Wirtschaftsingenieur – Ein starkes Tripple

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2013

Die einen sehen in ihnen die Lichtgestalten des modernen Industriezeitalters, andere halten sie für Globalschwätzer, den dritten sind sie weder Fisch noch Fleisch. Obgleich sie inzwischen ebenso unbestreitbare wie beeindruckende Erfolge aufzuweisen haben, muss sich ihr Berufsstand noch immer so mancher Vorurteile erwehren. Die Rede ist von Wirtschaftsingenieuren. Oft sehen sie sich vor Aufgaben gestellt, die der Quadratur des Kreises ähneln. Stefan Schmidt, studierter Wirtschaftsingenieur mit einem Diplom der Technischen Universität Berlin und bei einem großen süddeutschen Autobauer in der Logistik tätig, kann ein Lied davon singen. Unglücklich scheint er dennoch nicht, schließlich weiß er, was er kann. In einem seiner letzten Projekte sollte er für sein Unternehmen trotz steigender Transportleistungen in Beschaffung und Absatz eine Lösung zur gleichzeitigen Reduzierung dessen Umweltbelastung bei unbedingter Kostenneutralität entwickeln.

Stefan Schmidt (Foto: privat)

Stefan Schmidt (Foto: privat)

Das kam einem Herkulesvorhaben gleich. Denn immerhin werden etwa ein Drittel der während der Fahrzeugproduktion entstehenden umweltschädlichen Emissionen allein entlang der Transportkette verursacht. Aber Stefan Schmidt hat es erneut geschafft – mit dem Knowhow eines Wirtschaftsingenieurs. Er und seine Berufskollegen sind bei solchen Problemstellungen besonders erfolgreich, weil multidimensional und mit einem Blick über den Tellerrand interdisziplinär, funktionsübergreifend, prozessorientiert und auf eine ganzheitliche Effizienz ausgerichtet. „Als Wirtschaftsingenieur“, erklärt Stefan Schmidt, „habe ich gelernt, mich nicht einseitig auf die betriebswirtschaftliche Kostenminimierung zu fokussieren. Meine Lösung muss ja im Unternehmensalltag auch funktionieren.“ Nur dieser Blick aufs Ganze helfe am Ende wirklich, das eigentliche Ziel erreichen zu können, also den Gewinn zu steigern.

Ziel: fachlich sinnvolle wie unternehmerisch machbare Entscheidungen

Und so hat Stefan Schmidt denn alle Möglichkeiten geprüft, von denen hier nur die wichtigsten genannt sein sollen. Sie geben einen beispielhaften Einblick in Aufgabenstellung und Arbeitsweise von Wirtschaftsingenieuren. Als erstes checkte Schmidt die Verlagerung der Transporte auf ökologisch verträglichere Transportarten, etwa von der Straße auf die Schiene, eine Minimierung der Luftfracht zugunsten von Seetransporten sowie die Installation verknüpfter Transportketten. Anschließend nahm er die Reduzierung des Frachtvolumens durch eine Optimierung der Verpackung, des Containerfüllgrades als auch die bestmögliche Kapazitätsnutzung der Transportmittel unter die Lupe. In einem weiteren Schritt beschäftigte er sich mit der Verringerung oder einem Ersatz des eingesetzten Materials zum Oberflächenschutz während des Transports zur Auslieferung neuer Fahrzeuge. Bei all dem hatte der Wirtschaftsingenieur Schmidt neben dem obersten Ziel der Schadstoffreduzierung weiterhin höchste Standards bezüglich Termintreue, Transportqualität und -flexibilität zu gewährleisten.

