiner - Stets mit optimistischem Blick nach vorne (Foto: Holger Scüppel)

Wolfgang Schaupensteiner – Trotz allem mit optimistischem Blick nach vorne (Foto: Holger Scüppel)

Korruption kennt keine nationalen Grenzen, Bundesländergrenzen schon gar nicht. Doch die Justizminister lassen sich nicht bewegen, Kompetenzen etwa an eine bundesweit zuständige zentrale Korruptionsbekämpfungseinheit abzugeben. Und auch der Gesetzgeber bleibt auf halbem Wege stehen. Ein Verbraucherschutzgesetz, Regelungen für die Sicherheit von Whistleblowern gibt es bis heute nicht. „Cui bono“, fragt er in juristischer Diktion, „wem nützt das.“ Die Antwort spart er sich. Er geht davon aus, sie kennt jeder. Schaupensteiner sieht nur eine Alternative, nämlich die Prävention in den Unternehmen selbst. Über die Zeit gewinnt dieser Plan an Konturen. Der Abschied aus der Staatsanwaltschaft wird zur denkbaren Option. Noch aber zögert er. Einen bereits ausverhandelten Vertrag für den Eintritt in eine Rechtsanwaltskanzlei unterschreibt er am Ende doch nicht. Die finanziellen Risiken sind ihm zu groß. „Ich bin kein Hasardeur“, sagt er. Und lernt, mit den eigenen Wünschen aber auch Ängsten ehrlich umzugehen, zu sich zu stehen.

Hoffnungen und Realität

Dennoch bleibt ein Mann zurück, der mit sich und den Umständen hadert. „Leiter einer Staatsanwaltschaft wollte ich nicht werden. Das ist eine reine Managementtätigkeit.“ Da bittet ein Emissär des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn um ein Gespräch. Er unterbreitet ein Angebot des Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn. Und das hinterlässt einen euphorisierten Wolfgang Schaupensteiner. Es ist genau das, was er schon lange sucht und mit sich herumträgt. Mehdorn will in der Deutschen Bahn, die aufgrund ihrer komplexen Projekte seit Jahr und Tag sehr korruptionsanfällig ist, eine Abteilung für Compliance aufbauen und wünscht sich ihn als deren Chef. Schaupensteiner erbittet sich Bedenkzeit und bespricht sich mit seiner Frau, wie er ebenfalls Juristin. Er sagt zu. Das Land Hessen beurlaubt ihn für fünf Jahre. Er stürzt sich engagiert in die neue Aufgabe. Der Vorstand gibt ihm volle Rückendeckung. Doch das mittlere Management begegnet ihm, dem Seiteneinsteiger, mit Zurückhaltung. Die Hierarchie ist riesig. Konnte er als Staatsanwalt fast alle Dinge selbst entscheiden, muss er nun lernen, dass in einem Konzern wie der DB unzählige Hierarchieebenen zu beteiligen sind. Dazu die Menge an Hollywood erinenrnde Eitelkeiten. Oft bestimmen sachfremde Überlegungen die Entscheidungen.

Für zwei Jahre Dienstsitz von Wolfgang Schaupensteiner: Zentrale der DB in Berlin am Potsdamer Platz (Foto: Deutsche Bahn AG/Volker Emersleben)

Für zwei Jahre Dienstsitz von Wolfgang Schaupensteiner – Zentrale der DB in Berlin am Potsdamer Platz (Foto: Deutsche Bahn AG/Volker Emersleben)

Schaupensteiner legt sich ins Zeug und kommt voran, wenn auch viel zu häufig nur in Trippelschritten. Ihm wird klar, unter welch ungünstigem Stern sein Beginn hier steht. Sein Förderer Mehdorn hatte offensichtlich gehofft, schon seine bloße Anwesenheit würde reichen, damit alle Korruptionsverdächtigen die Füße still halten, und das andere würde sich dann einfach so ergeben. Er selbst hatte im blinden Vertrauen auf die Einsicht in die Notwendigkeit entsprechender Aktivitäten über Ressourcen, Verantwortlichkeiten und Befugnisse viel zu blauäugig verhandelt. Erwies sich Mehdorns Hoffnung als Fehleinschätzung, kostete ihn die eigene Gutgläubigeit viel Zeit und Kraft. Wie manche Versäumnisse und Fehler doch sympathisch machen können. Dann erreicht den DB-Vorstand ein Skandal aus längst vergangenen Tagen. Zur Eindämmung der Korruption hatte man jenseits des gesetzlich Erlaubten die Kommunikation von Mitarbeitern überwachen lassen. Obwohl daran weder beteiligt noch dafür verantwortlich, rückt damit auch der Chief Compliance Officer Schaupensteiner in den Fokus.

Ein Weg kommt an sein Ende

Die Politik lässt Hartmut Mehdorn fallen. Damit ist auch Wolfgang Schaupensteiner gefährdet. Statt der avisierten Aufnahme in den Vorstand verlässt er nach nur zwei Jahren den Konzern. Wirklich ins Fleisch schneidet die Erkenntnis, dass damals wie heute immer noch viele Unternehmen ihre Aktivitäten um die gute Unternehmensführung (Compliance) nur halbherzig und als Alibi für die Galerie betreiben. Für ihn persönlich heißt es: Was nun? Als Rechtsanwalt zu arbeiten, verbietet ihm der Freistellungsvertrag. So begründet er der Not gehorchend eine Beratungsfirma für gute Unternehmensführung. Ein langes Leben ist ihr nicht beschieden. Die Auftragslage reicht dafür nicht. Nach Ende der Freistellung, zwei Jahre vor dem Erreichen der Altersgrenze kehrt er zurück zur Staatsanwaltschaft. Die meisten Kollegen kennt er noch. Sie nehmen ihn wieder in ihre Mitte auf, ganz selbstverständlich, ohne Häme, einige klopfen ihm sogar auf die Schulter. Wer nun glaubt, da reißt einer nur noch missmutig die Zeit bis zur Pensionierung ab, irrt. Schaupensteiner erhält die Zuständigkeit für Markenschutzdelikte (Markenpiraterie). Ein letztes Mal krempelt er die Ärmel hoch und hat Freude an dem, was er tut. Als er geht, liegt ein Hauch von Wehmut in den Fluren der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Nicht alle, aber viele Kollegen ahnen, wer und was für einer da geht – und dass er dieses Mal nicht wiederkommen wird.

 

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