Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik GmbH – Klangmanufaktur für 88 Tasten

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2016

Schimmel-Qualität seit 130 Jahren: Flügel K280 Tradition (Foto: Schimmel GmbH)

Schimmel-Qualität seit 130 Jahren: Flügel K280 Tradition (Foto: Schimmel GmbH)

Klavierbau ist Kunst, Handwerk, Leidenschaft – und Geschäft. Darin unterscheidet sich die Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik GmbH in Braunschweig als eines der größten nicht von den anderen deutschen Klavierbauunternehmen. Die Branche ist inzwischen überschaubar geworden. Widmeten sich vor fünf Jahrzehnten immerhin  noch 26 Betriebe mit mehr als 10 Beschäftigten – davon 19 in der damaligen Bundesrepublik und 7 in der ehemaligen DDR – der Herstellung neuer Flügel und Klaviere, ist diese Zahl im Segment der Pianoforteinstrumente auf heute nurmehr zwölf produzierende Unternehmen geschrumpft. Und auch die kennen Höhen und Tiefen. Was sich weniger auf die tonale Bandbreite ihrer Instrumente als vielmehr auf ihre betriebswirtschaftlichen Bilanzen bezieht. Auch Schimmel, eine Weltmarke, blieb davon nicht verschont. In der Finanzkrise von 2008 geriet selbst das Braunschweiger Traditionsunternehmen in heftige Turbulenzen. Doch heute steht der Familienbetrieb mit der chinesischen Pearl River Piano Group als Mehrheitseigner wirtschaftlich wieder auf einem sicheren Fundament.

Das hat er der klugen Führung seines 2003 neu an Bord gekommenen Chefs Hannes Schimmel-Vogel ebenso wie der Einsatzbereitschaft seiner qualifizierten und ehrgeizigen Mannschaft zu verdanken. 150 Mitarbeiter stehen auf den Listen der Lohnbuchhaltung des im Süden der Welfenstadt gelegenen Unternehmens. Der größte Teil davon, nämlich 120, sind Klavierbauer. Es ist ein komplizierter Markt, auf dem sich die Braunschweiger Männer und Frauen behaupten müssen. Denn das, was ihre Produkte einmalig werden lässt, macht ihnen gleichzeitig das Geschäft so schwer. Immerhin ist Klavierbau feinste Handarbeit, weswegen Löhne und Gehälter zum größten Kostenblock avancieren. Das macht einem stark exportorientierten Unternehmen wie Schimmel die Sache nicht leicht. Deshalb und wegen eines weltweit hart umkämpften Marktes bedürfen die Produkte einer ganz besonderen Exzellenz. Schimmel-Klaviere haben sie.

Jedes Instrument ein Unikat

Hannes Schimmel-Vogel (Foto: Schimmel GmbH)

Hannes Schimmel-Vogel (Foto: Schimmel GmbH)

„Die geschickten Hände unserer Klavierbauer fertigen Musikinstrumente mit einer Seele“, nennt Hannes Schimmel-Vogel es. Worin sich die zeige, möchte ich von ihm wissen. „Unsere Flügel und Klaviere zeichnen sich durch ein weiches Klangbild und eine breite dynamische Palette aus“, höre ich ihn sagen und schaue noch immer etwas fragend. Das Klangbild, lasse ich mir anschließend erklären, sei ein kompliziertes Gemeinschaftswerk von Konstrukteuren und Intoneuren, beides Klavierbauer. Die Herausforderung bestehe neben der Ausführung des Resonanzbodens vor allem darin, bei den Übergängen vom Bass zur Mittellage, also dort wo die letzte lange und schwere kupferummantelte Saite durch die erste kürzere dünne Stahlsaite abgelöst wird, keine Tonlücken aufkommen zu lassen. Schimmel kann dafür inzwischen auf 130 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Die aufzunehmen, ist für die Auszubildenden Ansporn und Verpflichtung gleichermaßen.