Annett Juras (Foto: privat)

Annett Juras (Foto: privat)

Andere Branche, ähnliche Aufgaben, gleiche Anforderungen. Annett Juras ist Wirtschaftsingenieurin mit der Fachrichtung Bauwesen, Studium an der Technischen Universität Braunschweig. Damit gehört sie unter den Wirtschaftsingenieuren zu einer kleinen Minderheit. Schließlich wählen nach Informationen des Verbandes Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI) diese technische Fachrichtung nur drei Prozent aller Studenten des Wirtschaftsingenieurwesens. Die meisten bevorzugen Maschinenbau (26 Prozent), Logistik (17 Prozent), Informations- und Kommunikationstechnik (13 Prozent), Elektrotechnik (9 Prozent) oder Produktion (5 Prozent). Als ich mit Annett Juras telefonischen Kontakt aufnehme, hält sie sich gerade in Malaysia auf. Die internationale Ausrichtung ihres Berufes ist wiederum typisch für Wirtschaftsingenieure. Die Prozessketten produzierender Unternehmen kennen keine Ländergrenzen. Sichere Englischkenntnisse sind deshalb ein Muss, bedeutet das Beherrschen jeder weiteren Fremdsprache eine signifikante arbeitsmarktliche Wertsteigerung.

Generalisten mit Spezialwissen

Worin sich Wirtschaftsingenieure von Ingenieuren auf der einen und Betriebswirtschaftlern auf der anderen Seite unterschieden, seien ihre jeweils unterschiedlichen Blickwinkel, erklärt Annett Juras. „Während Ingenieure wie Ökonomen es gewohnt sind, sich als Spezialisten für die Konstruktion oder das Rechnungswesen in Details zu vertiefen“, formuliert sie es, „schauen wir Wirtschaftsingenieure eher auf die großen Zusammenhänge.“ Tatsächlich scheinen Wirtschaftsingenieure für Querschnittsfunktionen etwa im Projektmanagement wie geschaffen. Hier können sie ihre Stärken ohne Reibungsverluste voll ausspielen, haben sie doch gelernt, unternehmerische Entscheidungen sowohl mit technischem, mathematischem, wirtschaftswissenschaftlichem als auch juristischem und psychologischem Sachsverstand zu treffen. „Wir Wirtschaftsingenieure sind wie ein Scharnier, das Entwickler und Kostenrechner zusammenführt“, sind die Erfahrungen Annett Juras. Wirtschaftsingenieure seien also keine Überflieger, sondern Generalisten mit Spezialwissen, das heiße ein bisschen Ingenieur, ein bisschen Ökonom und auch ein bisschen Sozialwissenschaftler, aber keines ganz richtig.

Stefan Schmidt während einer Konferenzpause in Kirgistan (Foto: privat)

Stefan Schmidt während einer Konferenzpause in Kirgistan (Foto: privat)

Stefan Schmidt, Autor zahlreicher Fachaufsätze und Referent bei vielen internationalen Konferenzen, bestätigt das nach über dreißig Jahren Berufserfahrung sowie mehr als vierzig Lehraufträgen an verschiedenen Hochschulen  freimütig. „Ich könnte tatsächlich weder eine Nockenwelle mit der Finite-Elemente-Methode berechnen noch kaufmännisch einen Unternehmensabschluss testieren.“ Das freilich sollen Wirtschaftsingenieure auch gar nicht. Ihre Aufgabe ist eine andere. Sie müssen Spezialwissen einordnen können, sie sollen die Experten der unterschiedlichen Fachdisziplinen zusammenführen, ohne sie ersetzen zu müssen, den Entwickler mit dem Finanzmann, den Produktionsingenieur mit dem Vertriebler.

„Wirtschaftsingenieure sind ergebnisorientierte Moderatoren und verständnisvolle Vermittler“, bringt es der Lehrbeauftragte der Ostfalia Hochschule Wolfsburg Frank Harmeling auf den Punkt. Ihre Aufgabe sei es, die Prozesse im Unternehmen wie auch die zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden ganzheitlich zu optimieren, den bestmöglichen Kompromiss zwischen nicht selten gegenläufigen technischen und ökonomischen Teilzielen zu finden, verschiedene Lösungsansätze zum unternehmerisch sinnvoll Machbaren zusammenzuführen. „Wir wissen deshalb auch“, lacht er ein gewinnendes Lächeln, „ dass das Gegenteil von gut nicht immer schlecht ist, sondern auch besser heißen kann.“ Deshalb zeichneten sich erfolgreiche Wirtschaftsingenieure vor allem durch die Verbindung von überdurchschnittlichen Kommunikationsfähigkeiten mit einer fachlich sensiblen Überzeugungskraft aus.

Die richtigen Fragen an die Spezialisten stellen

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Martin Boluk, auch er Wirtschaftsingenieur, auch er im Bereich Automotive tätig. Wie er stehen im Übrigen nahezu zwei Drittel aller Wirtschaftsingenieure auf den Lohnlisten von produzierenden Unternehmen. In weitem Abstand erst folgt der Dienstleistungsbereich, vorwiegend Unternehmensberatungen. Alle anderen Sektoren haben als Arbeitgeber von Wirtschaftsingenieuren bislang kaum Bedeutung. Was Wirtschaftsingenieure auszeichnet, beschreibt Boluk so: „Sie können die richtigen Fragen stellen, auch wenn sie diese Fragen nicht alle selbst zu beantworten vermögen.“ Die wichtigsten davon: welche technischen Vorteile generiert der Lösungsvorschlag, welche Kosten löst er aus und welche Vorteile entstehen für den Kunden? Daraus erwächst eine weitere Anforderung, um die angehende Wirtschaftsingenieure wissen sollten. „Als Schnittstellenfachmann fällt uns bei nahezu jedem Projekt die fachliche Führungsrolle zu“, formuliert sie Martin Boluk. Das setze eine hohe Eigenmotivation ebenso wie eine verantwortungsvolle und zielgerichtete Entscheidungsbereitschaft voraus.

Martin Boluk (Foto: privat)

Martin Boluk (Foto: privat)

All das wissen Unternehmen zu würdigen. Die Zahl arbeitsloser Wirtschaftsingenieure ist verschwindend gering, war es selbst in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation. Der Übergang von der Hochschule in den Beruf gelingt ohne größere Suchzeit, die Einstiegsgehälter erreichen nach einer Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mit 3.500  € einen überaus guten Wert. Noch beeindruckender freilich sind die Steigerungsraten. Bereits nach fünf Jahren Berufserfahrung, so eine Erhebung von PersonalMarkt, können Monatsgehälter von über 6.000 € erzielt werden. Häufig sind darüber hinaus Gewinnbeteiligungen vereinbart. Für Spitzengehälter sind insbesondere Unternehmen aus der Luftfahrt-, Pharma- und Automobilindustrie bekannt.

Starke Persönlichkeiten gefragt

Dieser Erfolg von Wirtschaftsingenieuren kommt indessen nicht von ungefähr. Arbeitgeber schätzen nach einer Unternehmensumfrage des VWI an ihnen neben dem bereits erwähnten breiten Basiswissen und dem soliden technisch-kaufmännischen Verständnis vor allem ihre geistige Flexibilität, ihr analytisches Denkvermögen sowie ihre Führungs-, Kommunikations-, Integrations-, Planungs- und Organisationsfähigkeiten. Frank Harmeling ergänzt diese Aufzählung um zwei weitere Persönlichkeitseigenschaften. „Jemand, der wie Wirtschaftsingenieure, Experten verschiedener Fachbereiche auf ein gemeinsames Ziel einschwören will, damit häufig auch Konflikte zu bearbeiten hat, kommt ohne Toleranz und die Bereitschaft zur Selbstreflektion nicht aus.“ Er sollte es wissen. Nach Tätigkeiten in einem internationalen Großkonzern und mittelständischen Unternehmen bildet er jetzt immerhin als Dozent junge Wirtschaftsingenieure aus.

Den Platz auf der Sonnenseite des Arbeitsmarktes haben sich Wirtschaftsingenieure freilich hart erarbeitet. Sie gelten als die 130-Prozent-Studenten, als Leistungselite. Bei einem bis zur Unterkante Oberlippe vollgepackten Stundenplan haben sie gelernt, sich durchzubeißen und im täglichen Spagat so unterschiedliche Fächer wie Technik, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unter einen Hut zu bringen. Da wechselt man bei den Lehrveranstaltungen permanent die Denkwelten, hetzt von der Linearen Algebra zur Technischen Mechanik, vom Rechnungswesen in die Konstruktion, von der Statistik zu Marketing und Produktionsmanagement, von der Fertigungstechnik zur Wirtschaftspolitik, von der Informatik zum Wirtschaftsprivatrecht. Durch diese harte Arbeit im Studium sind sie bestens auf die hohen Belastungen im Beruf vorbereitet. Der permanente Systemwechsel wird ihnen zur Selbstverständlichkeit. Das ganzheitliche Herangehen an technisch-wirtschaftliche Aufgaben geht ihnen in Fleisch und Blut über. Fachliche Grenzen verlieren bereits im Studium ihre Bedeutung.