Die Ausbildung der angehenden Klavier- und Cembalobauer, Fachrichtung Klavierbau, wie die offizielle Berufsbezeichnung etwas sperrig lautet, erfolgt bei Schimmel auf der Plattform einer sogenannten Ausbildungsinsel mitten in der Fertigung, mithin ganz nah am Produkt. Und das vom ersten Tag an. „Dort arbeiten sie sich dann Schritt für Schritt durch das Klavier hindurch“, beschreibt Hannes Schimmel-Vogel die Ausbildungsphilosophie seines Unternehmens. Um das zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen. Das Erste: die Fertigungstiefe im Klavierbau ist hoch. Das heißt, die meisten der in einem Klavier oder einem Flügel verbauten Teile werden selbst hergestellt, nur wenige werden zugekauft. Das Zweite: eine Klavierfabrik wie Schimmel vereinigt eigentlich deren drei unter einem Dach. In der ersten wird das Gehäuse gebaut. In der nächsten steht der Klangkörper im Mittelpunkt. Die dritte Betriebsstätte schließlich ist der sogenannte Tonsaal, in dem alles zusammengeführt wird.

Faszination ohne Romantik

Klavierbau ist Handwerk (Foto: Schimmel GmbH)

Klavierbau ist Handwerk (Foto: Schimmel GmbH)

Die Ausbildung erstreckt sich über 3 ½ Jahre. Zum Berufsschulunterricht, der als Blockunterricht organisiert ist, fahren die Azubis an die Oscar-Walcker-Schule nach Ludwigsburg. Schimmel stellt neben einem Industriekaufmann und bislang auch einem Tischler jährlich drei bis vier Klavierbauer-Azubis ein. Die sollten neben viel handwerklichem Geschick unbedingt auch ein realistisches Verständnis vom Beruf mitbringen. „Ein Klavier zu bauen“, begründet Hannes Schimmel-Vogel, „ist zwar Faszination pur, aber keineswegs romantisch.“ Nicht nur wird ein Klavier aus bis zu 9.000 Teilen ganz unterschiedlicher Materialien wie Holz, Metall, Filz, Wolle und Leder zusammengesetzt, sondern erfolgt wichtiger noch die Montage unter allerhöchsten Qualitätsanforderungen. Die sind wegen der besonderen Kundenansprüche im Flügelbau am höchsten. Gleichwohl ist es für einen Klavierbauer nicht zwingend erforderlich, selbst Klavier spielen zu können, schon gar nicht muss er Konzertniveau erreichen.

„Ohne eine tonale Begabung aber geht es nicht“, weist der Chef auf einen zentralen Punkt. Denn unabhängig davon, wie seine spätere Spezialisierung aussehe, benötige jeder Klavierbauer eine überdurchschnittlich gut funktionierende Ohr-Hand-Koppelung. Wohl wahr, schließlich geht es um ein Klangerlebnis ohne Misstöne. Der Bau eines Flügels, die Königsdisziplin für einen Klavierbauer, dauert zwölf Monate. Ein Klavier ist bereits nach  sechs Monaten fertig gestellt. Zu den wichtigsten Arbeitsschritten zählen die Montage von Resonanzboden, Rasten und Gussrahmen, das Aufziehen der Saiten, das Lackieren und Polieren des Gehäuses, schließlich das Zusammenführen von Klangkörper, Klaviatur und Pedaleinrichtung. Daran hat sich in den letzten hundert Jahren wenig verändert. Aber doch ist es jedes Mal eine neue Herausforderung und verlangt den Akteuren alles ab. Begeisterungsfähigkeit steht deshalb unter den Einstellungskriterien ganz oben.

9.000 Teile zu einem harmonischen Ganzen fügen

Regulierung der Flügelmechanik (Foto: Schimmel GmbH)

Regulierung der Flügelmechanik (Foto: Schimmel GmbH)

Zugleich gilt es freilich auch, die sich immer wiederholenden Arbeitsvorgänge einer handwerklichen Tätigkeit zu akzeptieren. Immerhin baut und verkauft Schimmel jedes Jahr mehr als 2.000 Instrumente. So sind denn Klavierbauer Künstler und Handwerker in einer Person. Das ist der Spannungsbogen ihres Berufes. Und der braucht vor allem Erfahrung. Sie ist durch nichts zu ersetzen, auch und gerade bei Schimmel nicht. Das beginnt beim Resonanzboden. Er muss die von den Klangsaiten aufgenommene Energie in Töne, das heißt in Luftschall, umwandeln. Die Anfertigung der Klangstege ist ein weiterer Arbeitsschritt, der höchster handwerklicher Präzision bedarf. „Da gerät schon der Holzeinkauf für beides zur Wissenschaft“, schmunzelt Hannes Schimmel-Vogel wissend. Weiter geht es mit dem Gussrahmen. Er wird von eigens darauf spezialisierten Gießereien zugeliefert. Mit seiner Fähigkeit, die 18.000 kg Spannung der über 200 Saiten aufzunehmen, ist er das Herzstück eines Flügels beziehungsweise eines Klaviers.

Die Saitenbespannung, im Fachjargon Mensur genannt, bestimmt den Klangcharakter eines Instruments. Dazu muss jede einzelne der insgesamt mehr als 200 Saiten unter Berücksichtigung von Elastizität, Zugfestigkeit und Impedanz nach Länge, Gewicht und Durchmesser berechnet werden. Anders als ihr robustes Äußeres vermuten lässt, erweisen sich Flügel und Klaviere im späteren Spielbetrieb als überaus sensible Instrumente. Regelmäßig müssen sie gestimmt werden. Der Grund dafür sind wechselnde Luftfeuchte und Temperaturen. Beides beeinflusst die Kräfteverhältnisse zwischen den Saiten und dem Resonanzboden. Beim Bau aber verlangt der Klangkörper den Klavierbauern dann erst einmal Geduld ab. Es braucht Zeit, die vielfältig aufeinander wirkenden Spannungsverhältnisse in ein stabiles Gleichgewicht zu bekommen. Erst wenn das erreicht ist, folgt die Montage von Spielwerk und Gehäuse. Dessen Lackierung dient nicht allein der optischen Schönheit, sondern erfüllt auch eine Schutzfunktion zur Sicherung der Schwingungseigenschaften des Holzes.

Design von großen Namen

Glasflügel (Foto: Schimmel GmbH)

Glasflügel (Foto: Schimmel GmbH)

Es war im ausgehenden 17. Jahrhundert, als Bartolomeo Cristofori am Hofe der Medici in Florenz den Vorläufer der heutigen Flügel und Klaviere ersann. Sein Ziel: die Begrenztheit des Cembalo überwinden. Beim Cembalo werden die Saiten zur Klangerzeugung angezupft. Diese Technik erzeugt einen stets gleichen Ton. Die Mechanik eines Klaviers, die die Saiten mit kleinen Hämmern anschlägt, eröffnet dem Spieler stattdessen die Möglichkeit, über seine Fingerkraft die Töne variieren zu können. Die heutigen Klaviere haben mit Cristoforis Urahnen außer dem Grundprinzip nicht mehr viel gemein. An der Weiterentwicklung deren komplizierter Mechanik war Schimmel stets beteiligt. Nur wenige Klavierbauunternehmen waren so experimentierfreudig wie Schimmel. Noch heute hält das Unternehmen zahlreiche Patente. Mit der inzwischen gar nicht mehr seltenen Stummschaltung sowie Selbstspielsystemen hat sogar die Elektronik Einzug in den Klavierbau gehalten.