Unterschiedliche Fachdisziplinen zu einem Ganzen zusammenführen

Stefan Schmidt bei einem Vortrag in Sibirien (Foto: privat)

Stefan Schmidt bei einem Vortrag in Sibirien (Foto: privat)

Das heute dominierende Simultanstudium, nur die Technische Universität München hat noch einen Aufbaustudiengang im Angebot, bietet die kontinuierliche Vertaktung wirtschafts- und ingenieurwissenschaftlicher Fächer. Das freilich mit zwei Einschränkungen. Denn oft genug werden diese Fächer irgendwie in einem Curriculum zusammengefügt. Das, was man sich gemeinhin unter einem interdisziplinären Studium vorstellt, nämlich die zielgerichtete Integration der sehr unterschiedlichen Teildisziplinen, passiert leider noch zu selten. Deren Zusammenführung findet deshalb notgedrungen fast ausschließlich in den Köpfen der Studenten statt. Gewiss schult und stählt auch das für die Widerwertigkeiten des beruflichen Alltags, zeigen die sehr guten Studienergebnisse, dass es auch so geht. Ein Wirtschaftsingenieur aber würde gewiss fragen: Um wie viel besser könnten die Ergebnisse wohl bei optimalen Studienbedingungen ausfallen? „Die US-amerikanischen Hochschulen haben da mit einem kompakten Projektstudium die bessere Lösung“, ist Frank Harmeling auf dem Hintergrund einer Lehrtätigkeit in Übersee überzeugt.

Annett Juras empfiehlt Studenten zum Schluss, so viel praktische Erfahrungen wie irgend möglich zu sammeln. Das deckt sich mit den Erkenntnissen des VWI. Praxiserfahrungen seien eines der wichtigsten Einstellungskriterien, heißt es in dessen Berufsbilduntersuchung. Über Praktika während der Semesterferien könne man auch Netzwerke zu Berufstätigen herstellen. „Das“, weiß Annett Juras, „erleichtert die fachliche Orientierung und erhöht gleichzeitig den Bewerbungserfolg ganz außerordentlich.“ Das Fundament des Wirtschaftsingenieurs bleibt von einer allgemeinen Entwicklung allerdings nicht verschont. „Die technischen Fachrichtungen differenzieren sich zunehmend“, fasst Stefan Schmidt seine Beobachtungen zusammen. Das stelle das System des Wirtschaftsingenieurwesens mit seinem generalistischen Ausbildungsansatz auf eine harte Bewährungsprobe. Doch auch dieses Problem werden die Wirtschaftsingenieure mit Erfolg zu lösen wissen.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.05.2013)

Berufsbild:
Helmut Baumgarten/Burkhard Schmager: Wirtschaftsingenieurwesen in Ausbildung und Praxis, Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure e.V. (VWI), ISBN 978-3-7983-2324-7 (gegen eine Schutzgebühr von 25 € zu bestellen über info@vwi.org)
sowie: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/resultList.do?resultListItemsValues=58785&duration=&suchweg=begriff&searchString=%27+Wirtschaftsingenieur*+%27&doNext=forwardToResultShort
Berufstätige Wirtschaftsingenieure: ca. 95.000 (Frauenanteil 12%)
Arbeitslosenquote: ca. 3 %
Stellenangebote: 620
Studierende: rund 78.000 (Frauenanteil: 17% an Universitäten und 19% an Fachhochschulen)
Studienanfänger: 23.000
Absolventen: ca. 11.800 (davon 1.500 mit Masterabschluss)
Strukturdaten Studium und Arbeitsmarkt:
www.uni-due.de/isa/fg_wirtschaft_recht/wirtschaftsing/wirtschaftsing_hs_frm.htm
Studienmöglichkeiten Wirtschaftsingenieurwesen: www.hochschulkompass.de

 

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