Mehr wäre möglich, wird aber von den meisten Käufern abgelehnt. „Klavierspieler wollen den analogen Klang“, ist Hannes Schimmel-Vogel überzeugt. „Ein analoger Flügel, ein analoges Klavier glättet und verzeiht keine Fehler“, weiß kaum einer so gut wie Schimmel-Vogel. Aber er weiß eben auch, dass der Ehrgeiz von Klavierspielern sich genau daran fest macht, nämlich ohne Assistenzsysteme fehlerfrei spielen zu wollen. Neben Klangcharakter und Dynamik legte man bei Schimmel aber stets auch großen Wert auf das Design der Instrumente, tut das immer noch. Unvergessen der erste Acrylglasflügel der Welt 1951. Was kaum einer erinnert, einige außergewöhnliche Flügel-Entwürfe stammen von den Design-Päpsten Otmar Alt und Luigi Colani. Der Diplom-Kaufmann Schimmel-Vogel weiß, dass das Auge gerade auf dem asiatischen und US-amerikanischen Markt besonders intensiv mithört. Also muss man sich anpassen, ohne die Seele seiner Instrumente zu beschädigen.

Ohr des Intoneurs bleibt unverzichtbar

Intoneurin bei der Arbeit (Foto: Schimmel GmbH)

Intoneurin bei der Arbeit (Foto: Schimmel GmbH)

Berufspraxis, Berufspraxis, und noch einmal Berufspraxis heißt nach der Ausbildung die Devise  für alle Nachwuchskräfte, gleich in welchem Bereich sie ihren beruflichen Ansatz finden. Schnell müssen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. „Als Unternehmen mit manufakturmäßigen Produktionsstrukturen organisieren wir die Arbeitsabläufe nicht wie an einem industriellen Fließband, sondern im Spagat zwischen kreativer Freiheit und festen Vorgaben“, erklärt Hannes Schimmel-Vogel. Viele Mitarbeiter schätzen genau das und wollen es nicht mehr missen. Ohne gewichtigen Grund verlässt kaum jemand das Unternehmen, es sei denn für eine zeitlich begrenzte zweite „Lehrzeit“ im Ausland. Nicht wenige bleiben berufslebenslang – in der Produktion, mit entsprechender Berufserfahrung und einer Weiterbildung zum Klavierbaumeister auch als Intoneur, im Konzert- oder Außendienst.

Die Veränderungen auf der Kundenseite sind insbesondere mit dem Wandel familiärer Strukturen, neuen Formen der musikalischen Erziehung, einer zunehmend aus dem Gleichgewicht geratenden Alterspyramide sowie an Bedeutung gewinnenden Märkten anderer Kulturkreise gleichwohl unübersehbar. Diese und weitere Entwicklungen setzen alle Klavierbauunternehmen, auch Schimmel, unter gehörigen Druck. Hannes Schimmel-Vogel entschied deshalb, die Fokussierung auf das mittlere Preissegment aufzugeben und stattdessen die Produktpalette zu diversifizieren. Mit mehreren Produktlinien zielt er nun auf unterschiedliche Preissegmente. Der Erfolg gibt ihm bislang recht. Was bleibt, ist die Klangkunst der Klavierbauer. Deren feines Gehör und Handgeschick wird auch in Zukunft und unabhängig vom jeweiligen Preissegment durch nichts zu ersetzen sein. Zwar könnten die Algorithmen eines Computers das Klangbild eines Klaviers mathematisch optimieren. Doch nur der Intoneur vermag ihm im Dreieck von Pianist, Raum und Publikum die einzigartige emotionale Fülle zu geben.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.01.2016)

Firmengründung: 1885.
Sitz der Unternehmenszentrale: Friedrich-Seele-Straße 20, 38122 Braunschweig.
Mitarbeiter: 150.
Umsatz: 18 Mio. Euro.
Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Klavier- und Cembalobauer/-in, Fachrichtung Klavierbau
  • Industriekaufmann/-frau
  • Tischler/-in

Bewerbungen: Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik GmbH, Personalabteilung (Adresse: siehe oben)
Schülerpraktika: ja.
Kontaktmöglichkeiten: Dorothea Rybicka, Tel.: 0531 – 8018114, eMail: dorota.rybicka@schimmel-piano.de
Internet: www.schimmel-pianos.de

 

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